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Die Wahrheit · 1937-01-22 · Heft 3 (22.1.1937) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1937
Issue
Heft 3 (22.1.1937)
Date
1937-01-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nr. 3 - 22. Jänner 1937 DIE WAHRHEIT SecLU^wn^ K&uxUvv^- -j^ <&ertrtJ2/ru,KW(^^ 5U/c % kJ&inivt< SVtS/JTJlw wvvc Äei. S-'B^ot' k(fc>c^e¥\&eA$ uWi .,-R>ö>tfe<v3 maßgebende Richter für dieses Recht ist jedenfalls das Lesepublikum. Dieses findet offenbar, daß sich Juden, wenn sie sich mit „christlichen" Angelegenheiten befassen, in Wien wie in Linz zweifellos mehr Taktgefühls befleißen, als Christ-, liehe Redakteure, wenn sie sich mit der sogenannten Judenfrage beschäftigen . . . Bei dieser Beschäftigung unterscheiden sich die konfessionell unduldsamen Christen nur sehr wenig von den rassisch intransigenten Deutschvölkischen. Der Unterschied beruht einzig und allein in der Grenzsetzung, wie weit die Unduldsamkeit gegen die Juden zu gehen hat. Die religiösen Antisemiten halten es mit ihrer Politik für vereinbar, die Heilige Schrift der Juden ~zu verehren, während die Deutschvölkischen konsequenter sind und ihre Ablehnung jüdischer Geistesschöpfungen auch auf das Alte und Neue Testament -ausdehnen. Dieser Streit kann uns Juden kühl bis ans Herz hinan lassen. Es ist für uns völlig gleichgültig, ob unsere staatliche Gleich- Der Anglo-Jewish Board of Deputies (Deputiertenrat der englisch-jüdischen Gemeinden) hielt in London unter dem Vorsitz von Lionel L. Cohen eine Sitzung ab, die sich auf Grund der Berichte des Joint Foreign Committee (Komitee für Wahrnehmung der Rechte der Juden im Ausland) mit der Lage der Juden in verschiedenen Ländern befaßte. Zu Beginn der Beratung stellte Lionel L. Cohen fest, daß die Tätigkeit der Schwarzhemden in England im Zusammenhang mit der in Kraft getretenen Public Order Bill auf öffentlichen Plätzen stark eingeschränkt worden ist, daß aber die offiziellen faschistischen Organe nach wie vor erfundene hetzerische Legenden verbreiten, wobei es offenkundig ist, daß ihnen das Material von den deutschen Propagandastellen zugeht. Der Board wird gegen solche Diffamierungen bei den zuständigen £euiffetoii. AUec Tivüdd Met die. Juden in China. In den mehr als fünfzig Jahre alten Bänden einer Zeitschrift („Auf der Höhe", herausgegeben von Leopold von Sacher-Masoch, jenem Dichter, der im Leben und im Schaffen ein großer Freund der Juden war und dessen Name zu Unrecht nur als Kennzeichnung sexueller Perversion bekannt ist) fand ich, schreibt Otto Brod in der Prager „Selbstwehr", den Brief eines Chinesen, vom Oktober 1881 aus Nan-Tschang-fu datiert. Dieser Chinese, von Studien in Europa nach China zurückgekehrt, berichtet, daß seine Heimreise ohne Unfall vonstatten gegangen ist und daß er seine Familie in bester Gesundheit wiedergefunden hat Sodann erwähnt er kurz die Erfahrungen, die er in Europa gemacht hat, insbesondere das Aufsehen, welches seine Tracht und sein „Pien-Asi" (Zopf) hervorgerufen hat Er kann nicht umhin, festzustellen, daß es in Europa viele Dinge gibt, die viel absonderlicher sind als der Zopf des Chinesen, z. B. die sogenannte „Judenfrage". Das ist auch ein „Pien-Asi", der zwar versteckt getragen wird — glückliches Zeitalter! —, aber der weniger harmlos ist als der chinesische und oft mit dem Gift der Unduldsamkeit getränkt. Im Gegensatz zu diesem Zustand in Europa haben wir — so berichtet der Chinese weiter — hier in China die verschiedensten Rassen und Glaubensbekenntnisse, die friedlich nebeneinander leben. Auch Juden leben dort, seit langer, langer Zeit, was in Europa wohl nur wenig bekannt ist. Man nennt die „Tiao-king-kiao", das heißt „Sekte, welche die Nerven aufreiß t", allerdings eine nicht sehr freundliche Bezeichnung. Sie kleiden sich wie die übrige Bevölkerung und unterscheiden sich von ihr nur durch ihre religiöberechtigung und unsere wirtschaftliche Existenz im Namen eines neutestamentarischen Fluches oder auf Grund rassenbiologischer Phantastereien unterhöhlt wird. Darüber möge sich der neue ,.(/stn.ärkische Volksverein" mit seinen Konkurrenten aus dem katholischen Lager unterhalten. Das Judentum kann diesem Machtstreit unbefangen zusehen, bis die Zeit über beide hinweggegangen sein und jene Weltkultur ihre Herrschaft angetreten haben wird, die der Vizepräsident des ungarischen Abgeordnetenhauses, Prof. Julius Kornis als die unausbleibliche Synthese aller nationalen Kulturen in einem dieser Tage in Wien in Anweserrheit.der höchsten Staatswürdenträger gehaltenen Vortrag vorausgesagt hat, wobei er noch betonte, daß die Zugehörigkeit des Einzelmenschen zu einer Nation sein subjektives Gefühl und nicht die Rasse entscheide und daß die Zukunft der Idee der Humanität gehöre, die allen, Kräften die Entfaltungsmöglichkeit sichert; " " . .*■ Stellen einschreiten. Die letzte Kundgebung des Erzbischofs von Canterbury gegen den Antisemitismus in England und in anderen Ländern hat überall in der Welt Zustimmung gefunden, namentlich seitens der Kirchen treffen immer wieder Sympathie-Erklärungen ein. Man ersieht daraus, daß allmählich die richtige Ansicht durchdringt, daß der Kampf gegen den Antisemitismus ebenso Sache der Nichtjuden wie der Juden ist. Der Board selbst wird demnächst mit der Publikation ..Anderthalb Jahrhunderte jüdischer Geschichte" vor die Oeffentlichkeit treten, «■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■an Cai€ Pension Echstein Semmering ■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■HB HHBB^^^HnBB2B3SE9nBBn9B93K39^BB8a| sen Gebräuche. Wie alle anderen Sekten sind sie; vor jedem Angriff staatlich geschützt. Sie haben in Kai-Föng-Foü, der Hauptstadt der Provinz Honang, eine Synagoge, welche Li-pai-ße heißt und viele alte Inschriften, teils in chinesischer, teils in hebräischer Sprache, enthält. Beim Gottesdienst, den sie regelmäßig am Sabbat halten, verhüllen sie ihr Gesicht mit einem durchsichtigen Gewebe und lesen das Gesetz. Nach chinesischen Geschichtsquellen kamen die „Tiao-king-kiao" etwa 200 Jahre vor der christlichen Zeitrechnung, unter der Han-Dynastie, nach China. Sie behaupten, daß ihre Vorfahren aus dem Königreich Juda stammen und daß sie auis langer Gefangenschaft nach China gelangten, wo sie gastfreundlich aufgenommen wurden. Hier leben sie zumeist in der Provinz Ho-nang unter der mohammedanischen Bevölkerung in guter Eintracht und bekleiden auch mehrfach öffentliche Aemter in der Verwaltung. Im allgemeinen sind sie arm, und was ihre Zahl betrifft, so ■ ist dieselbe mit Sicherheit nicht festzustellen. Jedenfalls folgert der Autor aus allem, was er in Erfahrung bringen konnte, daß die jüdische Einwanderung in China viel älteren Datums ist, als man gewöhnlich annimmt, und daß die Juden seit etwa zwei Jahrtausenden unangefochten und friedlich in China leben. Dies wird mit einer gewissen Befriedigung im Gegensatz zu Europa festgestellt und man kann dem Chinesen kaum verargen, wenn er mit Ueberlegenheit hinzufügt, daß ihm als Bekenner der Lehren des Konfuzius die Verfolgungen der Juden in Europa, „welche seit einiger Zeit wieder begonnen haben", unbegreiflich erscheinen. Allerdings, so schließt dieser denkwürdige Brief, ist ihm wohl bekannt, daß auch die christliche Religion diese Verfolgungen verbietet. Denn er besitzt in chinesischer Sprache das heilige Buch der Christen, worin, was sie „lieben" nennen, das höchste Gebot ist. Gedenket Winterhilfe d mr Bundesregierung! Der Präsident der Anglo-Jewish. Association Leonard G. Montefiöre unterbreitete den Bericht des Joint Foreign Committee, der sich in der Hauptsache mit der Lage der Juden in Deutschland, Polen, Italien und Mandschukuo befaßt. Welche entsetzliche Formen die äntijüdische Hetze in Deutschland angenommen hat, wird — so heißt es in dem Bericht — durch einen Leitfaden für Lehrer an deutschen Volksschulen illustriert, der von dem Professor am Lehrer-Seminar in Elbing, Dr. Ernst Dobers, verfaßt ist und den Titel trägt: „Die Judenfrage. Material für den Schulgebrauch." In dem Vorwort führt Dobers aus, daß seit der „öffentlichen Anprangerung der jüdisch-»bolschewistischen Verbrecher" auf dem Nürnberger Parteitag ' und ihrer Brandmarkung durch den Führer als „Öeffentlicher Feind Nr. 1" kein Zweifel mehr bestehen kann über die Notwendigkeit, die Aufklärung über die Judenfrage als Unterrichtsgegenstand in den Lehrplan der Schulen aufzunehmen. Dies soll durch „unwiderlegliches und überzeugendes Material" geschehen. Dieses „unwiderlegliche Material" des Dr. Dobers ist ausschließlich aus den niedrigst stehenden Nazi-Hetzschriften genommen. Dobers verlangt, daß die Judenfrage in geschickter Weise in fast jeden Lehrgegenstand eingeflochten werde. Der Lehrer soll seinen Unterricht stets an Hand des „Völkischen Beobachter" und des „Stürmer" erteilen. Es könnte vielleicht als unvorsichtig empfunden werden, den „Stürmer" Kindern unter 14 Jahren in die Hand zu geben, doch läßt sich dies in vielfacher Beziehung nicht vermeiden. Prof. Dobers selbst gibt in seinem Buche eine Reihe Beispiele, wie man den Kindern die „Judenfrage" erläutern soll. Natürlich spielen gefälschte und erfundene Zitate aus angeblichen jüdischen Reden und Schriften eine große Rolle. So wird z. B. Moses Montefiöre folgendes in den Mund gelegt: Der Jude Blumenberg (Montefiöre) erklärte 1840: Worüber tobt ihr? So lange wir nicht die Presse beherrschen, ist alles Tun umsonst. Vergebens gründet ihr Gesellschaften, machet Anleihen und treibt zu Bankrotten.- So lange wir nicht die Presse in den Händen haben, ist unsere Weltherrschaft leerer Wahn. Der braunschweigische Ministerpräsident Dietrich Klagges hat ein Buch über Geschichtsunter^ rieht in den Schulen veröffentlicht und stellt darin eine Reihe Maximen für den Lehrer auf. Einige dieser Maximen sehen so aus: 1. Leben ist Kampf. Nur ein Narr oder ein Schwächling glaubt an ewigen Frieden. 15. Es gibt keine Gleichheit der Rassen; jede Rasse hat verschiedenen Wert, die deutsche Rasse nimmt eine erste Stellung ein. 17. Wer eine Entwicklung der Menschheit im internationalen Sinne predigt, ist ein Lügner und Scheinheiliger. Die Maxime 25 lautet: „Die Juden sind unser Unglück." Die letzte deutsche Kriminalstatistik zeigt, daß unter 116.796 Verurteilten des ersten Viertels des Jahres 1936 nur 1246 Juden waren; in diese Zahl sind 267 Fälle von Verletzung der Paßbestimmungen und 39 „Verbrechen" gegen die Nürnberger Gesetze eingeschlossen. Dabei operieren die Nazis in ihrer Auslandspropaganda mit phantastischen Behauptungen über die Höhe der; Straffälle bei der „jüdischen Verbrecherrasse". Dieser ununterbrochene Feldzug von Lüge und Diffamierung, heißt es in dem Bericht des Joint Foreign Committee, läßt es als gebieterisch erscheinen, die wahren Tatsachen mit Bezug auf die Lage der Juden in Deutschland vor die Weltöffentlichkeit zu bringen. Das Committee macht in dieser Richtung alle erforderlichen Anstrengungen. In dem Bericht wird weiter erwähnt, daß mit dem Flüchtlingskommissar Sir Neil! Malcolm ein Kontakt und eine Zusammenarbeit besteht. Es wird dann auf die p o 1 n i^ c h - a n t isemitische Agitation hingewiesen, die eine Massen-Evakuierung polnischer Juden erzwingen will. Diese Wünsche haben sogar in den Sejm-Debatten einen Niederschlag gefunden. Die Bas englische Judentum auf der Wacht Sitzung des Board of Deputies.

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