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Die Wahrheit · 1936-12-25 · Heft 56 (25.12.1936) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 56 (25.12.1936)
Date
1936-12-25
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Nr. 56 — 25. Dezember 1936 DIEWAHRHEIT Antisemitismus in der Schweiz. Das Attentat gegen die Züricher Synagoge. In der letzten Gemeindeversammlung der Züricher Kultusgemeinde gab Gemeindepräsident Saly Braunschweig folgende Erklärungen ab: „Am Dienstag, den 8. Dezember, abends 10.30 Uhr, wurde von Unbekannten ein Sprengstoffattentat gegen unsere Synagoge ausgeführt. Das Verbrechen wird, da es sich um ein Sprengstoffattentat handelt, die Bundesanwaltschaft beschäftigen müssen; Sprengstoffvergehen liegen in ihrer Kompetenz. Die zürcherische Behörde macht zur Zeit die nötigen Untersuchungen und hält uns auf dem Laufenden. Es ist selbstverständlich, daß der Vonstand beschlossen hat, die Fahndung, soweit es in seinen Kräften steht, zu unterstützen. Die Tatsache, daß am folgenden Tag der Frankfurter Prozeß begann, läßt es als naheliegend erscheinen, daß die der nationalsozialistischen Ideologie huldigenden Kreise einen Auftakt des Prozesses für Zürich bieten wollten. Bereits am folgenden Tag konnte der Radio Sender aus Deutschland, unter Zitierung deutscher Blätter, feststellen — und wir konstatieren, daß er flinker ist als unsere eigenen Behörden, die die Täter bis heute noch nicht gefunden haben, — daß das Attentat gegen die Synagoge Löwenstraße ein „jüdischer Trick" sei. Es ist nur zu bedauern, daß sie uns den Juden, der dieses Attentat durchgeführt hat, nicht am Radio bekanntgaben. Diese Feststellung des deutschen Senders reiht sich jedoch würdig an die große Reihe anderer Falschmeldungen an. Vorerst kennen unsere Behörden und wir den Täter noch nicht. Was wir jedoch kennen, sind die Ursachen, die zu diesem Attentat geführt haben. Wir stellen fest, daß es die nicht endenwollende Hetze gegen Juden und Judentum derjenigen Kreise, wie beispielsweise des „Volksbundes", ist, die mit den gleichen Mitteln wie ihre Gesinnungsgenossen im nördlichen Reich und mit demselben Material an die niedrigsten Instinkte des Menschen appellieren und sie aufzurütteln versuchen, wie dies von den entsprechenden Kreisen bei unseren nördlichen Nachbarn geschah. Sie arbeiten mit vervielfältigter Zeitung, die sich keineswegs vom „Stürmer" unterscheidet, und bezwecken nichts anderes, als die Leser zum Judenhaß aufzupeitschen, Flugblätter werden verteilt, die nach Schneeballensystem weiter verbreitet werden sollen und Juden und Judentum in unflätiger Weise angreifen. Es sind diejenigen Kreise, die mit Antasten unserer Rechte als Schweizer Bürger zum wirtschaftlichen Boykott gegen die Juden auffordern. Nicht nur der „Volksbund", auch die antisemitische literarische Propaganda der „Nationalen Front", die sich in der Form, nicht aber im Prinzip von jenem unterscheidet, führt letzten Endes zu Taten, wie wir sie am 8. Dezember zu verzeichnen hatten. Wir müssen damit rechnen, daß solche Beleidigungen immer so gefaßt sind, daß sie in den Rahmen einer Kollektivbeleidigung hineingehören. Unsere Gesetze sind aber so, daß gegen Kollektivbeleidigungen nicht vorgegangen werden kann. Ein Vorgehen wird durch Forderung der Aktivlegimation unmöglich gemacht. Wir können an Hand unserer Erfahrungen feststellen, daß Prozesse erst dann zur Erledigung kommen, wenn die Tat selbst längst wieder vergessen ist, somit besitzen diese Prozesse keinen praktischen Wert. In Deutschland wurde, beginnend in den Zwanzigerjahren, eine analoge Judenhetze durchgeführt und wir können heute feststellen, daß durch diese Hetze in Deutschland, gemäß einer Dokumentensammlung, die dieser Tage erschien, vom Jahre 1923 bis 1932 Insgesamt 125 Friedhöfe und 48 Synagogen geschändet wurden. Wir müssen heute feststellen, daß im Anklang an die Verhetzungsmethoden bei unserem nördlichen Nachbar, die allerdings von der Mehrheit des Schweizer Volkes nicht gebilligt werden, auch in der Schweiz folgende Attentate ausgeführt wurden: Ein Bethaus in Zürich-Außersihl wurde besudelt und beschmutzt, unser Friedhof wurde beschädigt, vor zwei Jahren wurde ein Attentat auf die Synagoge Freigutstraße verübt, vor wenigen Monaten ein Beschmutzungsattentat gegen die Synagoge in Genf, und nun reiht sich das Attentat gegen die Synagoge Löwenstraße an. Neben diesen Vergehen wurde unzählige Male in unflätiger Weise zum geschäftlichen Boykott gegen die Juden aufgerufen. Wenn wir dies festgestellt haben, haben wir auch die Pflicht, zu erklären, daß unsere Behörden — ich spreche hier speziell von den zürcheri- H Die besten Eisen Werstisi selttwäree 3 mal täglich frisch bei lAeEb, Wiei IL, Pnttrstrale 33 Unter Aufsicht des Rabbinates der Adas-Jisroel-(Schiffschul). Ausgezeichnete Küche, zivile Preise und sorgsamste Bedienung. A la Carte-Speisen und Menüs von S 2.— aufw. Hochzeiten, Diners und andere Festlichkeiten werden in und außer Haus elegantest ausgeführt. sehen — alle Vorkehrungen getroffen haben und treffen werden, um unseren Rechtsschutz durchzuführen. Wir wissen, daß zu wiederholen Malen Druckschriften, Zeitschriften, Flugblätter beschlagnahmt wurden. Wir wissen, daß verschiedene Burschen, die man bei der Verteilung solcher ungesetzlicher Flugblätter oder Zeitungen ertappte, bestraft wurden; auch Zettelankleber wurden wegen gro- GROSSFLEISCHHAUEREI SIEGM. KORNMEHL WIEN IX., BERGGASSE NR. 19 FILIALE i XVIII., WÄHRINGERSTRASSE 97 Telephon Nr. A 17-3-99 und A 16-9-34 Lieferant für Heilanstalten Abteilungen rar Koscherfleisch unter Aufsicht des ehrw. Rabbinates der Isr. Kultusgemeinde Wen. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen ben Unfugs bestraft. Aber auch unsere Behörden haben zur Zeit keine weiteren Rechtsmittel, um uns, als jüdisches Kollektiv, gegen die infamen Verleumdungen und Beleidigungen zu schützen. Nun wird man vielleicht mit Recht sagen: „Auf einen groben Keil gehört ein grober Klotz.". Die Antwort, die wir geben könnten, wäre, daß man mit denselben Mitteln, die man gegen uns benützt, gegen diese Kreise kämpfen soll. Meine Herren! In den Kot und Schmutz solch politischer Arbeit werden wir uns nie begeben. (Beifall.) Wir werden alle Mittel, die auf dem Rechtsboden zu finden sind, nicht unversucht lassen, um unsere Rechte zu wahren." Die Quelle des Uebels. Von Paul EI b o g e n. Seit dem Apion in jenem Alexandria, in dem mehr als eine halbe Million Juden lebten, gibt es antisemitische Schriften und Schmähschriften, gerichtet entweder gegen die Fremdkörper im Staate oder — später — gegen die Anbeter eines fremden Gottes, Ausüber aufgezwungener verpönter Berufe, legendenumgebene undurchschaubare Exoten, deren verfeinerte Geistigkeit im Widerspruch zur Barbarei ihrer Umgebung stand; oder auch gegen die Konkurrenz schlechtweg. Aber derlei Material ist heute schwer zugänglich, meist griechisch, lateinisch oder hebräisch geschrieben, verstreut, kaum auffindbar, unzusammenhängend, fragmentarisch. Der um das Jahr 1885 neubelebte Judenhaß, diesmal mit Rassenbetonung, dem Gobineau und Chamberlain die sogenannte Grundlage schufen, der Antisemitismus eines Schönerer in Wien, eines Dreschgrafen Pückler in Deutschland, brauchte, um pathetisch und doktrinär auftreten zu können, zusammenfassende, anscheinend festgefügte Historie. Er fand bald das Richtige. Man würde es nicht für möglich halten: im Jahre des Heils 1892 wurde ein enormes, viele tausend Seiten umfassendes Werk aus dem Jahre 1711 neugedruckt, das schon bei seinem ersten Erscheinen im Barock von ernsthafter christlicher Seite längst widerlegt war. Wie die gewiß unbestechliche „allgemeine deutsche Biographie" sagt, war das Werk „im Ganzen eine Sammlung der Scandalosa". Sie fügt hinzu: „Manches ist mißverstanden, manches verdreht, manches durch gehässige Konsequenzmacherei erst in das Judentum hineingetragen." Seither gilt das Werk von 1711, geschrieben schon viele Jahre früher, allen „Stürmern" als Vorbild und Vorlage, seine Bosheit als Ethos, seine Scheingelehrsamkeit als Wissenschaft. Der Schreiber dieses Buches, Johann Andreas Eisenmenger, Professor der Hebräologie in Heidelberg, war ein Gelehrter von Rang und Namen. Auf einer Reise erlebt er in Amsterdam, wie ein Rabbiner gegen Christus diskutiert und wie sich mehrere Christen — darunter ein Prager „fahrender" Studiosus — zum Judentum bekehren. Das veranlaßt den Professor, neunzehn Jahre lang Stoff gegen das Judentum zu sammeln. Neunzehn Jahre lang — er hatte früher eine hebräische Bibel veröffentlcht — verbringt er damit, hebräische echte Texte völlig einseitig und unendlich beschränkt zu verdrehen, bis sie seinen Zwecken dienen; neunzehn Jahre sammelt er aus einer enormen Zahl von gehässigen und dummen Traktätchen, die schon damals als solche erkannt waren (sie sind häufig von getauften Juden verfaßt), Beweise für die uralten absurden Anklagen gegen die „verstockten Juden". Endlich ist das Werk fertig, zwei enorme Bände sind es geworden. Aber die Juden, in tausend Verfolgungen und Pogromen gehärtet und feinhörig geworden, wenden sich an den berühmten Wiener Bankier, den Hofjuden Oppenheimer (vor dessen Hause späterhin, im Verfolge eines Zankes zwischen einem Schornsteinfeger und einem Straßenverkäufer, ein grauenvoller Massenmord der Juden ausbrechen wird), und dieser damals noch mächtige Mann erwirkt, bevor Eisenmengers Buch fertiggedruckt ist, dessen Verbot. Durch drei Dekrete des Kaisers Leopold — 1700 ist nicht 1936 — werden fast 2000 Exemplare des fürchterlichen Buches unter „Arrest" gesetzt. 12.000 Gulden bieten die Juden dem Professor — aber der will auf seine ^neunzehn Jahre Forschung nur gegen Zahlung von 30.000 verzichten. So erlebt er die Aufhebung des „Arrests" nicht mehr, sondern stirbt mit fünfzig Jahren (1704) am Schlagfluß — wahrscheinlich aus unendlichem Aerger. Noch sieben Jahre dauert es, bis ein findiger Verleger (außerhalb des Machtbereichs des Kaisers) die Menschheit endlich mit der Herausgabe von Eisenmengers Sammelfleiß beglückt. Zwei handdicke Bände erscheinen, mit seitenlangen hebräischen und übersetzten Zitaten, mit Randglossen und allen Zutaten eines Buches höchster Gelehrsamkeit. Der Titel allein, im barocken Geschmack der Zeit, mußte die Leser über den Zweck des Werkes aufklären, ihnen jeden Zweifel an dem wissenschaftlichen Ernst Eisenmengers nehmen: „Des bey 40 Jahr von der Judenschaft mit Arrest bestrickt gewesene, nunmehro aber Durch Autorität eines Hohen Reichs-Vicariats relaxirten Johann Andrea Eisenmengers, Professoris der Orientalischen Sprachen bey der Universität Heidelberg Entdecktes Judenthum oder gründlicher und wahrhafter Bericht welchergestalt die verstockte Juden die Hochheilige Dreyeinigkeit... erschrecklicher Weise lästern und verunehren, die Heilige Mutter Christi verschmähen, das Neue Testament, die Evangelisten und Aposteln und die christliche Religion spöttlich durchziehen, und die ganze Christenheit auf das äußerste verachten und verfluchen... Große Irrthümer der jüdischen Religion und Theologie wie auch Viel lächerliche und kurtzweilige Fabeln und andere ungereimte Sachen an den Tag kommen... Alles aus ihren eigenen, und zwar sehr vielen, mit großer Mühe und unverdrossenem Fleiss durchlesenen Büchern —" Sagen wir es viel kürzer: in diesem Buch fehlt nicht das geringste, was jemals gegen die Juden, ob wahr oder falsch, vorgebracht wurde (die Rassefrage, zweihundert Jahre später erklügelt, natürlich ausgenommen). Es gibt keine Sünde, keine Schmähung, keine Lästerung, keinen Frevel, den die Juden nicht gegen die einzelnen Heiligtümer der Kirche verüben, etwa: „Wie die Juden die heilige Sacrament spottlich nennen." Es gibt kein Verbrechen, das den Juden nicht geboten wäre: sie müssen Christen in Todesnot umkommen lassen, sie betrügen, bewuchern, ihre Kinder

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