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Die Wahrheit · 1936-12-11 · Heft 54 (11.12.1936) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 54 (11.12.1936)
Date
1936-12-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Nr. 54 — 11. Dezember 1936 DIE WAHRHEIT DIE W Wintersport, Erholung u. Gasteiner Badekuren finden Sie im schönen sonnigen Winterkurort HOFGASTEIN Kartaus Westend unter Aufsicht d. Schiffschul Wiener Küche, Zentralheizung und Thermalbäder Im Hause. Bad S 2.50. Anfragen rechtzeitig erbeten. zu Chur verhandelt. Während die Schweizer Presse in der Vorbesprechung die Auffassung verficht, daß die Affäre rein juristisch und nicht politisch zu behandeln sei, vertritt die Nazi-Presse den entgegengesetzten Standpunkt — wohl in dem Schuldbewußtsein, daß nicht ein jüdischer David, sondern der Goliath des die ganze Welt mit seinem Mordgeiste vergiftenden Nazismus der eigentliche Angeklagte in diesem Prozeß ist. Darum werden alle Einschüchterungsmittel, über die das Hakenkreuz verfügt, gegen die Schweizer mobilisiert: von der Drohung mit Trübung der diplomatischen Beziehungen bis zum Bombenanschlag gegen die Züricher Synagoge. Armselige Apostel der rohen Gewalt! In ihrer absoluten Ahnungslosigkeit vom wahren Geiste des Judentums können sie nicht erfassen, daß selbst die stärkste Bombe das Fundament des jüdischen Heiligtums nicht so radikal zu bedrohen imstande ist, wie die Versündigung eines Juden gegen das mosaische Gebot: Du sollst nicht töten! Wenn die Ermordung des Nazi-Agenten Gustloff im Gegensatz zu der Ermordung Professor Lessings und anderer Opfer von im Schutz des Dritten Reichs geborgen lebenden Hakenkreuzlern in der Schweiz überhaupt Gegenstand eines Gerichtsverfahrens ist, so verdanken dies die Nazi nur der Tatsache, daß in der Schweiz noch immer das jüdische Sittengesetz als Grundlage der europäischen Kultur in Geltung ist und nicht der Mordgeist des Hakenkreuzes. iltUofuJOul (Klub der Mitglieder und Freunde der »Union österreichischer Juden*') I., Schottenring 25 Telephon A 19-2-77 Montag, den 14. Dezember, 7>8 Uhr abends, im Klubsaal Vortragsabend Es spricht: UI1IU.-PR0F. DR. HEINRICH SCHUR über „Die Ernährung des gesunden und kranken Menschen" Gäste willkommen! Frankfurter vor seinen Richtern. Seit Mittwoch findet im Saale des Großen Rates zu Chur vor dem Graubündner Kantonsgericht der Prozeß gegen den Attentäter von Davos statt. Der junge jüdische Medizinstudent aus Jugoslawien, der am 4. Februar 1936 mit vier Schüssen den deutschen Nazigauleiter der Schweiz, Wilhelm Gustloff, tötete, hat den Richtern seines Gastlandes Rechenschaft darüber abzulegen, warum er die Tat beging. Sie steht im vollkommenen Widerspruch zu dien jüdischen Anschauungen, in denen er erzogen wurde, zu dem Leben, das er bis dahin) geführt hatte, sie fügt sich psychologisch in keiner Weise in seine bis dahin normal verlaufene Lebensentwicklung herein. Der Angeklagte wird von allen als ein bescheidener, freundlicher, unpolitischer Mensch gegeschildert, in keiner Beziehung als ehrgeizig oder mit Veranlagung zum Heldentum beschrieben. Im Gegenteil, sein immer wieder hervortretender Fehler ist eine ständig wachsende Willensschwachheit; eine Eigenschaft, die zum Teil auf den Einfluß seiner Krankheit zurückzuführen' ist. Wie konnte sich also der Geist eines solchen Menschen so verirren oder verwirren, daß er einen Menschen, den er noch niemals gesehen hat, niederschießt? Das Gericht sollte sich deshalb in erster Linie mit jenen Vorgängen beschäftigen, die auf Frankfurter so einwirkten, daß er, statt seinem Studium nachzugehen, statt fünf Wochen lang nur einige wenige Zeilen als Lebenszeichen seiner besorgten Farnäfie in den Heimatsort zu schreiben, sich immer stärker von dem Unglück seiner deutschen Glaubensgenossen beherrschen läßt, bis sein Lebenswille gebrochen ist und der Haß gegen diö Unterdrücker und die Angst um die freiheitliche Schweiz, das Land, das er lieben gelernt hat, ihn dazu bringen, den Mann mit ins Grab nehmen zu wollen, der für ihn hier das Symbol des natioraalsozialistischen Herrschaftswillens ist Nach der Tat findet er die Kraft nicht mehr, auch an sich selbst Hand anzulegen, er zückt den Revolver gegen das Herz, er zählt bis drei — er findet den Mut nicht mehr. In keinem Augenblick aber denkt er an die Flucht. Frankfurter will sich der irdischen Gerechtigkeit stellen und meldet sich selbst bei der Polizei, vollkommen verstört, kaum imstande, die notwendigen Angaben, zu. machend J5& .war die Tat eines über sein eigenes Leben und das Schicksal der Menschheit Verzweifelteni — eine Tat, diö nur in) einer Zeit möglich ist, da den Welt eingehämmert wird, „reent ist, was dem eigenen Volk nützt". Frankfurter verrannte sich in die Idee, den jüdischen schuldlosen Opfern in Deutschland und den Schweizer demokratischen Freunden dadurch ein Retter zu werden, daß er allein mit der Methode des Gegners eine (ja auch für die übrige Welt sichtbare), steigende Gefahr aufhalten wollte. In welche tiefe seelische Not Frankfurter durch die Judenverfolgung in Deutschland gekommen ist, dafür gibt es viele Belege. Er ist immer weniger in der Lage, zu arbeiten, sich auf sein Studium zu konzentrieren, er bereitet sich immer weniger auf sein Examen vor. Und er hat, obwohl er weiß, daß die Familie in Sorge ist, nicht mehr geschrieben. Wie stark er sich, wenn er auch nicht so viel darüber spricht, mit der Not der Juden beschäftigt, das zeigt ein Beispiel. Er hat seiner Wirtin das Buch von Loosli „Wir schlimmen Juden" geschenkt, nach einem Jahr läßt er es sich geben und schreibt folgende W i dmung herein: „So. schlimm sind wir! Und daß wir in Wirk Üchkeit nicht so widerwärtig sind, wie man uns hinstellt, scheint unser größtes Verbrechen zu sein Das Böse und die Fehler an uns sehen, vor dem Guten aber. Augeiu und Herz zu verschließen, sind die Methoden unserer Hasser. Vor ehrlichen und objektiven Beobachtern haben wir noch jedesmal Seuittetom. Geist im Exil. Nachdruck verboten. Unter den vielen Schicksalslenkem der Völker hat bekanntlich der geistige Führer den schwersten Stand. Nur selten hat ein Volk seinen Dichter sogleich erkannt, nur selten hat ein Volk die in seiner Mitte entstandenen geistigen Werke sogleich erfaßt. Dieses Nichterkennen und Nichterfassen führt zuweilen zu einer Entfremdung zwischen den Völkern und ihren geistigen Führer«. Der Prophet gilt nichts in seinem Lande; der Dichter nichts bei seinem Volke. Nicht immer ist es bei der Entfremdung allein geblieben. In einzelnen Fällen artete die Entfremdung in einen vollständigen Bruch, der mit der Flucht des geistigen Führers vor seinem Volke endete, aus. In einem solchen Falle befand sich der Geist des betreffenden Volkes im Exil. Als Moses mit den Gesetzestafeln erschien, tanzte das Volk um das goldene Kalb. Moses zertrümmerte die Tafeln und flüchtete. Flüchtete zu Gott. „Moses wandte sich alsdann und stieg vom Berge herab, mit den beiden Tafeln des Zeugnisses in seiner Hand." „Als er aber dem Lager nähere und das Kalb sah, und die Reigentänze, da entbrannte der Zorn Moses und er warf aus seinen Händen die Tafeln und zerschlug sie unten am Berg." „Tags darauf sprach Moses zu dem Volke: Ihr habt euch eine große Sünde zu Schulden kommen! lassen. Nun will ich hinaufgehen zu Gott, vielleicht daß ich Sühne erwirke für eure Schuld." Der Allmächtige verzieh seinem Volke, ließ Moses neue Tafeln anfertigen und berief ihn zu sich. „Der Herr sprach zu Moses: Haue dir aus zwei steinerne Tafeln, wie die ersten, und ich werde auf die Tafeln schreiben die Worte, die auf den ersten Tafela waren, die du zerbrochen. Sei denn bereit auf den Morgen, steige am Morgen auf den Berg Sinai und harre dort meiner auf dem Gipfel des Berges." Moses tat, wie Gott es befahl. „Und er (Moses) haute zwei steinerne Tafeln aus wie die ersten und machte sich am Morgen auf und stieg auf den Berg Sinai, wie der Herr ihm geboten hat, und nahm in seiner Hand die zwei steinernen Tafeln." Die Tafeln wurdem) neu beschrieben. „Der Herr sprach zu Moses: Schreibe dir auf diese Worte, denn auf den Inhalt dieser Worte schließe ich mit dir und mit Israel 'einen Bund. Und er (Moses) blieb dort beim Herrn vierzig Tage und vierzig Nächte; er aß kein Brot und trank kein Wasser; er schrieb auf die Tafeln die Worte des Bundes, die zehn Worte." Zwischen der Ueberbringung der ersten Tafeht und der zweiten (neuen) Tafeln waren nicht ganz drei Monate verstrichen. Diese verhältnismäßig kurze Zeit hatte für das „dümmste Volk" genügt, um sich von dem goldenen Kalb vollständig abzuwewden und sich für die endgültige Uebernahme jener Gesetzestafeln, die für das Wohl und Wehe des Menschengeschlechtes bestimmend waren, vorzubereiten. „Als Moses herabkam vom Berge Sinai — und die zwei Tafeln des Zeugnisses waren in der Hand Moses, als er herabkam vom Berge — da wußte er nicht, daß sein Angesicht strahlte, dadurch daß (Gott) mit ihm geredet hatte". Paris 1898. Die Affäre um den Hauptmann Dreyfus hat ihren Höhepunkt erreicht. In einem offenen Brief wendet sich Frankreichs großer Sohn, Emile Zola, an den Präsidenten der Republik, Felix Faure, und schreibt: Nicht um die Ehre des Heeres handelt es sich, denn das Heer ist das ganze Volk. „Wir wollen seine Würde, wenn wir die Gerechtigkeit wollen". Es handelt sich um Generale und Obersten, die ungesetzlich geurteilt und ihr falsches Urteil gegen einen Unschuldigen aufrechterhalten haben mit Lügen und Fälschungen; die es verstärkt haben durch den Befehl am. ein zweites Kriegsgericht, den Schuldigen freizusprechen. Und Zola nannte alle Namen, klagte jeden an, nach dem Maß seiner Teilnahme an dem Verbrechen. Ihm sei nicht unbekannt, welchen strafrechtlichen Folgen er sich aussetze. Aber er greife ein, um den Durchbruch der Wahrheit und der Gerechtigkeit zu beschleunigen. Eile sei geboten. „Wenn man die Wahrheit eingräbt, ballt sie sich zusammen unter der Erde, und ihre Sprengkraft wird so groß, daß an dem Tag, da sie ausbricht, alles mit ihr auffliegt." Er sagte weiter: „In meinen Nächten würde das Gespenst des Unschuldigen umgehen, der dort drüben in grausamster Marter büßt für ein Verbrechen, das er nicht begangen hat." Und: „Ich habe nur eine Leidenschaft, die des Lichts, und handle im Namen der Menschheit, die so viel gelitten und ein Recht auf das Glück hat." Zola wird angeklagt. Seine Richter fragt er: „Sehe ich aus wie ein Gekaufter. Lügner oder Verbreeher?" Er hält ihnen seine Leistung vor, seine vierzig Bände, werbend mit Millionen Zungen für den Ruhm Frankreichs „Dreyfus ist unschuldig, ich schwöre es" ruft Zola. „Zum Pfand setze ich mein Leben und Schaft meine Ehre." Vergeblich. Zola wird verurteilt. Eir zweites Mal verurteilt. In diesem Stadium flüchtet er. Flüchtet nach England. Dort schreibt Zola der Roman „Fecondite". Ein Jahr vergeht. Der Kassationshof beschließt die Revision des Prozesse; Dreyfus. Ein Jahr hat das „mittelgescheite" Volk gebraucht, um sich mit seinem Geist wieder zt vereinen. „Nun die Wahrheit gesiegt hat und Gerechtigkeit herrscht, kehre ich heim", erklärte|mystisc Zola. Seit fast vier Jahren befindet sich der Geist Dur des „gescheitesten Volkes" im Exil. Und soeber. wurde der prominenteste Vertreter dieses GeistesjFor wurde Thomas Mann ausgebürgert. Fürwahr, von dieser Perspektive aus gesehen gibt es nichts Ehrenhafteres, für ein Volk, als mit dem Prädikat „dümmste" bezeichnet zu werden

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