Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 55 (18.12.1936)
- Date
- 1936-12-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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gHEIT DIE WAHRHEIT Nr. 55 — 18. Dezember 1936 Seite 5 Frfodrlem Eckmann: Jüdische Not sieht Dich an. Emigrantenschicksale i. Es ist um die Emigranten still geworden. Im Jahre 1933 waren Emigranten — Wanderer aus unserem weiten Nachbarlande — Gegenstand des Mitleids, der Fürsorge, der wärmsten Anteilnahme. Sie waren Opfer harter Gesetze; man opferte ihnen mit vollen Händen nach den Gesetzen der Nächstenliebe. Wahllos wurden Würdige und Unwürdige reich bedacht. Im Jahre 1936 zeigt sich ein völlig verändertes Bild. Gewohnheit stumpft ab. Die Emigration ist zu einem Dauerzustand geworden. Die reichlich fließenden Mittel sickern schwächer und schwächer. Oft schon drohten sie ganz zu versiegen. Aber auch die Herzen der Menschen sind müder, sind träger geworden. Gewiß, die Ansprüche der Armen wollen nicht aufhören. Immer wieder dringt zu uns die Klage, daß man sich der Gesuche, der Besuche, der drängenden Bitten nicht erwehren könne. Es wird nicht verkannt, daß Menschen in Not, in ihrer Ratlosigkeit, in ihrer Hilflosigkeit die Grenzen des Taktes und Anstandes überschreiten. Doch darf nicht vergessen werden, daß Bittsteller, die kein Mittagessen haben, die von Tag zu Tag delogiert werden können, die in fadenscheinigen Kleidern herumgehen, nur den einen Wunsch im Herzen tragen, daß ihnen geholfen wierden muß. Emigranten im Jahre 1936 laber leben in bitterster Not und finden verschlossene Herzen und verschlossene Türen. Hört einige, wenige Emigrantenschicksale, die Wort für Wort wahr sind und die sich Tag für Tag immer noch wiederholen. Er sieht einem trüben Lebensabend entgegen. b) Mit 4 Jahren hat er seine Eltern verloren. Seitdem wandert er von Hand zu Hand, von Haus zu Haus, von Ort zu Ort Er kannte kaum einen Schulbesuch, er kannte keine Hand, die ihn streichelte, ihm einen Leckerbissen zusteckte, die ihm die Kissen in einem warmen Bett richtete. Die Landstraße war sein Heim, der Wind und der Regen seine treuesten Begleiter. Der 21jährige Bursche fertigt mit erstaunlicher Geschicklichkeit aus Kirschkernen — weiß Gott, wie er sie sich beschafft — Körbchen und Totenköpfe, die glücklicheren Menschen als Talisman dienen sollen. Für eine Suppe, die man ihm verabreicht, reicht er seine kleinen Kunstwerke hin. o) In einer belebten Straße stand Abend für Abend in einem 'dünnen JVIäntejlchen, das ihre zarte Figur mehr entblößte als einhüllte, ein junges bleiches Mädchen, das mit Händen, die die Kälte rot färbte, den wenigen Käufern, die leider nur schwach begehrtein Zeitungen darbot. Ihre zarte Stimme wiederholte immer wieder die Namen der Zeitungen iuid Zeitschriften, die ihren Tragkorb füllten Jetzt liegt sie fest darnieder. Der Arzt muß sie zweimal täglich aufsuchen, weil das Herz, von Kummer und Hunger geschwächt, den Zeitungsdienst versagte, weil der Puls zu schwach schlug, weil der Körper, der unterernährt ist, sich nicht mehr aufrecht erhalten konnte. Digitalis ist kein Nahrurigsmittel. DAS „ISRAELITISCHE ERHOLUNGSHEIM" in eröffnet seine diesjährige Wintersaison am 1. Dezember 1936 Aufnahmebedingungen durch Via Manzoni 6 MERANO „Casa Israelitica di salute", MERAHO, (Italien) ( | T A L I E N | II. a) Ein zahnloser, weißhaariger Mann mit müden Zügen sitzt vor uns. Er war 50 Jahre jüdischer Religionslehrer. Aus dem Glückwunschschreiben der Jüdischen Gemeinde zu seinem 70. Geburtstag, das er in den zitternden Händen hält, geht hervor, daß er als frommer Jude seinen Beruf, Kinder im jüdischen Sinne zu erziehen, in fast zwei Menschenaltern treu ausgefüllt hat. Im 71. Lebensjahr wies er Angriffe gegen das Judentum in einem Privatgespräch gegenüber einem Andersgläubigen mit erregten Worten zurück. Er verlor hierbei seine Beherrschung und ließ sich zu unbedachten Aeußerungen hinreißen. So wanderte er, während schon Schnee auf den Wegen lag, in seinem hohen Alter zu Fuß über den Gebirgskamm. Seine Frau und sein Kind ließ er zurück. III. Wie man Emigranten gibt? Eine edle Frau — ihr Name sei nicht verschwiegen, mag sie's auch nicht billigen, — soll Euch ein Beispiel sein. Frau Isa Strauß hat in ihre „zehn Gebote des Gebens" den Satz gesetzt: „Bevor Du einen Bittsteller anhörst, bitt ihn um eine Minute Geduld. In dieser Minute danke Gott, daß die Situation nicht umgekehrt ist." Und noch eins: Eine alte Frau sprach am Ende ihres Lebens: „Ich gab nicht aus Güte, sondern um ruhig schlafen zu können." * Die Redaktion der „Wahrheit" nimmt Spenden für die Emigranten mit aufrichtigem Dank entgegen. D£k$ wahre Gesicht. Kein Buch kann in Deutschland ohne Genehmigung der sogenannten „Ueberwachungsstellen" erscheinen. Alles, was erscheint, trägt somit den Stempel obrigkeitlicher Billigung. Das ist es, was die Schrift eines Autors E. K. Heidemann, die den Titel trägt: „W asderChristvomChristentum nicht weiß" (Verlag Otto Buurmann, Wittingen, Hannover) interessant macht. Statt ales weiteren nur einige Zitate: „Das wahre Gesicht des Bibelgottes ist nämlich einem Deutschen einfach unerträglich." „Nicht ein Bild Gottes liefert die Kirche, wie es allein! richtig die Bibel zeichnet, sondern ein Bild Gottes zeichnet sie, das, aus Rasuren und Ueberpinselungen zusammengesetzt, eine gar klägliche Wiedergabe des wahren Bibelgortes Jahve darstellt." „Sie (die Kirche) tut, als predige sie Jahve, den Gott des Alten und des Neuen Testamentes, und offeriert der Wirklichkeit einen ganz andern Gott. Um ihres Bestandes willen tut sie alles. Sie liä^^faasjzrir ■ \ sr' iS -—3 - täuscht sogar bewußt ihre Gläubigen über Namen und Art des von ihr gepredigten Gottes." „Die Kirche steht und fällt mit Jahve. Jahve ist als jüdisch und undeutsch erkannt und gefallen, schon längst . . . Wüßte der Christ um diese tatsächlich schon längst erfolgte Absetzung, so würde er notwendig aucli merken, daß er längst einen andern Gott hat" „Gott nicht dienen, heißt aber die Nutznießer der Kirche brotlos, machtlos machen ... Es wäre ihr Ende. Die Kirche aber will leben, gut leben und . . . herrschen." „Ueber das Neue Testament wäre nicht weniger zu sagen. Allein es kommt darauf wohl kaum noch an. Der Gott des Alten Testamentes ist ja auch der des Neuen. Er hat sich im Alten Testament bereits so gezeigt, daß er von Menschen mit deutschem Gefühl unbedingt nur abgelehnt werden kann." r . Es wäre schon interessant genug, daß dieser neue Katechismus überhaupt ' erscheinen durfte. GROSSFLEISCHHAUEREI SIEGM. KORNMEHL VIER IX., BERGGA89E HR. 19 FILIALE i XVIII., «ÄHRIHCERSTRAS3E 97 Telephon Nr. A 17-3-99 und A 16-9-31 Lieferant für Heilanstalten AbteilungennrKoscherflelsch unter Aufsicht den ehrw. Ranninaten der ler. Kuttusgemeinde Wen. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen Aber nicht einmal bei solch stillschweigender Duldung hatte es sein Bewenden. Wie der Verlag mitteilt, ist die Arbeit von der „Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums" sogar ausdrücklich empfohlen. Die amtliche Stelle preist die Schrift wie folgt: „Eine klare, sachliche und, was viel wert ist. für jedermann verständliche Darstellung des inneren Wesensgehaltes des Christentums, ohne theologische Begriffssprache. Der Verfasser hat recht, daß die meisten Menschen das Christentum, ihren Glauben, gar nicht kennen. Seinem Versuch, zum Nachdenken anzuregen, kann man nur Erfolg wünschen." Zum Nachdenken wird man vielleicht auch anderwärts angeregt werden. Chanuka-Feier des Union-Klubs. Zum ersten Male seit seinem Bestände konnte der „Union-Klub", der Klub der Mitglieder und Freunde der „Union österreichischer Juden", die Chüinuka-Feier im eigenen Heime begehen. Seiner Einladung zu dieser — wie wir vorweg feststellen wollen — überaus gelungenen Feier waren so viele gefolgt, daß selbst die geräumigen Säle des schönen Heimes sich als zu klein erwiesen und so manche, die gerne dem Fest beigewohnt hätten, keinen Einlaß mehr finden konnten. Unter den Anwesenden bemerkte man: Oberrabbiner Dr. I. T a g 1 i c h t samt Gemahlin, Rabbiner Dr. I. D r obi nsky, Rabbiner Dr. Kaminka, den Ehrenpräsidenten der „Union", Dr. Jakob 0 f n s t e i n, die Präsidentin der Vereine „Ferienheim" und ..Seehospiz Grado", Frau Sofie Grünfeld, vorrf Dr. Krügerheim Frau Dr. Krüger mit mehreren Vorstandsdamen, Präsidentinnen zahlreicher Frauenwohltätigkeitsvereine u. v. a. Besonders stark war auch die Jugend-Union vertreten, die diesmal von der Veranstaltung einer eigenen Chanuka-Feier abgesehen und sich an der vom Union- Klub veranstalteten Feier beteiligt hatte. Die Feier gliederte sich in einen religiösen und einen künstlerischen Teil. Der erstere wurde eröffnet durch das Lichteranzünden, das Oberkantor Glück vom Schmalzhoftempel in weihevoller Weise vornahm. Seine schönen kantoralen Gesänge wurden begleitet von einem Chor des Jüdischen Gesangvereines, der ganz ausgezeichnet klang und wahrhaft erhebend wirkte. Die Festrede hielt Rabbiner Dr. I. D r o b i n s k y, der das Wesen des Chanuka-Festes geistreich charakterisierte und seine religiöse Bedeutung unterstrich. In reizender Art trug die kleine Susi W i dr i c h wirkungsvoll ein Festgedicht vor. Mit stürmischem Beifall begrüßt, hielt hierauf der Präsident! der „Union", Herr Reg.-Rat Dr. Hermann Oppenheim die Begrüßungsansprache. Nach herzlichem Dank an alle Anwesenden, die durch ihr zahlreiches Erscheinen ihre Sympathien für die „Union" und deren Bestrebungen neuerlich bekundet haben, wandte er sich gegen die Auslegung, als ob das Chanuka-Fest als nationales Fest zu werten sei. Seine wahre Bedeutung liege in der Tatsache, daß religiöse Begeisterung die Makkabäer zu ihren Heldentaten entflammt habe. Diese religiöse Begeisterung müsse auch die Nachkommen der Makkabäer erfüllen. In diesem Sinne appellierte Dr. Oppenheim an die Freunde der „Union", wahres Judentum nicht nur zu erhalten, sondern zu verbreiten. Dia nach einer kurzen Pause folgende Akademie wurde von E. H. Schrenzel konferiert. Der bekannte Abessinienf'«rscher kam diesmal rustfe und verstand es, sowohl im Solo als auch