Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 2 (15.1.1937)
- Date
- 1937-01-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nr. 2 — 15. Jänner 1937 DIE WAHRHEIT SedU^t*^t^ K&lcUvi/jyr$ü>t 3t£rtrt&rv,lCmJ^^ ' % W^otru ^tÄ^M, >vwt S-Ü^tfeH/ & tetefcenfce/i$ WtfnX/fcVta gq,.3 zu bringen. Das Blatt will an dem Reiseverkehr zu den -letzten Feiertagen die Beobachtung gemacht haben, daß in Tirol und Vorarlberg ausnahmslos nur arische Fahrgäste ausstiegen, während die jüdischen „Nobelfahrgäste" ebenso ausnahmslos über Buchs ins Ausland weiterreisten. Die Fixigkeit dieser Beobachtungsgabe überrascht einigermaßen, erklärt sich aber sehr leicht aus der angewandten Methode, die Judenfrage in diesem Falle nicht als Rassenfrage, sondern als — Klassenfrage zu lösen. Für das „Montagblatt" waren einfach alle Passagiere der dritten Klasse Arier, und sämtliche Fahrgäste der ersten und zweiten Klasse Juden, woraus sich für das Blatt der Anlaß ergibt, die Juden wieder einmal als „Schwerverdiener" zu entlarven, sie anderseits aber in beachtenswertem Bruche mit seiner sonstigen Haltung — nicht etwa als unwillkommene, sondern im Gegenteil als in den österreichischen Alpenländern hochwillkommene Gäste zu qualifizieren, „die sich auch beim Geldausgeben ihrer Staatsbürgerschaft bewußt sein sollten, von der sie sonst so nützlichen Gebrauch machen." Im Eifer patriotischer Fremdenverkehrspropaganda versteigt sich also das antisemitische Blatt sogar zu der Anerkennung des nützlichen Gebrauchs, den die Juden von ihren Staatsbürgerrechten machen. Leider sind seine sonstigen Beobachtungen in diesem Falle nicht ebenso zutreffend. Zunächst ist die Tatsache allgemein bekannt, daß gerade gewisse arische Kreise Auslandsreisen vorziehen, wenn auch nicht über Buchs, so umso ausgiebiger über — Passau .. Aber selbst wenn das Blatt, was natürlich nichtder Fall ist. auch nur zum Teile mit seiner Feststellung Recht hat, daß die gerügte Erscheinung „beinahe einer Demonstration gleichkam", muß es sich doch darüber klar sein, wogegen diese Demonstration sich richtete: Wogegen sonst als die unliebsamen Auswirkungen der kontinuierlichen Judenhetze in Oesterreich, die jüdischen Vergnügungsreisenden den Aufenthalt in den österreichischen AJpen verleiden. Die jüdischen Wintersportler und Sommerfrischler wollen doch nicht bloß Geld ausgeben, sondern dafür auch etwas haben: Erholung und Gastfreundschaft. An Aerger über antisemitische Pöbeleien fehlt es ihnen auch nicht im Berufsleben in der Stadt, wo das ..Montagblatt" erscheinen und Leser finden tfeuffleton. Willst du wissen? Von Professor Dr. Ismar E1 b o g e n. Berlin. Ob Wissen Macht ist, mag heute umstritten sein: unbestreitbar ist, daß Wissen Notwendigkeit ist. Jeder, der offenen Auges durch die Welt geht, stößt ständig auf zahlreiche Begriffe und Namen von Dingen und Persönlichkeiten, über die er genötigt ist, sich rasch Kunde zu verschaffen. Wir Juden insbesondere müssen jeden Augenblick für unser Judentum eintreten — für sein Sein und Werden, für seine Vorstellungen und Vorschriften, für seine Institutionen und Organisationen, für seine Sachen und seine Menschen. Jeder von uns wird fast täglich in die Notwendigkeit versetzt, sich selbst und anderen auf eine jüdische Frage rasch eine Antwort zu geben, und vermißt dann die Hilfsmittel, die ihn schnell und klar unterrichten. Um so freudiger wird ein jeder von uns das kleine Wunderwerk begrüßen, das nun schon in mehreren Auflagen erschienene Philo- Lexikon. Nachschlagebücher hat es immer gegeben, wo Menschen sich Wissen aneignen wollten. Auch wir Juden besitzen eine ganze Anzahl Enzyklopädien, die allerlei Wissen vermitteln, und gerade das letzte Jahrzehnt hat uns in Deutschland zwei großangelegte Werke dieser Art beschert, die beide ihre unschätzbaren Vorzüge haben. Das „Philo-Lexikon" als „Buch des jüdischen Wissens" reiht sich ihnen würdig an und ist ihnen in zwei Dingen unerreichbar überlegen — in seinem geringen Umfang und in seinem niedrigen Preis. Auf 800 Spalten das ganze Gebiet umfassen und nichts von Bedeutung dabei übergehen, das ist eine Kunst, die man bewundern muß. Ich bin heute ein Veteran der Enzyklopädiearbeit. Ich erinnere mich sehr wohl, in welcher Verzweiflung ich vor 35 Jahren dasaß, als ich die Einladung zur Mitarbeit an der Jewish Encyclopaedia in New York erhielt und nicht die geringste Vorstellung hatte, wie man so etwas anfaßt. Ich habe seitdem wohl an zehn jüdischen und allgemeinen Enzyklopädien mehr oder minder aktiv mitgearbeitet, traue mir daher einige Erfahrung auf diesem kann. Dazu brauchen sie nicht erst kostspielige Reisen zu unternehmen. Wenn diese Erkenntnis den österreichischen Fremdenherbergen, die noch vor kurzem Werbeprospekte mit dem Motto „Juden nicht erwünscht" den Wiener Interessenten einsandten, unangenehm geworden ist, dann müssen sie sich als gute Christen an die Bulle des Papstes Gregor IX. vom Jahre 1233 „Sufficere detexerat" halten, die den Christen empfiehlt, die Juden so gut zu behandeln, wie sie selbst in einem anderen Land behandelt zu werden wünschen. Im folgenden veröffentlichen wir einen Auszug aus dem Protokoll der Einvernahme des Herrn Shertok, Mitgliedes der zionistischen Weltexekutive, vor der Kgl. Kommission, aus welchem ersichtlich ist, daß der bekannte Mac-Donald-Brief, welchen die Zionistische Organisation als großen Erfolg von Dr. Weizmann gefeiert hatte, als ganz bedeutungslos nebenan liegen gelassen wird und daß die Kommission die Absicht hat, eine eigene Interpretation des Mandates zu geben. Shertok verlas vor der Kommission den Brief des ehemaligen englischen Premierministers Ramsay MacDonald an den Präsidenten der Jewish Agency, Dr. Chajim Weizmann, in welchem MacDonald die Forderung der Jewish Agency nach entsprechender Beschäftigung jüdischer Arbeiter bei öffentlichen Arbeiten der Regierung und der Munizipalitäten anerkennt und feststellt, daß der jüdische Anteil an den Steuer-, Zoll- und anderen Einnahmen der Regierung ein Maßstab für die Beschäftigung von Juden zu sein habe. Der Vorsitzendeder Kommission, Lord Peel: Die Königliche Kommission ist nicht daran gebunden, frühere;Trftcrpretationen des Mandates sich zu eigen zu machen. Stützen sich Ihre Argu- Cal€ Pension Echslein Semmering Gebiet zu und kann die Leistung des „Philo-Lexikons" nur als eine ausgezeichnete begrüßen. Hier ist in kürzester Zeit und auf knappstem Raum ein Nachschlagewerk von hohem Rang geschaffen worden. Selbstverständlich hatte es an den vorhandenen ähnlichen Werken gute Führer und Wegbereiter, aber es ist dabei durchaus selbständig und geht seine eigenen Wege. Solche Werke kann man nicht abschreiben, das verbietet schon die Enge der neuen Anlage — das Jüdische Lexikon hat etwa die fünf zehnfache Stärke —, man kann vielleicht einige Biographien längst Verstorbener kürzen, aber die ungeheure Masse der Artikel mußte durchaus knapp gehalten sein und daher neu geschrieben werden. Ganz davon zu schweigen, daß dieses neue Lexikon völlig auf unsere Zeit eingestellt ist und auf Fragen des Tages Antwort . gibt. Von „Arische Abstammung'" bis „Zentralstelle für jüdische Wirtschaftshilfe" findet man zahlreiche Artikel, die aus der gegenwärtigen Situation der deutschen Juden hervorgegangen sind und Wissensdurstigen willkommene Auskunft geben. Aber auch alte Stichworte sind neu angepackt und nach neuer Methode beantwortet. Das große Wunder, auf so geringem Raum einen so gewaltigen Stoff zu bewältigen, konnte nur durch vollendete Oekonomie vollbracht werden. Die besten Kenner der Materie, die in wenig Worten viel über ihren Gegenstand zu sagen vermögen, sind zur Mitarbeit herangezogen worden. An die hundert der besten Namen zählt das Verzeichnis auf, Frauen und Männer aus allen Berufen und allen Lagern; es ist wahrscheinlich, daß die Artikel über die einzelnen Richtungen innerhalb des Judentums von den eigenen Vertretern geschrieben sind und dadurch die Unparteilichkeit des Buches verbürgen. Die technische Anordnung, die der Redaktion zu danken ist, darf als außerordentlich geschickt bezeichnet werden; sie dient der höchsten Raumersparnis und vermindert nicht die Uebersichtlichkeit, der Leser muß freilich die Anleitungen „zum Gebrauch des Philo-Lexikons" (Seite V bis VII) durchlesen, sie werden ihm bei ihrer Einfachheit und Klarheit rasch zu eigen werden. Ihre höchste Vollendung findet die Oekonomie der Anlage in den großen „Gruppen"artikeln. Da sind z. B. die Leistungen der Juden in bestimmten Gebieten der Wissenschaft (Anthropologen, Juristen, Orientalisten), der Kunst (Architekten, Bildhauer, Graphiker, Komponisten, Artisten, Film), des Sports (Fliegen, Schach), Gedenket Winterhilfe der Bundesregierung! Vor allem ist diese päpstliche Bulle auch der katholischen Presse sehr ans Herz zu legen, damit sie endlich aufhört, zu den Endzielen des Nationalsozialismus, der von der Judenverfolgung zwangsläufig schon zur Christenverfolgung übergegangen ist, in Oesterreich die Wege zu bahnen. mente lediglich auf das Mandat oder auch auf andere Dokumente? Shertok: Wir sehen in dieser zusätzlichen Erklärung des damaligen Premierministers eine autoritative Interpretation des Mandates. Lord Peel: Betrachten Sie das Mandat als Bibel? Shertok: Ja, gewiß! Lord Peel: Unsere Kommission muß ihre eigene Interpretation des Mandats geben. Solche „autoritative Bedeutung" kommt also dem Dokumente zu, welches der verstorbene S o k o 1 o w auf dem 17. Zionistenkongreß in Basel als „Lichtstrahl" in den Monaten des Niedergangs bezeichnete (Protokoll S. 33) und dessen Autorität für die künftige englische Politik von den offiziellen zionistischen Führern nicht genug oft unterstrichen werden konnte. So sagte Dr. Weizmann: „Das Schreiben hat offiziellen Statut erhalten. Es ist nunmehr die Anweisung für die offizielle Politik". (S. 71.) Und Ben Gurion stellte fest: „Zum erstenmal erhielten wir ein autoritatives Dokument, das nicht unklar unser Recht auf Regierungsarbeiten, sondern auf einen mehr oder weniger gerechten Maßstab für. unseren Anteil an diesen Arbeiten festsetzt". (S. 154.) Nur Jabotinsky und die Revisionisten warnten damals den Kongreß, aber man hörte nicht darauf. Damals hat Jabotinsky vorausgesehen, daß der Brief MacDonalds ein Fetzen Papier bleiben und daß dominierend jenes die zionistischen Hoffnungen zerstörende „Weißder Wirtschaft (Finanzwesen, Handel, Industrie) usw. in je einem Sammelartikel vereinigt, so daß häufige Wiederholung des gleichen Stoffes erspart wird und der Leser ein imposantes Bild von der Gesamtleistung erhält. Was man von einem Nachschlagebuch verlangen muß, ist Uebersichtlichkeit, Vollständigkeit, Zuverlässigkeit und alle drei Vorzüge kann man dem kleinen Lexikon nachrühmen. Für die Uebersichtlichkeit bürgt nicht nur die erwähnte geschickte technische Anordnung, sondern auch der ausgezeichnete, deutliche Druck. Die Buchstaben mußten klein, die Zeilen eng sein; aber das Satzbild ist klar und einladend. Es wird belebt durch die vielen, vorzüglich gelungenen Illustrationen: 250 Abbildungen, zahlreiche Pläne, Tabellen und Uebersichten, sowie 40, zum Teil mehrfarbige Tafeln und Karten zieren das Buch; ein großer Teil von ihnen ist neu und hier zum erstenmal in einem Werk dieser Art veröffentlicht. Auch die Zuverlässigkeit hält der Prüfung unbedingt stand, das Lexikon ist zwar schnell, doch nicht flüchtig bearbeitet. Bei aller Sorgsamkeit sind Irrtümer nicht zu vermeiden, und jedes Buch enthält eine Postkarte, auf der für die Zukunft Anregungen und Verbesserungen erbeten werden — um das Buch immer vollkommener zu gestalten. Wenn wir von Vollständigkeit reden, denken wir nicht in erster Reihe an die Personalien. Darüber wird man immer verschiedener Meinung sein können, ob der eine oder andere, zumal von Lebenden, in ein solches Werk gehört oder nicht; die Grenze wird immer fließend sein, ob einer sich zu Unrecht ausgeschlossen oder von anderen vermißt sieht. So ist eben des Lebens ewig grüner Baum, daß er da Blätter abwirft, dort neue sprossen läßt. Hier ist die Aufnahme unter dem Gesichtspunkt der „Rassenlehre" erfolgt, daher zwischen Juden und Getauften nicht geschieden. Wichtiger ist die Menge der sachlichen Artikel. Auch daist, wie bereits bemerkt; in erster Reihe das Bedürfnis der Gegenwart berücksichtigt und das Stichwort so gewählt, wie man es heute braucht und nachschlägt; Verweisungen sorgen für weitere Orientierung. Vor allem aber ist die unendlich große Zahl der Artikel da, die über jüdische Religion in Ideen und Institutionen, in Geschichte und Literatur, über jüdische Menschen in ihren Gemeinden und Organisationen, in ihren Richtungen und Kämpfen, über jüdische Bestrebungen in charitativer und sozialer Beziehung, insbesondere über das neue Palästina, unterrichten. Vor einer neuen Interpretation des Palästina-Mandats? Die Königliche Kommission zerstört zionistische Illusionen.