Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 2 (15.1.1937)
- Date
- 1937-01-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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DIR WAHRHEIT Nr. 2 — 15. Jänner 1937 Seite 3 buch" bleiben werde, welches der MacDonald- Brief eigentlich kommentiert. Und heute, nach fünf Jahren, kommt Lord Peel an der Spitze einer offiziellen Kommission nach Palästina und der MacDonald-Brief wird über Bord geschleudert und damit eine der großen Illusionen, die Dr. Weizmann schuf. Was Herrn Peel nicht interessiert. Anläßlich der Vernehmung des Herrn Hexter vor der Königlichen Kommission in Jerusalem, tat Lord Peel einen Ausspruch, der der Oeftentlichkeit nicht vorenthalten werden darf: Hexter: Ich anerkenne auch, daß England Gutes getan hat. Peel: Ihre Anerkennung interessiert mich nicht. Wir wollen hier Zeugen einvernehmen. Hexter: Es interessiert Sie nicht zu hören, daß wir zufrieden sind? Peel: Nein, das interessiert uns nicht besonders. &as Publikum ist hodkerfreut . . » daß es audk heue* wieder erhält %u {fessa€tk $dmridl~ Jtfazzoth £tn Venuifi nrtvd :9ie iifienteugen? Erzeugt aus feinstem Mehl unter streng orthodoxer Aufsicht Sr. Ehrwürden Herrn Oberrabbiner Babad Jlattktm förodefellif Zentrafe: Wien, 2. (Bezirk, £eopotdsgasse 43 Telephone: A 46-1-90, A 48-4-48, A 60-2-63 Die #c*kmidl-3Kaxxotfk und das Fabrikat 3VTorfte ^cftmJdf JK. (Mazzoth, Grieß und Farwel) sind außerdem erhältlich in allen besseren Geschäften. Protest der Araber gegen die jüdische Einwanderung. Arabische Zeugen vor der Königlichen Kommission. Der Mufti von Jerusalem, AI Hussein!, erklärte vor der Königlichen Kommission in seiner Darlegung zur arabischen Streitsache: „Unser Ziel ist die nationale Unabhängigkeit in Palästina." Der Mufti hat von der Königlichen Kommission unter anderem folgendes verlangt: Auflassung des jüdischen Nationalheims, sofortige und vollständige Einstellung der jüdischen Einwanderung und des Landkaufes durch Juden, Abschaffung des Mandats, das durch einen Vertrag zwischen Großbritannien und den Arabern ersetzt werden soll. Vor der kgl. Kommission erklärte am nächsten Tage der als Zeuge vernommene arabische Notabel und Politiker Auni Abdulhadi: „Die Araber werden nicht zustimmen, daß noch ein weiterer Jude nach Palästina zugelassen werde." Nachdem der Präsident der Kommission, Lord Peel, dann allgemeine Verhandlungen angeregt hatte, erwiderte Auni Abdulhadi: „Die Araber können über Palästina nicht mit den Juden reden." QPestsaal I mit modern eingerichteter Bühne, für Veranstaltungen, Hochzeiten, Versammlungen sehr geeignet, empfiehlt zu günstigen Bedingungen RESTAURANT HOTEL STEFANIE II., Taborstraße 12 Telephon R 48-4-46 Der Joekey auf dem Musenroß. Zum 10m Todestag des Begründers des RassenantlsemlUsmus. . Am 9. d. M. jährte sich zum 10. Male der Todestag von Houston Stewart Chamber- 1 a i n, dem geistigen Vater des Rassenantisemitismus. Ein eigenartiger Zufall, wenn schon nicht bewußte Absicht, hat es gefügt, daß sich gerade an diesem Gedenktag eines Ahnherrn des Nazismus eine hochoffizielle Stimme der nationalsozialistischen Partei in Deutschland gegen den Dilettantismus wandte, der sich in zahllosen weltanschaulichen Schulungsverbänden der Partei bemerkbar mache: Es stehe fest, daß zahllose Schriften und Broschüren über Blut und Rasse, Germanentum usw. zu einem beträchtlichen Teile nichts weiter als Kulturkonjunkturgeschreibsel seien. Statt Aerger müßte ein Nazi darüber eigentlich Freude empfinden, denn diese Entdeckung ist, wenn sie stimmt, ein wichtiger Beleg für die vom Nazismus geheiligten erbbiologischen Theorien. Erweisen sich doch die schriftstellernden Nutznießer der heutigen Konjunktur der Begriffe Blut, Rasse, Germanentum, gerade durch die gerügten Eigenschaften als die echten Nachfahren des Mannes, der zuerst diese Begriffe im deutschen Schrifttum heimisch gemacht hat. Denn Houston Stewart Chamberlain bekannte sich selbst mit schöner Offenheit als Dilettant. Und während die heimtückisch verlogene Charlatanerie früher oder später, wie auch die eingangs zitierte parteiamtliche Nazi-Kritik an den jetzigen Konjunktur-Schmarotzern zeigt, auf Mißtrauen stößt, hat sich Chamberlain durch seine Aufrichtigkeit so sehr ins allgemeine Vertrauen eingeschlichen, daß man ihm — nicht glaubte: nämlich seine Selbstdeklarierung als Dilettant! Alles andere, auch das Skurrilste, was er behauptete, hat man ihm gern geglaubt. Die das nicht taten, schrieben sich, gewappnet mit dem Rüstzeug der seriösen Wissenschaft, die Finger wund, um ihn zu widerlegen. Ihre Werke modern in den Bibliotheksspeichern, indes dff*Schaumschläger reißenden Absatz seiner Geistesprodukte fand. Denn der Schaum mundet dem Gaumen und verkleistert die Gehirne. Darum gehört dem Schaumschläger die Welt. Arm in Arm mit ihr forderte Chamberlain sein Jahrhundert in die Schranken: das 19. Jahrhundert, dessen Grundlagen der Erfolg seines Hauptwerks noch in einem viel tieferen Sinne bloßgelegt hat, als es dieses Werk selbst („Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts") vermocht hat. Außer diesem Hauptwerk hat er noch mehrere andere Bücher geschrieben, die alle der Propagierung des Judenhasses auf neuer Grundlage, der rassischen, dienen. Diesen neuen Begriff hat er als geborener Engländer der Terminologie der Pferdezucht entnommen. Man weiß ja, welch große Rolle diese Zucht in England spielt und daß die Stammbäume edler Rennpferde der Londoner Jugend geläufiger sind als die Lebensdaten Shakespeares. Jedenfalls ist es im britischen Inselreiche ganz ausgeschlossen, daß ein mit dem Blauen Bande des Derby-Siegers geschmückter Hengst sich eines Tages so spurlos ins Dunkel des Privatlebens verlieren kann wie der Dichter von „Hamlet1' und Macbeth". An seinen Rennpferden hat der Engländer den Begriff der Rasse schätzen gelernt. Chamberlains kühne Tat war der Versuch, diese Schätzungsmethode auf die Menschen anzuwenden. Die Weltgeschichte stellt sich ihm als großdimensionaler Turfplatz dar. Je edler die Rasse, desto sicherer das Rennen für die einzelnen historischen Führer und ganze Nationen. Der Jude ist der prädestinierte Außenseiter. Macht er trotzdem gelegentlich ein Rennen, dann gilt unerlaubtes „Doping" als erwiesen. Kulturell minder erfreuliche Jahrhunderte entlarven sich dem scharfen Auge d«s zoologischen Geschichtsbetrachters als eine Zeit des Völkerchaos im Sinne unsystematischer Rassenvermischung. Der Gegensatz zu dieser barbarischen Vergangenheit ist das Kulturideal einer Zukunft, in der die Zuchtsysteme der englischen Pferdegestüte auf die Entwicklung der menschlichen Nationen zur Anwendung gelangt sein werden. Für seine Zeit tipte Chamberlain als vorsichtiger Turfkibitz beim Wertrennen der Völker zunächst nur summarisch auf „Stall". Seine Losung hieß damals „Ge r ma rten t um". Erst als die Spaltung des germanischen Völkerstalles im Weltkrieg zu präziserer Parteinahme zwingt, entscheidet er sich für ein spezielles germanisches Volk: aber nicht etwa für das britische Volk, dem er selbst entstammt, er setzt vielmehr kühn auf den „Favorit" Deutschland. Doch dieser Favorit erweist sich als ein „schlechter Steher", der das Rennen nicht durchhält und keine Quoten zahlt. Ueberdjes droht dem Hasardeur Chamberlain der Verlust eines fällig gewordenen Erbgutes, das im heimischen Stall an der Themse liegt. Da setzt der um eine rennsportliche Erfahrung reicher Gewordene einfach auf das andere Pferd und widerruft seine frühere — zu seinem Glück nach englischem Gesetz unverbindliche — Aufgabe der britischen Staatsbürgerschaft. Die Laien, das sind in diesem merkwürdigen Falle die Nichtdilettanten, bekommen den moralischen Koller. Sie finden es unerhört, daß jemand, der die Arbeit seines Lebens dem wissenschaftlichen Nachweis gewidmet hatte, daß die nationale Zugehörigkeit des einzelnen Menschen nicht von dessen freier Wahl abhänge, sondern zoologisch determiniert sei. für seine eigene Person ganz nach dem momentanen Bedarf nach Gutdünken wechselt — noch dazu um schnöden Mammons willen, nachdem er sich vorher als einen von der Natur durch einen Langschädel rassisch geadelten Idealisten klassifiziert hatte. Solche, den Charakter Chamberlains in ein sonderbares Licht rückende Widersprüche enthüllt auch sein Briefwechsel mit seiner späteren Schwiegermutter, Frau Cosima Wagner. Er kehrt immer den Antisemiten hervor und spricht sich nicht bloß über „Vollblutjuden" wie Disraeli, sondern auch über Vollblutarier, die den Umgang mit Juden dem mit „freien, edelgezüchteten, adelig kultivierten Mitarbeitern" vorziehen, sehr rüde aus. Trotzdem muß ihn die gescheite Hausfrau von Wahnfried durchschaut haben, denn sie stellt ausgerechnet dem Begründer des Rassenantisemitismus die Aufgabe, den Nekrolog für den jüdischen Wagner-Dirigenten Hermann Levi zu schreiben, und Chamberlain, weit davon entfernt, diese Zumutung mit Entrüstung abzulehnen, stürzt sich mit solcher Begeisterung auf die Abfassung der verlangten Schrift, daß der Herausgeber der „Bayreuther Blätter", Hans von W o 1 z o g e n, obwohl nicht der Begründer, sondern nur ein gläubiger Nachbeter des Rassenantisemitismus, den Levi glorifizierenden Chamberlain-Aufsatz bloß stark verkürzt zum Abdruck brachte. Der Schüler hat damit größere Konsequenz bewiesen als der Meister. Was konnte nun der „wissenschaftliche" Entdecker der jüdischen „Rassenminderwertigkeit" an dem rassejüdischen Kapellmeister Gutes finden? Hierüber gibt schon der Brief, mittels dessen Chamberlain die Todesnachricht und die Aufgabe, den Nekrolog zu schreiben, quittierte, höchst pikante Aufschlüsse. Er schreibt, daß ihn eine Art Instinkt (also derselbe Instinkt, der ihn sonst die Juden hassen lehrt), das Gefühl eingegeben habe, „als ob jemand ganz Eigenartiger, Unvergleichlicher und daher auch Unersetzlicher verschwunden wäre . . . Dieser Mann war nicht mir ein lebendiges Beispiel von der unzerstörbaren Bedeutung von Rasse (!), sondern man lernte in seiner Gegenwart eine großartige, weltgeschichtliche oder sozusagen „planetarische" Gerechtigkeit gegen die „von anderen Eltern Abstammenden", wie Goethe sie nennt. Die wenigen Male, die ich in diesem gastfreundlichen Hause war, hatte ich immer das Gefühl, ich säße nicht