Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 6 (12.2.1937)
- Date
- 1937-02-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 6 — 12. Februar 1937 Seite 3 Q edeaket det'lOUtteMfe dec fäundescegiecuMg, den bis zum Eintreffen der Königlichen Kommission 82 Juden ermordet, 9 weitere sdnd an den Folgen der Unruhen gestorben, 405 Leute wurden verwundet, 200.000 Obstbäume vernichtet, 17.000 Dunam Getreidefelder zerstört. Angesichts dieser grauenvollen Statistik und der total ungeklärten Frage, ob und in welchem Rahmen die jüdische Einwanderung weiterhin gestattet sein wird, erklärt Dr. Grünbaum: „Wir Zionisten sind trotz aller Schwierigkeiten guten Mutes." Es ist groteskeste Demagogie, wenn Dr. Grünbaum einerseits behauptet: „Die Assimilationspolitik der deutschen Juden hat zu einer furchtbaren Katastrophe geführt", anderseits aber versichert: „Die Schwierigkeiten in Palästina offenbaren keinen Mangel der geistigen Konzeption des Zionismus. Im Gegenteil, die zionistische Idee bewährt sich täglich aufs neue in dieser schweren Zeit." Die jüdischen Interessen sind auf der ganzen Welt Friede und Ordnung als die natürliche Voraussetzung geistigen und materiellen Wohlergehens. Die Wiener Judensdkaft einig: „Sohmldl-Mazsotli" sind eine wunderbare Delikatesse von besonderem Wohlgeschmack. „Sohmidl-Muzoth" werden aus nur »llexfelutem Weizenmehl erzeugt. „BohmidMffazzoth" werden in peinlichst sauberenmoätxnmten Fabriksräumen erzeugt „Schmidl-Hazzoth." sind verläßlich stxeng koscher. Aufsicht Sr. Ehrwürden Herrn Oberrabbiner Babad 5 Sdunidi 5 Grieß nur m ■ nlnmbferfen plombierten Säffien JlaUkan (Brodctzfty Zcntrafc: Wien. 2. £)exir&, Jteopoftfsgassc %3 Telephone: A 46-1-90, A 48-4-48, A 60-2-63 Die ^cftmidl-Jffaxxoffk und das Fabrikat JKm&e fdknldrJT. dB. (Mazzoth, Grieß und Farwel) sind außerdem erhältlich in allen besseren Geschäften. Es gibt keinen Juden, weloher politischen Einstellung immer, der es nicht freudigst begrüßte, wenn diese Voraussetzung in Palästina, dem Heiligen Lande, mit dem uns so unlösbare seelische Bande verknüpfen, gegeben wäre. Es ist aber eine geradezu verbrecherische Taktik, den Hilfsbereiten, düe aus der klaren Erkenntnis des Gegenteils andere Zufluchtsstätten dem jüdischen Auawanderungsbedürfnis erschließen wollen, Knüttel vor die Füße zu werfen, um ihnen zu beweisen, daß sie auf dem Holzwege sind. Die Lage der Juden in Deutschland am 4. Jahrestag von Hitlers Machtergreifung. Von informierter Seite. 1. Die Judenhetze als Ablenkungsmittel. Der Kreis der Menschen, die die Verschärfung der allgemeinen Lage Deutschlands zu spüren bekommen, ist gerade in den letzten Monaten außerordentlich gewachsen. Um so verständlicher das Bedürfnis der nationalsozialistischen Propagandaleitung, durch Ablenkungsmanöver bestehenden Mißstimmungen ein Ventil zu verschaffen. Da auf ökonomischem Gebiet Erleichterungen nicht erzwungen werden können, bleibt als leichteste Methode immer wieder die Judenhetze übrig, von der ausgiebig Gebrauch gemacht wird. Die Grundtendenz bleibt das Bestreben, den größtmöglichen innenpolitischen Propagandaeffekt mit denkbar geringer Erregung der Aufmerksamkeit des Auslandes herbeizuführen. Die ungeheure Verzweigtheit und die mustergültige Durchorganisierung des nationalsozialistischen Apparates machen es möglich, diesem Ziel sehr nahe zu kommen. Innerhalb der schwierigen deutschen Gesamtlage verschärft sich die Situation der noch in Deutschland--, v>erbliebenen Juden fast von Woche zu Woche. Die Feststellungen, die der Besucher nach fast jeder Unterhaltung mit Juden macht, sind deprimierend. Die Bedrohung ihrer wirtschaftlichen Existenz, die steigende Flut von vergiftendem Haß und die Unmöglichkeit für viele Menschen, ein Wanderungsziel mit Zukunftsaussichten zu finden, schaffen in weitesten Kreisen eine Stimmung der Niedergedrücktheit und Verzweiflung, die gegen den Zustand vor etwa einem Jahr eine deutliche Verschlechterung aufweist. auf dem betretenen Wege fort . . . Bisher hatte man sich mehr damit begnügt, die Juden in banger Erwartung der Zukunft und in dem Schreck zu erhalten . . . Nun aber, ... hat man angefangen, Eingriffe in das persönliche, schon früher erworbene und anerkannte Bürgerrecht der jüdischen Familienväter zu tun. Wie dieses, wie tief verletzend und mit welcher Geringschätzung, fast möchte man sagen, höhnenden Auslegung der Beschlüsse des Wiener Kongresses es geschehen, wird jeder recht denkende Mann mit Erstaunen, jeder recht fühlende mit dem innigsten Unwillen aus einer öffentlichen Bekanntmachung ersehen: sie untersagt den jüdischen Bürgern den Ankauf von Häusern und sonstigen Grundstücken, außer in denjenigen Quartieren, die ihnen unter der ehemaligen reichsstädtischen Verfassung eingeräumt und unter der Fürstprimatischen Regierung etwas erweitert worden war." Ueber das Schauspiel „Der Jude" schreibt Börne u. a.: „Wie viele Tausende jenes unglücklichen Volkes mußte Cumberland haben dulden sehen, bis er den ungeheuren Judenschmerz, einen reichen dunklen Schatz, von Geschlecht zu Geschlecht herabgeerbt, auch nur zu ahnen vermochte, bis er zu erlauschen vermochte die Leiden, die nicht klagen, weil sie kein Ohr zu finden gewohnt sind? Wie viele Tausende mußtft er Selbst unschuldig verdammt haben, bis er endlich einen schuldlos fand, und ihn dem unfruchtbaren Mitleiden der Menge im Bilde darstellte?" Sehr lebensnahe leider sind seine Notizen — in eine allgemeine Rezension gekleidet — zum Problem „Der ewige Jude": „Stellt ein jüdischer Handelsmann seine Zahlung» ein, so machen die Gerichte bekannt: Die jüdische Handlung N. N. habe ihre Zahlungen eingestellt. Ist ein Jude Arzt oder Advokat, dann wird er im Staatskalender bezeichnet: Arzt jüdischer Nation, Advokat jüdischer Nation. Stiehlt ein Jude und man fragt nach dem Diebe, so heißt es: ein Jude war's. Zeichnet sich ein Jude durch Art und Bildung aus, dann sagen die Spötter: er bleibt doch ein Jude, und die Gutgesinnten sprechen: er mache seiner Nation große Ehre. Geht ein Jude zu einem Schneider und bestellt sich einen Rock, so bemerkt ihm der Schneider unfehlbar, irgend ein Jakoö oder Isaak habe sich ein ähnliches Kleid machen lassen.' Der Judenhaß ist einer der pontinischen Sümpfe, welche das schöne Frühlingsland unserer Freiheit verpesten. Die neue Verfolgung, welche die Juden im ungelehrigen Deutschland erdulden, ist keine frisch aufgelebte, sie hat sich nur aufgerafft im letzten Kampfe des Todes. Die Flamme des Hasses loderte noch einmal hell, um a<u ewig zu verlöschen. Das tröste die Leidenden." Aus „Fragmente und Aphorismen": „Lots Frau, weil sie stehen blieb und rückwärts sah, wurde in eine Salzsäule verwandelt. Das Salz, welches erhält, ist ein treffendes und warnendes Bild für die Konservativen der alten Zeiten, die auch stehen bleiben und zurücksehen." Aus dem 14. der „Briefe aus Paris". „Sie werden gelesen haben, daß die französische Regierung die Juden auf gleichen Fuß mit den christlichen Staatsbürgern setzen und die Besoldung ihres Kultus übernehmen will. Es ist doch wieder ein Schritt vorwärts." Die Juden Deutschlands leben ständig in der Furcht vor irgend einem bevorstehenden Ereignis, das neue Maßnahmen, neue Verschlechterung bringen kann, (n der Zeit der Olympiade war es die Furcht vor dem Parteitag, in den Monaten danach die Angst vor dem Frankfurter Prozeß und jetzt vor dem 30. Jänner, dem Tage der „Machtergreifung". Das Gefühl, willenloses Objekt einer Entwicklung zu sein, bestimmt von Faktoren, die sich jeder Beeinflussung von innen her entziehen, zermürbt die Menschen, schwächt ihre Widerstandskraft und ihre Vitalität für den Aufbau eines neuen Lebens irgendwo in der Welt. Das einzige, was die deutschen Juden aufrecht erhält, ist die tätige Anteilnahme der Juden der ganzen Welt. 2. Der wirtschaftliche Vernichtungakampf. Der offene Boykott, das ursprüngliche Mittel des Nationalsozialismus zur Vernichtung der wirtschaftlichen Position der deutschen Juden, kommt immer weniger zur Anwendung. Wo er dennoch, wie zumeist in den mittleren und kleineren Städten, erfolgt, geschieht dies fern vom Scheinwerferlicht, in dem die Ereignisse der großen Städte hegen, so daß dort auch offener Boykott betrieben werden könnte. So ist das Weihnachtsgeschäft in den größeren Städten im wesentlichen ruhig verlaufen. Dagegen haben in überfünfzig mittleren und kleineren Städten regelrechte Boykottaktionen mit den üblichen Mitteln des Postenstehens, Photographierens von Kunden, Beschmierens der Schaufenster usw. stattgefunden. Die Bedeutung solcher Aktionen liegt weniger in dem unmittelbar angerichteten Schaden als in der abschreckenden Wirkung auf die nichtjüdischen Käufer, die noch monatelang nach solchen Vorgängen anhält. In den ganz kleinen Gemeinden begnügt man sich nicht einmal mit dem offenen Boykott der jüdischen Geschäfte, sondern setzt immer wieder die gesamte jüdische Bevölkerung unter den schwersten Druck des sogenannten Passivboykotts, d. h. der Lieferungssperre für Lebensmittel und handwerkliche Leistungen. In Himbach in Hessen z. B. hat das Bürgermeisteramt den Juden, die noch nicht einmal Brot im Orte erhalten konnten, den Rat gegeben, sich ihr Brot aus der nächsten, einige Stunden entfernten Stadt kommen zu lassen. Eine besondere Rolle in der Zerstörung der wirtschaftlichen Position der Juden spielt die z unehmende Zwangsbewirtschaftung aller Rohmaterialien und Lebensmittel. In dem Augenblick, in dem bestimmte Lebensmittel knapp werden, werden bei Zuteilungen nur noch nichtjüdische Firmen berücksichtigt. So ist in Berlin und anderen Städten praktisch der gesamte wirtschaftlich recht bedeutende Fleischgroßhandel jüdischer Unternehmer dadurch zum Erliegen gebracht worden, daß die betreffenden Firmen überhaupt kein Vieh mehr für Schlachtungen zugeteilt erhielten. Dieselben Vorgänge spielen sich fast im ganzen Reichsgebiet im Fetthandel (Butter, Margarine. Schmalz usw.) ab. Ohne daß die Oeffentlichkeit irgend etwas davon erfährt und ohne daß den Betroffenen irgend eine Möglichkeit der Abwehr bleibt, geht eine Firma nach der anderen durch Mangel an Waren zugrunde. Besonders charakteristisch hierfür sind die Vorgänge der letzten Wochen im Altmaterial-