Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 55 (18.12.1936)
- Date
- 1936-12-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 ^_ ______......_____________________ bei der Ankündigung der mitwirkenden Künstler das Publikum zu amüsieren. Seine Aufgabe wurde dadurch erleichtert, daß wirklich eine> besondere Künstlerschar bei der Akademie mitwirkte. Die kleine Anny Singer bewies mit ihren hübschen KlavieTvorträgen eine bemerkenswerte Begabung und wurde lebhaft akklamiert. Die ehemalige erste Koloratursängerin der Dresdener Staatsoper Julia R ö h 1 e r sang bravourös Arie?i und Lieder. Raul Lange brachte spanische und argentinische Volkslieder, die viel Beifa"! fandejn. Den Höhepunkt bildete das Auftreten des kleinen M i r c h a, der Nr. 55 — IS. Dezember 1936 DIE WAHRHEIT sein hinreißendes Talent auch in diesem Rahmen ausgezeichnet bewies.,und, stürmisch bejubelt, zu immer neuen Zugaben veranlaßt wurde. Nach der Akademie wurde, zu den Klängen der guten S ubak-Jazz dem Tanze gehuldigt, bis in die früh ein Morgenstunden blieb der größte Teil des Publikums in animierter Stimmung beisammen. Um das Gelingen der schönen Veranstaltung hatten sich rieben mehreren Damen des Union- FrauenJdubs besonders verdient gemacht die Heren Dir. J. Weiger, M. Sarf ati, S. Mauner und 0. Hirschfeld., Die Prager Universität und die Juden. 1348—1848. Mit Beiträgen zur Geschichte des Medizinstudiums. Von Guido Kisch. Mähr.-Ostrau 1935, Verlag Julius Kittls Nachfolger. Der Verfasser dieses vor einiger Zeit erschienenen Buches, ordentlicher Professor der Rechtsgeschichte in Prag und Halle, versucht in dieser Schrift, die geistigen Beziehungen der Juden zu den Hochschulen zu erfassen, und beschäftigt sich daher mit der Entwicklung dieser Beziehung auf der Universität Prag, der ältesten Universität in Mitteleuropa. Von dem reichen Inhalt dieser Schrift sei u. a. folgendes wiedergegeben: „Die im Jahre 1348 von Karl IV. gegründete Universität in Prag hatte einen streng katholischen Charakter. Infolgedessen bildete die Zugehörigkeit zur katholischen Kirchs die Voraussetzung für alle akademischen Würden. Die Doktorskandidaten hatten bei der Promotion das Juramentum de immaculata coneeptione abzulegen. Daraus erklärt es sich, daß die Prager Juden drei Jahrhunderte hindurch mit der Universität dieser Stadt in keine wissenschaftliche Beziehung gekommen sind. Auch bei den Juden gab es damals gelehrte Schulen, sie beschäftigten sich aber ausschließlich mit dem Talmud und der talmudischen Literatur. Die Prager Juden betrachteten ihre Talmudscliule als eine Art Universität. Wurde doch der Prager Judengemeinde die Bezeichnung ihrer Talmudschule als Universität ■ unter Androhung einer Geldstrafe untersagt. Wenn auch bis tief in das 18. Jahrhundert die Prager Universität den Juden verschlossen blieb, gab es einen wissenschaftlichen Zweig nicht religiöser Art. mit dem sich die Juden von jeher beschäftigten: die Wissenschaft der Heilkunde. Allerdings, soweit es in Prag jüdische Aerzte gab, war ihnen die Behandlung christlicher Kranker untersagt. Außsr den jüdischen Aerzten gab es in Prag eine größere Zahl jüdischer Barbiere oder Wundärzte, die sich mit der niederen Chirurgie befaßten. Die damaligen jüdischen Aerzte hatten vermutlich keine Gelegenheit, sich irgendwelchen tieferen Studien zu widmen, ihr Wissen war wohl auf praktischen Erfahrungen aufgebaut. Oft dürfte auch das Wissen vom Vater auf den Sohn übertragen worden sein. Hingegen steht fest, daß in den Jahren 1517—1619 zahlreiche jüdische Aerzte auf der Universität zu Padua ausgebildet wurden. Der erste Jude, der an einer deutschen Universität, und zwar in Frankfurt an der Oder im Jahre 1721 promovierte, war Moses Salomon Gumpertz. Er wurde später Arzt der Prager Judengemeinde. Kaiserin Maria Theresia ordnete im Jahre 1749 durch ein Dekret an, daß Nichtkatholiken an den Universitäten keine akademischen Grade verliehen werden durften. Daher wanderte der Prager Abraham Kisch aus und erwarb 1749 an der Universität in Halle an der Saale das Doktorat der Medizin. Diese Universität hatte auf jüdische Studenten aller Länder eine große Anziehungskraft, da dort eine jüdische Gemeinde bestand und die jüdischen Studenten daselbst nach ihren religiösen Vorschriften leben konnten. Während im 18. Jahrhundert eine größere Zahl von jüdischen Studenten in Halle an der Saale und in Frankfurt an der Oder zu Doktoren der Medizin promoviert wurden, blieb ihnen die Prager Universität verschlossen. Jedenfalls erleichterten die jüdischen Aerzte. die im Auslande studierten und dann in ihre Heimatländer zurückkehrten, ihren Glaubensgenossen die Emanzipation. Allmählich entstand eine Beziehung der Prager Judenschaft zur Prager Universität. Die Prager jüdischen Aerzte unterlagen der Approbation der Prager Universität. Außerdem wachte sie darüber, daß jüdische Aerzte nicht christliche Kranke behandelten. Erst im Jahre 1781 verfügte Kaiser Josef IL, daß die Juden die höheren Schulen und Universitäten besuchen dürften. Im Jahre 1785 wurde der konfessionelle Doktoreid in ein allgemeines Gelöbnis umgewandelt. Im Jahre 1790 wurde Raphael Joe) als erster Jude in Prag zum Doctor iuris civilis promoviert. Sehr spät wurden Juden zum Lehramt an der Prager Universität zugelassen. Als erster wird Dr. Juris et philosophiae Wolf gang Wessely genannt, der 1851 zum außerordentlichen Professor des Strafrechtes und Strafverfahrens ernannt wurde. Außerdem bekleidete er das Lektorat für die hebräische und tahnudische Wissenschaft." Es war ein langer mühsamer Weg, den die Prager Judenschaft aus der geistigen Abgeschlossenheit des Ghettos bis zur modernen Wissenschaft zurücklegte. Die fesselnde Darstellung von Kisch wird durch genaue Quellenangabe und Abdruck zahlreicher Urkunden erläutert. Diese Schilderung' findet eine wertvolle Ergänzung und Bestätigung durch eine Arbeit über die jüdischen Aerzte in Wie ri, die vor längerer Zeit bereits erschienen ist, sie heißt: Jüdische Aerzte in der v o r j o s e f in i s ch e n" Zeit in Wien von G. Wolf, abgedruckt in den Blättern des Vereins für Landeskunde von Niedetösterreich, 19. Jahrgang 1885. Wir führen daraus nur" zwei Stellen an: Allerdings ist es richtig, daß Juden an der Wiener Universität nicht graduiert werden konnten, weil sie nicht den Eid de immaculata coneeptione ablegen konnten. Josef II. hatte 1783 das Vorrecht der Wiener Universität, nach welcher jene, die an derselben graduiert wurden, überall die Praxis ausüben konnten, während jene, die an anderen inländischen Universitäten graduiert wurden,: in Wien nicht ihre Praxis ausüben durften, aufgehoben. Nun hatte Samuel 0 pp e n h c i m e r, ein Enkel des berühmten Hoffaktors, den Doktorgrad zu Utrecht erhalten, wohnte dann längere Zeit in Ungarn und unterwarf sich einer Prüfung beim Dekan der medizinischen Fakultät in Pest, die er mit gutem Erfolg bestand. Hierauf begab er sich nach Wien, um da seine Praxis auszuüben, aber die Wiener Universität sprach sich dagegen aus. Doch der Kaiser reskribierte am 12. Februar 1786. daß Oppenheimer die Befugnis habe, sowohl hier als in den gesamten Erbländern die Praxim medicam unbeschränkt auszuüben. Reg.-Rat Dr. Emil Weinberg. Das Schicksal der Falaschas unter italienischer Herrschaft. Die Frage der in Abcssinien lebenden Juden, der sogenannten Falaschas, über deren Leben und Sitten \vir wiederholt in ausführlichen Artikeln berichtet haben, ist gegenwärtig sehr aktuell geworden. Die Falaschas, sonst sehr mutig und kriegerisch gesinnt, haben während des italienischen Feldzuges große Reserve an den Tag gelegt. Sie haben das siegreiche Vordringen der Italiener mit kaum verhohlener Freude beobachtet, da sie — und hoffentlich mit Recht — von der italienischen Herrschaft die Befreiung von der Bedrückung erwarteten, die sie von den abessinischen fanatischen Christen erdulden mußten. Durch die schweren Verfolgungen, die sie erduldeten, ist ihre Seelenanzahl in stetigem Rückgang begriffen gewesen. Laut Annahme des Dr. Faitlowitsch befinden sich in Abessinien im ganzen 40.000 bis 50.G00 Falaschas. die, bis auf die wenigen, die in Addis Abeba wohnen, in Dörfern verstreut leben. Nun dürften die Zehntausende Falaschas, welche vor etwa zwei Generationen wegen der Verfolgungen zum Christentum übertreten sind, ohne Ans 10 ß von außen kaum den Weg zurück zum Judentum finden. Nach Besetzung des Tschana- Sees. in dessen Umgebung der weitaus größere Teil der Falaschas lebt, kamen von italienischen Offizieren — darunter auch jüdischen — Nachrichten, daß die Anzahl der schwarzen Juden mit 90.000 bis 100.000 zu beziffern sei. Andererseits wird angenommen, daß in den westlichen Gebie- (en, die noch nicht pazifiziert wurden, auch ganze jüdische Stämme leben. Man muß den Zeitpunkt abwarten, bis das ganze Land zur Ruhe kommen wird, um sich dann mit vollem Eifer um die Erforschung der Falaschas und um ihre Konsolidierung an das Judentum zu bemühen, was von der Okkupaticnsbehörde sicherlich mit Sympathie aufgenommen werden wird. Wie bereits mitgeteilt, hat die Militärbehörde die Initiative ergriffen zur Gründung einer jüdischen Gemeinde in Addis Abeba. An der Führung der Gemeinde sind Falaschas, jemenitische und europäische Juden beteiligt. Ein Rabbiner wurde von der Regierung eingesetzt... In Addis Abeba bestellt eine hebräische Schule, welche durch das von Dr. Faitlowitsch gegründete Hilfskomitee ins Leben gerufen wurde. Da die Hilfe aus Amerika wegen der dortigen Krise nur sehr spärlich eintrifft, besteht die Gefahr, daß die Schule geschlossen werden muß. Es darf erwartet werden, daß die italienischen Juden sich ihrer Pflichten den Falaschas gegenüber bewußt sein werden, wobei sie auf die Hilfe des neuen römischen Oberrabbiners Dr. P r a t o, mit Sicherheit rechnen können, der neulich von Mussolini aus Alexandrien nach Rom berufen wurde. Neuerscheinung. Mor Neu'mann HEIMKEHR Ein Roman aus der Geschäftswelt. Fiba -Verlag Wien — Leipzig. Ganz eigenartig ist die Handlung, der Aufbau und die Sprache dieses flott geschriebenen, interessanten Buches, das uns in das Leben und Treiben der Geschäftswelt führt und in der Schilderung der Charaktere so liefsinnig ist, daß es uns vom ersten Augenblick ab in Spannung hält. Ganz besonders fesselt den Leser das Schicksal und die lautere Denkungsart des wohlhabenden und geachteten Warenhausbesitzers Kolleg, der als 14jähriger Junge Heimat und Elternhaus verläßt, um sich in zäher Arbeit weit über dem großen Wasser eine führende Existenz zu gründen. Rührend in seiner biederen Einfalt geht er, der nur seinen Geschäften lebt, an Liebe und Vergnügen, an egoistischen Lebensgenüssen vorbei, bis er sich, im Zenith seines Schaffens stehend, endlich auch eines eigenen Ich besinnt, sich dessen bewußt wird, daß auch er ein Anrecht auf Freude, Glück und Liebe hat. Eine magische Kraft zieht ihn in seine kleine Vaterstadt zurück und läßt ihn dort die Heimkehr zu sich selbst, gleichzeitig aber auch eine Frau finden, in die er sich rettungslos verlieben muß, weil sie das Ideal seiner langen und bangen Träume verkörpert. Meisterhaft schildert der Autor die seelischen Konflikte des Helden und führt uns eine ganze Anzahl scharf umrissener Charaktere aus der Geschäftswelt vor, wodurch die Kämpfe, das Leben und die Entsagungen des Kaufmannsstandes wie ein plastischer Film abrollen. Man kann diesen Roman nicht weglegen, ohne ihn in einem Zuge bis zum Ende gelesen zu haben. Schalom Äleichem „Schwer zu sein ein Jud" in deutscher Sprache. Schalom Aleicheins reizende Komödie „Schwer zu sein ein Jud", die zu den populärsten Dichtungen des großen jiddischen Humoristen zählt, wurde von Doktor Jakob Rosen thal aus dem Jiddischen ins Deutsche übertragen. Die Komödie, eines der bühnenwirksamsten des modernen jiddischen Theaterreportoires, gelangt in der Rosenthal'schen Bearbeitung in der zweiten Dezember-Hälite am Wiener Jüdischen Kulturtheater zur deutschen Uraufführung. JÜDISCHE KULTURSTELLE I., KAI 3, R 28-2-36 Das Jüdische Kulturtheater spielt auf vielseitige? Verlangen „Die Grenze". Dienstag;. 22+ Dezember Premiere: Scholem Alejchem „Schwer zu sein ein Jud." Die Literarische Sektion: Samstag, 19. Dezember. 18 Uhr: Rabb. Dr. A. Kaminka liest aus seinem biblischen Drama „König Ahab". Kunstsektion: Sonntag, 20. Dezember, 9 Uhr: Kunsthistorisches Museum „Das Benda-Legat". Führung: H. Friedmann. Photosektion, Volkshochschule, Leihbücherei, Kunststelle! BlianzaDschlflsse und stcncrDctecnnlnissc Neuaniaäen, Revisionen, Bndiitadiirage sowie Sieuerersedigungeii leticr Art übernimmt MsAnMIf DIR. GÜSTAU MMN Büro für Buchhaltung, Bilanz und Steuerberatung Wfien IB.. V«nB»orstfr«a0e 92 Telephon R 45-3-30