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Die Wahrheit · 1936-12-31 · Heft 57 (31.12.1936) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 57 (31.12.1936)
Date
1936-12-31
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Die linionisten verhindern eine überflüssige Belastung der Steuerträger. Das entschlossene und zielbewußte Eintreten der unionistischen Mandatare des Kultusvorstandes für die Interessen der Wiener Judenschaft hat verhindert, daß die Wiener Judenschaft neue Belastungen rückwirkend für das Jahr 1936 in der Höhe von zirka S 500.000.— auferlegt wurden. Kaum hatten die Jüdischnationalen ihren Pyrrhussieg am 8. November erstritten, als sie schon daran gingen, kraft ihres Majoritätsverhältnisses ihre dauernd geübte Belastung&politik für die Angehörigen der Kultusgemeinde fortzusetzen. Durch ein an alle Steuerträger gerichtetes Rundsdireiben wurden dieselben aufgefordert, freiwillig einen zwanzigprozentigen Zuschlag zu jhrer Kultussteuer zu entrichten, durch weiche Leistung es der Kultusgemeinde ermöglicht werden sollte, das Defizit, das durch die kontrollose Wirtschaft im Jahre 1936 entstanden war, abzudecken. Diese Zuschrift an die Steuerträger erging nicht vor den Wahlen, um ja nicht durch diese Aufforderung auch nur eine Stimme zu riskieren oder die Wahlfondsspenden zu reduzieren, sondern erst nach den Wahlen, also zu einem Zeitpunkte, wo der Wählerschaft nicht mehr die Möglichkeit geboten war, über die Steuerpolitik der Kultusgemeinde durch den Stimmzettel ihr Votum abzugeben. Die Steuerträger haben den Appell der Kultusgemeinde Folge geleistet und in der kurzen Frist von kaum einem Monat bereits mehr als S 100.000.— auf diesen zwanzigprozentigen Zuschlag eingezahlt. Die bisherigen Eingänge genügten aber der Majorität des Kultusvorstandes noch immer nicht, sie wollten daher knapp vor Jahresschluß in letzter Stunde diesen freiwilligen Zuschlag in einen Zwangszusdhlag umwandeln. Wenn dieser freiwillige zwanzigprozentige Zuschlag tatsächlich dazu gedient hätte, die Fürsorge auszubauen, die Winterhilfsaktion zu fördern und andere soziale Zwecke zu unterstützen, dann wären die Steuerträger sofort bereit gewesen, den zwanzigprozentigen Zuschlag einzuzahlen, denn es muß jeder Jude in Wien mit allen Kräften dazu beitragen, den bedürftigen Juden zu helfen. Allein die Steuerträger haben eine gute Nase, bei näherer Ueberprüfung der vom Präsidium dem Vertreterkollegium und dem Kultusvorstande erstatteten Berichte mußte festgestellt werden, daß es sich nicht darum handelte, dem Fürsorgewesen Mittel zuzuführen, sondern daß es sich darum handelte, das Defizit des Jahres 1936, dessen Höhe innerhalb acht Tage in den Angaben des Präsidiums um S 100.000.— herabgesetzt wurde, abzudecken. In der am 21. Dezember 1. J. abgehaltenen Sitzung des Vertreterkollegiums wurde berichtet, daß das Defizit der Kultusgemeinde pro 1936 zirka S 250.000.— betrage. In der nach zirka drei Tagen folgenden Plenarsitzung mußte der Präsidialbericht zugeben, daß das Defizit eigentlich nur S 200.000.— betrage und schließlich mußte der Finanzreferent bekennen, daß es tatsächlich nur zirka S 150.000.— ausmache. Eine Ueberprüfung dieses Abganges konnte natürlich nicht vorgenommen werden. Jedenfalls Stand fest, daß der für die Winterhilfe mit S 110.000.— präliminierte und beschlossene Betrag bereits durch den freiwilligen Zuschlag von 20 Prozent eingegangen war. Es stand weiter fest, daß die Winterhilfe nicht allein das Jahr 1936 belaste, sondern in viel größerem Ausmaße das Jahr 1937, da sie ja bis April geführt wird. Nicht also für Zwecke der Winterhilfe, nicht also für soziale Zwecke sollte der zwanzigprozentige Zuschlag für Kultussteuer zwangsweise eingehoben werden, sondern für Abdeckung eines Defizites, dessen Höhe man doch anzweifeln muß, wenn man bedenkt, daß der Finanzreferent dasselbe im Laufe von acht Tagen um S 100.000.— selbst reduzieren mußte. Man kann nicht von den ohnedies unter der Wirtschaftskrise unendlich Jeidenden Wiener Juden immer wieder verlangen, daß sie ihre Steuerleistungen mechanisch erhöhen, daß sie durch freiwillige Spenden alle jüdischen Institutionen fördern, wenn man auf der anderen Seite durch Bezahlung heute nur noch bei der Kultusgemeinde vorkommenden Höchstgehalte an Amtsdirektoren und Bibliotheksleiter und durch Subventionierung politischer Vereine, eine Defizitwirtschaft herbeiführt. Die Jüdischnationalen werden wohl in ihren Zeitungen demagogisch der „Union österreichischer Juden" zum Vorwurfe machen, daß sie verhindert hätte, daß die Fürsorge ausgebaut, daß Mittel für die Winterhilfsaktion erhöht und daß andere soziale Probleme in weitestgehender Weise gelöst werden. Demagogie und nichts als Ausreden werden diese Vorbringungen sein, denn es wird nicht möglich sein, die Wissenschaft der Mathematik zu politisieren. Die nüchternen und kalten Ziffern der Gebarung 1936 und des Budgets 1937 sprechen für die „Union". Sie werden ein beredtes Zeugnis dafür ablegen, daß die weitere Belastung der ohnedies über die Maßen wirtschaftlich' leidenden Wiener Judenschaft mit einer 20prozentigen Steuererhöhung nicht notwendig ist. Wenn die Finanzen GROSSFLEISCHHAUEREI flEGM. KORNMEHl WIEN IX., BERGGASSE NR. 19 FILIALE i XVIII., WAHRINGERSTRASSE 97 Telephon Nr. A 17 3-99 und A 16-9-34 Lieferant für Heilanstalten AbteilungettfürKoscherfleisch unter Aufsicht des ehrw. 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Diese Mittel dürfen aber niemals nur durch Steuerbelastungen der Zensiten, sondern sie müssen auch durch Sparmaßnahmen auf jenen Gebieten herbeigeschafft werden, bei denen Sparmaßnahmen zwangsläufig notwendig und auch im Interesse der Entpoliiisierung der Kultusgemeinde gelegen sind. Die „Union österreichischer Juden" hat durch zweimaliges Verlassen der Sitzungen verhindert, daß die für die Bewilligung von Steuererhöhungen notwendige qualifizierte Majorität von 22 Kultusvorstehern bei der Abstimmung zugegen ist. Die jüdischnationale Mehrheit hätte durch eine dritte Sitzung den 2öprozentigen Zuschlag beschließen können, bei Anwesenheit von 18 Personen. Diese diitte Sitzung wurde von den Jüdischnationaieu nicht einberufen. Jeder Jude muß aus der Unterlassung der Einberufung dieser dritten Sitzung die einzig mögliche F'lgerung ziehe.t, daß die jüdischnationalen sich nicht getraut haben, allein den ZOprozentigen Zuschlag zu verantworten. Die Nichteiuberufung dieser dritten Sitzung und die Weigerung der Jüdischnarionalen, den 20prozcntigen Zuschlag auf ihre Kappe zu nehmen, ist der beste Beweis dafür, daß die Versuche der Jüdischnationalen, die „Union" des mangelnden Verständnisses für die Fürsorgeaktion in der Kultusgemeinde zu zeihen, eine politische Lüge ist. Jüdisches Leben in Amerika. (Von unserem Korrespondenten.) Nach dem Wahlsieg des Präsidenten Roosevelt. Der überwältigende Wahlsieg des Präsidenten Roosevelt wurde von den amerikanischen Juden fast durchwegs mit größter Befriedigung und Dankbarkeit aufgenommen — vermutlich auch von jenen, die für Landoh stimmten. Am zweiten Tag nach der Wahl erinnerte mich eine Dame, die vorher laut und propagandistisch für Landon eingetreten war, daran, ja die nächste Roosevelt-Rede am Radio nicht zu versäumen. „War es nicht wunderbar," sagte sie, „wie Roosevelt gestern abends im Radio davon sprach, nun sei der ganze Wahlkampf vergessen, und wir würden uns wieder vertragen wie Geschwister? Oh," sagte sie mit Trnäen in den Augen, „he is a wonderful man!" Diese kleine Geschichte ist charakteristisch für die Art, mit der Uebertreibungen des Wahlkampfes sofort vergessen wurden, — obwohl der Wahlkampf selbst zwar nicht leidenschaftslos, aber in einer für europäische Verhältnisse außerordentlich ritterlichen Art geführt worden war. Es war kein Geheimnis, daß weitaus die meisten jüdischen Bürger Amerikas für Roosevelt eintreten würden, namentlich alle jene, die seinen fortschrittlichen und menschlichen Ideen Bewunderung zollten. Für Landon waren — unabhängig von religiösen Bekenntnissen — namentlich viele reiche Leute, die in Roosevelts Sorge für die wirtschaftlich schwachen Klassen eine Schmälerung der eigenen Interessen erblickten. Die führenden judischen Zeitungen haben den Sieg Roseveits mit Freude begrüßt. Während seiner ganzen öffentlichen Laufbahn hat Roosevelt sein Verständnis und Interesse für alle Dinge gezeigt, die mit dem Judentum zusammenhängen. Er ist stets dafür eingetreten, daß wahre Gleichheit, wirkliche Freiheit und „fair play" für alle Kreise der Bevölkerung gewahrt bleiben, entsprechend dem Geist der amerikanischen Verfassung. So wird er gerade auch von religiösen, volklichen und rassischen Minderheiten in dem großen Lande als verläßlicher Führer verehrt. Seine engeren Mitarbeiter im Kreis der Regierung sind zum Teil Juden (auch der Governor des Staates New York, Herbert Lehman, der ebenfalls wiedergewählt wurde, ist Jude). Denn nach Auffassung von Präsident Roosevelt sind es Verdienst, Wissen und Charakter, die einen Mann für ein öffentliches Amt geeignet machen, — nicht aber Religion oder Rasse. Die amerikanischen Juden sind heute wie vor der Wahl der Ueberzeugung, daß sie die Wirkungen des Antisemitismus oder einer anderen Form von- Beschränkung nicht zu befürchten haben, solange Männer von der Art Franklin D. Roosevelts den Staat leiten und eine aufgeklärte öffentliche Meinung überwiegt. In diesem Zusammenhang wird jetzt die Botschaft wieder in Erinnerung gerufen, die Präsident Roosevelt im Frühsommer dieses Jahres auf einer jüdischen Tagung durch seinen Staatssekretär des Innern, Ickes, verlesen ließ. In dieser Botschaft erklärte Roosevelt die Juden Amerikas als einen wertvollen Bestandteil der Nation, und sprach seinen Kummer über Verfolgungen der Juden in anderen Teilen der Welt aus. Er erklärte es als seine Ueberzeugung: solange Minoritäten der Freiheit von Gedanken und Religion und des Rechtes, ein normales Leben zu führen, beraubt seien, könne kein wahres und dauerndes Verständnis unter den Völkern sein. Der Präsident sprach seine Hoffnung aus* daß ruhigeres und gerechteres Urteil zurückkehren würde. „Die Regierung der Vereinigten Staaten," so führte er aus, „die damit den Willen des Volkes ausführt, wird stets wachsame Sorge für die Minoritäten innerhalb ihrer Grenzen tragen und wird jene Lebensrechte aufrecht erhalten, die durch die Verfassung auch für den allereinfachsten unserer Mitbürger gewährleistet sind." Abgang Vater Coughlins. In dem der Präsidentschaftswahl vorausgehenden Wahlkampf kamen diesmal zum Teil auch religiöse und rassische Gesichtspunkte zur Geltung, — nicht von der republikanischen Landon-Partei, sondern von kleinen Parteien, die trotz größten Geschreies nicht einen einzigen Kandidaten bei der Wahl bekamen (gewählt wurde ja gemäß der amerikanischen Verfassung diesmal nicht der Präsident selbst, sondern die Männer aus den verschiedenen Parteien, die dann den Präsidenten zu wählen haben). Durch diese Betonung von Rasse und Religion wurde ein bösartigei9 Element in den sonst anständigen Wahlkarapf gebracht. Das

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