Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 4 (29.1.1937)
- Date
- 1937-01-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT_________ Nr. 4 - 29. Jänner 1937 JOSEF LEITM AN N vorm. paul planer a.g.. wien ii.,pratehstr. 17, Tel. r47-5-10 Elektromaterial / Radio-Apparate / Beleuchtungskörper / Dauerbrandöfen / Qas-Apparate / Sprechmaschinen Elektro-Kosmetik / Elektro-Apparate / Glühbirnen in allen Stärken stets lagernd Befugte Radio-Reparaturwerkstätte ♦ Günstige Tauschgelegenheiten ♦ Bequemes Teilzahlungssystem gewordenen" Millionen von Juden, deren Plätze der hungernde Bauer einnehmen soll. An den Universitäten, am Trödlermarkte, im Dorfe und in der Fabrik wird der Bevölkerung eingehämmert, daß die Juden alle Plätze in der Stadt besetzt haben und daß, solange sie nicht alles räumen werden, die junge Generation keine Möglichkeit der Einreihung in den Produktionsprozeß und in das Wirtschaftleben erhalten kann. Noch nie war die Presse in Polen so wenig bodenständig wie heute. Ihre Losungen und Parolen werden nicht aus den Tiefen der luflhungrigen Massen geschöpft, sondern aus den Zentren der politischen Parteien der Reaktion. Diese Isolierung der Presse in allen sozialen und politischen Fragen wird durch die Sympathie: und das Interesse, das alle Kreise an den „modernisierten" Gedankengängen über die Judenfrage haben, kompensiert. War früher die Verdrängung der Juden aus der Wirtschaft eine bestehende Tatsache, die nie offen zugegeben und immer geleugnet wurde, so wird dieser Zustand jetzt bewußt „wissenschaftlich" begründet, angepriesen und zum Ausgangspunkt neuer Lösungen gemacht, die alle auf die Formel der „Evakuierung" Polens von den Juden hinauslaufen. Die Gegenargumente der jüdischen Presse und der gesamten jüdischen Oeffentlichkeit sind einfach und sehr bedeutsam, da aber die Debatte auf der anderen Seite von Haß und Ressentiment begleitet ist, wirken sie selbstverständlich weder überzeugend noch aufklärend. Die Reaktion verlangt nicht nur Emigration nach Palästina, sondern auch nach Madagaskar, das in Polen nach Czermaks Rezept als Emigrationsland entdeckt wurde. Man setzt viele Hoffnungen in das jüdische Kapital, das den polnischen Juden zur Hilfe eilen soll. Wird doch auch die jüdische Emigration aus Deutschland durch das „United Appeal for German Jfewry" und das Weltjudentum gefördert! Dabei möchte man, daß die Emigration womöglich mit keiner Ausfuhr von jüdischem Kapital aus Polen verbunden sei. Es wurde einigemal öffentlich betont, daß die Regierung alles unternehmen müsse, um zu verhindern, daß die Emigration die Regie- Tung, nicht wie es 1935 der Fall war, 50 Millionen Zloty jährlich kostet. So wird ein Land in den falschen Glauben versetzt, daß die Trödlerposten der Juden in Nalewki und Smocza die Millionen Die Notwendigkeit, die Angelegenheiten Palästinas endgültig zu regeln, hat die sogenannte Peel-Kommission, die Königliche Kommission, ins Leben gerufen, die jüngst in Palästina ihre Untersuchungen beendet hat. Die Enquete erstreckte sich auf alle Fragen, die mit dem jüdisch-arabischen Gegensatz im Zusammenhang stehen. Aber es gibt ein Palästina-Problem, das nicht in das Aufgabengebiet der Kommission fällt und dennoch von essentieller Wichtigkeit für die Durchführung der Mandatsbestimmungen ist: das Verhältnis der britischen Beamten zur jüdischen Bevölkerung des Mandatslandes, üeber dieses wichtige Problem macht M. Y. Gavrief im Pariser „Neuen Tagebuch" folgende interessante Mitteilungen: Man kann nicht behaupten, daß die britischen Beamten in Palästina „antisemitisch" wären, und schon gar nicht träfe dies auf die Polizeiexekutive zu, die in dauerndem Kontakt mit der palästinensischen Bevölkerung steht. Aber eine gewisse anti-jüdische Einstellung der britischen Kolonialbeamten ist nicht zu leugnen. Es muß vorweg bemerkt werden, daß diese Einstellung anderen Ursprungs ist als der europäische Antisemitismus. Sie entspringt vielmehr der geistigen Situation des Kolonialengländers, ihre Ursache ist in der typisch englischen Einstellung nichtenglischen Menschen gegenüber und im Kolonialmilieu zu suchen. Die Diskrepanz zwischen dem Lebensstil im Innern des kolonialenglischen Hauses und dem Milieu, innerhalb dessen dieses Haus aufgebaut ist, führt zu dem eigenartigen Typ des englischen kolonialbeamten. Der Engländer bringt seine Sitten und 9einen Lebensstil mit, wdhin er immer kommt, vom chimney bis zu den gesellschaftlichen^ .Regeln im kleinsteh Beamtenklub irgendwo von Bauern retten können und daß der gesteigerte Haß der Bevölkerung gegen die Juden die Großmachtstellung Polens bewerkstelligen könnte. Die Schuld Jaboilnskys. In dieser Atmosphäre fand Jabotinsky mit seinem Evakuierungsplan selbstverständlich ein breites Echo — in der nichtjjüdischen Oeffentlichkeit. Und das zustimmende Beifallsklatschen von dieser Seite wurde von den naiven Revisionisten noch als „Erfolg" gebucht. Jene polnische Sympathie für die Revisionisten ist jedoch in kurzer Zeit verraucht. Es bedurfte nur einer Reise des polnischen Außenministers Beck nach London, wo ihm anscheinend von Regierungsseite das Irreale des Jabotinsky-Planes nahegelegt worden ist. Auch im Teilzahlungsgeschäft Versierter sowie Schneider wird aufgenommen. Unter „Schojmer Schabbos Provinz" a. d. Adm. d. Blattes. haben die gerade jetzt betriebenen Bemühungen Becks um bessere Beziehungen zwischen Polen und England eine nicht geringe Abkühlung der Bereitschaft Polens, sich außenpolitisch gegen Englands Palästinapolitik zu exponieren, hervorgerufen. Beck erklärte jedenfalls nach seiner Heimkehr, die Aufnahmefähigkeit Palästinas sei begrenzt und „die dort herrschenden Verhältnisse können unmöglich das riesige Problem der Judenfrage in Osteuropa lösen". Er griff in diesem Zusammenhange die Z i o n isten an, die „kein Verständnis für das E m ig r a t i'o n s p r o b I e mT -afc 8 e r h a 1 b Palästinas haben". < Die neue, mit so viel Tamtam ausgerufene außenpolitische Konzeption Jabotinskys und Weisls, um deren Willen die revisionistischen Propagandisten schon bereit waren, den Palästina-Mandatar zu wechseln, hat ebenso schnell, wie alte bisherigen revisionistischen PropagandascWager. ihr Ende gefunden. v ■ in Uebersee. Außerhalb des Kamiris, außerhalb des Klubs aber, dort, wo er zu arbeiten hat, erhebt sich eine durchaus andere Welt, mit anderem Klima, mit anderen Straßen und insbesondere mit anderer Reaktion der Menschen: in diesem durchaus unenglischen Milieu bemüht er sich, für die von vornherein begrenzte Zeit seines Aufenthaltes seine private Sphäre mit angeborener Zähigkeit aufrechtzuerhalten, weil er jeder Assimilation unfähig ist und ihm eine solche auch in keinem Fall wünschenswert erscheint Aus diesem dauernden Gegensatz zwischen Amt und Privatleben muß sich schließlich eine eigenartige Geisteshaltung ergeben. Der Kolonialengländer ist kein Engländer mehr im Sinne des Inseltyps und kein Native, er ist ein Typ für sich, der in manchen Dingen anders reagiert als der Engländer in England und durchaus anders als der Eingeborene. Selbst der jüngste junior officer irgendwo hinten in den Straits-Settlements weiß, daß er eine der Säulen des British Empire darstellt, daß er mit größerer Macht ausgestattet ist, als er sie daheim je erringen könnte, und daß auf seinen Schultern eine schwere Verantwortung lastet. Aber gleichzeitig mit den Jahren des Kolonialdienstes steigert sich bei ihm das unbehagliche Gefühl, von der Heimat abgeschieden zu sein, das Unbehagen der Fremde, der Existenz als Fremdkörper, obwohl er selbst sich niemals so nennen wird, denn in jedem Haus, über dem die englische Flagge weht, ist England. Aus dieser Grundstimmung ergibt sich eine von vornherein ablehnende Haltung gegen jedes Element, das nicht in das Jahrhunderte alte, Von Beamtengeneration auf Beamtengeneration überlieferte Schema paßt. Palästina nun stellt eine in aller Kolonialgeschichte und Kolonialpraxis neuartige Konzeption eines Mandats- Seite 5 feine schmackhafte Vegetarische Küche _ , , Fisch-Speztaliiatrn, gule Hau-^ückereieii, Telephon reichhaliiRe Menüs v. S 1.- aufwärts, bei Ver- A 43-8-42 SÄeÄ« u. Bar Mil-oh". GRETE STESN, II, He -minangasselO uner Aufsicht d-r Adas Jisrnel_ gebietes dar, also auch eine historisch neuartige Aufgabe. Seine jüdische Bevölkerung ist ein Element,, für dessen Behandlung keine ererbten Regeln vorhanden sind; es läßt sich nicht einfach nach einem in Indien, in Britisch-Venezuela oder im Buschland brauchbaren Rezept behandeln. Diese Menschen, die zum Großteil aus Europa kommen, zumeist sogar aus Schichten, die sozial nicht tiefer liegen als die der Beamten, geistig beweglich und Überdies von einer in aller Kolonialpraxis unbekannten Idee fanatisiert, stellen eine Art von Natives dar, deren Behandlung schwieriger ist als die aller andern überseeischen Untertanen Seiner Britischen Majestät. Man muß neue Wege suchen, und das Suchen neuer Wege ist nicht jedermanns Sache, besonders in einem exzessiven Klima und wenn man weiß, daß man nur eine bestimmte Zahl von Jahren damit zu tun haben wird. Die Schwierigkeiten müssen sich häufen, sonderlich, wenn sie obendrein von einer politischen Art sind, die man sonst nirgends kennt, und wenn der Stand der britischen Beamten infolge dieses spezifischen Milieus nicht wie in den andern englischen Kolonien die Spitze der sozialen Pyramide im Land darstellt. Wo in der Welt Engländer herrschen, bilden sie eine in sich abgeschlossene Kaste, die keinen persönlichen, privaten Verkehr mit den Eingeborenen pflegt: au» vielen Ursachen, nicht zuletzt aus Tradition von jener Zeit her, da der Kulturunterschied zwischen Herrschenden und Beherrschten unüberbrückbar war. Der Beamte, der aus irgendeiner englischen Kolonie nach Palästina versetzt wird, ist gewohnt, mit Farbigen zu tun zu haben, die zu verstehen er sich nur so weit bemüht, — wie jeder weiße Mann, der nicht gerade Forscher oder Detektiv ist, — als er es notwendig hat, um sein Amtsbereich in Ordnung zu halten. Die Kolonien, ob sie nun in Afrika oder in Asien liegen, haben ihr Verwaltungsschema, nach dem sie auf Grund alter Traditionen administriert werden. Die Bevölkerung ist seit langer Zeit an die Verwaltung gewöhnt und alle Schwierigkeiten, die sich ergeben, werden, gleichfalls nach einem Schema, durch das C. I. D. (Criminal Investigation Department), gegebenenfalls durch den 1. S. (Intelligence Service), schlimmstenfalls durch die bewaffnete Exekutive gelöst Daß die Farbigen ihr eigenes, dem weißen Beamten unverständliches Leben führen, ist ihm uninteressant, solange die äußerlich servile Haltung der eingeborenen Beamten und des mit der Administration in direkte Berührung kommenden Teils der Bevölkerung sich nicht ändert In Palästina aber stößt der Mann, der gestern in einem Bungalow in irgendeinem exotischen Land regierte, plötzlich auf Menschen, die nicht einmal daran denken, servil zu sein, deren Standard nicht tiefer ist als seiner, auf Menschen, die sich vor ihm nicht durch die Hautfarbe und in vielem auch nicht in den Aeußerungen ihres Denkens unterscheiden. Er versteht sie zwar ebensowenig, wie er etwa den Kontinentaleuropäer versteht, doch merkt er sofort, daß zwischen ihnen und den Malaien oder Negern von gestern ein himmelferner Unterschied besteht Dies macht ihn unruhig. Die Unruhe aber steigert sich zur Abwehr, wenn er erkennt daB dieses Element in seiner „geradezu englischen" Ansicht von der Unveräußerlichkeit der Menschenrechte schwieriger zu regieren ist, als die Natives an der Goldküste oder in Betschuana-Land. Die Menschen, mit denen er hier zu tun hat, kennen die Gesetze sehr genau und wissen überdies, daB es internationale Abkommen gibt die nur für sie gemacht wurden. Dieser man in the street der sofort den Richter anruft wenn er glaubt von einem Polizeisoldaten ungerecht behandelt worden zu sein, wird nicht wie es dort oder da geschieht, eine tiefe Verbeugung machen und hinterher aus einer Seitengasse einen Stein gegen den Kopf des Polizisten werfen; dieser Mann ist nicht durch den C. I. D. und nicht durch Gewehre zu regieren, sondern verfangt «glich neue Gedankentärigkeifc Es gibt keine Norm für diese merkwürdigen Natives. man muß immer von neuem mit unbekannten Faktoren operieren, und das mit Elementen, die auf der einen Seite Objekte der Administration sind, nicht anders wie Malaien in den Straits oder wie Neger im Buschland, auf der anderen Seite aber sehr vorsichtig und höflich behandelt werden müssen, weil sie Wert© kontrollieren, die für das Empire von großer Wichtigkeit sind. So entsteht ein dauernder Zwiespalt ein« Englische Kolonialbeamte in Palästina.