Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 4 (29.1.1937)
- Date
- 1937-01-29
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4 —. 29. Jänner 1937 DIE WAHRHEIT : dauernde Unsicherheit im Leben des britisch-palästinensischen Zivilbeainten. Ein Native, der, tägliches Objekt der Berichterstattung der Weltpresse, dauernd im Licht des internationalen Interesses steht, ist kein vergnügliches Regierungsobjekt; der Beamte, dem es um ein reibungsloses Avancement geht, kann ihm also nicht -besonders freundlich gegenüberstehen. Nun gibt es aber in Palästina auch einen andern Bevölkerungsteil, der größtenteils, nicht nur in der Farbe, sondern auch in den Ausdrucksformen den Leuten ähnelt, mit denen der Beamte früher zu tun hatte: die Araber. Der arabische man in the street kann ohne weiteres nach dem alten Kolonialschema behandelt werden; die Schwierigkeiten, die von ihm kommen, werden einfacli vom Sicherheitsdienst erledigt, und wenn sie in die Politik hinüberspielen, leitet man sie automatisch nach London weiter, wo die Herren sitzen, die dis Dinge zwar nicht aus eigener Anschauung kennen, aber infolge ihrer Stellung die einzig Verantwortlichen sind. Ueber die Araber in Palästina läßt sich bequemer regieren als über die Juden. Dazu kommen einige rein psychologische Faktoren, die eine Voreingenommenheit der englischen Kolonialbeamten zugunsten der arabischen Bevölkerung verständlich machen. Vor allem die Romantik: in jedem englischen Kolonialbeamten steckt ein Stück Lawrence, ein kleines Stückchen von jenem seelischen Element, das sich zu dem restlos Andersartigen, Bunten, mit Romantik Umkleideten hingezogen fühlt. Der Beduine, der patriachalisch durch die Wüste zieht, der am Alten festhält, wie man es als „arabisch" in der Schule und in den Abenteuerromanen der Jugend gelernt hat, der Fellah, der heute noch das Leben und die Gebräuche der Bibel lebt, entzündet die Phantasie in weit stärkerem Maß als die trotz ihrer Unverständlichkeit so nahen Massen der Juden. Der Kampf der Juden um ihr Da-Sein ist durchaus unromantisch und frei von sportlichen Sensationen. Die Juden bauen Häuser, wie irgendwo in England, bearbeiten den Boden, wie in irgendeiner beliebigen Grafschaft at home und sind beinahe so gekleidet wie die Leute daheim. Dazu kommt noch, daß überall, in allen Ländern der Welt, die Beamten Fäden zu den führenden Adelsfamilien, zu den „Effendis". knüpfen. Da aber die Juden keine Effendis im Sinn der arabischen Gentry haben und ihre Gastsitten weit weniger zeremoniell-romantisch sind als die der Araber, erstreckt sich der «eringe gesellschaftliche Verkehr der englischen Beamten fast ausnahmslos auf die Häuser der reichen arabischen Gesellschaft. Daß dort politische, beinahe immer politische Gespräche geführt werden, ist selbstverständlich. Die automatische Folge ist eine einseitige Beeinflussung, der "sich nur sehr kritische Köpfe entziehen können und nur Persönlichkeiten, deren Interesse an Palästina über die Obliegenheiten ihres Dienstes hinausgeht. ' England hat infolge seines Jahrhunderte alten Interesses für arabische Geographie, arabische Folklore und arabische Politik die größte Arabienliteratur der Welt liervorgehracht. Der englische Beamte, der nach Palästina geht, ist also von vornherein araböphil. Dieser Beamte, der zu Jlause selten mit Juden etwas zu tun hatte und der jene Juden, von denen er in der Bibel gelesen hat, in Palästina nicht mehr vorfindet, komm* zum Araber wie zu einem Mann, den man zwar persönlich rieht kem.t. von dem man aber bereits so viel gehört hat. daß man genau weiß, wie man ihn behandeln muß. Er weiß z. B., daß man einen Araber nicht nach der Frau trauen darf, während eine englische Bea'mtengattin. die zwei Jahre lang neben Tel-Aviv wohnte, sagen konnte: „Tel-Aviv, nun, das ist so eine Art jüdischer Kommunistensiedlung." — So muß der britische Beamte also zum Schluß kommen, daß nur die Anwesenheit des jüdischen Elements im Land und die unglückselige Balfourdeklaration das Regieren erschwere. Gäbe es nur Araber in Palästina, dann wäre der Dienst nicht anders als in irgendeiner Kolonie des Empire, es wäre eine reine unkomplizierte Frage der Macht und der Erhaltung der Macht. Das Problem ist meiner Ansicht nach nicht lösbar. Es sei denn, daß die Juden sich anglisieren — was übrigen auch nur in gewissen Grenzen die Situation erleichtern würde — oder aber, daß das englische Beamtentum in Palästina erblich würde. Da beides aber nicht in Frage kommt, ist ein gesundes Miteinanderleben nur dann möglich, wenn beide Teile in der Andersartigkeit des anderen eine unumstößliche, aus der Entwicklung sich ergebende Tatsache sehen, mit der m jedem Fall gerechnet werden muß. Der Engländer in Palästina darf nicht über Juden und Arabern und auch nicht zwischen ihnen, sondern er muß m i t ihnen stehen. Das ist die einzige Möglichkeit für das Land und für das Empire. - Südafrika sperrt sich gegen Juden ab. Das südafrikanische Parlament hat das von der Regierung vorgelegte Einwanderungsgesetz mit großer Mehrheit angenommen. Dagegen wurde ein von der Opposition eingebrachtes Mißtrauensvotum gegen die von der Regierung verfolgte Einwanderungspolitik abgelehnt. Vor der Abstimmung nahm der Ministerpräsident von Südafrika, General Hertzog, Gelegenheit, sich nochmals über den Zweck des Gesetzes zu äußern. Er gab dabei im Gegensatz zu der judenfreundlichen Interpretation des Justizministers General Smuts bei der zweiten Lesung des Gesetzes zu, daß sich das Gesetz gegen eine weitere jüdische Einwanderung richte. Er sagte, die Zahl der Juden im Lande habe einen solchen Umfang erreicht, daß in großen nichtjüdischen Kreisen Befürchtungen darüber entstanden seien. Dies habe bereits dazu geführt, daß sich eine antijüdische Strömung herauszubilden begonnen habe. Solle diese antijüdische Stimmung nicht zu ernsten Konsequenzen führen, so müsse den erwähnten Befürchtungen Einhalt getan werden. General Hertzog unterstrich, daß die vorgeschlagenen Gesetzesmaßnahmen, für den Fall, daß sie in Kraft treten, kein Zeichen einer Verfolgung seien. Juden befen für die Genesung des Papstes. In dem Preßburg erTempel in der Turnergasse verrichtete im Rahmen eines Jugendgottesdienstes der Oberrabbiner Dr. Funk ein Gebet für die Genesung des Papstes, das von der Jugend stehend angehört wurde. Die Taufbewegung in Bukarest. Die Taufbewegung in Bukarest, über die in der vorletzten Nummer der „Wahrheit" berichtet wurde, hat beträchtliches Aufsehen in der Welt gemacht und in Bukarest selbst wird in jüdischen und in christlichen Kreisen viel darüber diskutiert. In Bukarest haben 200 jüdische Intellektuellen- Familien aus den sogenannten „besten jüdischen Kreisen" eine Delegation, bestehend aus dem Advokaten Spiegier und dem Großindustriellen Bernhard Kompanitz, zum Patriarchen Miron Christea entsandt und ihm mitgeteilt, daß sie die Taufe nehmen wollen, und daß sie bereits einen Fonds zur Errichtung einer prächtigen Kirche gesammelt habeii, jedoch unter der Bedingung, daß sie eine besondere Gemeinde bilden und ihren Pfarrer selbst wählen wollen. Die Bukarester Blätter berichten nun, daß beim Patriarchen keine Neigung bestehe, diese Taufe en bloc und diese gestellte Bedingung zu bewilligen, nicht zuletzt aus dem Grunde, weil die 200 nicht in dem gleichen Stadtviertel wohnen, einige von ihnen haben ihren Wohnsitz außerhalb, von Bukarest in Brailla, Konstantza und anderen Städten. Das Patriarchat steht auf dein Standpunkte, jeder einzelne müsse für sich um die Zulassung zur Taufe ansuchen und über jedes einzelne Ansuchen werde gemäß den kirchlichen Vorschriften entschieden werden. Die antisemitischen Zeitungen laufen Sturm gegen das Eindringen der Juden in die Kirche und die antisemitische Tageszeitung ..Porunca Vremii", die es zur größten Auflage in Rumänien gebracht hat, schreibt an leitender Stelle gegen diese Massentaufe unter der charakteristischen Ueberschrift: „Auch die Kirche wollen sie uns nehmen?" Marschall Pilsudski und die jüdische Legion. In der Warschauer Zeitung „Nasz Przeglad" veröffentlicht der bekannte jüdische Historiker Prof. Dr. M. Balaban Erinnerungen aus der Zeit des Weltkrieges und erzählt, daß im Jahre 1914 von jüdischer und polnischer Seite Vorbereitungen getroffen worden waren, um in Galizien eine jüdische Legion zu bilden, die der Führung Joseph Pilsudskis hätte unterstellt sein sollen. Im Sitzungssaal der Lemberger Jüdischen Gemeinde bildete sich ein Komitee, bestehend aus dem Gemeindepräsidenten Dr. Diamant, Prof. Mandel, Dr. Silberstein, dem jetzigen polnischen Konsul in Tel-Aviv Dr. Bernhard Hausner u. v. a., um eine -Legion der Südischen Jugend zu schaffen, die in der Front der polnischen Legionen kämpfen sollte. Dr. Hausner . ~fcv : GROSSFLEISCHHAUEREI flEGM, KORNMEHl WIEN IX., BERGGASSE HR. 19 FILIALE i XVIII., WAHRINGERSTRASSE 97 Telephon Nr. A 17-3-99 und A16-9-34 Lieferant für Heilanstalten Abteilungen «r Koscherfleisch unter Aufsicht des ehrw. Rabbinates der , Isr. Kultusgemeinde Wien. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich , Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen übernahm die Aufgabe, mit der österreichischen Heeresleitung und mit den Führern der polnischen; Legionen zu verhandeln. Pilsudski und die übrigen Legionsführer begrüßten den Plan mit' großer Wärme, dagegen verhielt sich die.' österreichische Heeresleitung zögernd. Schließlich erklärte auch sie sich mit dem- Plan einverstanden und stellte den jüdischen Soldaten, die sich in sehr großer Zahl für den Dienst in der Legion meldeten, Montur und Waffen zur Verfügung. Durch die überraschende Okkupierung Ostgaliziens mit der Hauptstadt Lemberg durch; die russischen Truppen wurde der Plan vereitelt. Die Juden, die sich für den Dienst in der Legion meldeten, beeilten sich, nach dem Westen zu ent- > kommen, um dann in die österreichische- Armee einzutreten. Gememdei&vonik. Trauung. Sonntag, den 24. d. M. fand im Neude&gertempel die Trauung des Fräuleins Vita Adlersberg, Tochter des Großindustriellen Herrn Dr. Max Adlersberg und seiner Gattin Zofie, mit Herrn Hermann Arthur Feldmann-, Sohn des Herrn Kultusvorstehers Kom.-Rat Siegmund Feldmann, Obmannes des Josefstädter Tempelvereines, und seiner Gattin Marianne. Im festlich beleuchteten Tempel hatten sich außer den Hochzeitsgästen, die dem engsten Verwandten- •' und Bekanntenkreise der beiden Familien angehörten, zu Ehren des um das Aufblühen des Josef- •' Städter Tempels hochverdienten Herrn Kom.-Rat S. Feldmann sämtliche Vorstandsmitglieder des Tempelvereines eingefunden. Die Trauungsrede: hielt Rabbiner Dr. Bauer, der in seiner herzlichen Ansprache auch seinen persönlichen Gefühlen als Freund des Hauses Feldmann Ausdruckverlieh und in warmen Worten die innigen Wünsche der Festgäste für Brautpaar und Eltern verdolmetschte. Er gab der Hoffnung Ausdruck,, daß das segensreiche Wirken der Bitern für A13- gemeinheit und Judentum im Hause der Neuvermählten ersprießliche Nachahmung finden werde. Die kantoralen Funktionen versah in gediegener Weise Oberkantor Braun, wirkungsvoll unterstützt von dem schönen Chor und Harmonium-. begleituii.tr. Brautpaar und Brauteltern waren Gegenstand herzlichster Gratulationen, insbesondere brachten innige Glückwünsche viele jüdische Kor^ porationen Herrn Kom.-Rat S. Feldmann entgegen, der im jüdischen Wien wegen seines trefflichen Sinns für Tradition und Humanität grolle... bei echtigte Beliebtheit genießt. Silberne Hochzeit. Herr Otto Salus, der bekannte Posamentierwarenerzeuger, Obmannstellvertreter der Bezirksorganisation Neubau der „Union österreichischer Juden", ^begeht am 4. Fe-: bruar mit seiner Gattin Else das silberne Hoch-- zeitsfest. Der Zentralvorstand und die Bezirkst Organisation Neubau der „Union", wie auch die. Redaktion der „Wahrheit" freuen sich, das allge-K mein beliebte Ehepaar Salus aus diesem Anlaß- TOdiliaer Erstklassiger Verhanfer und Lagerist der Tuch-, Schafwollwareribranche, 26 Jahre, sucht Posten. Zuschrift unter F. F. a. d. Administration.