Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 3 (22.1.1937)
- Date
- 1937-01-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3064663-3064666--21004-3086312- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 6 Nr^3 — 22. Jänner_1937 Die großzügige Wohlfahrtsarbeit der Juden Amerikas. 48 Millionen Dollar für Wohlfahrtszwecke im In- und Ausland. Aus dem soeben von dem Rat der jüdischen Wohifahrtsverbände herausgegebenen Jahrbuch für jüdische Sozialarbeit ist zu ersehen, daß das großzügige Wohlfahrtswesen der amerikanischen Judenheit im abgelaufenen Jahr einen weiteten Ausbau erfahren hat. Die Gesamtausgaben für Wohlfahrtszwecke sind von rund 40 Millionen Dollar im Jahre 1935 um über 20 Prozent auf 48 Millionen Dollar im Jahre 1936 gestiegen. Von diesem Betrage wurden 91 Prozent oder rund 43,700.000 Dollar für Einrichtungen in Amerika selbst verwendet, während der Rest für Hilfs- und Wdederaufbauarbeit im Ausland ausfegeben wurde. Die größten Aufwendungen im Inland, nämlich 18,786.000 Dollar oder 39 Prozent der Gesamtsumme, erforderte die Errichtung und Erhaltung von Krankenhäusern und Peilanstalten. Für unmittelbare Familienunterstützung wurden 4,179.000, für Kinderfürsorge 5,422.000, für Altersfürsorge 2,322.000, für jüdisches Erziehungswesen 5,825.000, für Kulturzentren und Settlements 4 Millionen Dollar ausgegeben. Außerdem wurden verschiedene Beträge anderen Zwecken zugeführt. In der Auslandshilfe steht die Palästinaarbeit mit 1,675.000 Dollar an der Spitze. Für Wiederaufbau und Hilfe an europäische Juden wurden 1,050.000, für andere Auslandszwecke 526.000 Dollar ausgegeben. Die in 75 Gemeinden bestehenden 89 Verbände und Wohlfahrtsinstitutionen, die dem Rat angeschlossen sind, haben 11,894.500 Dollar durch freiwillige Beiträge eingenommen. Not-Aktionen wurden nur von drei Vereinigungen unternommen. Es wurden hierbei 690.596 Dollar aufgebracht. Ein Jubiläum. Die Jüdische Gefährdetenfürsorge der Wiener Kultusgemeinde, die aus der jüdischen Strafseelsorge hervorgegangen ist, hat 10 Jahre ihrer Wirksamkeit hinter sich. Dadurch, daß die Kultusgemeinde von Krems einen dort amtierenden Rabbiner seit Jahren nicht mehr hatte, mußte sich das Justizministerium an die Wiener Kultusgemeinde wenden, um mit ihrer Hilfe die israelitische Strafseelsorge in Stein a. d. Donau wieder zu errichten. Die größte Strafanstalt Oesterreichs in Stein war seit jeher der Ort, wohin alle jüdischen Rechtsbrecher, die größere Strafen zu gewärtigen harten, dirigiert wurden. Dort befindet sich auch ein Tempel, der den religiösen Bedürfnissen der jüdischen Häftlinge entspricht In Oesterreich gibt es noch andere Strafanstalten (Carsten, Karlau u. a.), aber Juden kommen wegen der jüdischen Strafseelsorge nur nach Stein. Das Präsidium der israelitischen Kultusgemeinde in Wien übertrug dem Rabbiner Dr. K. Kupfer diese traurige Seelsorge, die um die Fürsorge für die von Wien entfernten Irrenanstalten in Ybbs a. d. Donau, Mauer-Oehling zu einem Wirkungskreis vereint wurde. Da stellte sich die Notwendigkeit der Schaffung einer gesonderten Fürsorge heraus, die besonders taktvoll, diskret und vorsichtig geführt werden mußte. Der damalige Vizepräsident der Kultusgemeinde, Dr. Orns.t e i n, nahm sich dieser Sache während der ganzen Dauer seiner Vizepräsidentschaft mit besonderer Wärme an. Die Gefährdetenfürsorge entstand. Prof. Kupfer und eine' Wiener Dame, Frau Dr. Langer, fingen mit ihren unermüdlichen Arbeiten an. Es kamen die Allerärmsten um Rat. Den Entlassenen wurden die ersten Schritte zur Rückkehr in die Gesellschaft ermöglicht, die entfremdeten Familien wieder ausgesöhnt und die Auswanderung von Heimatlosen durchgeführt. Die Staatsbehörden nahmen diese Arbeiten wohlgefällig auf und die Kultusgemeinde schuf dafür die entsprechenden Fonds. Am 15. Oktober 1930 schrieb der Minister Dr. Slama bei seinem Scheiden der Leitung der Jüdischen Gefährdetenfürsorge folgende Worte: „Ich danke Ihnen bestens für die richtige Anerkenntnis meiner Bestrebungen und die Unterstützung, die Sie mir durch Ihre stille, aber um so segensreichere Tätigkeit gewährt haben", Bei Begnadigungen arbeitete diese Fürsorge konform mit den Verteidigern, um bei Behörden zu intervenieren, was ihr bei der genauen Kenntnis der Umstände und des Charakters des jüdischen Häftlings fast immer gelang. Besonders groß war ihre Tätigkeit, als der unglückliche Halsmann nach,Stein gebracht wurde. Der jüdische Strafseelsorger war der Mittelpunkt aller Arbeiten und Bestrebungen, die die Rettung des unglücklichen Jünglings durch die vorzeitige Begnadigung zum Ziele hatten, die schließlich auch nicht zuletzt durch die Arbeit der jüdischen Fürsorge gelang. Groß ist die Zahl der geretteten jüdischen Menschen und Familien, die ihr grenzenlos dankbar sind und ihren Dank auch oft der Kultusgemeinde mit überschwänglichen Worten ausdrückten. Viele blieben fortan auf der Bahn der Redlichkeit. Ihre Vergangenheit wurde bald vergessen und ihre Strafen durch die Arbeit der jüdischen Fürsorge getilgt und aus dem Strafregister gelöscht Eine ganze Reihe von polizeilich Abgeschafften erhielten über Einschreiten der Gefährdetenfürsorge im Zusammenhange mit den juristischen Vorarbeiten der Verteidiger ihre Aufenthaltsbewilligungen, die fortlaufend nach unsäglichen Mühen erstreckt wurden. In den Irrenanstalten wurden die gefürchteten Repatriierungen (Rückbeförderungen von nichtzuständigen Irren in ihre Heimat, von der sie Jahrzehnte lang fern waren) durch Bitten an das Magistrat verhütet und dadurch endloser Jammer gelindert. Ais die edle Frau Dr. Langer nach.Jahren rastloser und aufreibender Arbeit von dieser traurigen und doch so segensreichen Arbeit Abschied nahm, hat ein gütiges Geschick der Fürsorge eine ebenso edle Nachfolgerin in der Person der Frau Gisela Schwitzer beschert, die unermüdlich das Werk der Menschenliebe und der Rettung von Unglücklichen und Schiffbrüchigen fortsetzt und manche Gebiete davon souverän beherrscht. Die „W a h r h e i t" hat von Anbeginn der Gefährdetenfürsorge an diese publizistisch sehr stark unterstützt und zu ihrer Entstehung und Festigung viel beigetragen. Die Jüdische Gefährdetenfürsorge hat also 10 Jahre im Geiste jüdischer Nächstenliebe gewirkt und gearbeitet und wird, da das Elend und das große Leid, das aus den Folgen des Strafvollzuges entsteht, nicht aufhört, ihre Tätigkeit fortsetzen und mit ihren Schützlingen gemeinsam all den Faktoren Dank wissen, die zur Emsiehung und ihrer Förderung beigetragen haben. Englisches Königspaar im Londoner East End. König Georg VI. und Königin Elisabeth werden, wie offiziell angekündigt wird, am 13. Februar, zum ersten Male seit ihrer Thronbesteigung, das Londoner East End besuchen, wo der Großteil der Londoner jüdischen Bevölkerung konzentriert ist. 3000 Staatenlose in Wien. In Wien gibt es gegenwärtig, wie der „Verein der Heimatlosen" mitteilt, 3000 Staatenlose, zum größten Teil Juden, die in den traurigsten Verhältnissen leben. In vielen Fällen handelt es sich um deutsche Emigranten, die ihre Staatsbürgerschaft verloren haben, und um eingewanderte Alt-Oesterreicher, die von den Sukzessionsstaaten nicht als Staatsbürger anerkannt wurden und die sich nicht rechtzeitig die österreichische Staatsbürgerschaft sichern konnten. Diese Staatenlosen erhalten nur in den seltensten Fällen eine Arbeitsbewilligung. Sie haben keinen Paß, sondern nur ein Identitätsdokument und können daher Oesterreich nicht verlassen. Werden sie über die Grenze aus Oesterreich abgeschoben, so werden sie von dem anderen Lande wieder nach Oesterreich zurückgeschickt und hier wieder, wie ein letzthin bekanntgewordener erschütternder Vorfall beweist, wegen verbotener Rückkehr eingesperrt. Der „Verein der Heimatlosen" bemüht sich, auf dem Wege über den Völkerbund das Schicksal der Staatenlosen zu erleichtern, und hat anläßlich des letzten Aufenthaltes des Flüchtlingskommissärs Sir Neil Malcolm in Wien bei diesem vorgesprochen. Malcolm hat die Unterstützung der berechtigten Forderungen der Staatenlosen in Aussicht gestellt. 9emeinde€Aronik. Die neue Gemeindevertretung von, Berlin. Die neugebüdete Repräsentantenversammlung der Jüdischen Gemeinde Berlin hielt am 10. Jänner ihre erste Sitzung ab. Zum Vorsitzenden der Gemeinde wurde der bisherige Vorsitzende Direktor Heinrich Stahl (Liberaler) einstimmig wiedergewählt. Auch der übrige Vorstand der Gemeinde ist in seiner bisherigen Zusammensetzung wiedergewählt worden. GROSSFLEISCHHAUEREf SIEGM. KORNMEHl WIEN IX., BERGGASSE HR. 19 FILIALEi XVIII.. WAHRINGERSTRASSE 97 Telephon Nr. A 17-3-99 und A 16-9-31 Lieferant ffir Heilanstalten AbteilungenfürKoscherfleisch unter Aufsicht des ehrw. Rabbinates dar Isr. Kultusgemeinde Wien. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen Salzburg. Am Samstag, den 16. d. M., beging der langjährige Tempelvorsteher Daniel Bonyhadi ein Doppelfest. Erstens dankte dieser orthodoxe Jude dem Allmächtigen im Gotteshaus vor der heiligen Thora für die hohe Auszeichnung, die ihm vom Herrn Bundespräsidenten zuteil geworden. Herr Daniel Bonyhadi wurde nämlich mit der Goldenen Verdienstmedaille ausgezeichnet. Zweitens feierte dieser hochbetagte Talmudist das Bar-Mizwa-Fest seines Enkels Ernst. Nach echt konservativer Methode unterrichtete der Großvater selber den Enkel. Dieser trug auch die Haphtauroh nach orthodoxer Art vor. Hierauf rezitierte Herr Kantor Kohi» wohlklingend den „Mischeberach". Rabbiner Dr. Marg u 1 e s setzte die Bedeutung der Tefillin für die Judenheit in der Gegenwart auseinander. Dabei führte er dem Jungen die drei Gelehrten Bonyhadi vor Augen, diedanach gestrebt, die Lehren Gottes mit dem Verstand zu begreifen, mit dem Herzen zu betätigen und mit dem Mund zu verbreiten. Dem Knaben hat daher dieses Dreigestirn auf dem neuen Lebensweg voranzuleuchten, wobei ihm jeder einzelne seiner frommen Vorfahren ein eigenes Vorbild von religiöser Gelehrsamkeit, Bescheidenheit und Unerschrockenheit abspiegelt. Dr. Margules schloß seine Ansprache mit dem letzten Satz der Haphtaurah: Fürchte nicht die Zukunft ebensowenig wie der Stammvater Jakob. Es kamen viele Glückwünsche aus nah und fern für den Konfirmanden sowiezahlreichen Gratulationen für den Großvater anläßlich dessen hoher Auszeichnung. Trauungen. Sonntag, den 24. d. M., halb 4 Uhr nachmittags, findet im Neudegger Tempel, VIlI., Neudeggergasse 12, die Trauung des Herrn Hermann Ärtur Feldmann, Sohn des Obmanns des Josefstädter Tempelvereines Herrn Kultusvorsteher Komm.-Rat Siegmund F e 1 d m a n n und seiner Gattin Marianne, mit Fräulein Viktoria Adlersberg, Tochter des Großindustriellen Herrn Dr. Max Adlersberg und Frau Serafina, statt. — Sonntag, den 17. Jänner, fand im Tempel, II., Pazmanitengasse, die Trauung des Frl. Meie Natowic, Tochter des Herrn Salo Nato wie, mit Herrn Weisler statt. Der hellbeleuchtete Tempel war von. einem zahlreichen Publikum dicht besetzt. Rabbiner Dr. Rosenmann hielt an das Brautpaar eine schöne, inhaltsreiche Rede, in der er besonders den Wohltätigkeitssinn des allseits geachteten Vaters der Braut hervorhob, der im Bethaus- und in vielen Wohltätigkeitsvereinen verdienstlich wirkt und sich durch seine humanitäre Tätigkeit einen geachteten Namen errungen hat. Oberkantor Müller mit Chor- und Harmoniumbegleitung versah die kantorale Funktion in gewohnt vorzüglicher Weise. _ Freitag, den 29. Jänner, 2 Uhr nachmittags, findet im Tempel, II., Leopoldsgasse 29, die Trauung des' Herrn Josef Feuer, Oberkantor des Döblinger Tempels, Sohn des Herrn Abr. David Feuer, Kantor despolnischen Tempels, mit Frl. Ghana Schranze!,. Tochter des Herrn David SchranzeI, statt. Per Hilfsverein für russische Juden in Wien veranstaltet zugunsten notleidender russischer Juden in; Wien seine 12. Künstler-Akademie mit anschließendem. Tanz am Samstag, den 23. Jänner, punkt halb . 21 Uhr abends, in sämtlichen Sälen des Militärkasinos, Wien I., Schwarzenbesgpla^z 1. Die Mitwirkung in der Künstler-Akademie haben in liebenswürdiger und uneigennütziger Weise zugesagt, die Damen: Ella Flesch, Staatsopernsängerin, Hilda Dulitzkaj a, Jüdische. Lieder, Tilla Grünberg Konzertpianistin, Sonja Lewkowa, Tanzsoubrette, die Herren: Carl Ziegler, Kammersänger, Prof. Erich MeJIer (Staasoper), Igo Guttmann, Opernsänger, Dr. Siegfried Seidner, Oboevorträge,.