Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 3 (22.1.1937)
- Date
- 1937-01-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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V. b. b. Zeitung vom Verleger versendet „Journal exp&He par r&Htear" Xji^X ^^wm Jüdische Wochenschrift Di« Wahrheit mit den Veröffentlichungen der »Union österreichischer Juden" Endieint Jeden Freitag Preis 40 Groschen Redaktion und Administration; Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-1 53. Jahrgang___Wien, 22. Jänner 1937 Postaparkassenkonto Wien? A 100,911 Nummer 3 Ein Störenfried. RaskrcDldiöDlmdblllll In. Graz gibt es seit kurzem einen „Ostmärkischen Volksverein", was angesichts seines offen betont nationalen Charakters einiges Aufsehen erregt hat, weil es mit der erst jüngst proklamierten Regierungserklärung, wonach politische Willensäußerung ausschließlich Monopol der Vaterländischen Front sei, nicht in Einklang zu stehen scheint. Aus einem amtlichen Kommunique erfährt die Oeffentlichkeit nun, daß der neue Verein schon vor einem Jahr gegründet worden ist. Damals hatte das Bundeskanzleramt als oberste Sicherheitsbehöfde Bedenken gegen die Gründung und verbot sie auf Grund des Paragraphen 6 des Gesetzes vom 15. November 1867 über das Vereinsrecht: „Wenn der Verein nach seinem Zwecke oder nach seiner Einrichtung gesetz- oder rechtswidrig oder staatsgefährlich ist, kann . . . dessen Bildung untersagt werden." Eine dieser Verbotsvoraussetzungen schien dem Bundeskanzleramt offenbar gegeben zu sein, dem ETn s pr ifc h gegen'das Verbot hat jedoch der Bundesgerichtshof stattgegeben, so daß der Verein nunmehr trotz des Verbotes ins Leben treten kann. Die gründende Sitzung fand bereits statt, die Errichtung von ungefähr tausend Ortsgruppen soll beabsichtigt sein. Man begreift diesen Massenzulauf, wenn man den offiziell verlautbarten Zweck der Neugründung vernimmt: „Sie soll den österreichischen Volkskörper mit. gesundem (!) deutschvölkischem Geiste erfüllen." Diese Zweckgebung macht aber auch die Bedenken des Bundeskanzleramtes verständlich. Wenn ein Proponent des Bakterienkrieges einen Verein mit dem eingestandenen Zwecke gründete, die Luft mit „gesunden" Cholerabazillen zu würzen, so würden die Behörden wohl auch dagegen einschreiten und in diesem Falle wahrscheinlich auch den Bundesgerichtshof auf ihrer Seite haben, der zwischen gesundem Geist und deutschvölkischem Geist offenbar keinen Widerspruch erblickt: weder einen Widerspruch im Begriffe noch eine Gegensätzlichkeit gegen die österreichische Verfassung. Die „Reichspost", etwas mißtrauischer, gibt ihrer Hoffnung Ausdruck, daß sich der neue Verein mehr der Pflege des gesunden als dem des deutschvölkischen Geistes widmen werde. Bleibt nur abzuwarten, ob sich nicht gerade in der Auffassung dessen, was „gesund" ist, tiefgehende Meinungsverschiedenheiten zwischen Faktoren, die in dem „Ostmärkischen Volksverein" ihre nunmehr legale Organisationsbasis gefunden haben, und jenen, als deren Sprachrohr die „Reichspost" gilt, ergeben werden. Was „deutschvölkisch" bedeutet, das ist heute, in der Zeit der Hochkonjunktur des Hakenkreuzes, dessen Wegbahner in Deutschland sich gleichfalls deutsch völkisch nannten; leicht zu erfassen. Was aber als „gesund" zu werten ist, darüber stellen sich sogar innerhalb weltanschaulich gleichgerichteter Kreise oft die größten Divergenzen. So hat vor kurzem die Moskauer „Prawda" den sozialistischen Verfechtern der absoluten Gleichheit aller Menschen die neue kommunistische Auslegung dieses Begriffes entgegengehalten: „Nur arbeitsscheue Ausbeuter und Nichtstuer wollen die Tatsache nicht anerkennen, daß die Menschen verschieden sind entsprechend ihrer Begabung, dem Talent, den Charaktereigenschaften und dem verschiedenen Willen, Nach der Verfassung bedeutet die Gleichheit, daß alle Bürger das gleiche Recht haben auf Bewertung ihrer Arbeit und jeder um so mehr bekomme, je größer und wertvoller seine Arbeit sei." Wer die frühere starre Betonung des sozialistischen Einheitsprinzips in Fragen des Arbeitslohnes und der gesellschaftlichen Wertung, die Gleichstellung der Waschfrau mit dem Hochschulprofessor, miterlebt hat, der wird in dieser Aeußerung des offiziellen Kommunistenblatts das Resultat eines zweifellosen G e n e s u n g s Prozesses, einen Fortschritt zu gesünderen Prinzipien begrüßen. Um so krasser aber fällt das unbelehrbare Festhalten der Deutschvölkischen an der die Grundlagen des Dritten Reiches bildenden Doktrin auf, daß die Menschen ausschließlich auf Grund ihrer Rasse verschieden zu werten sind und nicht nach ihrem guten Wüten, ihren Fähigkeiten und Leistungen. Sind die Nichtskönner und Faulpelze, die nicht infolgegröBe-ert Fleißes und Talentes, sondern nur durch die Rassengesetze des Dritten Reiches die Juden aus Stellungen und Funktionen verdrängten, die sie sich e r a r b e i- Ocstcrrcküscftes Cafe Buchsbaum 11. Kleine Pfangaise 21 TeL A 43-5-19 Treffpunkt der guten jüdisdien Gesellschaft Vollständig neu renoviert t e t hatten, keine „arbeitsscheuen Ausbeuter"? Paßt diese Bezeichnung nicht ebenso gut auf die Vorkämpfer des numerus clausus, die sich nicht im freien Wettbewerb der Kräfte, sondern auf Grund eines mechanischen Proporzes akademische und wirtschaftliche Positionen sichern wollen? Diese Streber, die ihre Hochschulzeit in Studentenverbindungen vergnügt verbummeln und dann unangenehm überrascht sind, daß ihnen, wenn auch nur in den freien Berufen, fleißige Juden dun Rang ablaufen, haben allerdings nicht auf den neugegründeten „Ostmärkischen Volksverein" zu warten gebraucht. Das was dieser als sein „kulturelles" und „wirtschaftliches Programm" andeutet, wird schon lange 'in den Spalten der österreichischen Presse ebenso laut und mißtönend verfochten und gerade in der Steiermark, dem engeren Wirkungsgebiet des neuen deutschvölkischen Vereins, blieb in dieser Einsieht kaum noch etwas zu wünschen übrig. So befleißigte sich die „Obersteirische Volkszeitung" in ihrem Leitaufsatz vom 9. Jänner teils mit. eigenem Schweiße, teils mit Zitaten aus anderen Provinzblättern die Judenfrage als ein „ungelöstes Problem" antisemitisch auszuschroten. Nicht, weil diese Frage ausgerechnet in Leoben, dem Erscheinungsorte Ueberau erhältlich des Blattes, besonders akut wäre, vielmehr sind es die „katastrophalen" Zustände im unglücklichen Wien, die ihm das Herz zerreißen: „Zwei Drittel der Wiener Tageszeitungen sind in jüdischen Händen, ihre Redaktionen sind zu 60 bis 100 Prozent mit Juden besetzt; berücksichtigt man die Auilagenzahl, dann ist der jüdische Anteil an der Presse mit mehr als 80 Prozent einzuschätzen! Und da nun einmal, nicht immer zum Vorteil der Sache, die Wiener Presse als Repräsentant Oesterreichs gilt und ihrer Meinung .selbst in vielen amtlichen Kreisen mehr Wert beigemessen wird als der gesamten judenfreien Länderpresse, ergibt sich die groteske Tatsache, daß die öffentliche Meinung im christlichen Oesterreich von Juden und Judenzeitungen ziemlich maßgebend beeinflußt und beeindruckt wird." Das Blatt ist also der lokalpatriotisehen Ansicht, daß es vorteilhafter für Oesterreich wäre, wenn im In- und Ausland die judenireie Länderpresse als repräsentativgelten würde. Aber ist denn die Provinzpresse tatsächlich judenfrei? Als die „Obersteirische Volkszeitung" diese triumphale Feststellung machen zu können glaubte, lag ihr offenbar noch nicht folgende „Schreckensnachricht" aus Linz vor: Dort starb vor einigen Tagen ein 84jähriger Redakteur, der der Schriftleitung eines n a t i onalen Blattes angehört hat, obwohl er Jude gewesen ist. Das katholische Linzer Konkurrenzblatt widmete ihm einen überaus ehrenden Nachruf, in dem dem Verblichenen u. a. nachgerühmt wird: „Seine Bildung war umfassend', er konnte in allem mitreden, sogar in katholischer Religion, obwohl er mosaischen Glaubens war. Er hat denn auch in seiner Redaktion die katholischen kirchlichen Angelegenheiten betreut . . . Wir nehmen von diesem v o rbildlichen Kollegen m i t Trauer Abschied." Man sollte meinen, daß wenn das dem Linzer Bischof nahestehende Blatt nicht das Mindeste daran auszusetzen findet, daß ein Jude die katholisch-kirchlichen Angelegenheiten redigiert, sondern seine Tätigkeit sogar vorbildlich fand, auch die „Obersteirische Volkszeitung" keinen Grund zur Aufregung darüber hat, daß Juden in den Wiener Blättern ihre österreichische Gesinnung, die angeblich ganz neu sein soll, betonen. Der OHlE*KOK§ AMTHRAIlf jiret Stars" B A S C H IY.,ArSenthüerstrafie22 ♦ Tel. 0 4 1 " 5 " 4 9