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Die Wahrheit · 1936-12-11 · Heft 54 (11.12.1936) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 54 (11.12.1936)
Date
1936-12-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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V, D. B. Zeitung vom Verleger versendet „Journal expedie par l'editear" Ersdieint jeden Freitag Preis 40 Groschen ssiwim^ Redaktion und Administration: Wien IL, Heinestraße 13 mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden"/ iriMWiHiiBiiiifltMiiiiaiiiffiiflrai» Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 52. Jahrgang Wien, 11. Dezember 1936 Nummer 54 r RADIO? ISadioh« Langfristiger Kredit und US am »43-5orngphon sämtliche andere Marken Rnrfhausplatf unverb. Vergleichvorfiihrung *\ Basiere DKftsjut und j illiö Widerspruche:. Die Besorgnis über die Auswirkungen des österreichisch-deutschen Paktes vom 11. Juli hat der Pressechef der italienischen Gesandtschaft in Wien in der im „Heimatschützer" vom 5. September wiedergegebenen Frage zusammengefaßt: „Wird Oesterreich der Freundschaft Deutschlands mit derselben Zähigkeit widerstehen können, mit der es den Feindseligkeiten widerstand?" Wie skeptisch diese Frage heute noch beantwortet werden kann, erhellt aus der Tatsache, daß die „Reichspost" dieser Tage zugeben mußte: Die Bundesländerpresse hat Anlaß, ernstlich Beschwerde zu führen über das seltsame Gehenlassen, das behördliche Stellen gegenüber allerlei nationalsozialistischen Seitensprüngen zum 11. Juli üben." Das Blatt gibt zum Beweise dessen ins dem „Kärntner Tagblatt" die bezeichnende Beschwerde wieder, daß ein Organ der staatlichen Exekutive wegen Einschreitens gegen braune Dempnsürationen zur Verantwortung gezoen wurde, und meldet, daß das „Linzer Volksblatt" diese Aeußerung unter dem ausdrucksvollen Titel „Ueberall dieselbe Klage" zitierte. Daß die Nazi auch in Wien nicht müßig sind, teweist die gleichzeitige Meldung, daß auf dem Neubau eine Depotstelle des nationalsozialistischen tlüfsvereines ausgehoben wurde, wo die Polizei a. zur Schmückung von Christ- Jäumen bestimmte Hakenkreuze fand. Die „Reichspost" ist über diese Blasphemie entästet und doch hat sie selbst vor kurzer Zeit iner Synthese von Christbaum und Hakenkreuz Vorschub geleistet, indem sie eine Reihe von Aufätzen des in Rom lebenden österreichischem Bichofs H u d a 1 veröffentlichte, in denen sich lieser als „Brückenbauer" zwischen katholischer ind nationalsozialistischer Weltanschauung vernichte. Jetzt hat er diesen Aufsätzen ein Buch: ,Die Grundlagen des Nationalsozialismus" folgen assen, das sofort den heftigsten Widerspruch der n Oesterreich regierenden Diözesanbischöfe hertusgefordert hat. Die Bischöfe von Salzburg und -inz haben Hirtenbriefe veröffentlicht, in denen iie die Auffassung als irrig zurückweisem, daß rnnmehr in Oesterreich eine neue Stellungnahme um Nationalsozialismus erfolgt sei oder erfolgen nüsse. Es bleibe vielmehr vollinhaltlich aufrecht, vas die österreichischen Bischöfe vor drei Jahren n einem gemeinsamen Hirtenbrief übet die kirchich-religiöse Seite des Nationalsozialismus erklärt laben. Für uns Juden ist an dem hier angezogenen ürtenbrief vom 21. Dezember 1933 besonders die 'atsache interessant, daß er u. a. eine Verurteilung 'es radikalen Rassenantisemitismus enthielt. Wir liirfen daraus die Hoffnung schöpfen, daß die im uli-Pakt angebahnte Versöhnung zwischen dem hristüchen Ständestaat Oesterreich und dem ationaJsozialistischen Totalitätsstaat Deutschland icht "auf unsere Kosten durchgeführt wird. An bedauerlichen Symptomen, daß diese nunmehr von autoritärster kirchlicher Seite als irrig gebrandmarkte Auffassung von manchen Faktoren des öffentlichen Lebens in Oesterreich tatsächlich gehegt wurde, fehlt es leider nicht. Ist doch sogar die Privatinitiative des Kunstlebens vielfach schon von dieses Gedankens Blässe angekränkelt. Das zeigt u. a. das groteske Erlebnis des Schauspielers Leo R e u ß. Dieser, einst eine' geschätzte Kraft des Berliner Staatstheaters, mußte als Nichtarier die reichsdeutsche Stätte seiner künstlerischen Erfolge aufgeben und hat sich dann lange umsonst um ein Neuengagement bemüht Auf den einstigen LiebSng des Publikums hat solche Geringschätzung nicht bloß materiell, sondern auch seelisch vernichtend gewirkt und er wurde, wie er jetzt dem Präsidenten des Rings österreichischer Bühnenkünstler schrieb, von Minderwertigkeitsängsten gequält. Als Schauspieler war er aber immerhin besser daran als seine zahlreichen Leidensgenossen aus der sonstigen von Hitlers Staatsweisheit entwurzelten Geisteswelt. Er konnte auch ohne Engagement Komödie spielen und so kam er auf die kühne Idee, einen Arier, noch dazu einen Cafe Buchsbaum 11. Kleine Pfarrgasse 21 Treffpunkt der guten Vollständig neu renoviert Tel. A 43-5-19 üdischen Gesellschaft soeben erst vom ländlichen Acker in die Großstadt verschlagenen Vollbluttiroler zu mimen. Er ließ sich zu diesem Zweck sogar, entgegen allem Schauspielerbrauch, einen Vollbart stehen und fand damit solchen Anklang, daß er unter falschem Namen ans Theater in der Josefstadt engagiert wurde und in der Dramatisierung von Schrtitzlers ..Fräulein Else" eine tragende Rolle erhielt. Die Kritik ging ihm freundlich um den Bart, nicht ahnend, daß es sich um einen tirolerisch getarnten Judenbart handelte, ja die „Reichspost" gab zu erkennen, daß sie nur um dieses neuentdeckten Naturkindes willen die Neuinszenierung des Dekadenten Schnitzler verzieh. Nachdem Reuß auf solche Weise sein künstlerisches Selbstvertrauen wiedererlangt hatte, deckte er selbst den von ihm agierten „Schwindel" auf und gesellte so seinem tragischen Erfolg in der Schnitzler-Rolle auch noch einen verdienten Heiterkeitserfolg beim Pu- Oesterreichisches Oualif ä(s faönhdl Ueberaiä Erhältlich blikum, das sich des Hereinfalls der Düpierten herzlich freut. Die Leitung des Josefstädter Theaters zieht sich mit Anstand aus der Affäre, indem sie unter Verzicht auf disziplinare Mittel dem jüdischen Schauspieler, der ein Tiroler Bauer zu sein vorgab, so viel Nachsicht entgegenbringt,, wie sonst nur der Dr. Goebbels jedem arischen Bauer, der ein Schauspieler zu sein behauptet, — ganz in Uebereinstimmung mit dem Goethe-Wort aus „Faust": „Hoch ist der Doppelgewinn zu schätzen: Barmherzig sein und zugleich ergötzen." im allgemeinen überwiegt aber leider im heutigen Kunstleben die entgegengesetzte Tendenz: u n barmherzig zu sein und zugleich zu ergötzen. Diese antigoethische Tendenz hat sich dem reichsdeutschen Filmmarkte zu Liebe vor allem die Kino-Industrie zu eigen gemacht. Wir haben schon in der „Wahrheit" vom 24. Juli darauf hingewiesen, daß der jetzt in Wien gezeigte Film ..Port Arthur" von jüdischen und nichtjüdischen Prager Unternehmern unter Kuratel von reichsdeutschen Nazi-Aufsehern von rassisch streng gesiebten rein arischen Darstellern hergestellt wurde. Auch die österreichische Filmindustrie hat jetzt auf derselben beschämenden Grundlage: Zulassung von jüdischem Kapital, aber Ausschließung von nichtarischen Darstellern sogar als Statisten, mit Herrn Goebbels ein Handels-Uebereinkommen getroffen. Was in der Seele der durch diese Nazipolitik und deren freiwillige Helfer materiell und künstlerisch ruinierten Nichtarier vorgeht, das hat deichen erwähnte Brief des Pseudotirolers Leo Reuß an den Präsidenten der Schauspielerorganisation in erschütternder Weise dargelegt. Angesichts solcher psychischen Auswirkung des vom Nazismus systematisch herbeigeführten Massenunglücks unter schuldlosen, häufig hochverdienten Menschen ohne arische Großmutter ist es geradezu ein Wunder zu nennen — ein nur durch die erzieherische Kraft des biblischen Geistes zu erklärendes Wunder —, daß die in den jüdischen Seelen angehäufte Bitternis bisher nur in einem einzigen Fall zu gewaltsamer Entladung gekommen ist: der Tat des David Frankfurter, über die eben das Gericht KOHlE«KOKS ANfHRAIIf BÄSCH Inhaber : Dr. IV., Arsrentfaieretrafie 22 ♦ RICHARD RASCH Tel. Tftrcc Stars'4 II 41 5-40

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