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Die Wahrheit · 1937-02-12 · Heft 6 (12.2.1937) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1937
Issue
Heft 6 (12.2.1937)
Date
1937-02-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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V. b. b. Zeitung vom Verleger versendet „Journal expedie par l'edlteuf" Jüdische tDochenschrilT Die Wahrheit mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden44 Erscheint jeden Freitag Preis 40 Groschen Redaktion und Administration: Wien 11., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 53. Jahrgang Wien, 12. Februar 1937 Nummer 6 Schöpferische Kräfte. Rasiere Didi gut and billig Die österreichische Regierung hat sich zu einem erfreulichen Appell an die österreichische Selbstbesinnung auf die eigene Kraft eatschlossen: Sie fordert die Besitzenden und Begüterten sowie jene Arbeitsmenschen, die sich vom Ertrag ihrer Leistungen Ersparnisse zurücklegen können, auf, dem Staate die Mittel zur Verfügung zu stellen, die nötig sind, die Arbeitslosen wieder in den Produktionsprozeß der heimischen Wirtschaft einzugliedern. Die Auflegung der neuen Anleihe ist eine sehr eindrucksvolle Lebensäußerung unseres Staates, dessen Selbständigkeit von gewisser Seitie noch immer als problematisch behandelt wird — nicht von bösen Feinden, die unser Land mit Waffengewalt erobern wollen, sondern von guten Freunden, die Oesterreich angeblich nur zu retten wünschen, indem sie es mit dem künstlich eingeimpften Gifte des Nationalsozialismus zersetzen und so als den präsumptiven Gau 8 des Dritten Reiches präparieren. Je größer der Erfolg der Anleihe sein wird, desto immuner wird sich der: österreichische Volkskörper gegen das Hakenkreuz-Gift erweisen. Nicht bloß wegen der äußerlichen Widerlegung des Nazi-Axioms, daß die österreichische Wirtschaft nur als Kettenglied, um das Triebrad der reichsdeutschen noch Wirkungsmöglichkeiten habe, sondern mehr noch durch die innere Befriedigung der Massensehnsucht, sich durch Arbeit die Mittel zum Leben verdienen zu können, anstatt durch unfreiwilligen Müßiggang der Verbitterung zugetrieben zu werden, die geschickte Propagandisten auf die Juden abzulenken beflissen sind. Mehr als jede andere Bevölkerungsschicht sind daher wir Juden verpflichtet, zum Triumph der neuen Anleihe nach Kräften beizutragen. Allerdings brauchen gerade wir Juden, aus deren Mitte schon vor zwei Jahrtausenden die aus echt jüdischem Geiste geborene Mahnung erscholl: „Gebt Gott, was Gottes und dem Kaiser, was des Kaisers ist!", nicht erst ein spezielles Motiv zur Erfüllung der uns von unserem Glauben diktierten patriotischen Pflicht. Selbst unsere berufsmäßigen Hasser wissen sehr gut, daß Appelte an die Gebefreudigkeit zu gemeinnützigen Zwecken nirgends auf so fruchtbaren Boden fallen wie innerhalb der Judenschaft, bei der das Verständiüs und die Bereitwilligkeit für richtig verwendete Opfer stets am größten ist. Die das nicht wissen oder im Interesse ihres judenhetzerischen Gewerbes nicht sehen wollen, müssen gelegentlich arge Blamagen in Kauf nehmen. Wir haben vor wenigen Wochen die erstaunliche „Beobachtung" des „Wienler Montagblatts" registriert, daß von den österreichischen Vergnügungsreisenden zu Weihnachten und Neujahr bloß alle „Arier" in Tirol und Vorarlberg ausstiegen, während die Juden ebenso ausnahmslos ins Ausland weiterfuhren. Das Blatt erblickte darin „beinahe eine Demonstration der Juden, die in Oesterreich nicht bloß eine bescheidene Existenz gefunden haben, sondern zu den Schwerverdienern gehören, die sich auch beim Geldausgeben jener Staatsbürgerschaft bewußt sein sollten, von der sie sonst so ausgiebigen und nützüchen Gebrauch machen." Wir haben damals gleich die Richtigkeit dieser erstaunlich fixen „Beobachtung" sowohl in wirtschaftlicher als auch in rassenmäßiger Hinsicht bezweifelt und erleben jetzt die Genugtuung, von einem anderen katholischen Blatte die Berechtigung unserer gefühlsmäßigen Zweifel und den wahren Sachverhalt, der überaus grotesk ist, zu erfahren: Die „Salzburger Chronik" meldet nämlich, daß bei 5000 Oesterreicher in Davos und anderen Orten der Ostschweiz Winteraufenthalt genommen haben. „Unter ihnen werden die Namen von prominenten Führern des neuen Oesterreich genannt, die vielleicht noch mit Freikarten an die Schweizer Grenze fahren." Diese köstliche Enthüllung der Wahrheit stellt auch die antisemitischen Methoden bloß, für alles, was irgendwie inkorrekt erscheint, die Juden verantwortlich zu machen. Aber vielleicht hat in diesem besonderen Falle das „Wiener Montägblatt" nicht gegen sein besseres Wissen geschrieben, sondern als das Opfer seiner mangelnden Ausbildung in rassenmäßigen Erkenntnissen. Ist doch das „Wieoer MoKtagblatt" kein nationalsozialistisches, . sondern .. ein katholisches Organ, das bloß in übertragenem. Wirkungskreis Pionierarbeit für den Nazismus leistet. Leider steht es mit diesem sonderbaren Ehrgeiz innerhalb der katholischen Presse keineswegs allein da. Ein ähnliches Mißgeschick widerfuhr jüngst der katholischen Zeitschrift „Schönere Zukunft". Sie sprach sich scharf gegen die Veranstaltung von Wohltätigkeitsbällen aus, die manchen Leuten Gelegenheit bieten, unter dem Deckmantel der Hilfsbereitschaft für Arme ihre Eitelkeit zur Schau zu stellen. Diese sachlich gewiß berechtigte Kritik erhielt bedauerlicherweise einen sehr unsachlichen Einschlag durch die Agnoszierung der getadelten Leute als Juden. Auch in diesem Fall blieb die Richtigstellung nicht aus: Eine Wiener Tageszeitung stellte fest, daß diejenigen Ballbesucher, die durch ihr selbstgefälliges und eitles Bemühen, sich um jeden Preis zur Geltung zu bringen, hauptsächlich Emporkömmlinge sind, die dem christlichen Kurs im österreichischen Ständestaate, also nicht jüdischen Rasseeigenheiten, ihre jetzige Stellung in der Wiener Gesellschaft verdanken. Auch in diesem Falle werden also an sich vielleicht berechtigte Mahnungen dadurch unwirksam gemacht, daß sie an die OcstcrreicMsclics Qoalltais Fabrikat Ueberau erhältlich falsche Adresse gerichtet werden. Dadurch bleibt aber nicht bloß der ersehnte Nutzen aus, sondern es wird auch nach einer gewiß nicht beabsichtigten Seite hin Schaden angerichtet. Gerade in der jüdischen Seele, mag sie auch gelegentlich in einem eitlen Menschen wohnen, ist der Drang, wohltätig zu sein, primär. Ja, in der heutigen, besonders für Juden schweren Zeit, ist der jüdische Hang nach Vergnügen so vermindert, daß oft wirklich nur das jüdische Pflichtgefühl den Armen gegenüber die Veranlassung wird, Wohltätigkeitsbälle zu besuchen. Wenn diese Juden aber ihr löbliches Opfer durch unberechtigte Kritiken und gehässige Ausfälle auf ihre Religion belohnt sehen, werden sie künftighin lieber zu Hause bleiben, und den Schaden haben dann die in so unchristlichem Sinne betreuten Armen. Die Nutzanwendung dieser psychologisch begreiflichen Tatsache bei der Werbung für die Staatsanleihe ist leicht zu ziehen. So vorbildlich, wie die Juden ihre Pflichten den Notleidenden gegenüber erfüllen, ist ihre patriotische Einstellung gegenüber den Notwendigkeiten des Staates. Es ist nur selbstverständlich, daß sich die Opferbereitschaft der Juden verdoppelt, wenn sie gleichzeitig dem Staate und den Armen zugute kommen, soll. Aber mit dem guten Willen allein ist es nicht getan, wenn die Fähigkeit fehlt, diesen Willen praktisch zum Ausdruck zu bringen. Man höre also endlich damit auf, die Juden im Wirtschaftsleben immer empfindlicher zurückzudrängen und ihnen so die Möglichkeit zu nehmen, ihre schöpferischen Kräfte für sich und ihre Mitmenschen nutzbringend zu betätigen. Wer ist auf dem Holzweg? Die Nummer der „Stimme" vom 5. d. M. enthielt zwei große Aufsätze, die wieder einmal beweisen sollten, daß die Juden alles Heil ausschließlich vom jüdischnationalen Zionismus zu erwarten haben. Die Beweiskraft dieser beiden Stilübungen ist eine sehr mangelhafte, denn sie frappiert durch die Bloßstellung ihrer ureigenen Schwäche. Zunächst sei aus dem Wust der langatmigen Fleißaufgaben herauskristallisiert, was die beiden Kämpen, die Herren Dr. Oskar Grünbaran und B. H., eigentlich auf den Plan gerufen hat. Es ist kurz und bündig gesagt: die Konkurrenz. Man höre das Lamento des Herrn B. H.: „Verschiedene Bestrebungen sind gegenwärtig wieder hn Gange, Juden auch außerhalb Palästinas anzusiedeln. Zweifetlos drängt die jüdische Not in vielen Ländern zu einem Tempo der Lösung der Judenfrage, dem Palästina unter englischer Herrschaft nicht nachkommen kann, und es wird notwendig sein, Juden anderwärts neue Existenzen zu schaffen. Aber das können nur Ansiedlungen sein, das können nur Existenzen sein, das kann vielleicht eine zeitlich beschränkte Lösung des persönlichen 'Existenzproblems für eine Anzahl von Juden werden, und mag es auch eine größere Anzahl sein. Eine Lösung der Judentrage kann das nicht sein. Sie liegt einzig und allein in Palästina." Als Kronzeuge für diese These muß Herrn B. H. ausgerechnet — Leo T r o t z k i dienen. Dieser hat nämlich dem amerikanischen Vertreter der Jüdischen Telegraphenagentur jüngst erklärt, die historischen Ereignisse unserer Zeit hätten ihn veranlaßt, seinen früheren assimilatorischen Standpunkt aufzugeben; er habe eingesehen, daß die Lösung der Judenfrage nur auf territorialer Grundlage durch die Zusammenziehung der Juden in

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