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Die Wahrheit · 1937-01-08 · Heft 1 (8.1.1937) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1937
Issue
Heft 1 (8.1.1937)
Date
1937-01-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Nr. 1 — 8. Jänner 1937 fTestsaal 1 _____ modern eingerichteter Bühne, für Veranstaltungen, Hochzeiten, Versammlungen sehr geeignet, empfiehlt zu günstigen Bedingungen RESTAURANT HOTEL STEFANIE II., Taborstraße 12 Telephon R 48-4-46 daß das Urteil bereits, ebenso unwiderruflich, vollstreckt war. Das längst in Kraft getretene Urteil sollte auch noch durch den zuständigen Gerichtsschreiber bei der zuständigen Strafkammer in Meiningen „gefertigt" und rechtskräftig werden. Aber es klappte nicht! Nur der Staatsanwalt, der unmittelbare Untergebene des Statthalters, tat ihm den Gefallen und schrieb gegen „Simson und Genossen" eine Anklageschrift. Doch die Geschäftsführung des „Juden Simson" scheint sich durch seltene Sauberkeit und Klarheit ausgezeichnet zu haben. Was der Staatsanwalt an „Verdachtsmomenten" zusammentragen konnte, war so entsetzlich dürftig, daß schon die Einleitung des Verfahrens von der Strafkammer abgelehnt wurde. Erst in der Berufungsinstanz konnten Herr Sauckel und sein Staatsanwalt die Durchführung des Verfahrens erreichen. Der Prozeß, den der thüringische Reichsstatthalter mit so großer Mühe durchgesetzt hatte, begann am 1. Juli und endete am 22. Dezember. Genau zwölf Monate, nachdem Herr Sauckel das wirtschaftliche Todesurteil gegen „den Juden Simson" vollzogen hatte, sprach sich das zuständige Meininger Gericht über die Frage aus, ob denn auch irgendein Delikt des Verurteilten entdeckt werden konnte. Es scheint noch Richter in Meiningen zu geben: die Antwort fiel negativ aus! Als angebliche Komplicen des „Juden Simson", gegen den „in absentia" verhandelt wurde, saßen drei seiner Angestellten lauf der Anklagebank. Zwei wurden freigesprochen, gegen den dritten, der „des Betruges schuldig befunden" wurde, ist das Verfahren auf Grund des Amnestiegesetzes eingestellt worden, da er — wie in der Urteilsbegründung gesagt ist — „n u r z u e i n e r Geldstrafe unter tausend Mark hätte verurteilt werden können". Dies war das ganze Resultat einer sechs Monate langen Verhandlung, Der Union~Fratien~KliiI» arrangiert Jeden Donnerstag ab 4 Uhr nachmittags bei der kein Geschäftsgeheimnis der Simson- Werke ungelüftet geblieben ist, und bei der den Richtern das Ziel gesetzt war, „den Juden Simson" in allerhöchstem Staatsinteresse in irgendeiner Falle zu fangen. Die Verhandlungen waren geheim und auch über das Urteil wurde nur sehr summarisch berichtet. Aber es leuchtet ein, daß, wenn die angeblichen Komplicen des „Juden Simson" als unschuldig erkannt worden sind, auch der „Jude" selber — der gleichen Delikte bezichtigt — nicht als schuldig entlarvt werden konnte. Den Meininger Richtern hat auch offenbar nur ein Rest von Courage gefehlt, um den Freispruch des abwesenden Simson auszusprechen. Sie behalien sich mit dem Ausweg, über ihn überhaupt kein Urteil zu fällen, sondern das Verfahren gegen ihn „vorläufig einzustellen". Um den Schein zu wahren, wurde ferner auch der „Haftbefehl" aufrechterhalten, der in einem früheren Stand des Verfahrens ausgestellt worden ist, aber nicht vollstreckt werden kann, solange „der Jude Simson" die Grenzen des Reiches meidet. Mehr hat der Reichsstatthalter von Thüringen bei seinen Richtern nicht durchsetzen können. Der juristische Abschluß der Simson-Affäre ist für das Regime nach alledem besonders blamabel. Der Gerichtsstempel, nach dem sich der Diktator von Thüringen sehnte, ist ihm verweigert worden. L Bridge-Cercle im Klubsaal, I., Schottenring 25. Gäste willkommen! i UmoHsJUui (Klub der Mitglieder und Freunde der „Union österreichischer Juden") I., Schottenring 25_Telephon A 19-2-77 Dienstag, den 12. Jänner 1937, 7,8 Uhr abends, im Klubsaal, I., Schottenring 25 £idkt&ildecuoclcag. £eoH Stfiaiü spricht über Jahn Qalswacthy. xd& Mensch uud JCünsiCec (Mit 50 Lichtbildern) Aus dem Inhalt: Galsworthys Abstammung, Elternhaus, Jugend, künstlerische Entwicklung, cheleben, Welterfolg als Epiker und Dramatiker, Reisen, Freundeskreis, häusliches und gesellschaftliches Leben, der gütige Mensch, soziale Hilfeleistungen, erfolgreiche Reformbestrebungen, der Freund und Helfer der Tiere, besonderer Kenner und Liebhaber von Hunden und Pferden, Begründer und Präsident des intern. Pen-Klubs, Ehrungen in der ganzen Welt und Verleihung des Nobel-Preises, Erkrankung und Tod. lin jüdisAnationaler Ableger. Wir hatteai bereits wiederholt Gelegenheit nehmen müssen, uns mit dem „Jüdisch-Kulturellen Elternbund" kritisch zu befassen. Die immer deutlicher in Erscheinung tretende jüdischnationale Tendenz dieses unter der Patronanz der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde stehenden, angeblich unpolitischen Vereines, dessen Aufgabe es gemäß seinen Statuten ist. „die Gesamtinteressen der jüdischen Schulkinder zu fördern und mittellose1 Schulkinder nach Tunlichkeit zu unterstützen", zwingt uns heute abermals, über Vorfälle, die sich in der letzten Zeit innerhalb dieser Vereinigung abgespielt haben, die Wiener jüdische Elternschaft zu informieren. Diese wird von der derzeitigen Leitung des. Vereines direkt vernebelt, welche gegenüber den jüdischen Eltern immer wieder den angebUch unpolitischen Charakter des Vereines betont. In Wirklichkeit aber ist er — wie so viele andere „unpolitische" jüdische Vereinigungen — nichts anderes als ein Ableger der Jüdischnationalen und ein gefügiges Werkzeug in den Händen der derzeitigen jüdischnationalen Machthaber der Wiener Kultusgemeinde. Daß der „Jüdisch-Kulturelle Elternbund" diese Gefügigkeit der jetzt in der Seitenstettengasse herrschenden jüdischnationalen Mehrheit gegenüber beweist, dafür sorgt in erster Linie der Obmann dieser Vereinigung, das Mitglied dieser Mehrheit, Herr Dr. Isidor K1 a b e r. Herr Doktor K1 a b e r. der bisher Obmann der Unterrichtskommission der Kultusgemeinde war, findet es für richtig, das Präsidium einer „unpolitischen" Vereinigung inne zu haben, die der Patronanz der Kultusgemeinde untersteht, also gewissermaßen in sein eigenes Ressort fällt. Um auch weiterhin ganz im Sinne der jüdischnationalen Ideen schalten und walten zu können, umgibt sich Herr Dr. K 1 a b e r mit einem Vorstande, der zum weitaus überwiegenden Teile aus jüdischnationalen Parteigängern besteht. Bis zu der am 29. v. M. stattgehabten Generalversammlung des „Elternbundes" waren wenigstens drei unter den 18 Vorstandsmitgliedern des Vereines Unioiristen. Dabei ist zu bemerken, daß die Zahl von 18 Vorstandsmitgliedern statutenwidrig ist, aber das kümmert bekanntlich die Jüdischnationalen wenig. § 6 der behördlich bewilligten Vereinssatzungen schreibt nur zehn Vorstandsmitglieder vor. Herr Dr. K I a b e r nimmt also keinen Anstoß daran, einem Vorstande vorzustehen, dessen Anzahl und Zusammensetzung eine Verletzung der Statuten des von ihm geführten Vereines ist. jüdischer Fuhrmann. Das ist freilich kein herrschaftlicher Kutscher, keiner, der auf dem Bock einer Droschke sitzt, in einem blauen Mantel und mit einem metallbeschlagenen Ledergürtel um den Leib, an dem seine Nummer hängt. Das ist nur ein einfacher Fuhrmann, der mit derben Gäulen umgeht, nicht mit zierlichen Panjewagenpferdchen. Aber wenn ihr eine Kiste Wein vom Kasino zu besorgen habt oder eine Fuhre Holz für den Winter, sagt es nur hier Josche, dem Balagolen, wie der Jargon den Fuhrmann nennt Er wird's gut besorgen. So verschmitzt er aussieht, so tüchtig und zuverlässig ist er bei der Arbeit, wenn es zuweilen ein Schnäpschen dazwischen gibt. „Man hat's nötig bei der Kälte", meint er dann zu Entschuldigung und leckt sich den „Branfen", den geliebten Branntwein, von den Lippen. Nur die Peitsche braucht er ein bißchen viel bei seinen Tieren. Wenn man ihn deshalb zur Rede stellt, meint er lächelnd: „Nu, lieber Herr, werden wir nicht auch geschlagen und geschunden, wir Menschen?" „Hast recht, Josche. Es ist ein schweres Leben heutzutage. Doch was hilft das Jammern? Weitermachen, weitermachen!" Judengasse in Wilna. Dies Gekribbel und Gekrabbel, Dies Gekreisch und dies Geschnabbel, Wie es durch die Judengasse Wogt und schrillt in ems'ger Masse, Klang einst um des Tempels Hallen. Eh' die hohe Stadt zerfallen. Alte Laute hört man sagen Aus Jesajas schweren Tagen. Mosis Wort und Davids Psalter. Zwischen Schrot und Kleiderhalter Aus Gerümpel, täglich feuchter. Ragt ein siebenarm'ger Leuchter. Um die Türen Lumpen wehen, Zions Lettern drüber stehen. Alles, was hier lacht und handelt, Ist seit, Jakob kaum verwandelt. Ew'ges Volk, umhergetrieben. Bist du selbst dir treu geblieben! Kopi eines alten Juden. „Warum malt Ihr so gern alte Juden, Meister?" fragte man einstmals Rembrandt. „Weil sich das Leid des Lebens doppelt stark in ihren Zügen ausspricht Weil sie das, was wir alle, die wir atmen, durchmachen und durchdenken müssen, noch bitterer schmecken mußten als die anderen Menschen dadurch, daß ihnen durch ihre Geburt das Dasein von vorne herein versalzen war. Weil sich in ihren vergrämten Gesichtern das Gefühl, ein Fremdling auf der Erde zu sein, das sich auf dem Antlitz der Besten ausprägt, wunderbar und erschreckend deutlich widerspiegelt. Weil sich bei ihnen von der kleinen Fläche des menschlichen Angesichts, die man mit zwei Händen zudecken kann, die Tragödie unseres ganzen Geschlechts ablesen läßt. Weil in den Runzeln ihrer Stirn, in dem Blick ihrer Augen, in den Falten um ihren Mund die schmerzlichste der Enttäuschungen, die wir im Altern von dem Stoppelfeld unserer Träume sammeln müssen, die Entäuschung über die Menschheit, erhaben ausgedrückt ist — wie in einem Monument, das man der Erbärmlichkeit der Welt gesetzt hat. Und weil sich endlich trotz all diesem die Hoffnungsseligkeit der Menschen und die Zuversicht auf ein besseres Jenseits selten ergreifender abmalen läßt als von diesen vergrämten Lippen, die den Tag mit heiligen Psalmen beginnen und ihn beschließen, indem sie ein paar dunkle Sprache aus dem Talmud vor sich hinflüstern, als wären damit die Schlüssel zum Paradies wiedergefunden." Jüdischer Maurer. „Ich bin Schmerl, der Muler. Ich kann malen, mauern und tünchen. Was soll ich Euch sonst noch von meinem Leben erzählen? Meine Frau ist mir gestorben im Krieg. Meine drei Söhne sind bei der russischen Armee. Ob gefallen, ob gefangen, ich weiß es nicht. Gott geb\ daß sie nur gefangen sind. Meine älteren Töchter sind in Wilna verblieben. Und meine Jüngste führt mir den Haushalt hier. Die Russen sind gekommen und haben uns gesagt: „In vierundzwanzig Stunden müßt ihr aus Kowno sein. Wer morgen nachmittag nach vier Uhr noch angetroffen wird, wird totgeschossen." „Hab' ich dreii leibliche Söhne bei Eurer Armee stehen", hab' ich gesagt. „Kannst du darum nicht für die verdammten Deutschen Spionagedienste tun?" hat es geheißen. „So wahr ich meine Kinder liebe, hab' ich nie einen Deutschen gesehen", hab' ich beschworen. „Ihr verfluchten Juden seid alle selber halbe Deutsche", hat man mich angeschrien. „Meine Frau ist schwanger im achten Monat", hab' ich wieder gesagt. „Sie kann sterben mitsamt dem Kind auf der Flucht" „Schon recht! So sind zwei Juden weniger auf der Welt!" haben sie mich ausgelacht Also sind wir abgezogen in vierundzwanzig Stunden: Greise, Kranke, Schwangere, Kinder, Tolle, Säuglinge. Alles durcheinander. Wie ein Rudel Hunde, die man einfängt und verjagt. So viel Jammer ist noch nicht dagewesen auf der Welt. Was uns unsere Lehrer erzählt haben von der Austreibung unseres Volkes aus Spanien in früheren Jahrhunderten, ist ein Kinderspiel gewesen gegen die Schrecken und die Vevzweiilung, die wir durchgemacht haben. Und wenn ich tausend Jahre alt würde, das könnt' ich den Russen nie vergessen, was sie uns angetan haben!" Und Schmerl, der Muler, weint, und seine Tränen tropfen in die Lehmspeise, und er streicht und schmiert mit seinen Tränen die Wände zu neuen Häusern.

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