Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 2 (15.1.1937)
- Date
- 1937-01-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdische Die Wahrheit Zeitung vom Verleger versendet „Journal expMe par l'editeur* mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" Erscheint jeden Freitag Preis 40 Groschen Redaktion und Administration; Wien 1K, Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 53. Jahrgang Wien, 15. Jänner 1937 Nummer 2 Die Endziele des Antisemitismus. Rasiere Didi gut und billig In taktischer Beziehung sind die vielfach befürchteten neuen Verschärfungen der reichsieutschen Juden Politik — wahrscheinlich wegen der akuten außenpolitischen Sorgen der nationalsozialistischen Staatslenker — bisher nicht nur ausgeblieben, sondern das neue Jahr hat uns sogar die Ueberraschung beschert, daß das Dritte Reich zum ersten Male seit seinem Bestände offizielle Edikte verlautbarte, : deren Wirkung zwar keineswegs überschätzt werden darf, die aber doch nicht anders gedeutet werden können als geradezu judenfreundlich! Am krassesten tritt dies in dem amtlichen Kommentar zu den Ausbürgerungsgesetzen zutage. Dort wird erklärt, daß die Aberkennung der deutschen Staatsbürgerschaft im allgemeinen auch den Verlust des Doktortitels bewirke, ausgenommen die Fälle, in denen die Expatriierung aus rassischen Gründen erfolgte. Hier liegt also, in aller Form - ein Aus nah ms g e s e:t zz u git n s t e n der Juden vor! Man denkt an das Nestroy- Wort: „Es ist genug, wenn man jemanden hinauswirft. Wozu noch grob sein mit ihm?" und wundert sich bloß über das Ungewohnte, daß sich die Höflichkeitsregung der Nazi da ausgerechnet auf die Nichtarier beschränkt, die doch sonst das bevorzugte Objekt der Diffamierungspolitik des Makenkreuzes bilden. Nicht weniger paradox, wenn auch für die nichtarische Allgemeinheit von minderem, weil nur für einen besonders exklusiven Gesellschaftstejl akutem Interesse ist der Gnadenakt Hitlers," durch den einigen nichtarischen Adeligen, die im deutschen Heere Offiziersrang bekleiden, die Aufnahme in die nationalsozialistische Partei bewilligt wurde, um ihre Karriere nicht zu gefährden. Dieselbe Gnade wurde auch dem nichtadeligen Herrn Milch, dem intimsten Ratgeber Görings, zuteil. Während Julius Streicher das Goethe-Wort: „Sage mir, mit wem Du umgehst, und ich sage Dir, wer Du bist!" dahin deutet, daß ein Arier sich durch den Umgang mit Juden selbst zum Juden degradiert, läßt der Gnadenakt Hitlers die Auslegung zu, daß ein Nichtarier durch den Umgang mit besonders geeichten Ariern selbst zum Arier erhöht werden kann. Das ist für den Sektionschef Milch ebenso erfreulich wie für Herrn Henkel von Donnersmark und die anderen Junker, deren Adelswappen dereinst von einer jüdischen Großmutter vergoldet worden ist. Aber für die Allgemeinheit sind alle . diese Fälle ziemlich belanglos und nichts wäre \ falscher, als aus solchen, ohne Zweifel wohlerwo-; genen gelegentliohen Abstechern von der sonst '* schroff betonten Parteidoktrin etwa ein systematisches Abweichen von den antisemitischen , Endzielen des Nazismus zu wittern. •Die Theoretiker der Partei sind jedenfalls auf dem Platze und nehmen den Mund umso voller, je sensationeller gelegentliche Konzessionen j der Taktiker an den gesunden Menschenverstand in Erscheinung treten. Rettet Hitler solchen ) Offizieren, in deren Adern zwar jüdisches, aber immerhin blaues Blut fließt, ihren Rang im deutschen Heere, so erschüttert die deutsche Glaubensbewegung die Geltung des Judengottes als Herr der Heerscharen. Läßt die Naziregierung den entrechteten Juden wenigstens die akademischen Bescheinigungsdiplome ihres Wissens, dann wird ihrem Gotte von deri, Neuheiden die Allwissenheit des Weltschöpfers abgestritten. Den reinen Logikern der antisemitischen Weltanschauung erscheint der Kampf gegen „Alljudas Weltherrschaft" aussichtslos, solange der Judengott als allmächtiger Lenker des Weltgeschehens an> erkannt wird, anstatt daß man seinen Nimbus auf den eines Nationalgottes der Juden einschränkt. In Hannover hielt Herr Manfred von Ribbentrop eine fulminante Rede gegen das Christentum. Man komme als Deutscher und nicht als Katholik oder Protestant zur Welt und deshalb könne auch nur aus dem Deutschsein der gültige Boden für eine Weltanschauung gewonnen werden. Sechs Tage gehen die Deutschen nicht zum Juden und am siebenten sollen sie in die Kirche singen: „Dir, Dir, Jehova, will ich singen". Das ist wirklich höchst inkonsequent tmd Herr Manfred von Ribbentrop rettet e<"facb>-die Logik des Oesterrelchlsclies OualHärs raDrIKal Cafe Bud&sbaum. 11. Kleine Pfangasse 0-t Tel. A 43-5-19 Treffpunkt der guten jüdischen Gesellschaft Vollständig neu renoviert Antisemitismus, indem er dessen letzte Ziele und Folgen bedenkenlos bloßlegt. Sein unbeirrbar gerades Zu-Ende-Denken ist jedenfalls verständlicher als die Doppelgeleisigkeit solcher Christen, die zwar das Alte Testament zu ihren heiligen Büchern zählen, trotzdem aber gelegentlich ihrem Judenhasse durch die Phrase von „alttestamentarischer Rachsucht" Luft machen. Manfred von Ribbentrop denkt folgerichtiger. Sein Antisemitismus verleidet ihm auch das Neue Testament: Ihm ist es „gleichgültig, ob in den Evangelien unter vielem jüdischem Schutt auch einige Edelsteine vorhanden sind, die dem Germanen etwas zu sagen haben. Das ist gleichgültig deshalb, weil die Repräsentanten des Christentums an der ganzen Bibel festhalten und behaupten, daß Jesus Jude gewesen wäre. Damit sind alle Versuche, das Christentum für Deutschland möglich zu machen, zunichte gemacht Die Väter und Mütter müssen ihre Kinder von der Kirche fernhalten." Das ist eine sehr böse Kunde für alle diejenigen, die bisher geglaubt hatten, mit dem Antisemitismus die christlichen Kirchen füllen zu können. Nichts charakterisiert den Fortschritt der Erkenntnis, welchen weltanschaulichen Endzielen der Nazismus zusteuert, besser als die Tatsache, daß zu deu vielen kirchenfürstlichen Verfassern von Hirtenbriefen, die zur Abwehr der Christen- Ueberau erhältlich feindlichen Tendenzen des Hakenkreuzes riefen, jetzt auch in besonders scharfer Weise der Erzbischof Dr. Konrad Gröber von Freiburg im Breisgau stieß. War doch Dr. Gröber im Gegensatz zu dem Erzbischof von München, Kardinal Faulhaber, der Führer jener katholischen Priester in Deutschland, die im Zusammengehen mit dem Nationalsozialismus das Heil erblickten. Die ..erschütternden Anklagen, die er jetzt gegen die religionsfeindlichen Auswirkungen der Hakenkreuz-Propaganda erhebt, dokumentieren den völligen Zusammenbruch dieser Kirchenpolitik. Das ist eine besonders eindringliche Lehre für Oesterreich, wo noch immer unheilvolle Kräfte am Werke sind, die Unterschiede zwischen dem christlichen Ständestaat und dem nationalsozialistischen Totalitätsstaate zumindest in bezu» auf die Judenpolitik zu verwischen, und das Heil von einem Judenhaß erwarten, der den Judengott zwar nicht als Objekt, dafür aber als Subjekt des angeblich auf den Juden lastenden Fluches, also als ihren Bundesgenossen werten. Solange sich diese Auffassung im Rahmen rein theologischer Aspekte hält, kann sich die jüdische Abwehr auf das treue Festhalten an den für uns tröstlicheren. Verheißungen unseres eigenen Glaubens beschränken. Leider projizieren aber die Verfechter des religiösen Antisemitismus ihre Thesen immer wieder auf das politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben. Und diesen Bestrebungen gegenüber müssen wir Juden unentwegt auf den klaren Wortlaut der österreichischen Verfassung hinweisen, daß niemand wegen seines religiösen Bekenntnisses oder seiner Abstammung Schader» erleiden dürfe. Wir sind dazu nicht nur als Juden, sondern auch als österreichische Staatsbürger verpflichtet, weil sich immer deutlicher die Erfahrung einstellt, daß der Schade, den der Antisemitismus anrichtet, nicht bloß uns Juden, sondern auch unsere christlichen Mitbürger trifft. Einen besonders eklatanten Beweis für diese Talsache lieferte die; letzte Nummer des „Wiener Montagblatts", eines Organs, das sich sonst selbst! gern die Judenhetze angelegen sein läßt, aber letzthin nicht umhin konnte, ein lehrreiches Beispiel für die wirtschaftlichen Auswirkungen dieser Hetze KOHlf«KOKS AMIHRAIIII6r f I4r Hl A S C H IV., Argentfalerstrafle 22 ♦ Tel. II 4 1 " 5 - 4