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Die Wahrheit · 1936-12-11 · Heft 54 (11.12.1936) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 54 (11.12.1936)
Date
1936-12-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Nr. 54 — 11. Dezember 1936 Seite 5 DAS „ISRAELITISCHE ERHOLUNGSHEIM" in eröffnet seine diesjährige Wintersaison am 1. Dezember 1936 Aufnahmebedingungen durch : „Casa Israelitica di salute", MERANO, (Italien) Via Manzoni 6 MERANO (ITALIEN) Der unionistische Gedanke und die Jugend. Von Dr. Bruno David, Obmann der Jugend-Union. Vor allem sei festgestellt, welche Einflüsse auf die jüdische Jugend der heutigen Zeit und insbesondere auf die in Oesterreich wirken. Dabei muß als unleugbare Tatsache festgehalten werden, daß sich keine noch so kleine Gruppe von Menschen unbeeinflußt von den großen politischen Zielsetzungen der Zeit halten kann. Um so weniger kann dies der Fall sein bei der jüdischen Bevölkerung, die gewohnt ist, sehr vital auf alle Ereignisse zu reagieren. In politischer Richtung wird die jüdische Jugend vom Nationalismus beeinilußt, der in den letzten Jahren immer schärfere Formen annimmt und in seiner Auswirkung eine Spitzegegen das Judentum hat, was nicht nur für das Deutsche Reich, sondern auch für andere Staaten gilt. Aui der anderen Seite wirken besonders schwerwiegend die wirtschaftlichen Nöte der ganzen Welt, allgemein unter dem Schlagwort „Wirtschaftskrise" bekannt. Der akute Antisemitismus gibt dem Nationalismus und der Wirtschaftskrise eine iür uns eigene und besonders geiährliche Ausdrucksiorm, um so mehr, da er seine Angriffsfläche durch Verlegung von Religion auf Rasse erweitert hat und eine organisierte Durchsetzung durch eine zentral geleitete Proga- ,anda betreibt. Das sind die Probleme, die uns gestellt sind und auf die wir in irgend einer Form reagieren müssen. Am härtesten von allen Ereignissen der Gegenwart uird sicherlich die jüdische Jugend getroffen, die im Begriffe ist, iür ihre wirtschaftliche Existenz ein Fundament zu finden. Sie will erst ins Wirtschaftsleben eintreten, sich eine Basis verschaffen für aufbauende Arbeit. Der Jugend, deren Ansprüche heute sehr bescheiden sind, geht es nicht nur um die Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, sondern vor allem um die Möglichkeit, ihre Arbeitslust, ihre unverbrauchte Energie einer befriedigenden und aneiferndeu Arbeit, die ihr eine Zukunftslioffnung gibt, zu widmen. Diese jüdische Jugend hat zwei Feinde zu überwinden: Wirtschaftskrise und Antisemitismus. Man wird mit Berechtigung erwidern: aile haben wir diese Widerstände 7.u überwinden, es gibt keinen Unterschied zwischen jung und alt. Doch es gibt einen Unterschied und der Hegt darin, daß sich die ältere Generation (wenn auch nicht zur Gänze), noch einer Existenz, die sie in besseren Zeiten auibauen konnte, erfreut — zum Teil Rücklagen besitzt und über Beziehungen verfügt, die nötigenfalls helfen können. Aber es gibt noch eine moralische Seite, wo der Unterschied vielleicht noch krasser zum Ausdruck kommt. Die ältere Generation ist abgeklärter, durch Erfahrungen gewitzigt und überlegter und muß mangels der nötigen Anpassungsfähigkeit und Spannkraft oft mit Situationen vorlieb nehmen, denen die Jugend, kraft der Hoffnung, noch ein ganzes Leben vor sich zu haben, Abhilfe schaffen zu können glaubt. Es ist daher vornehmste Aufgabe einer jüdischen Vereinigung, für die Zukunft der jüdischen Jugend geistig und materiell Vorsorge zu treffen. Erst, wenn sie diese Autgabe erfüllt hat oder wenigstens zu erfüllen im Begriffe ist, kann sie berechtigt auf ihre Tätigkeit und Leistungen hinweisen und Anspruch darauf erheben, Anhängerschaft und Begeisterung in den Kreisen der Jugend zu finden. * Man darf aber bei Lösung dieser Fragen vor den Tatsache — und seien sie noch so traurig — nicht zurückschrecken oder versuchen, ihnen durch bewußtes Nicht-sehen-wollen auszuweichen. Ehrliche Feststellungen können die Lösung erleichtern. Dazu gehört leider die Erkenntnis, daß es auf die Dauer nicht möglich sein wird, alle jungen jüdischen Menschen, die in Oesterreich leben, auch in Oesterreich in Berufen unterzubringen und vor allem in den Berufen, die sie gelernt haben oder zu denen sie traditionsgemäß neigen. Eine totale Lösung dieser Aufgaben glaubt der jüdische Nationalismus in der Ansiedlung der Juden in ft<4. 7L9L thetich erteilt in und außer Haus Unterricht in: KLAVIERu. ORGELSPIEL, THEORIE, HARMONIELEHRE, KONTRAPUNKT, INSTRUMENTATION u.BLATTSINGEN. Übernimmt auch Klaviere zu stimmen. WIEN, IL KRUMMBAUMGASSE 10/14 Palästina und der Gründung eines Judenstaates gefunden zu haben. Hier versucht eine Gruppe jüdischer Menschen die Probleme: Wirtschaftsnot und vor allem Antisemitismus mit einem Schlag und einem Mittel zu lösen. Der Umstand, daß ein Allheilmittel gefunden wurde, muß auch bei jungen Menschen, die sich niemals mit diesen Fragen befaßt haben, Bedenken entstehen lassen. Denn wer kann, wenn er überlegt, glauben, daß Probleme, d'ie, je nach der Zeit, mehr oder weniger akut durch zwei Jahrtausende die Menschheit beschäftigten, durch ein Allheilmittel gelöst werden könnten. Dieser Bewegung wurde der jüdischnationale Mantel aus rein propagandistischen Beweggründen gegeben. Die Jüdischnationalen haben das Ziel ihrer Bewegung, die Errichtung eines Judenstaates in Palästina vorweggenommen und einfach erklärt, daß die Gesamtheit der Juden, die in den verschiedenen Staaten der Welt verstreut leben, in diesen Staaten eine nationale Minderheit bilden und alle zusammen einer eigenen Nation angehören. Die Bezeichnung ..Jüdischnationale Bewegung" n trcha der Star des Ronather-Theaters Chanukafeier wirkt bei der des „UNION-KLUB" mit wäre an und für sich nicht falsch, wenn damit einzig und allein verstanden werden sollte: die Bewegung der jüdischen Menschen, die die Errichtung des Judenstaates anstreben. Falsch ist diese Bezeichnung, wenn darunter verstanden werden soll: die Vereinigung der jüdischen Menschen, die sich zur jüdischen Nation bekennen. Eine jüdische Nation existiert nicht und daher ein Bekenntnis zu dieser Nation ein Unding, ein logischer und leider für die ganze judenheit verhängnisvoller Fehler. Der Glaube, dem antisemitischen Nationalismus in den verschiedenen Staaten Europas wirksam entgegentreten zu können, indem wir selbst zum Nationalismus greifen, hat sich als vollkommen irrig erwiesen. Der antisemitische Nationalismus bekommt dadurch nur neue Nahrung und sogar die Möglichkeit einer moralischen Berechtigung. Die Jüdischnationalen haben es verstanden, zwei an und iür sich verschiedene Dinge als untrennbare Einheit hinzustellen: den Aufbau Palästinas und die nationalen Ansichten und Ziele. Die Jüdischnationalen ziehen es hei wichtigen Anlässen vor, die letzte Kultuswahl hat es wieder ganz deutlich gezeigt, als Zionisten, Freunde des Aurbaus Palästinas und nicht als Nationalisten aufzutreten. Sie beweisen damit selbst, daß der Aufbau Palästinas das Wesentliche ist, an dem die jüdische Bevölkerung interessiert ist, und nicht der Nationalismus. Durch diesen propagandistischen Trick, den Palästina-Aufbau als ihr Monopol in Anspruch zu nehmen und den Nationalismus bei bestimmten Gelegenheiten in den Hintergrund zu stellen, haben es die Jüdischnationalen verstanden, einen großen Teil der Jugend für sich gewinnen. Hiemit ist aber auch bewiesen, daß die jüdische Jugend am Aufbau Palästinas zum überwiegenden Teil bloß wirtschaftlich interessiert ist. Sie hofft, nach den vielen Versprechungen, die ihr von den Jüdischnationalen gemacht worden sind, in Palästina einen Ausweg aus der Wirtschaftsnot gefunden zu haben. Es ist unbedingte Notwendigkeit, diesen propagandistischen Trick der Jüdischnationalen aufzuzeigen und gerade der Jugend die U n w a h r h e i t, die darin gelegen ist, zu beweisen. Der Aufbau Palästinas ist nicht eine Parteisache der Jüdischnationalen, er ist Gemeingut der gesamten Judenheit. Alle Juden — auch die in der Union österreichischer Juden zusammengefaßten — sind von der Wichtigkeit und Bedeutung der jüdischen Arbeit überzeugt und wünschen aus ganzem Herzen die gedeihliche Fortentwicklung dieser jüdischen Arbeitsstätte, Aber nicht nur Interesse und gute Wünsche begleiten unsere Brüder in Palästina, sondern auch große materielle Zuwendungen und Opfer. Die Existenz der Jewish Ageney allein beweist, daß ohne die Mitarbeit und Mittel der nichtjüdischnationalen Juden der Palästina-Aufbau niemals möglich gewesen wäre und auch in der Zukunit nicht möglich sein wird. Es ist absolut zu vereinbaren, guter Unionist und zugleich Freund und Förderer des Palästina-Auibaues zu sein. Aber der Aufbau, den die Unionisten und alle nichtjiidischnationaien Juden fördern und begrüßen, unterscheidet sich wesentlich von dem, den die Jüdischnationalen anstreben. Wir wünschen in Palästina eine Heimstätte iür vertriebene, entwurzelte und existenzlose Juden und iür solche, die die Sehnsucht nach dem heiligen Boden ihrer Ahnen treibt. Dieser Wunsch liegt im Rahmen des Möglichen, ist eriüllbar im Gegensatz zu den utopistischen Wünschen der Jüdischnationalen. Diese wünschen die Ansiedlung womöglich aller Juden in Palästina und die Gründung eines Judenstaates zu organisieren und ein nationales Zentrum der gesamten Judenschait dort zu errichten. Diese Bestrebungen können bei den politischen Verhältnissen der Gegenwart und vor allem hei der Kleinheit und dem geringen Bodenreichtum Palästinas niemals Aussicht auf den erwarteten Erfolg haben. Wie erschreckend groß wird einmal die Depression der jungen Menschen sein, die den jüdischnationalen Propagandisten geglaubt haben, wenn sie erkennen werden müssen, daß sie durch Trugbilder und falsche Hoifnuugen schwer getäuscht worden sind. Sie davor zu bewahren, ist unsere Autgabe. Leider liegen die Geiahren nicht nur in der Zukunft, sondern greifbar in der Gegenwart. Von den 16 Millionen Juden leben nur zirka 35 im WO in Palästina, die übrigen bereits seit Generationen in den verschiedeneu Ländern der Welt, mit denen sie durch gleiches Schicksal aufs engste verbunden sind. Diesen Juden droht der jüdische Nationalismus ihre Existenz noch zu erschweren, da er den Antisemitismus in seinen Argumenten bekräftigt. Die bekannten Aiitisemiteuftihrer unseres Landes haben öffentlich das jüdischnationale Programm anläßlich der letzten Kultuswahlen begrüßt. Gibt es noch einen besseren Beweis für die Gefahren des jüdischen Nationalismus? Wenn wir erkennen, daß Palästina nicht in der Lage ist, den Ueberschuß an jungen Juden aufzunehmen, so ist es unsere Aufgabe, dafür Sorge zu tragen, daß der jüdischen Jugend die A u s w a n d e r u n g i n a nd e r e. n o c h a ti i n a h m s i ü h i g e Länder ermöglicht wird. Gerade jetzt werden in dieser Beziehung von verschiedener Seite Versuche unternommen und ::uch den Zionisten erscheint die Unzulänglichkeit Palästinas aufzudämmern. Auch wir müssen diesen nicht aussichtslosen Weg beschreiten. Es ist in dieser Hinsicht noch nicht zu spät und in systematischer Arbeit kann mit nicht übermäßigen Mitteln vielen jungen Menschen eine neue aussichtsreiche Existenz eröffnet werden. Uni jungen Menschen die Auswanderung zu ermöglichen, muH eine gänzliche B e r u t s u m s c Ii i c ht u n g erfolgen. Mit der Berufsausbildung, die die meisten Juden haben, ist eine Auswanderung, gleichgültig wohin, bis auf wenige Ausnahmen unmöglich. Diese Umschichtung muß bei den Kindern, die am auinahms- und anpassungsfähigsten sind, begonnen werden. Diese Berufsumschichtung dient aber nicht nur den jungen Menschen, die auswandern wollen, sondern ganz bedeutend auch denen, die hier bleiben. Diesen werden neue Arbeitsgebiete erschlossen werden und wir können sicher sein: auch der Antisemitismus würde durch eine derartige soziale Umschichtung abilauen. Die jüdische Jugend wird am besten gegen die Töne der jüdischnationalen Rattenfänger geieit sein und am ehesten Vertrauen zu unseren Leitsätzen gewinnen, wenn wir mit aller Intensität danach streben, die jungen Leute in Betrieben und Unternehmungen in Oesterreich unterzubringen, selbst wenn dabei Opfer gebracht werden müssen. Wir haben das Recht, diese Opfer von jedem verantwortungsbewußten jüdischen Unternehmer zu verlangen, denn die Zukunft der Jugend ist die Zukunit unserer Gemeinschaft. Das notgedrungen durch die Zeitumstände bedingte neuerwachte Interesse der jüdischen Jugend iür jüdische Fragen und Angelegenheiten wollen wir dazu auswerten, die Jugend mit dem reichen Schatz der jüdischen Religion und Lehren vertraut zu machen. Wir befolgen damit den ersten Grundsatz des unionistischen Programms: Erhaltung und Stärkung des jüdischen Glaubens. Warum der Zorn der Nationen von Deutschland bis Palästina? Nur die Bibel kann Ihnen Auskunft geben. Eine Anregung zum Verständnis des 1. Kapitels des 1. Buches MOSES bietet Ihnen die kostenlos erhältliche Abhandlung ven Franz Schlosser sen., Saaz Ö. S. R. Kg^ip^f

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