Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 3 (22.1.1937)
- Date
- 1937-01-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Nr. 3 — 22. Jänner_H87 Seite 3 Wieder mahlen... sie zu Pessach $dimidl- JKazzoth „Sohmidl-Xazzoth" sind eine wunderbare Delikatesse von besonderem Wohlgeschmack „Sohmidl-fflUzzota" werden aus nur allexfeinatem Weizenmehl erzeugt. „Bohmidl Mazzoth" werden in peinlichst sauberen modernsten Fabriksräumen erzeugt „Sohmidl-Mazzoth" sind verläßlich streng kogober. Aufsicht Sr. Ehrwürden Herrn Oberrabbiner Babad Jlatnan t&rodetz&wß Zentrale: Wien, 2. (Bezirk. Seovotdsgasse H3 Telephone: A 46-1-90, A 48-4-48, A 60-2-63 Die Sffkmt<Ml-Dm axxotfw und das Fabrikat jOTorfte *«*kmkMJl. <»." (Mazzoth, Grieß und Farwet) sind außerdem erhältlich in allen besseren Geschäften. Lage ist beunruhigend. Unausgesetzt werden die Juden in Polen auch auf wirtschaftlichem Gebiet zurückgesetzt, die Verarmung macht ungeheure Fortschritte. Die Lage der Juden in Polen bildet den Gegenstand von Erörterungen mit Organisationen in England und in anderen Ländern zwecks Aufstellung eines Planes konstruktiver Hilfe. In dem Bericht wird festgestellt, daß die Meldungen der Jüdischen Telegraphen-Agentur über öffentliche Auspeitschung von Juden in Tripolis wegen ihrer Weigerung, am Sabgath die Läden offenzuhalten, sich leider als nur 2ju wahr herausgestellt hat. Dieser Vorfall in Verbindung mit dem Auftauchen antijüdischer Artikel in der italienischen Presse hat die. Befürchtung aufkommen lassen, daß das faschistische Italien von der bisherigen Tradition gerechter und toleranter Behandlung seiner jüdischen Bürger abweicht und gewisse Beispiele der deutschen Nazis nachahmt. Es ist tief zu beklagen, daß Juden in bestimmten Bezirken von Tripolis laut einem jüngst in Kraft getretenen Gesetz gezwungen werden, den Sabbath durch Offenhaltung der Geschäfte zu entweihen. Bis jetzt wurden die Pressemeldungen über das Bestehen eines solchen Gesetzes offiziell nicht abgeleugnet. Das Joint Foreign Committee werde in dieser Angelegenheit bei den zuständigen Stellen intervenieren. Das Joint Foreign Committee hat sich mit dem japanischen Gesandten in London hinsichtlich der eingelaufenen Berichte über fortgesetzte antijüdische Aktionen der russischen Weißgardisten in Charta in, der Hauptstadt von Mandschukuo, in Verbindung gesetzt. Cyrus Adler über die Lage der Judenheit. Das American Jewish Committee, die seinerzeit von Louis Marshall ins Leben gerufene Institution zur Wahrnehmung der Rechte <Jer Juden in der Welt, hielt soeben inNew York seine 30. Jahresversammlung ab. Der Präsident Dr. Cyrus Adler gab einen Ueberblick über die Lage der Juden in den verschiedenen Ländern. Zunächst gab er einen Umriß Anläßlich der Debatte über den Voranschlag des Justizministeriums wurden, zum ersten Male in der Geschichte des polnischen Sejm, Sondergesetze für die Juden und der Ausschluß der Juden vom Militärdienst gefordert. Der Abgeordnete Bakol, der diiese Forderungen erhob, erklärte, Gleichheit vor dem Gesetze sei eine im Zeitalter der französischen Revolution entstandene gefährliche Illusion. Es seien für die Juden besondere Gesetze notwendig, die ihrer Mentalität angepaßt sein müßten. Bakol behauptete weiter, die Judenseien schlechte Saldaten. Er werde deshalb anläßlich der Beratung des Heeresbudgets den Antrag stellen, die Juden vom Militärdienst auszuschließen. Dieser Ausschluß könnte zwar als Privileg für die Juden aufgefaßt werden, in Wirklichkeit aber werde der polnische Staat daraus Nutzen ziehen. Schließlich verlangte Bakol, daß die Zulassung der Juden zum ärztlichen, juristischen und anderen freien Berufen eingeschränkt werde. Aehnliche Forderungen wurden auch von anderen antisemitischen Abgeordneten erhoben. Obwohl in dem gegenwärtigen Sejm im allgemeinen eine ausgesprochen judenfeindliche Stimmung herrscht, machten die Ausführungen des Abgeordneten Bakol in ihrem krassen Radikalismus doch einen peinlichen Eindruck auf einen Teil des Hauses, so daß der nicht jüdische Abgeordnete Jablonski sich veranlaßt sah, gegen die maßlosen Forderungen Bakols Einspruch zu erheben und zu erklären, daß es in Polen ein Recht und ein Gesetz für alle geben müsse. Von jüdischer Seite ergriff in der Debatte der Abgeordnete Minzberg das Wort. Er wies auf die zahllosen Prozesse hin, die in letzter Zeit gegen Juden wegen angeblicher Beleidigung des polnischen Volkes inszeniert werden, und erwähnte als bezeichnendes Beispiel dafür, wie es zu solchen Beschuldigungen kommt, den bekannten Fall; in dem ein betrunkener Pole einen Juden wegen Beder jüdischen Situation in Amerika und sprach den Glauben aus, daß die USA. nicht von antisemitischer Propaganda verseucht sein werden, sondern daß es gelingen werde, den Propagandisten das Handwerk zu legen. Dagegen sei, fuhr Cyrus Adler fort, die Lage der Juden in mehreren Ländern der Alten Welt nur als eine tief tragische zu bezeichnen. Der Redner wies darauf hin, daß die deutschen Nationalsozialisten ein sorgfältig ausgearbeitetes Programm der antijüdischen Agitation in der Welt aufgestellt und es mit einem Aufgebot von fast unerschöpflich scheinenden Mitteln verwirklichen. In Deutschland selbst sei der Lebensstandard der Juden zerstört, ihre Hoffnung auf Existenz vernichtet. Dr. Adler trat entschieden für die Durchführung des vom früheren Völkerbundkommissär für deutsche Flüchtlinge, Prof. James MacDonald, in seinem denkwürdigen Abschiedsbrief an den Völkerbund ausgesprochenen Ersuchens ein, daß die Mächte, die durch Deutschlands Judenpolitik direkt betroffen werden, beim Dritten Reich einschreiten, damit eine Aenderung dieser das Gewissen der Menschheit belastenden barbarischen Zustände herbeigeführt wird. leidigung des polnischen Volkes angezeigt hatte und es sich nachher herausstellte, daß der Beschuldigte taubstumm war. Abg. Minzberg machte den Minister auch darauf aufmerksam, daß die Tendenzen, entgegen der Verfassung von Staats wegen Unterscheidungen zwischen den Bürgern Polens zu machen, in einem Rundschreiben zum Ausdruck gekommen sind, das vom Justizministerium an die Gerichte gesandt wurde und in dem die Gerichtsbeamten aufgefordert wurden, nicht nur über ihre eigene Religionszugehörigkeit, sondern auch über die ihrer Angehörigen Auskunft zu geben. In jüdischen parlamentarischen Kreisen hat es peinlich berührt und zu erregten Kommentaren Anlaß gegeben, daß Justizminister Grabowski in seiner Antwort an die Debattenredner die judenfeindlichen Aeußerungen des Abgeordneten Bakol mit keinem Worte zurückwies. Dagegen hat der Berichterstatter für das Budget des Justizministeriums, Sioda, erklärt, daß Ausnahmegesetze in Polen unmöglich seien. Anläßlich der Debatte über das Budget des Innenministeriums wurde abermals eine große Judendebatte abgeführt!, in der wieder mehrere Redner antisemitische Ausfälle machten. Der jüdische Deputierte Minzberg sprach das Entsetzen darüber aus, daß fast jeder der Deputierten, die in. der Debatte das Wort ergriffen, es für seine Pflicht gehalten hat, von der Sejmtribüne herab gegen die jüdische Bevölkerung zu hetzen, dies in einer Zeit, wo die Juden unter einem gefährlichen Druck von Terror im ganzen Lande leben. Man gewinnt aus den Reden den Eindruck, als wären die Judeivgarnicht mehr polnische Staatsbürger und als ob es sich nur noch darum handeln könne, wieviel Juden man in die „Kolonien" transportieren und wann das geschehen könne. Noch aber, rief Minzberg, sind wir Juden Bürger des polnischen Staates; als Vertreter der jüdischen Bevölkerung fordere ich nicht allein Schutz ihres Lebens und Gutes, sondern ich fordere auch Schutz der jüdischen wirtschaftliche» Positionen und das Recht der Juden auf Arbeit Zum Ministerpräsidenten gewendet, sagte Minzberg: Sie, Herr Premier, sind der Mensch, der die Lage beherrschen kann, wenn er wilL Wir fordern, daß die Unruhen authören. Ich bitte um eine solche Zusage seitens des Premiers. Abg. Jan Z a 1 e w s k i, ein treuer Anhänger der Regierung, erklärte: Das Regierungslager, welches ich repräsentiere, darf es sich gönnen, seine eigenen Formen zur Lösung der Judenfrage in Polen zu suchen. Wir sind dabei, die Wirtschaftsstruktur der polnischen Bevölkerung durch Erneuerung und Aufbau des polnischen Mittelstandes zu ändern. In die polnischen Städte gehören polnische Kailfleute und polnische Handwerker. Dies müsse aber in einer Weise geschehen, wie sie dem von Marschall Pilsudski geschaffenen Lager angemessen sei. Die ganz Lage würde bedeutend erleichtert sein, würden die Juden nicht selbst provozieren und Spannungen schaffen. Ein Deputierter eines Poserter Kreises, wo es. überhaupt keine Juden gibt, erklärte kurz und bündig: „Polen ist übervölkert, die Juden müssen das Land verlassen!" - Am Schluß der Debatte ergriff der MinisterpräsidentGeneral Slaw o j - S ta dk ow sk i das Wort. Er erinnerte an den Ueberfall einer von dem Nationaldemokraten Doboszynski geleiteten militärisch organisierten Bande auf die Juden in Myszlenice, bezeichnete eine solche Tat als ,.schändlich" und erklärte, er werde in Zukunft nicht nur die Exzedenten, sondern auch die Hetzer verhaften lassen. In der zweiten Hälfte des Jahres 1936, fuhr der Ministerpräsident fort, hat die Nationaldemokratische Partei wiederum eine Aktion, diesmal in der Woiwodschaft Bialystok. durchzuführen begonnen. Unter Ausnutzung der schweren wirtschaftlichen Lage der Bevölkerung wurde diese zu Ueberfällen auf J uden aufgehetzt. Ihr. sagte der Ministerpräsident zu den Nationaldemokraten gewendet, müßt doch zugeben, daß diese Lage nichs Gemeinsames haben kann mit Schlagen von Juden. Die Lage kann nur durch eine langdauernde ernste wirtschaftliche Aktion gebessert werden. Im zweiten Halbjahr 1936 wurden in der Woiwodschaft Bialystok nicht weniger als 348 Fälle antijüdischer Ausschreitungen verzeichnet. Hat sich deswegen die wirtschaftliche Lage auch nur im geringsten verbessert? Man zählte 21 Massenexzesse, in denen die Exzedenten in Viererreihen in die betreffenden Städtchen einmarschierten und über die Juden herfielen. Drei Juden erlitten den Tod. Bei 99 der erwähnten Ueberfälle wurden Juden geschlagen und verletzt, bei 69 der Ueberfälle wurden die Fensterscheiben eingeschlagen. Ich werde nicht wie ein Automat nur die Ergriffenen bestrafen, sondernich werde nachforschen-, von wo die Hetze ausgeht. Denn ich weiß: Es beginnt mit Schlagen von Juden und endet mit Anarchie. Später ging es in einem anderen Kreis gegen die Juden her: in Wysoka-Mazowieck. Ich erkläre, daß, falls in diesem Kreis nicht bald Beruhigung eintritt, ich die dortigen Führer der Nationaldemokratischen Partei nach dem Konzentrationslager Bereza Kartucka bringen lassen werde. Man fragte mich, wie die Regierung es wagen könne, nach Antisemitische Vorstöße im Polnischen Sejm. Sondergesetze für Juden und Ausschluß der Juden vom Militärdienst gefordert.