Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 1 (8.1.1937)
- Date
- 1937-01-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Bei der am 29. v. M. abgehaltenen Generalversammlung wurde wieder in s t a t u t e n w i driger Weise ein Vorstand von 18 Mitgliedern gewählt. Diesmal wurden sogar nur zwei Unionisten gewählt, den dritten hatte man, weil er momentan krank ist, trotz seiner namhaften Verdienste nicht mehr gewählt; selbstverständlich kam an seine Stelle ein Jüdischnationaler. Interessant war auch die Zusammensetzung, in der man der übrigens sehr spärlich und meistens nur von aus verständlichen Gründen interessierten Lehrern besuchten Generalversammlung den Wahlvorschlag präsentierte, der, obwohl dies ebenfalls im Statute nicht vorgesehen ist, nach „Kategorien" geteilt wurde. An die Spitze des Vorschlages wurden drei Kultusvorsteher, Dr. Isidor Klaber, Dr. Michael Steinberg und Dr. Eduard Bloch gestellt, welch letzterer bisher gar nicht Mitglied des Vereines war. Der angeblich „unpolitische" Verein sollte also in seinem Vorstand nur Kultusvorsteher jüdischnationaler Couleur aufnehmen. An die Heranziehung unionistischer Kultusvorsteher für den Vorstand hatte man überhaupt nicht gedacht und wurde dieser Vorschlag auch trotz des in der Generalversammlung von dem unionistischen Mitgliede des Elternbundes, Herrn Dr. Karl Steiner, erhobenen Widerspruches nicht geändert. Die Zahl der dem Vorstande angehörenden Kultusvorsteher wurde wohl nachträglich restringiert, aber aus einem ganz anderen Grund, denn, dem Einspruch einiger Eltern Folge gebend, wurde an die Stelle des aus privaten Gründen zurückgetretenen Dr. Steinberg der von diesen Eltern als Vorstandsmitglied gewünschte, aber im Wahl Vorschlag nicht angeführte Obmann des Religionslehrerverbandes Prof. Dr. M. Papo gesetzt, also sozusagen unter die Kultusvorsteher rangiert. Den ursprünglich nominierten drei Kultusvor- . Stehern folgten im Wahlvorschlage sechs Mittelschulprofessoren und Religionslehrer; es sitzen also jetzt sieben Mittelschulprofessoren und Religionslehrer im Vorstande des „Elternbundes", wobei zu bemerken ist, daß es sich auch hier in der überwiegenden Mehrzahl um Lehrpersonen handelt, die — gelinde gesagt — den Religionsunterricht in einer Weise betreiben, wie er von der . Mehrzahl der jüdischen Elternschaft nicht «irrgeheißen wird. Den zwei jüdischnationalen Kultusvorstehern und den in delr Mehrheit jüdischnationalen Lehrpersonen stehen im Vorstande neun Vertreter der Elternschaft gegenüber, von denen, wie gesagt, nur zwei Unionisten sind, während es bisher wenigstens drei waren. Im übrigen hat dieser Tage eines dieser unionistischen Mitglieder des Vorstandes, Frau Bundesstaatlicher Fürsorgerat Ottilie Politzer, die seit der Gründung des Vereines um dessen Ausbau überaus eifrig bemüht war, ihre Stelle im Vorstande niedergelegt. Was den der „Union" angehörigen Obmannstellvertreter des „Elternbundes" Herrn Direktor Gustav Kol min anbelangt, konnte dieser, infolge seiner Abwesenheit von Wien, weder der Generalversammlung noch der konstituierenden Sitzung beiwohnen. Erst vor zwei Tagen wurde er über die diesbezüglichen Vorkommnisse informiert — und auch da nicht durch den Vorstand —. Er behält sich vor, zu diesen ihm unliebsamen, überraschenden Ereignissen entsprechende Stellung zu nehmen und die ihm geeignet erscheinenden Entschlüsse über sein weiteres Verhalten zu fassen. So sieht der Vorstand dieses angeblich unpolitischen Vereines aus und der höchst einseitigen Zusammensetzung dieses Vorstandes, der bei seiner Konstituierung die verschiedenen Funktionen ebenfalls nach parteipolitischen Grundsätzen vergab, entspricht auch seine Tätigkeit. Am auffälligsten tritt diese Tätigkeit bei der von dem Vereine herausgegebenen Monatsschrift „Jüdische Jugend" in Erscheinung. Obwohl wiederholt schon die redaktionelle Gestaltung dieses sich „Zeitschrift für die jüdische Jugend Oesterreichs" nennenden Organs des Vereines durch die nichtnational eingestellte Leserschaft bemängelt wurde, ist es bei den geistigen Leitern dieses Blattes nicht durchzusetzen, daß dieses Blatt wirklich einen Inhalt aufweist, der der Österreich i s c h-jüdischen Jugend Anregungen im Sinne österreichischer Vaterlandsliebe geben könnte. Wir greifen nur die zuletzt erschienene Nummer der „Jüdischen Jugend" heraus. Auf keiner Seite dieses 32 Seiten starken Heftes findet sich auch Nr. 1— 8. Jänner 1937 nur ein Wort, das im österreichischjüdischen Sinne gewertet werden könnte. Diese Dezembernummer des Blattes ist, was gewiß sehr löblich ist, dem Chanukka-Feste gewidmet. Daß aber gerade eine Chanukka-Betrachtung des zionistischen Feuilletonisten Theodor Herzl gewählt wurde, welche von der jüdischen Erziehung der Kinder Herzl's spricht, die sich bekanntlich taufen ließen, zeigt eine Absicht, die nur verstimmen muß. Den größten Teil des Blattes nehmen Artikel und Berichte aus Palästina ein, was wieder nur die einseitige Tendenz der jüdischnationalen Redakteure des Blattes beweist, die es andererseits nicht für notwendig befinden, auch nur eine kurze Abhandlung österreichisch-jüdischer Gegenwart oder österreichisch-jüdischer Vergangenheit zu widmen. Die oesten ^fsffjfti^ Eises irsi-fiiiilÄaffifl 3mal täglich frisch bei «£ggr3|p^ HiBijii!iil.,Paimmiü3 i-^m Unter Aufsicht des H Rabbinates der Adas-Jisroel-(Schiffschul). ■ Ausgezeichnete Küche, zivile Preise und ■ sorgsamste Bedienung. A la Carte-Speisen WM und Menüs von S 2.— aufw. Hochzeiten, WM Diners und andere Festlichkeiten werden WM in und außer Haus elegantest ausgeführt. B Die Auflage der „Jüdischen Jugend" ist, wie dem in der Generalversammlung erstatteten Tätigkeitsbericht zu entnehmen war, innerhalb eines Jahres von 300 auf 1700 zahlende Abonnenten gestiegen. Das Hauptverdienst an dieser bedeutenden Hebung der Auflagenziffer ist dem .Administrator der Zeitschrift und Sekretär der Vereinigung, Herrn Religionslehrer Markus Pick zuzuschreiben. Seine großen Verdienste um den Ausbau Der Historiker B. Nikolajewski, Sachverständiger in dem Berner Prozeß, der nach wochenlanger Beweisaufnahme die angeblichen Protokolle, der „Weiset» von-Zion". als .eine Fälschung und ein Plagiat gerichtlich feststellte, enthüllte jüngst in einer interessanten Publikation das Bestehen einer Internationale der Antisemiten, die in Verbindung mit dem deutschen Propagandaministerium in allen Ländern eine getarnte Tätigkeit ausübt. Das wesentliche ideologische Merkmal des gegenwärtigen Antisemitismus ist die Rolle, die darin die sogenannten Protokolle der „Weisen von Zion" spielen. Dieses unsinnige Dokument ist das verbreiterte Buch unter den Anhängern des kämpferischen Antisemitismus geworden. Es ist nicht nur in alle lebenden europäischen Sprachen übersetzt, sondern auch in die wichtigsten Sprachen der Völker Asiens und Afrikas. Die Protokolle werden aber nicht nur übersetzt, sie werden auch gelesen. In Paris sind im Laufe des Jahres 1934 vier verschiedene Ausgaben des Protokolls erschienen. Der ungeheuren Verbreitung der Protokolle entspricht der Umfang ihres ideologischen Einflusses. Die ganze „Theorie" des gegenwärtigen Antisemitismus ist auf den Protokollen aufgebaut. Die antisemitische Internationale, so stellt Nikolajewski fest, besteht gegenwärtig schon und bildet einen Faktor, der bei den politischen Erwägungen unbedingt in Rechnung gezogen werden muß. In Deutschland, wo die antisemitische Bewegung streng zentralisiert und dem Propagandaministerium untergeordnet ist, ist die antisemitische Gruppe im Erfurt mit der Aufrechterhaltung der internationalen antisemitischen Verbindungen betraut worden. An der Spitze dieser Gruppe steht Oberst Fleischhauer, der im Berner Prozeß als Sachverständiger der Verteidigung aufgetreten ist. Sämtliche internationalen Verbindungen sind in der Zentralstelle in Erfurt vereinigt. Sie verfügt über bedeutende Mittel. Es ist ihr daher sehr bald gelungen, fast die gesamte antisemitische Presse der Welt unter ihren Einfluß zu bringen. Deutschland druckt jetzt mit Vorliebe antisemitische Literatur in allen, möglichen Sprachen und gibt sie zur Verbreitung im Auslande zu weit günstigeren Bedingungen ab als der reguläre Buchhandel. In den letzten zwei J^DiE WAHRHEIT des Vereines und der Zeitschrift haben aber die derzeitige Leitung des „Elternbundes" nicht gehindert, ihn dieser Tage unter ganz merkwürdigen Umständen seines Postens zu entheben. Auch der Grund für diese Maßnahme kann nur in parteipolitischen Erwägungen gelegen sein, denn die Aufbringung des minimalen Spesenbeitrages, den Herr Pick für seine vielseitige Tätigkeit von dem Verein erhielt, dürfte kaum dem „Elternbund", der ein Jahresbudget von 7500 Schilling hat, schwer gefallen sein. Auf der anderen Seite ist der jüdischnarionale Vereinsvorstand, der so kurzerhand einen der fähigsten Mitarbeiter entläßt, bei der Auswahl seiner Mitarbeiter recht wenig vorsichtig. Da wird zum Beispiel in der „Jüdischen Jugend" Propaganda für eine jüdische Berufs- und Erziehungsberatung des „Elternbundes" gemacht, die von einem Manne geleitet wird, dessen Heranziehung der heute in Oesterreich vorherrschenden politischen Ansichten absolut widerspricht. Wir haben hier nur Streiflichter auf die einseitig parteipolitische Tätigkeit dieses ganz einseitig zusammengesetzten Vorstandes des „Jüdisch-Kulturellen Elternbundes" geworfen. Noch manches wäre dazu zu sagen und wird auch noch gesagt werden müssen. Für heute genügt das hier Vorgebrachte" für die Feststellung, daß ein „Jüdisch-Kultureller Elternbund", der in dieser Weise geführt wird, nicht auf die Mitarbeit der nichtnational eingestellten Wiener jüdischen Eltern rechnen kann und darf. Nur eine sofortige Abkehr des „Elternbundes" vom Irrwege jiidischnationaler Parteipolitik kann diesem Vereine, an dem ehedem auch die unionistisch gesinnten Eltern lebhaftes aktives Interesse nahmen, davor bewahren, als das gewertet zu werden, was er heute ist, ein jüdischnationaler Ableger. h. Jahren fanden bereits zwei internationale antisemitische Kongresse statt, beide in Deutschland. Die Teilnehmerlistemi wurden geheim gehalten. Es waren Vertreter aus fast allen Ländern, auch aus Japan, Indien usw. erschienen. Es ist bezeichnend, daß die antisemitische Internationale den Kolonialländern große Aufmerksamkeit widmet. Da dort fast keine oder nur wenige Juden leben, so richtet sich die Hauptspitze der antisemitischen Agitation) dort nicht gegen die Juden, sondern gegen die Demokratie und gegen die demokratische» Länder Europas. Auf dem Kongreß ist ein internationales Büro gegründet worden. Hier befindet sich die Leitung der internationalen antisemitischen Propaganda. Es wird ein Informations-BiiUetin in drei Sprachen (deutsch, französisch, -englisch) herausgegeben, das nur an vertrauenswürdige Personen und Organisationen versandt wird. Ferner befaßt man sich zur Zeit mit der Herausgabe einer antisemitischen Enzyklopädie, die alles enthalten soll, was „die Nichtjuden über die Juden und Freimaurer wissen und denken". Dieses Werk, das in Erfurt unter Leitung des oben erwähnten Herrn Fleischhauer erscheint, istft auf sieben bis acht Bände berechnet, von denen vier bereits erschienen sind, und dürfte in bezug auf Format und Umfang nicht hinter den großen deutschen Enzyklopädien zurückstehen. Die Herausgabe dieses Werkes wird besonders streng geheimgehalten: Zum Versand ins Ausland ist eine besondere Genehmigung erforderlich. Jeder, der das Buch erhält, muß sich verpflichten, es „keinem Juden, Freimaurer oder Marxisten" zu zeigen. Außer dieser offenen internationalen Vereinigung gibt es noch eine zweite, bedeutend engere und streng geheime internationale antisemitische Vereinigung unter dem Namen „Pan-Arische Brüderschaft". Sie ist nach dem Vorbild der Freimaurer-Logen organisiert, mit geheimnisvollen Weihen, Riten usw. Es wird erzählt, daß der Ritus dieser „Brüderschaften" eine Mischung von Freimaurerbräuchen und dem Ritual der altgermanischen Ritterorden darstellt. Aufgabe dieser Brüderschaft ist die Vereinigung der vom Standpunkte des deutschen Nationalsozialismus zuverlässigsten, führenden Elemente der internationalen antisemitischen Bewegung, um diese mit Hilfe des Apparates zu beherrschen und sie den Interessen des deutschen Nationalsozialisinus dienstbar zu machen. Internationale der Antisemiten.