Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 57 (31.12.1936)
- Date
- 1936-12-31
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Nr. 57 — 31. Dezember 1936 Seite 5 1 scnmucKnnS von Grauen Ig, und Gräbern m LeopoldQBUtschJienXI. lig einzige jüdische Gärtnerei beim g&L Zentralfriedhof I. Tor. Tel. U 13-0-40 |g||k Zentralfriedhof IV. Tor, Tel. U 17-0-08 Slip Eigene Kulturen meiste davon ist verraucht und vergessen. — aber nicht alles. Und von einsichtigen Männern wird behauptet, jetzt sei der richtige Zeitpunkt gekommen, um die Hintergründe dieser Art von Progaganda festzustellen. Es ist angeregt worden, durch ein objektives Komitee feststellen zu lassen, aus welchen Triebfedern und von welchen Personenkreisen eigentlich diese Art von Propaganda ausging, die sonst dem amerikanischen Volkscharakter fernliegt. Jedenfalls braucht sich didses Komitee nicht mehr um den vielgenannten Vater Coughlin zu kümmern, der durch seine Angriffe auf Roosevelt im Radio und in Wahlreden dem Vatikan viel Kummer bereitete. Die Wahl sprach sich in so eindeutiger Weise gegen die von ihm begründete ,-,NationaI Union for Social Justice" aus, daß sein schon in den vorausgehenden Wochen wankender Ruhm nun gänzlich verblaßt ist. Er zog die Konsequenzen und verließ die politische Arena, auch das Radiopult. Ob er das aus eigener Erkenntnis getan hat oder auf vatikanischen Zwang, läßt sich nicht erkennen. In der kurzen Zeit seiner Popularität hat er versucht, durch Angriffe auf die Juden seinen Worten mehr Nachdruck zu verleihen. Das war aber alles so demagogisch und so schlecht begründet, daß man nachträglich meinen möchte, er habe seiner Sache dadurch besonders geschadet. Jedenfalls wird sein Rückzug auch von nichtjüdischen Kreisen als eine Befreiung empfunden und als ein Schritt zur Reinigung der politischen Arena. Richter Brandeis. Mitten in seiner Berufstätigkeit hat der amerikanische Richter Louis D. Brandeis seinen 80. Geburtstag gefeiert. Die Anerkennung seiner Verdienste durch sämtliche Regierungsstellen ist ein Bewel3 für die Objektivität amerikanischen Denkens: denn Brandeis ist einer der Richter des amerikanischen Supreme Court, die durch ihren Einspruch die Verfassungsmäßigkeit mancher Maßnahmen der jetzigen Regierung bezweifelten ünd dazu zwangen, neue Wege zu suchen, um das sozial Notwendige durchzuführen. Die jüdische Zeitung „American Hebrew" hat eine Sondernummer zu Ehren des Jubiläums herausgegeben, in der, angefangen vom Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten, John N. Qarner, alle möglichen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens ihm ihre Verehrung ausdrückten: Kabinettsmitgüeder, Governors der Staaten, Senatoren, Richter usw. Brandeis gilt als vermutlich der beste Kenner der amerikanischen Verfassung — und das ist eine Angelegenheit, die jedem Amerikaner aufs persönlichste am Herzen liegt. * In New York lebt Mr. Leopold Dubov, dessen neu ausgearbeitete hebräische Blindenschrift jetzt für den allgemeinen Gebrauch angenommen worden ist. Seit 1928, als Louis Braille die erste Blindenschrift erfand, wurden mehrfache Versuche iiur Ausarbeitung einer hebräischen Blindenschrift unternommen, vor allem in England und Palästina. In fünf Jahren gelang es Mr. Dubov, seine hebräische Blindenschrift zur internationalen Anerkennung zu bringen, vor allem auch bei den leitenden Körperschaften in London, Wien und Jerusalem. Mr. Dubov ist selbst blind und Herausgeber der jüdischen BImdenschrift-Zeitschrift in New York. Das Sehnen nach einer Vertiefung des religiösen Lebens ist hier groß, und seit kurzem fst eine Bewegung im Aufbau, die hier neue Möglichkeiten schaffen soll. Es hat sich ein Komitee gebildet, das religiöse Gleichgültigkeit in Amerika überwinden soll; es findet Unterstützung von der Seite führender Rabbiner. Die Beobachtung, daß religiöse Gleichgültigkeit sowohl in jüdischen wie in christlichen Kreisen Amerikas weitverbreitet ist, hat zu einer Gegenbewegung geführt. Es läßt sich vorläufig noch nicht beurteilen, wie weit ihr wirklicher Brfofe beschieden sein wird. 1000Agitatoren für Rasse-Propaganda. Der Leiter des Rasse-Departements in Berlin, Walter Gross, veröffentlicht einen offiziellen Bericht über die Tätigkeit seines Departements, aus dem hervorgeht, daß ein Stab von 1000 Agitatoren, die eine spezielle Ausbildung für rassische Propaganda erhielten, gegenwärtig unter Aufsicht des Rasse-Departements im ganzen Reich tätig ist. Wie aus dem Bericht hervorgeht, soll die rassische Propaganda noch weiter verstärkt werden; zu diesem Zwecke wird eine besondere Reichsschule zur Ausbildung von . Agitatoren, die das Volk über die Rassetheorie des Dritten Reiches aufklären sollen, geschaffen werden. Gross fordert jeden Deutschen auf, das Rasse-Departement in seiner Arbeit durch weiteste Verbreitung rassischer Propaganda zu unterstützen. . Nach den Mitteilungen von Gross hat das Innenministerium an alle Staatsbeamte eine Order ergehen lassen, den vom Rasse-Departement im ganzen Reich arrangierten besonderen Gruppenkursen beizuwohnen. Alle über das Rasseproblem erscheinenden Publikationen der deutschen Berufsiournalisten müssen vorher dem Rasse-Departement zur Zensur eingereicht werden. Bibel Illustrationen müssen aus deutschen Schulen entfernt werden. Die Behörden in Thüringen erließen eine Verordnung, wonach aus Schulräumlichkeiten alle Bilder zu entfernen seien, die die Geschichte der Juden im Alten Testament illustrieren. Die Verordnung, die an die Schuldirektoren gerichtet ist, empfiehlt es als wünschenswert, im Religionsunterricht sich in möglichst hohem Maße des „Stürme r" zu bedienen. Dadurch — so wird erklärt — können wir unseren Kindern am überzeugendsten zeigen, wie die Juden in den letzten 2000 Jahren unverändert geblieben sind. Eine gefallene Größe. Der Reichsrechtsführer Dr. Frank hat den Reichsgruppenwalter des nationalsozialistischen Rechtswahrerbundes Staatsrat Professor Carl Schmitt auf dessen „eigenes Ansuchen" am seinen Aemtern entlassen. Staatsrat Carl Schmitt war bisher der Reichsgruppenwalter der Hochschullehrer und Leiter der wissenschaftlichen Abteilung im nationalsozialistischen Rechtswahrerbund. Zu dieser Entlassung bringt das „Neue Wiener T a g b 1 a 11" einen Artikel, in dem es u. a. heißt: Wie so viele deutsche Gelehrte, konnte auch Schmitt der Versuchung nicht widerstehen, sich demonstrativ mit beiden Füßen auf den Boden des Nationalsozialismus zu stellen, wo ihm neue und große Erfolge winkten. Er wurde der Kronjurist des Dritten Reiches, für alle gesetzgeberischen Seltsamkeiten, die das Kopfschütteln der Juristen in der ganzen Welt erregten, stellte er die wissenschaftliche Apparatur bei, und es kostete ihn auch nicht viel Ueberwindung, laut in das antisemitische Horn zu blasen, um das Wohlgefallen der neuen Gönner zu verstärken. Sein Aufstieg war so jäh, so glänzend und in die Augen stechend, daß ihm viele Neider erwuchsen. Wenig nützte ihm, daß er noch kürzlich in München, wo bekanntlich eine Hochschule des Judenhasses mit förmlichen Lehrkursen und Seminaren abgehalten wird, über den verderblichen Einfluß des Judentums in der Rechtswissenschaft sprach. Die Gesinnungsschnüffler ließen nicht locker, sie stöberten in den vomationalsoziah'stischen Jahren Carl Schmitts herum und stellten unter Beweis, daß seine_ nationalsozialistische Ueberzeugung ebenso zweifelhaft sei wie seine hitzig und temperamentvoll betonte Feindschaft gegen die Juden. Man entdeckte in Schmitts brauner Gesinnung verdächtige schwärzliche Flecken eines „politischen Katholizismus" und, was noch schlimmer, den gelben Fleck einstiger Judenfreundschaft. Das „Schwarze Korps", das offizielle Sprachrohr der mächtigen SS, weiß zu melden: „Juden waren seine Freunde. Juden bahnten ihm den Weg, ihnen widmete er Bücher." Eine ganze Reihe jüdischer Gelehrter wird angeführt, Gönner, Förderer und Mitarbeiter Carl Schmitts, so Wilhelm Fuchs, Erich Kaufmann, Moritz Julius Bonn, Hugo Preuss, Jacoby. OerlaDSt in Gafte usw. „Die Wahrheiri Semeindedkromk. Trauung. Sonntag, den 27. Dezember, fand im Stadttempel die Trauung des Fräulein Gertrude Tic ho, Tochter des Vizepräsidenten der „Union österreichischer Juden", Herrn Rechtsanwalt Dr. Josef Ticho und Frau, mit Herrn Rechtsanwalt Dr. Ernst Politzer, Sohn des Herrn und Frau Hermann Politzer statt. Im dichtgefüllten Tempel sah man u. a. den Präsidenten der israelitischen Kultusgemeinde Staatsrat Dr. Desider F r i e d m a n n, die Kultusvoristeher Regierungsrat Dr. Hermann Oppenheim, Dr. Ernst Feldsberg, Friedrich Feuer, Baurat Wilhelm K e in p 1 e r, Geza K 1 i n g e r, Dr. Leonhard M a i e r, Dr. Leopold Plaschkes, Börsenrat Heinrich Popper, Dr. Maximilian Stiglitz, Dir. Jacques W e i g e r, ferner Professor Doktor Alois Pick, den Ehrenpräsidenten der „Union" Dr. Jakob O rns t ein, Rabbiner Dr. Rosenmann, Rabbiner Dr. Kaminka, Prof. Doktor S. Kraus, zahlreiche Zentral Vorstandsmitglieder und Vertrauensmänner der „Union", die Bethausvorsteher Julius Berger, Franz Den es und Dir. S. K u h n e r, Architekt M e 1 c h e r, die Tempelvereinsobmänner Max Eisne r und D. Wollner, Börsenrat Ign. Glück, Vorsteher S. K o h n, Amtsvorstand Emil Engel, Reg.-Rat Dr. Emil Adler. Oberkantor S. P o s t o 1 o w, viele in jüdischen Frauenwohltätigkeitsvereinen führende Damen u. v. a. Unter Orgelklängen und Cellosolo des Cellovirtuosen Theo S a 1 z m a n n zog der Tramingszug in den Tempel ein. Die Oberkantoren Fischer und Matyas versahen die kantoralen Funktionen in schöner Weise. Der treffliche Chor unter Leitung des Kapellmeisters Fuchsgelb sang die Sulzer'schen Hochzeitsgesänge in vollendeter Weise. Oberrabbiner Tag Ii cht hielt an das Brautpaar eine herzliche, formvollendete Ansprache, in der er inisbesondere die Tätigkeit des Brautvaters hervorhob, der in seinen Bemfskreisen, in denen er ehrenvolle Anerkennung genießt, sowie in der jüdischen Gemeinschaft überaus ersprießlich wirkte, ebenso wie sich der Vater des Bräutigams in der Kaufmannswelt größte Beliebtheit :,r>d Achum.; erwarb. Brautpaar und Brauteltern wi.ren (it.:..en tand herzlichster Sympathiekundgebungen seiten-. der zahlreichen Hochzeitsgäste, insbesondere nahmen die Mitglieder der „Union österreichischer Juden" an der Freude der Familie ihres beliebten Vizepräsidenten innigen Anteil. Der neue Oberrabiner von Palästina- Nach einer nicht unbeträchtlichen, durch die Zeitverhältnisse bedingten Verzögerung hat jetzt in Jerusalem die Wahl des Nachfolgers von Raw Kock s. A. zum Oberrabbiner von Palästina stattgefunden. Die tSellung des Oberrabbiners in Palästina ist nicht unwesentlich verschieden von der, die die Träger des gleichen Titels in anderen Ländern der Welt einnehmen. Abgesehen von dem großen moralischen Einfluß, den das Jerusalemer Oberrabbinat selbst auf diejenigen jüdischen Kreise im Lande ausübt, die seiner amtlichen Einflußsphäre nicht unterstehen, hat es eine besondere Position den staatlichen Behörden gegenüber. Dieue wie so vieles andere im gesetzlichen und konstitutionellen Leben des Landes ist noch ein Ueberbleibsel aus der Zeit der türkischen Herrschaft, in der die religiösen Oberhäupter, unter ihnen auch der „Chacham Baschi" (Oberrabbiner), ihre Gemeinden nicht nur in religiöser, sondern auch in weltlicher Hinsicht vertraten. Manches von dieser Stellung ist, wenn auch in abgeschwächter Form, bis auf die heutige Zeit erhalten geblieben. Der Wahlakt selbst, durch ein „Sanhedrium" von siebzig Wählern aus Rabbiner- und Laienkreisen vollführt, bot ein Schauspiel von besonderem Interesse. In den Tagen der Wahl war Jerusalem gefüllt von den Gestalten der Rabbonim aus dem ganzen Lande — sephardischen sowohl wie aschkenasischen —, die mit ihren verschiedenen religiösen Ornaten und ihren Prophetengesichtern eine besondere Note in das Stadtbild brachten. Die Wahl des Oberrabbiners von Irland, Doktor H e r t z o g, wurde allseits mit Befriedigung aufgenommen. Auch Kreise, deren religiöses Interesse gering ist, sind angenehm berührt von der Tatsache, daß der neue Oberrabbiner Palästinas