Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 1 (8.1.1937)
- Date
- 1937-01-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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V. b. b. Zeitung vom Verleger versendet „Journal expedie par l'&iitenr" Jüdisdie IDodtensdirilT j| JÄ IJA immL M>L m ■ ■ mit ^en Verö^ent,icnun^en der IrIJfc Mr Ulli IHbll „Union österreichischer Juden" Erscheint jeden Ereitag Preis 40 Groschen 1JT 1 - 0) hü ..........................................,.„....., Redaktion und Administration: Wien IL, Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 53. Jahrgang_ Wien, 8. Jänner 1937 Nummer 1 Keine Plxrasen. In einer Neujahrsrede hat sich Bundeskanzler Dr. Schuschnigg gegen eine Politik bloßer Phrasem gewendet. Was im Namen der autoritären Regierung kundgetan wird, vor allem das, was in der Verfassung steht, soll von der Bevölkerung für bare Münze genommen werden und nicht für leeres Gefasel, über das man sich ungestraft hinwegsetzen darf. Im Sinne dieser Ausführungen erfolgten dann auch bereits einige behördliche Maßnahmen: Eine Umbildung der steiermärkischen Landesregierung mußte über Einschreiten Doktor Schuschniggs rückgängig gemacht werden, weil sie der Bundesverfassung widersprach. Ein Gasthaus in Höchst (Vorarlberg) wurde auf 14 Tage gesperrt, weil die Wirtsleute aus politischer Ranküne die Winterhilfsaktion der Regierung boykottiert hatten. Man weiß sofort1, auch ohne daß es erst erklärt werden muß, was für eine Politik das ist, die gegen eine Hilfsaktion für die Aermsten in Erscheinung tritt: Ein solches Heldenstück ist einzig und allein dem Hakenkreuzgefete zuzutrauen. Das Hakenkreuz ist der böse Störenfried, auf dessen Konto 98 von 100 Widersätzlichkeiten gegen die österreichische Verfassung und die Befriedung des Volkes zu buchen sind. Gegen das Hakenkreuz, es mag offen oder getarnt sein Unwesen treiben, muß sich daher die Schärfe aller obrigkeitlicher Maßnahmen, die verhindern sollen, daß die österreichische Verfassung bloß Phrase, bloß toter Buchstabe bleibt, in erster Linie wenden. In der österreichischen Verfassung ist auch die konfessionelle Gleichberechtigung aller Staatsbürger ausgesprochen. Leider gibt gerade dieser Punkt den häufigsten AnJaß zu der Auffassung, daß es sich nur um eine leere Phrase handle; ein Irrtum, der sich um so verhängnisvoller auswirkt, als er nicht bloß in regierten, sondern sogar in regierenden Kreisen, d. h. bei Persönlichkeiten, die irgend eine behördliche Funktion ausüben, zu finden ist. Eine solche Persönlichkeit ist beispielsweise Hofrat Dr. Hans Zwanzger in semer Eigenschaft als Obmann der vom Unterrichtsministerium geschaffenen Vereinigung „Theater der Jugend". Diese Institution besitzt kein eigenes Theater, sondern nimmt die Gastfreundschaft der Weltruf genießenden Wiener Bühnen in Anspruch und es gereicht den Leitern dieser berühmten Kunststätten zur höchsten Ehre, daß sie den Ehrgeiz zeigten, ihren jugendlichen Gästen das Beste vom Guten zu bieten, und sich daher bei der Auswahl der Stücke und Darsteller einzig und allein vom künstlerischen Maßstab leiten ließen. Diese Ambition hat ihnen folgenden merkwürdigen Protest eingebracht: „Vereinigung der Theater der Jugend. — Wien, am 7. Dezember 1936. — Mitteilung: Der Vorstand hat in seiner letzten Sitzung zu der vielseitigen berechtigten Klage Stellung genommen, daß wiederholt in der Besetzung einzelner Aufführungen das natürliche Recht der bodenständigen christlichen Künstlerschaft auf eine entsprechende Mitwirkung bei den Darbietungen für die Jugend in aulfallender Weise hintangesetzt wurde. Die Leitung des Theaters der Jugend stellt fest, daS sie oft in letzter Stunde von einer Besetzung überrascht wurde, gegen die sie energischen Einspruch erheben mußte. Nunmehr gestützt auf einen öffentlichen Protest und auf die von ihr unternommenen Schritte, gibt sie der Hoffnung Ausdruck, daß die Theaterdirektionen in Hinkunft eine Herausforderung der genannten Art unbedingt vermeiden werden. — Mit kollegialem Gruße für die Vereinigung der Theater der Jugend Hofrat Doktor Hans Zwanzger." Das „Theater der Jugend" bietet da das groteske Schauspiel, daß die Auslese der Künstier nach ihrer Befähigung und nicht nach ihrem Taufscheine als eine — Herausforderung gewertet wird. Mehr als kühn ist es, diese Umwertung aller künstlerischer Werte im Namen Wienerischer Bodenständigkeit zu verfechten. Wer in der Stadt, zu deren Weltruf als Theater- und Kunststadt Schauspieler wie Sonnenthal, Weiße, Palenberg und viele Nichtgetaufte rühmlichst beigetragen haben, gegen das Auftreten jüdischer Cafe Buchsbaum 11. Kleine Pfangasse 21 TeL A 43-5-19 Treffpunkt der guten jüdisdwn Gesellsdiaft Vollständig neu renoviert Bühnengrößen protestiert, der beweist damit nur den Mangel seiner eigenen Bodenständigkeit ins der Wiener Kunst. Es ist ja auch gar kein Geheimnis, woher der Wind, der da als Sturm im Wasserglas tobt, eigentlich weht. Seine Herkunft aus dem Dritten Reiche, wo nicht die Muse, sondern die arische Großmutter die künstlerische Weihe verleiht, ist unverkennbar. Nun ist es bekanntlich gerade das Dritte Reich, dem gegenüber unsere Regierung beharrlich die kulturelle Eigenart Oesterreichs betont. Man wird manche maßgebende Faktoren darüber aufklären müssen, daß Eigenart nicht durch Nachahmungssucht dokumentiert wird und daß der bodenständigen. Kultur Oesterreichs ein schlechter Dienst erwiesen wird, wenn man sie ausgerechnet durch geistige Konterbande aus Nazideutschland zu befruchten sucht. Das geschieht aber ohne Zweifel, wenn man jüdische, für die österreichische Kunstnote repräsentative Schauspieler hungern läßt, den 70. Geburtstag des jungverstorbenen Sängers der Wiener Bodenständigkeit („Mein Liebchen wohnt am Donaustrand" u. a.) Krakauer totschweigt, jüdische Autoren von den Bühnen verbannt und so in die groteske Zwangslage kommt, in der klassischen Stadt bodenständigen „Humors", dem Silvesterpublikum des Burgtheaters retchsdeut- Oesterrelchlschcs Qaalltäfs-ralNlkaf Ueberau erhältlich sehen Humorersatz vorsetzen zu müssen, um nur ja dem Arierprinzip Rechnung zu tragen. Was dabei herauskam, registrierte die „Reichspost" — also kein „Judenblatt" — mit den dürren Worten: „Eine größere Bereitschaft zum Lustigsein bringt selten ein Publikum mit ins Theater als ein Silvesterpubfikum. Wenn ein solches Publikum ungnädig wird, dann muß es schon mit ausgesuchtem Raffmemem gereizt werden . .." Und dieses Raffinement bleibt nicht aufs Theater beschränkt. Die Gewerkschaft der österreichischen) HandelsangesteUtemi, die zu einem großen Prozentsatz aus Juden besteht und auch von einem Juden gegründet worden ist, von dem früheren Gehilfenobmann Karl Pick, dessen jüngst anläßlich seines 70. Geburtstages im jetzigen Verbandsorgan überaus ehrend gedacht worden ist, bescherte ihren Mitgliedern als Weihnachtsgabe ein Buch — ein an sich schöner Gedanke, die Hauptüberraschung aber war, daß ausgerechnet ein im gleichgeschalteten Berliner Ullsteinverlag erschienenes, vom „Völkischen Beobachter" gelobtes Machwerk neudeutscher Talenrlosigkeit zur Verteilung gelangte. Unter solchen Umständen kann man es begreifen, daß gewisse österreichische Schriftsteller sich bemühen, sich dem Wiener Publikum dadurch in Erinnerung zu rufen, daß sie ihren größten positiven Vorzug, nämHch ihre arische Abstammung zur Grundlage einer neuen Organisation machten, eines „Bundes deutscher Schriftsteller Oesterreichs". 7war scheiterte ciie offizielle Aufnahme des Arierparagraphen in die Statuten an dem Widerspruch des Ministers Hammersfein- Equord, aber die Mitglieder dürfen mit der Wiener Intelligenz, die für solche Fälle unfreiwif- Iigen Inkognitos das diskrete Verständnis: „Eh schon wissen . . ." bereit hält, rechnen und hoffen, daß man ihnen schließlich dieselbe Fähigkeit, leere Häuser zu machen, zutrauen wird, wie den Kunstexporteuren aus dem Dritten Reiche. Dieser Export muß zwangsläufig am meisten auf jenem Gebiet künstlerischer Produktion, das auf den reichsdeutschen Markt angewiesen ist, in OHIE«KOKS ANTHRAZIT Iiiree S««rs" BÄSCH, Inhaber: Dr. RICHA V 415 49