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Die Wahrheit · 1937-02-12 · Heft 6 (12.2.1937) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1937
Issue
Heft 6 (12.2.1937)
Date
1937-02-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Nr. 6 — 12. Februar 1937 DIE WAHRHEIT SedU.<^x KJ^UUvv^- Jik dfonJiZrr^faiaJbvrv u,.KU*eten. taa. m W&u*\jtvv SswaSSm, wh/l äc^ S .J>z\S&\s kl&ta^en?£/l$ wUni ,-Bö/tj eq,. 3 Cafe Buthsbaum 11. Kleine Pfarrgasse 21 Tel. A 43-5-19 Treffpunkt der guten jüdischen Gesellschaft VoItstSncJig neu renoviert einem Land möglich sei. Daß dieses Land Palästina sein müsse oder auch nur sein könne, bestreitet Trotzki allerdings. Aber das nützt ihm nichts: Unter der gewandten Hand des Zauberkünstlers B. H. wird er nach einem mehrspaltigen Abakadabra zum unfreiwilligen Kronzeugen für die jüdischnationale These: „Nichts, nichts auf der Welt kann den Juden helfen, nur Palästina." Und das, nachdem B. fi. selbst an der oben zitierten Stelle zugegeben hat, daß Palästina dem von der Not gebotenen Tempo der Lösung der Judenfrage nicht nachkommen kann und daß esnotwendig ist, Juden auch anderwärts neue Existenzen zu schaffen. Wir glauben, daß alte Juden, denen dies unter den heutigen schweren Verhältnissen ebenso gut geäugt, wie dem Herrn B. H., sehr glücklich sein können und «dch nicht weiter den Kopf darüber zu zerbrechen brauchen, ob dies nun „Lösung der Judenfrage" heißt oder anders. Mit Recht sagt Shakespeare: „Name ist Schall und Rauch; was uns Rose heißt, wie es auoh hieße, würde lieblich duften." Herr B. H. fühlt sich, nachdem er der braunen Hölle des Dritten Reiches entronnen ist, in Wien leidlich wohl und angesichts dieser Tatsache qualifiziert sich seine Beteuerung: „Auch für anderwärts angesiedeilte Juden wird die Judenfrage nur mit Palästina zu lösen sein" als reine Theorie. Zum Glück ist der Praktiker nicht weit: Herr Dr. Oskar Grünbaum, den Goethe persönlich vorausgeahnt haben muß, als er die ,Jfaust"-Stelle dichtete: „Grau, Freund, ist alle Theorie, doch grün des Lebens gold'ner Baum." Wir kennen seine beweglichen Klagen in der „Stimme" über die Unverfrorenheit, mit der die „Mauschel" Palästina überfluten, und sehen ein: Wenn die „Assimilanten" nach Zion übersiedeln, dann müssen die Jüdischnationalen in der „Galuth" bleiben — da kann man nichts machen. Darum bewegen sich die praktischen Ratschläge Dr. Grünbaums in ganz anderer Richtung: „An den ZRmisien ist es, das zionistische Banner zu entrollen und die Reihe der zionistischen Organisation durch eine systematische und intensive Mitgliedswerbung zu vergrößern. Das ist das Gebot der Stunde ..." Das ist in Wahrheit ein geniales Praktikum. Mag es um Palästina noch so übel stehen und mögen die Araber den Juden jetzt auch noch in aller Form den heüigen Krieg erklären — solange die Mitgliedsbeiträge für den zionistischen Landesverband, dessen Präsident Dr. Grünbaum ist, reichlich und immer reichlicher fließen, solange ist der Zionismus nicht umzubringen. Die Hauptsache ist, daß das Geld an die richtige Adresse geleitet und nicht etwa zersplittert oder gar zur Gänze der Konkurrenz überwiesen wird. Darum hält Dr. Garünbaum mit der Konkurrenz gründlich Gericht Nämlich mit einer jüdischen KoJonisationsbewegung, die im März in Wien ihre Gründungsversammlung abhalten will und der Dr. Grünbaum das Schicksal der alten Jto (Jewish-Territorial- Organisation) des Israel Zangwill entgegenhält: Ihr Programm war „ein Territorium auf autonomer Basis für diejenigen Juden zu finden, die in den Ländern, in denen sie jetzt leben, nicht bleiben wollen oder nicht bleiben können". Dr. Grünbaum wundert sich: „Der Jto stand im Gegensatz zur Armut der Zionisten das Geld reicher Juden zur Verfügung. So suchte sie in der C§i€ Pension Eckstein Semmering ganzen Welt nach einem Land, das die verarmten jüdischen Massen des Ostens hätte aufnehmen können — und fand keines. 'Man bedenke! Man schrieb damals nicht 1937, es gab keine Wirtschaftsnot wie heute und keinen Hitler, man stand erst am Anfang dieses Jahrhunderts. Das Judentum in Amerika, in West- und Mitteleuropa war damals wohlhabend. Es gab in diesen Ländern viele jüdische Millionäre und einen gutsituierten jüdischen Mittelstand." Das findet Dr. Grünbaum paradox und doch entspricht es der Logik der Tatsachen: Nicht trotz, sondern wegen des jüdischen Wohlstands der damaligen Zeit fanden jüdische Wanderbewegungen, sei es nach Zion, sei es anderswohin, keinen Anklang. Es ist dies die beste Widerlegung des antisemitischen Dogmas vom ahasverischen Wandertrieb der Juden. Die Juden sind ihrer wahren Natur nach seßhaft und ihren Heimatländern anhänglich. Ihr Herz hält sie dort fest und selbst wenn sie mit Gewalt vertrieben werden, bleiben sie im Geiste der nationalen Kultur ihres Vaterlandes treu verbunden. Die Aschkenasim, die während der Kreuzzüge vom Rhein nach dem Osten gejagt wurden, haben in ihrem „Jargon" mittelhochdeutsche Sprachformen konserviert. Die Sephardim, die 1493 aus Spanien auswandern müßten, haben die Sprache Calderons ihren späten Nachfahren von heute vererbt. Die Assimilation ist kein künstlicher, sondern ein durchwegs natürlicher Trieb der Juden. Dr. Grünbaum irrt schon in dem ersten Satze seines Artikels, wo er schreibt, daß das jüdische Volk erst an dem Tage, da Jerusalem zerstört wurde, über die ganze Welt zerstreut wurde. Die historische Wahrheit ist vielmehr, daß der Großteil der Juden damals bereits seit Jahrhunderten in der Diaspora lebte und gedieh. Karl Kautsky schreibt darüber: „Die Rückkehr der Juden aus dem babylonischen Exil stellte den territorialen Verband bloß für einen kleinen Bruchteil der Nation wieder her. Ihr größerer, immer wachsender Teil lebte außerhalb des jüdischen Nationalstaates, in der Fremde, nicht bloß vorübergehend, wie die Kaufleute anderer Nationen, sondern dauernd. Das führte aber dahin, daß nun noch ein weiteres Band der Nationalität verloren ging: die Gemeinsamkeit der Sprache. Nicht einmal in Palästina vermochten die Juden das Hebräische zu bewahren. Sie nahmen dort die Sprache der umwohnenden Bevölkerung, das Aramäische, an. Schon mehrere Jahrhunderte vor der Zerstörung Jerusalems durch die Römer hat das Hebräische aufgehört, eine lebendige Sprache zu sein. Es diente nicht mehr als Mittel der Verständigung, sondern nur noch als Mittel des Zuganges zu den heiligen Schriften. Die Religion wurde neben dem Handelsverkehr das festeste Band des Judentums, das einzige Merkmal, das es von den übrigen Nationen unterschied." ., Aus dieser Darstellung geht eindeutig hervor, daß hauptsächlich die Religion das Judentum erhalten hat. Wäre das Judentum national, d. h. gei^- stig mit dem Judenstaate auf Gedeih und Verderb verbunden gewesen, dann hätte es den Untergang dieses Staates nicht zu überleben vermocht. Damit erledigen sich alle gehässigen, auf Unkenntnis der jüdischen Geschichte beruhenden Ausfälle des Dr. Grünbatim und .seines Unterläufeis B. H. auf die Assimilation, aber auch ihre auf totaler Verkennüng der jüdischen Vergangenheit aufgebauten Schlußfolgerungen auf die jüdische Zukunft. Wie frivol wirkt an der Hand der Tatsachen die Darstellung Dr. Grünbaums, daß die Versuche, die in Deutschland, Polen und anderen Pogromländern wirtschaftlich entwurzelten Juden so rasoh wie möglich irgendwo anzusiedeln, „politische Holzwege" sind, die zur Katastrophe führen müssen, während die katastrophale Situation des Zionismus in Palästina einfach ignoriert w4rd. Dort wur- &euitteton. Einige Proben aus Ludwig Börnes Schriften. Heute vor 100 Jahren ist Ludwig Börne, ein Kind des Frankfurter Ghettos, in Paris gestorben. Aus diesem Anlasse seien — an Stelle einer Lebensschilderung und einer Charakteristik seines Schaffens — einige prägnante Stellen aus seinen zahlreichen und verschieden gearteten Schriften hier vorgelegt. 1819 schrieb Börne einen Aufsatz „Für die Juden" (der sogar 1884 in Odessa in hebräischer Uebersetzung erschien); dort liest man z. B.: „Für Recht und Freiheit sollte ich sagen; aber verstünden das die Menschen, dann wäre keine Not und es bedürfte der Rede nicht." „Es wird mit der schamlosesten Heuchelei gegen die Juden zu Werke gegangen, es werden lügnerische Behauptungen mit solcher Keckheit geführt, daß selbst Gutgesinnte dadurch getäuscht werden, weil sie nicht glauben können, daß man so plump betrügen wolle." „Die Juden, mit ihrem Fremdartigen, mit ihrer abgeschlossenen Bildung, erschienen ihnen zu selbständig, um mit der aligemeinen Freiheit assimiliert werden zu können, sie dünkten ihnen eine harte, unverdauliche Speise. Dazu kam noch allerlei theatralischer Spuk. Man wollte, wie in einer Oper, ein unisones und uniformes Chor; man wollte nur Deutsche, wie sie aus den Wäldern des Tacihis gekommen, mit roten Haaren und hellblauen Augen. Die schwarzen Juden stachen häßlich ab. . . . Seitdem sind auch die Lehren des Judenhasses verstummt und die Schriftsteller, die jene schädlichen Lehren zu verbreiten suchten, schweigen jetzt. Ihr Irrtum ist ihnen zu verzeihen, da sie von ihm zurückgekehrr. Sie haben es redlich gemeint und die Wahrheit ist n;e zu teuer erkauft, auch wenn man sie mit einem vorübergehenden Wahne bezahlt." Aus demselben Jahre stammt ein Essay über „Zwangsgottesdienst". Dort ist z. B. zu lesen, daß der Frankfurter Senat zur Feier der Säkularfeier in allen christlichen Kirchen feierliche Andachten halten läßt, „sowie in der jüdischen Synagoge Gebete verordnet sind. Der Senat hat mit Recht zur kirchlichen Feier eines irdischen Ereignisses nur aufgemuntert, sie aber nicht anbefohlen. Denn dieses wäre eine Verletzung der Gewissensfreiheit gewesen. Aber warum ließ man diese gebührende Achtung nur den christlichen Bürgern widerfahren und versagte sie den jüdischen? Verordnete Gebete? Erhörest du sie, Vater des Lichts? Wirst du des Herzens warmes, inbrünstiges Gebet von dem po'izeibefohlenen nicht zu unterscheiden wissen? Ein Frankfurter Jude sollte sich liebend erinnern können der vei~ witternden Gebeine seiner Feinde, die vor hundert Jahren, da sie noch lebten, ein Unglück betroffen? Er sollte brüderlich der Menschen gedenken, die ihn schmähten, mißhandelten, mit Füßen traten; einer Zeit, wo er keine Vaterstadt hatte und sein Geburtsort ihm fremder war als jedes Ausland? Heißt es nicht in der Beschreibung der damaligen Feuersbrunst: .....und den Judenbaumeistern wurde scharf anbefohlen, so viel Juden als nur immer möglich, zu solcher Arbeit herbeizuschaffen." Denn, haßt oder liebt die Juden, drückt sie nieder oder erhebt sie, erzeigt ihnen Gutes oder verfolgt sie, dies alles sei eurer Willkür überlassen. Aber eins sage ich euch: Seht zu, wie weit ihr kommt mit der Freiheit des deutschen Landes, so lange die Freiheit nicht sein soll für alle." „Für die Juden" nennt sich auch ein änderet Aufsatz, der nach Börnes eigenen Worten keine Grundsätze und kein Lehrbuch über das Verhalten zu den Juden liefern soll, vielmehr soll er zur Ueberlegung geschrieben sein, damit man aus der Leidenschaft zur Vernunft übergehe. Dort heißt es u. a.: „Als die Fürsten und ihre Räte sich zu Wien versammelten, schickte auch die Judengemeinde zu Frankfurt, sich verletzt fühlend und mehr noch vor der Zukunft fürchtend, ihre Deputierten dahin, um Gerechtigkeit und Schutz zu suchen. Dort ward diesen eine dreifach beruhigende Zusicherung gegeben. Erstens, man werde bei der künftigen Bundesversammlung die bürgerliche Verbesserung der deutschen Juden im allgemeinen sich angelegen sein lassen, wodurch notwendig jede vorgängige Verschlimmerung derselben als ein Rückschritt, als etwas ganz Undenkbares sich ergebe; dann sei man ausdrücklich übereingekommen, daß kein Staat, bis zum Eintritt jener allgemeinen Bestimmung etwas zum Nachteil der Juden sollte verfügen dürfen, und endlich habe ja die Israelitengemeinde zu Frankfurt auch ohnedies nicht zu besorgen, da genannte Stadt, und zwar ganz allein aus Veranlassung der bedrohten bürgerlichen Lage der Juden, nur unter der Bedingung, daß sie die wohlerworbenen Rechte jeder Klasse von Untertanen aufrecht erhalte, ihre Selbständigkeit zugestanden worden, und nicht zu erwarten sei, daß sie ihre politische Freiheit lieber werde aufgeben, als jene Bedingung erfüllen wollen." „Diest dreifache Mauer konnte aber die Juden vor weiteren Anfällen nicht sichern, und ihre Widersacher schritten

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