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Die Wahrheit · 1936-12-11 · Heft 54 (11.12.1936) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 54 (11.12.1936)
Date
1936-12-11
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 DIE WAHRHEIT „Union"- Versammlung. Am 3. Dezember fand im Festsaal des Hotel Stefanie, IL, Taborstraße 12, eine Versammlung der Bezirksorganisätion Leopoldstadt der „Union österreichischer Juden" statt. Der Vorsitzende, der Obmann der Bezirksorganisation, Herr Dir. G. K o 1 m i n. begrüßte die zahlreich. Erschienenen, insbesondere die Referenten des Abends. Er verweist auf den günstigen Ausgang der Kultuswahi und dankt allen Mitarbeitern im 2. Bezirke, die zum Gelingen dieses Erfolges reichlich beigetragen haben. Herr Präsident Dr. Oppenheim, lebhaft begrüßt, sprach zunächst unter lebhafter Entrüstung der Versammlung von dem geplanten Raub des Vizepräsidiums durch die Jüdischnationalen, wobei er darauf verwies, daß die „Union" immer, selbst wenn die gegnerischen Parteien eine kleine Gruppe gebildet haben, diesen eine Vertretung zugebilligt hat Laut dem Proporz haben wir ein Recht auf die Vizepräsidenten-Stelle und auf Entsendung mehr als eines Drittels in das Vertreterkollegium. Es Scheint daß die Taktik der Gewalt und des Terrors bei den Jüdischnationalen kein Ende finden wird. Das Recht der Majorität der Wiener Juden, die im Lager der „Union" steht, wird zur Geltung kommen. Wir werden kein gesetzliches Mittel außer acht lassen, um dieses uns vorenthaltene Recht zu erlangen. Schwere Kämpfe stehen uns bevor. Der Beschluß .der Jüdischnationalen bedeutet eine Verschärfung des Kampfes. Wir haben den Wahlkampf fair und ehrenvoll geführt ohne die Ehre der Person des Gegners, wie es die Jüdischnationalen getan haben, anzutasten. Das eine haben wir schon jetzt durch unseren Erfolg am 8. November erreicht daß der Versuch der Jüdischnationalen, aus der Kultusgemeinde eine politische „Volksgemeäude" zu machen, gescheitert ist Die Jüdischnationalen mißbrauchen den Zionismus für ihr Vorgehen in der Kultusgemeinde. Es gibt keinen Gegensatz zwischen Union und Zionismus, wie ihn unsere Gegner den Wählern vortäuschen. Allerdings gibt es einen Gegensatz zwischen „Union" und .jüdischnational". Wir stehen auf dem Boden der Verfassung, unsere Parole ist Oesterreich! (Stürmischer Beifall.) Der Wiederaufbau der Organisation macht erfreuliche Fortschritte. Bauen Sie die Männer-, Frauen- und Jugendgruppen aus! Erfüllen wir unsere Jugend mit den «monistischen Ideen, damit sie nicht phrasenhaften und phantastischen Ideen nachläuft Reicher, anhaltender Beifall belohnte den Referenten für seine geistreichen Ausführungen. Der Vorsitzende dankte dem Präsidenten für das ausgezeichnete Referat Herr cand. merc. Franz Kolmin führte u. a. aus: „Der wichtigste Faktor im Wiederaufbau der „Union" ist die Erfassung der Jugend. Für den jungen Menschen bestehen zwei Gefahren. Der Nationalismus einerseits, der durch utopistische und phrasenhafte Lehren die Hirne der heranwachsenden jungen Menschen vernebelt, der Kommunismus andererseits, der die Jugend dem Vaterlande und der Religion entzieht. Beide führen den jüdischen Jungen und das jüdische Mädchen zum Verderben. Oesterreich ist der Boden, auf dem wir stehen. Die „Union" muß die Erziehungsarbeit für Oesterreich und für das Judentum fcei den kleinsten Kindern, beim Jüdischen Jugend-Kreis (J. J. K.), beginnen. Die Alten müssen den Jungen helfen. Helfen Sie uns, schicken Sie Ihre Kinder in den J. J. K. und in die Jugend-Union! Unser Wahlspruch muß immer sein „Für Oesterreich und für's Judentum!" (Lebhafter Beifall.) Herr Dir. Weiger stellt fest daß die „Union" keinen Unterschied zwischen Glaubensbrüdern kennt Wir fragen nicht, woher jemand ist der zu uns kommt. Dieses Märchen haben die Jüdischnationalen verbreitet, weil sie einen Wahlschlager brauchtea Wir sind nur Gegner des .Nationalismus, denn er führt zur Bestialität. Wieviel Juden aus Oesterreich. Wien inbegriffen, sind durch die Jüdischnationalen nach Palästina gezogen? Wer bezahlt die Kosten des nationalen Kampfes in Palästina? Das Geld der Wiener Juden wollen wir in erster Linie für den Ausbau der charitativen Institutionen Wiens verwenden. Diese Institutionen, auf die wir stolz sein können, haben wir ins Leben gerufen und erhalten. Die Feststellungen des Kultusrates Weiger übten einen tiefen Eindruck auf die Anwesenden aus. Als letzter Redner des Abends ergriff Herr Kultusrat Dr. Ernst Feldsberg, der stürmisch begrüßt wurde, das Wort zu temperamentvollen Ausführungen. Herr Dr. Feldsberg verweist zunächst auf die Verhandlungen der englischen königlichen Kommission in Palästina, die die Aufgabe hat die Ursachen, die zu den Unruhen und blutigen Kämpfen der letzten Monate geführt haben, festzustellen und die Maßnahmen ausfindig zu machen, die zu ergreifen wären, um solche Zustände zu vermeiden, damit ein friedliches Verhältnis zwischen Arabern und Juden hergestellt werde. Vor dieser Kommission wurde der Führer und Präsident der Zionisten, Herr Dr. Chaim Weizmann, als Zeuge vernommen. In seiner Aussage hat Dr. Weizmann auf die Heimatlosigkeit der Juden hingewiesen. Es ist nicht wahr, sagte Dr. Feldsberg, daß wir Juden heimatlos sind. Wir Juden in Oesterreich haben eine Heimat Oesterreich ist und bleibt unser Vaterland, das wir mit allen Fasern unseres Herzens lieben. Wir lassen uns nicht von bezahlten nationalen Einpeitschern terrorisieren, die die anderen nach Palästina schicken, selbst aber hier von den Wiener Steuergeldern ein Leben führen, als ob sie die Herren der Wiener Juden wären. Mit scharfen Worten wendet sich der Referent gegen die Erziehungsmethoden der jüdischnationalen ReligionsJehrer, die im Solde der Kultusgemeindc stehen. In- und außerhalb der Schule werden unsere Kinder von diesen angeblichen Jugendbüdnern mit phrasenhaften „nationalen" Irrlehren angefüllt. Die Kinder werden gegen andersdenkende Mitschüler verhetzt. Was sonst als Verhetzung bedeutet es, wenn ein Religionslehrer an einer der größten Mittelschulen im Herzen der Leopoldstadt den Kindern in der Religionsstunde sagt: „Nur ein Zionist ist ein J u d e". Anstatt Religionsunterricht zu erteilen, verwenden viele jüdischnationale Lehrer die Religionsstunde zur Einübung von nationalen Liedern und Theaterstückea Auch wendet er sich scharf gegen jene Beamten, die sich in den Dienst der jüdischnationalen Politik stellen. Nicht genug scharfe Worte des Tadels findet der Vortragende gegen jene Rabbiner und Funktionäre der Gemeinde, die von der Kanzlei, statt das Gotteswort zu predigen, jüdischnationale Politik betreiben. Wo in der Welt kommt es vor, daß ein angehender Rabbiner an den hohen Festen aufrührerische nationale Reden hält oder daß ein Oberkantor, anstatt seinen Sinn auf die weihevollen Gebete, die die Einheit und Brüderlichkeit beinhalten, zu richten, in Politik macht und bei den Wahlen als nationaler Agitator sich betätigt? (Entrüstungsrufe.) Wir werden uns gegen die Verpolitisierung der Angestellten zur Wehr setzen. Zu den Zuständen in der Kultusgemeinde bemerkt der Referent: „Unser Präsident hat Ihnen versprochen, alle gesetzlichejn Mittel anzuwenden, um den Terror und die Gewalt der derzeitigen Machthaber in der Gemeinde zu brechen. Druck erzeugt Gegendruck. — Das bevorstehende Chanuka-Fest lehrt uns, wofür unsere Vorfahren gegen mächtige Feinde siegreich gekämpft GROSSFLEISCHHAUEREI flEGM. KORNHEHL WIEN IX., BERGGASSE NR. 19 FILIALE i XVIII., WAHRINGERSTRASSE 97 Telephon Nr. A 17-3-99 und A 16-9-34 Lieferant für Heilanstalten Abteilungen für Koscherfleisch unter Aufsicht des ehrw. Rabbinates der Isp. Kultusgemeinde Wien» Sämtliche Heischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen haben. Nicht für eine nationale Idee haben sie die Fahne des Aufstandes entrollt, sondern für die religiöse Idee der Jahrhunderte alten Tradition haben sie Gut und Blut geopfert. Wir allein können den Kampf in der Kultusgemeinde nicht führen, Sie müssen von außenher den Kampf gegen Gewalt und Unrecht mit uns führen. Wir werden alles tun, um das am 8. November gegebene Versprechen auch einzulösen." Stürmischer, nicht endenwollender Beifall wird dem Referenten gezollt. Der Vorsitzende, Herr Direktor Kolmin, dankt allen Anwesenden für ihre Zustimmung zu den Referaten des Abends, richtet einen warmen Appell an die Versammlung, der „Union" neue Mitglieder zuzuführen und die Jugendorganisationen kräftigst zu unterstützen, und schloß die eindrucksvoll verlaufene Versammlung. D. Herzog. Die jüdischen Friedhöfe in Graz. (Quellen und Forschungen zur Geschichte der Juden in der Steiermark, 11. Band, 1. Teil), Graz 1937, 47 S., 8°, Preis S 5.—. Eine Arbeit des Landesrabbiners Univ.-Prof. Dr. D. Herzog aus Graz ist für den Kenner stets ein literarischer Hochgenuß. Dies ist auch der Fall bei der soeben erschienenen topographischhistorischen Studie über die jüdischen Friedhöfe in Graz, in welcher der gelehrte Verfasser ein ausgezeichnetes, aus, kleinen, mühselig herbeigeholten Steinchen .zusammengefügtes Mosaikbild herausarbeitet, das uns einen tiefen Einblick in die Geschichte der Juden in Graz tun läßt. Doch das Buch verdient auch über dem lokalen Interesse hinaus große Beachtung, weil es uns ein wertvolles Stück einer Gemeindegeschichte überhaupt bietet. Wenn wir für viele Gemeinden solche Arbeiten besäßen, würde auch eine Geschichte der Juden im Oesterreich, die sicherlich einem literarischen Bedürfnisse entspräche, viel eher geschrieben werden können. Das Buch verdient also weitestgehende Beachtung. Auch möchte ich noch auf das unten abgedruckte so schöne und ergreifend geschriebene Vorwort hinweisen, das auf mich einen geradezu erschütternden Eindruck gemacht hat, indem es unsere gegenwärtige Lageins richtige Licht rückt, allerdings nicht ohne Aspekte auf eine bessere Zukunft. Gute Pläne, Bilder, Urkunden und Regesten begleiten die Arbeit. Alles in allem: ein prächtiges, wertvolles und streng wissenschaftliches Buch, auf das die Mitglieder der Grazer Gemeinde stolz sein können. Vorwort. Diese topographisch-historische Studie über die jüdischen Friedhöfe in Graz, soll ein weiterer Baustein zu der von mir geplanten „Geschichte der Juden in der Steiermark" sein. Allerdings ist mir das Meißeln an diesem Stein nicht leicht geworden. Denn gar oft, wenn ich in stillen, ein samen Nächten lan den Zeilen dieser Arbeit ger schrieben habe, packte mich brennender "Schmerz, namenloses Weh. Mir war es, als ob eine Stimme aus weiter Ferne zu mir hinübergedrungen wäre und mir zuraunte: weißt du auch, der du dich um die Erforschung unserer Ruhestätten bemühst, um unser Weh, unser Leid und um unsere Schmerzen, hatten? rollte da das vor 3ü<tische1lHteuiehiH&i! Denkt an die Jüdischen und fordert anläßlich der WMersaison den Bedarf an Angestellten und Arbeitern aller Kategorien beim jüdischen ß^^kM Wt0^0 B %SlOSen Verein für unentgeltlidien Arbeitsnachweis, Wien 1., Kohlmessergasse 4 / Fernruf U 27-0-65 Arbeit die wir einst hienieden zu ertragen Manche Träne, von keinem gesehen, über mein Gesicht und netzte zuweilen mir liegende Papier. Ich schäme mich dieser Tränen nicht. Denn in der Tat, was haben diese Menschen, wienn man ihre Gechichte genau kennt, nicht alles gelitten! Gewiß, Menschenleben ist eigentlich Schmerzensweg, denn der Mensch ist zu Leid geboren, sagt uns ja schon so erschütternd der große Dulder Hiob (Hiob 57). Aber was diese auf den jüdischen Friedhöfen begrabenen Menschen zuweilen im Leben zu leiden hatten, geht vielfach weit über gewöhnliches, menschliches Leid hinaus. Von ungerechtfertigtem Haß verfolgt, diffamiert, mit Verachtung, willkürlich entfachter Hetze und Verfolgung gepeSnigt wurden sie wilden Tieren gleich gehetzt. Und wie oft wurden sie um des Vergehen eines einzelnen willen, dessen Taten sie nicht genug verurteilen konnten, haftbar gemacht und nicht selten haben Haß und Ohnmacht, die sich dem Stärkeren gegenüber nicht laustoben konnten, sich an ihnen ausgelassen. Es war eine Tragik sondergleichen. Das alles allerdings waren keine sittlichen Heldentaten, aber sie verfehlten eine Zeit lang ihre Wirkung nicht. Wahrlich, man könnte laus der Tragik, difö über den jüdischen Friedhöfen gelagert ist, wenn die Stimmen derer, die dort begraben sind, sprechen könnten, eines der traurigsten Kapitel menschlicher Geschichte schreiben. Das wird so lange anhalten, als die Meinung sich Geltung zu verschaffen weiß, daß Fäuste, Kraft, Macht, Stärke und ungezügelter Haß Marken der Heldenhaftigkeit; Güte, Liebe, Milde, Selbstlosigkeit, Aufopferungsfähigkeit für seinen Nebenmenschen, nur Zeichen der Schwäche und der Feigheit sind, auf deren Kosten sich Minderwertige erhalten wollen. Ich widerspreche dem. Bei Gott, nicht aus Feigheit und nicht aus dem Bestreben der Erhaltung, sondern weil ich als tiefgläubiger, sittlich empfindender Mensch glaube, daß nur die in den Menschenherzen eingebaute Liebe zu allen Menschen, die Welt vom Leid erlösen und alle Menschen glücklich machen könne. Das lehrt uns auch die Geschichte. Und darum glaube ich auch, daß trotz dem parteimäßig prophezeiten Chiliasmus, der dermalen seine Orgien feiert, die Zeit doch nicht allzu fern liegt, in der wieder das göttliche Wort, das der allgütige Vater durch seinen größten Propheten, durch Moscheh, kompromißlos der Menschheit hat offenbaren lassen, zur Geltung kommen wird, das da lautet: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst (Lev. 19, 18, 43) und das der große jüdische Lehrer Hillel im ersten vorchristlichen Jahrhundert mit der Erklärung begleitet hat: Was dir nicht recht ist, daß man dir tue, tue auch deinem Nächsteh nicht (Talmud b. Sabbat 31a).

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