Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 54 (11.12.1936)
- Date
- 1936-12-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Nr. 54 — 11. Dezember 1936 Seite 3 Samstag, den 12 Dezember, präzise 8 Uhr abends GROSSE CHANUKAFEIER des „UNION-KLUB" im Heim I., Schottenring 25 RELIGIÖSE FEIER: Lichteranzfinden: Oberkantor Glück mit Chor. Festrede: Rabbiner Prof. Dr. J. Drobinsky. Festgedicht, vorgetragen von Susi Widrlch. Begrüßungsansprache: Präsident Reg.-Rat Dr. H. Oppenheim. A KADENIE : MIRCHA, der Star des Ronacher-Theafers Julia Röhler . . . ehem. I. Koloratursängerin der Dresdner Staatsoper, am Flügel Kapellmeister Adolf Brenner. Ernst Heinrich Schrenzel . . . diesmal lustig. Raoul Lange, Mitglied des Deutschen Volkstheaters, singt spanische und argentinische Volkslieder; am Flügel: Herta Lange. Anny Singer, Klavier. Conference: E. H. Schrenzel. Nach der Akademie: TANZ Bestand gehabt, und dann auch in Ehren. Endlich besteht doch noch Hoffnung, daß Gott den Teufel auch im menschlichen Herzen besiegen wird. Auch ein Schlimmer." Das schrieb David Frankfurter ungefähr drei Wochen vor der Tat. Welche Strafe hat Frankfurter zu erwarten? In einer Reihe von politischen Attentatsprozessen sind die Täter aus verschiedenen Motiven heraus freigesprochen worden, und zwar in Fällen, die ganz ähnlich liegen wie der Fall Gustloff, die Ermordung des Hetmans Petljura durch den jüdischen Uhrmacher Schwarzbarth in Paris, der Mord an dem türkischen Großvesir Talaat Pascha, der von dem armenischen Studenten Teihrian in Berlin niedergestreckt wurde, und das Attentat auf den russischen Kommissar Wor o w s k y in Lausanne, der vom dem, übrigens in Graubünden geborenen, Russo-Schweizer Conradi getötet wurde. In diesen drei Fällen kam, wie gesagt, eini Freispruch heraus, ein Schicksal, das bei Frankfurter wohl kaum erwartet werden darf. In Deutschland vermochte Dr. Grimm, der von Deutschland entsandte Vertreter der Frau Gustloff, viele Fememörder vor längeren Freiheitsstrafen oder Todesurteilen zu bewahren. Als Verteidiger der Fememörder Reim und Schulz in den Jahren 1927 und 1928 vertrat er die Rechtsmeinung, daß jeder Staatsbürger, der einen Notstand des Staates oder Volkes als gegeben erachte, berechtigt sei, Menschenleben zu vernichten, die er in diesem Zusammenhang als schädlich ansieht, das heißt, Morde im strafrechtlichen Sinne zu begehen. Grimm ist seit 1933 der offizielle Rechtsvertreter des Dritten Reiches im Ausland. Er trat als solcher zum erstenmal in Kairo im Jahre 1934 in dem sogenannten Kairoer Judenprozeß gegen die Juden auf. Seine Schriftsätze strotzten vor Antisemitismus. Der Kanton Graubünden hat kein Schwurgericht. Er hat sehr strenge Gesetze, doch kennt er die Todesstrafe nicht. Für Mord gibt es mindestens 15 Jahre bei mildernden Umständen; für Totschlag 6 bis 15 Jahre. Der Staatsanwalt hat 18 Jahre Zuchthaus beantragt. Es ist bemerkenswert, daß es eine Berufung gegen das Urteil des Kantonsgerichtes nicht gibt; für die Nichtigkeitsbeschwerde ist der Kassationsgerichtshof zuständig. Wir werden über den Ausgang; des Prozesses, der Samstag zu Ende geht, in unserer nächsten Nummer ausführlich berichten. Antisemitismus £üls Wissenschaft. Wissenschaftliche Erforschung der Judenfrage an der Münchner Universität „Der Versuch, die Juden auszurotten, ist unter den günstigsten Auspizien und im größten Maßstabe unternommen worden. Die bedeutendsten Mittel, über welche Menschen jemals verfügen konnten, wurden fast während unserer ganzen Zeitrechnung hartnäckig an dieses Ziel gewendet. Aegyprische Pharaonen, assyrische Könige, römische Kaiser, skandinavische Kreuzfahrer, gotische Fürsten und die heilige Inquisition haben gleichmäßig ihre Kräfte an die Erfüllung dieses Zweckes gesetzt. Ausweisung, Verbannung, Gefangenschaft, Vermögensentziehung, die erfinderischeste Folter, die umfassendsten Massenmorde, ein seltsames System entehrender Bräuche und erniedrigender Gesetze, lauter Dinge, die ein jedes anderes Volk zerbrochen haben würde — an die Juden wurden sie vergeblich versucht." Disraeli. Nun hat die deutschvölkische Tendenzwissenschafli eine neue Waffe geschmiedet, um damit nicht nur die Juden Deutschlands, sondern den jüdischen Geist, das Judentum als Ganzes zu erdolchen, eine Waffe, die Disraeli noch gar nicht gekannt hat: die Rassentheorie. Und um diese epochale Entthronung des Geistes und der Vernunft, die sich in der germanischen Kultursphäre vollzogen hat zum völligen Abschluß zu bringen, um Scharlatanismus, obskurem Septenwesen, mystischem Heidentum, krassem Köhlerglauben und alberner Hintertreppenwissenschaft, die" das nationalsozialistische Weltbild bestimmen, zum völligen Durchbruch zu verhelfen, wurde dieser Tage in der großen Aula der Münchner Univejsjtät die Forschungsöbteälung „Judenfrage" des Reichsinstttuts für Geschichte des neuen Deutschlands feierlich eröffnet. Die Bedeutung dieses ,,kultur- Politischen" Ereignisses, das die erste Kundgebung der gesamten deutschen Wissenschaft zum Judentum darstellt, wurde durch die Anwesenheit von politischen, militärischen und wissenschaftlichen Vertretern des Dritten Reichs unterstrichen. Der moderne demokratische Aberglaube mit „Weltanschauung" — wie Thomas Mann die nationalsozialistische Theorie nennt — kann nun einen weiteren Massenzulauf erwarten und weitere Triumphe feiern. Wie anderswo Doktore der Medizin oder Philosophie, werden nun an der Münchner Universität vielleicht gar bald „Doktore der Judenfrage" graduiert werden. " seefEd™ Ä" ] WINTERSPORT, heilklimatischer ■ HONENKURORT, Waldspaziergänge i schneesicher S Gedenket Winterhilfe d r Bundesregierung! PENSION GESCHWISTER SCHEER jetzt Haus Waldruhe, direkt am See und Wald,\ vorzügliche Küche, streng Saisonbeginn Mitte Dezember i Die deutsche Torheit, jede Narretei zu einem wissenschaftlichen System auszubauen, hat es zuwege gebracht, daß Roheit, Verblödung und gemeinste Pöbeltriebe in pseudowissenschaftlicher Verkleidung im europäischen Kultursalon herumstolzieren darf. Im zwanzigsten Jahrhundert ist man eben Antisemit aus wissenschaftlicher Ueberzeugung, sozusagen aus Idealismus. Und wenn man heute „Juda verrecke" brüllt und diesem edlen Wunsch auch ein wenig tatkräftig nachhilft, so geschieht dies aus übermenschlicher Objektivität der reinen Wissenschaft. Denn die Juden sind jetzt auf Grund der Forschungsergebnisse aller Fakultäten der Münchner alma mater, wozu auch noch eine der Zoologie entlehnte neue Wissenschaft erfunden werden mußte, „minderwertig", „moralisch verkommen", „degeneriert", „geistig unproduktiv" und daher „ob ihrer Rassenverworienheit" aus der menschlichen Gesellschaft, aus dem Staatsleben auszuschalten und auf allen Gebieten zu bekämpfen. Zufolge dieser neuesten Errungenschaft der gleichgeschalteten deutschen Wissenschaft sind wir „eine vorderasiatisch-mongolisch - ostisch - nordisch-orientalisch-hamitischnegroide Mischung", woraus die zersetzenden seelischen Eigenschaften der Juden zu erklären sind. Wahrlich, eine Theorie von unübertrefflicher Einfachheit. Man bezeichnet eben alles, was jüdisch ist, als minderwertig und alles Minderwertige als jüdisch. Im Gegensatz dazu ist alles Arische wertvoll und alles Wertvolle arisch. Scheinbare Widersprücehji tiie) uns;auf diesem Gebiete begegnen, sind bald geklärt. So z. B., wenn die Nobel-Stiftung, die bekanntlich nicht etwa ein Verein reisender Kaufleute ist, sondern ein Gremium von wissenschaftlich höchster Objektivität, die also keine Vermittlungshonorare für Kulturmakler, sondern nur Ehrenpreise als Anerkennungszoll für geniale Eigenleistungen ausbezahlt, gerade der „geistig minderwertigen" und „unproduktiven" jüdischen Rasse perzentuell mehr Preise zuerkannt hat als irgend einer anderen Rasse. Dies erklärt sich daraus, wie der Vorsitzende der Reichsdeutschen Aerztetagung in Wiesbaden vortrefflich bemerkte, weil die Juden seit Jahrhunderten inmitten der arischen Gemeinschaft leben. Kein Wunder also, daß sich unter dem arischen Einfluß auch einige begabte Juden entwickelt haben. Hingegen sehen wir, welchen schrecklichen Einfluß die „jüdische Rassenverworfenheit" auf die arische Rasse ausgeübt hat. Ein Blick in die deutsche Kriminalität genügt, um festzustellen, daß in den Jahren 1899 bis 1917 auf 2174 Fälle der schwersten Formen der Kriminalität, Fälle von Mord und Totschlag, insgesamt 4 jüdische Verbrecher kamen. Demnach sind die 2170 arischen Verbrecher bloß von den 4 jüdischen Verbrechern beeinflußt worden und es ist eine perfide Verleumdung, wenn z. B. behauptet wird, daß unter den Führern der Nationalsozialistischen Partei mehr unsaubere Subjekte sich befinden als in der gesamten Judenschaft Deutschlands jemals, selbst in antisemitischer Beleuchtung, nachzuweisen wären. Dabei fehlt es auch nicht an grotesken Versuchen, Widersprüchen vorzubeugen. Da es z. B, nicht gut angeht, das Bibelvolk, aus dem ja auch das Christentum hervorgegangen ist, in Bausch und Bogen als das Bollwerk aller Laster zu denunzieren, werden die Stifter des Christentums, ja sogar König David, kurzerhand als Arier deklariert. Der Privataußenminister Hitlers, Alfred Rosenberg, geht aber noch weiter und erklärt dem „jüdischen" Christentum den Krieg. In seinem „Mythus des 20. Jahrhunderts" schreibt er: „Wir erkennen heute, daß die zentralen Höchstwerte der römischen und der protestantischen Kirche als negatives Christentum unserer Seele nicht entsprechen, daß sie den organischen Kräften der nordisch-rassisch bestimmten Völker im Wege stehen, ihnen Platz zu machen haben, sich neu im Sinne eines germanischen Christentums umwerten lassen müssen. Das ist der Sinn des heutigen religiösen Suchens." Man mag all dies für Wahnsinn halten. Es ist aber ein Wahnsinn, der unleugbar große Erfolge •aufzuweisen hat. Ein Wahnsinn, dem es gelungen ist, den Kampf gegen das Judentum zur „Wissenschaft" zu veredeln, allerdings zu einer Weltanschauung, die dem Hexenwahn nicht ganz unähnlich ist, an den ja gleichfalls Millionen Menschen glaubten. Und da menschliche Dummheit keine Grenzen kennt und immer noch das erfolgreichste Mittel zur Gewinnung des öffentlichen Beifalls ist, ist es weiter nicht verwunderlich, wenn diese Gehirnverwirrung eines platten germanischen Scharlatanismus über den deutschen Kulturkreis hinausgreift und sich weiterer Kulturgebiete bemächtigt. Tatsächlich verbreitet sich der verquollene Dampf dieser dunstigen Ideologie über die