Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 1 (8.1.1937)
- Date
- 1937-01-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nr. 1—8. Jänner 1937 DIE WAHRHEIT Erscheinung treten: beim Film. Tatsächlich schreitet die Gleichschaltung der österreichischen Filmindustrie immer weiter fort. Der Judenhaß in Oesterreich ist religiös fundiert. Der Nationalsozialismus bezieht auch den christlichen Glauben als Ausgeburt jüdischen Geistes in seinen Judenhaß mit ein. Ein Flugblatt der deutschen Glaubensbewegung, das jüngst im Dritten Reiche kursierte, enthält folgenden charakteristischen Appell: „Wann soll die Schande aufhören, daß wir zwar das Volk der größten Leistungen sind, uns aber bis zur Stunde mit dem Gottesbegriff des größten Parasitenvolkes, das die Erde kennt, mit dem Gottesbegriff der Juden, herumschlagen?" Ueber diese Frage mögen sich jene aufregen, die uns „zur höheren Ehre Gottes" seit Jahrhunderten mit allen möglichen Verleumdungen bedacht haben, auch mit der, daß wir das größte Parasitenvolk sind, und nun erkennen müssen, wie sehr diese Verächtlichmachung des Judentums letzten Endes die Fundamente ihres eigenen Glaubens unterhöhlt hat. Es ist eine vielfach verbreitete Ansicht, daß jene Politik, die einer solchen Unterhöhlung des Glaubens vor allem entgegentritt, also die Rechtspolitik mit dem Antisemitismus Hand in Hand gehen müsse. Einer der prominentesten mitteleuropäischen Vertreter der Rechtspolitik hat sich jüngst gegen diese Verquickung von Rechtspolitik und Judenhaß mit aller Schärfe gewendet. In einer sensationellen Rede im Parlament erklärte der gewesene ungarische Ministerpräsident Bethlen unter anderem: „Ungarn will freundschaftliche Beziehungen zu allen Staaten unterhalten, es will aber auch den Wohlstand im eigenen Lande vergrößern. Um dieses Ziel zu erreichen, muß man auch die Plage des Antisemitismus aus dem Organismus des ungarischen Volkes mit den Wurzeln herausreißen." Als aus dem Munde des bedeutenden Politikers und des langjährigen ehemaligen Regierungschefs diese Worte fielen, folgte eine ungewöhnliche Szene: Alle Abgeordneten ohne Parteiunterschied (mit Ausnahme der kleinen Gruppe der Nationalisten) standen von ihren Plätzen auf und applaudierten lebhaft „Die frühere Regierung Gömbös" — setzte der Redner fort — „führte unseren jüdischen Mitbürgern in Ungarn gegenüber eine Politik der Extremisierwrg und des Antisemitismus. Ich will hier eine Beichte ablegen: auch ich bin der antisemitischen Suggestion zum Opfer gefallen und habe in gewissem Sinne die Konzeption Gömbös unterstützt. Später verließ ich jedoch die Reihen der Partei, denn es wurde mir bewußt, daß ihre Methoden schändlich sind, sowohl vom menschlichen wie auch vom politischen Standpunkt, insbesondere das antisemitische Programm dieser Bewegung." „Meine politischen Gegner" — führte Grit Bethlen weiter aus — „werden versuchen, zu baweiser., daß ein Rechtspolitiker eine Politik des Antisemitismus führen müsse. Niemand wird mich beschuldigen, ich wäre ein linker, niemand wird i-i nur einen Sozialisten sehen. Und doch will ich mit allem Nachdrucke betonen: Ich bin ein Politiker der Rechten, jedoch kein Antisemit'." „Die Diktator des Antisemitismus in Ungarn muß ein Ende nehmen! Genug Schäden hat der Antisemitismus dem ungarischen Volke zugefügt! So spricht ein umsichtiger Rechtspolitiker. Und im demokratischen England haben dieser Tage in sensationellen Kundgebungen der Erzbischof von Canterbury und der Bischof von Willesden mit Entschiedenheit gegen die Versuche, in England Judenhaß zu verbreiten, Stellung genommen, weil, wie der Erstgenannte in seiner Neujahrsbotschaft ausführte, der Antisemitismus zu entsetzlichen Verfolgungen in verschiedenen Ländern, insbesondere in Deutschland, geführt hat, zu Verfolgungen jener Rasse, aus der Christus hervorgegangen ist. Die angflikanischen Kirchenfürsten wissen ebenso wie der prominente ungarische Rechtspoli- Gedenket Winterhilfe der Bundesregierung! tiker, daß sie mit der Abwehr des Nazigeistes nicht nur den Juden, sondern auch dem Christentum den größten Dienst leisten. In Oesterreich ist man noch nicht so weit. Hier hoffen gewisse Kreise noch immer, daß sie den Nazismus den antisemitischen Wind aus den Segeln nehmen und die ganze kulturvernichtende Gewalt des Hakenkreuzes auf das Judentum ablenken können, ohne selbst zu Schaden zu kommen. Mögen sie nicht zu spät erkennen, daß die Nazipamphlete gegen die sittlich-religiösen Grundlagen der abendländischen Kultur keine bloßen Phrasen und daher auch nicht lediglich mit solchen zu bekämpfen sind. Statthalter Sauckel sucht einen Stempel. Es ist ein origineller Zug des Nazi-Regimes — und verräterisch für seinen Ursprung aus dem Kleinbürgertum —, daß es immer wieder, und sogar für Akte brutalster Willkür, einen Stempel der Legitimität zu erlangen versucht. Diese seltsame Mischung von brutaler Willkür und „legistischer" Pedanterie schwebte auch, wie das Pariser „Neue Tagebuch" schreibt, über der großen „Simson-Affäre". Man wird sich erinnern: der Besitzer der Simson-Werke in Suhl, einer der bestrenommrerten Waffenfabriken Deutschlans, wurde am 21. Dezember 1935 durch Dekret eines Provinzbeamten, des thüringischen Reichsstatthalters Sauckel „enteignet". Herr Sauckel selber berief sich bei dieser „Enteignung" auf keinerlei Gesetz oder Recht — rechtlich handelte es sich in der Tat nur um Raub und Amtsmißbrauch —, er erwähnte nur sein „Einvernehmen mit dem Reichskriegsminister". Dies und die Behauptung, „der Jude Arthur Simson" habe sich bei Lieferungen an die Reichswehr unzulässig bereichert, hatten völ- Cafe Pension Echsteln Semmering lig genügt, um ein Werk von Millionenwert — aufgebaut von mehreren Generationen der Familie Simson — seinem legitimen Besitzer zu rauben. Es wird seither, auf Anordnung des „Führers", unter dem Namen „Wilhelm-Gustloff-Stiftung geführt. Damit hätte die Affäre als erledigt gelten können und dies um so mehr, als Herr Simson nicht die mindeste Aussicht hatte, vor dem Ende des tausendjährigen Reiches auch nur eine einzige Schraube seines Besitztums zurückzubekommen. Herr Sauckel, der Reichsstatthalter, läßt sich weder strafrechtlich noch zivilrechtlich zur Verantwortung ziehen, und gegen etwaige „Kritikasterei" schützt ihn die Geheime Staatspolizei. Der beraubte Eigentümer der Simson-Werke mußte in der Tat, nach dem Verlust seines Geldes, auch den Verlust seiner Freiheit und seines Lebens fürchten und wählte unter diesen Umständen den vernünftigen Ausweg, das Ende des tausendjährigen Reiches im Ausland abzuwarten. Trotzdem scheint die Sache dem Reichsstatthalter von Thüringen keine Ruhe gelassen zu haben. Ihm fehlte der Gerichtsstiempel. Es genügte ihm nicht, daß „der Jude Simson" durch ihn, in seiner höchstinstanzlichen Eigenschaft als thüringischer Diktator, unwiderruflich verurteilt und 9euiffeton. Ostjüdische Schattenbilder. Von Herbert Eulenberg. Der rheinische Dichter, vor allem durch seine literarischen „Schattenbilder" bekannt geworden, schrieb vor 20 Jahren, auf den östlichen Kriegsschauplatz verschlagen, die nachstehenden Skizzen zu Bildern von Hermann Struck. 1916 erschien das gemeinsame Werk — General Ludendorff gewidmet! — im Verlag von Stilke in Berlin und ist längst vergriffen. Ob sich Eulenberg heute dazu bekennen würde, ist eine Frage, die uns nicht hindert, einige dieser anspruchslosen Stücke der Vergessenheit zu entziehen. Die Redaktion. Jüdischer Gepäckträger. „Ach was! So etwas gibt es wirklich? Juden sind doch nur reiche Leute, die Geld zusammenscharren oder schon so viel haben, daß sie es ausleihen. Natürlich nur gegen hohe Zinsen." Also spricht der „Westler", der zum ersten Male in den Osten kommt, und schaut sich den alten Kerl, der seinen Koffer vom Zuge zur Droschke schleppt, auf der natürlich ein jüdischer Kutscher sitzt, noch einmal von der Seite an. Richtig! Es kann stimmen im Profil. Aber er sieht gar nicht wie ein Großkapitalist aus. „He, alter Freund, wieviel nehmt Ihr ein jeden Tag?" „Wieviel ich einnehme?" wiederholt der Alte nach hiesiger Art die Frage und wischt sich unter seiner Last über die Stirn. „Nu, wie Gott gibt, amol zwei Mark, amol drei Mark, amol garnischt" „Und amol auch mehr nicht wahr?" „Eso soll ich gesund sein, wie ich nischt mehr verdiene als drei Mark", beteuert der Alte. „Gott wird dich gesund sein lassen. Hier habt Ihr fünfzig Pfennig und noch einen Groschen dazu. Ihr nehmt doch deutsches Geld?" „Daitsches Geld? Warum n'icht? Gott soll Aich behieten vor allem Bösen und Aier Weib und Aier Kinderleben dazu, gutter Herr!" Der Wagen klappert davon. Der Alte blickt ihm nach wie dem Leben, das an ihm vorüberfährt. Dann schaut er auf das Geld in seiner Hand. „Was für Fragen ain Goi tun kann" denkt er und geht seufzend gemächlich wieder an seine Arbeit zurück. Der alte Judenfriedhof. Ganz anders wie der weltberühmte von Prag, der einer versunkenen Totenstadt gleicht, eingeklemmt zwischen hohe, neue Mietshäuser, einem muffigen Seelenghetto, das wie ein Alpdruck auf unserer Erinnerung lastet, ist dieser fünfhundertjährige Friedhof von Wilna wie ein Stück Vergangenheit, das auf der grünen Wiese der Gegenwart weidet. Am Ufer der Wilija. Ein Nachen trägt uns hinüber über den schnellströmenden Totenfluß. Noch ein paar Schritte drüben am Strand. Da ruht schon wie ein Häuflein welker Blätter Judengrab bei Judengrab. Mitten auf einer Wiese, die ein hoher grauer Bretterzaun umschließt. Fast alle Grabsteine sind verwittert, zerbröckelt und zerfallen. Ihre Ziegel und Klötze modern zerstreut im Grase. Ein paar Kühe grasen auf dem welligen Rasengrund neben dem Friedhof. Campagnastimmung umweht uns. Hier und da schaut uns von den Ueberresten der übermoosten Grabsteine noch die krause Schrift Palästinas an. Mit schwarzen oder goldenen hebräischen Lettern. Von den Grabhütten ist der Mörtel abgebrochen, sind die Dächer vermorscht Am ergreifendsten aber sind die vielen Gräber, die völlig versunken und von der Erde wieder verschluckt worden sind.' Wie winzige Maulwurfshügel, vom Grün überwachsen, wie niedrige Wellenkämme des Todes sehen sie aus, diese zahllosen Ruhestätten längst verstorbener Kinder Israels, die statt am Jordan an der Wilija schlummern. Grab des Ger Zedek in Wilna. Ein riesiger Baum fällt uns auf unter den wenigen, die dort wurzeln. Ohne Stamm wächst er in fünf großen, auseinandergeworfenen Aesten unmittelbar aus der Erde. Wie eine gewaltige Kröte oder ein Krokodil, irgend etwas Beinloses, sieht er von weitem aus. Oder auch wie ein verschrobener alter Mann. Tuchfetzen, Holzstücke und Steine, von den Besuchern des Friedhofs dorthin gebracht und längst grau und schmutzig geworden und verwittert, schmücken ihn wie ein trauriger Zierat. Er ist aus dem Grab des Ger Zedek emporgewachsen, eines reichen polnischen Grafen, der vor zweihundert Jahren zum Judentum übergetreten ist. Nicht aus Liebe zu einer schönen Jüdin, wie sie Grillparzers spanischen König ergriff. Sondern aus Verein ung für die Gotteslehre Moses, die Regeln des Pentäteuch und die Geheimnisse der Kabbala. Der Baum hat den Grabstein gesprengt, wie das übermächtige methaphysischen Verlangen nach Weisheit einst die Lebensgewohnheiten dieses Grafen zerbrach und ihn aus dem glänzenden Kreis der Seinen als armen bekehrten Juden in die Synagoge trieb. Er bedarf nicht des Regens, dieser seltsame Baum, heißt es in der Chronik, weil er von den Tränen, die um den Ger Zedek vergossen worden sind, durchtränkt ist. Denn der Polengraf wurde wegen seines Uebertritts zum Judentum an dem Fuß des Schloßberges zu Wilna verbrannt. Eine goldene Treppe soll sich von seinem Scheiterhaufen zum Himmel aufgetan haben, wie die Leiter, die Jakob \m Traume sah, von lichten Reihen von Engeln umsäumt. An ihrer Spitze hätte der Erzvater Abraham den Ankömmling empfangen. Die Ueberreste des Ger Zedek aber bargen die Häupter der Gemeinde zu den toten Leibern der Ihrigen. Zwischen den Leichen Israels und dem rührenden' Gräberkehricht schläft nun unter dem rätselhaften Baum am Ufer der schnellströmenden Wilija die Asche des polnischen Grafen.