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Die Wahrheit · 1936-11-20 · Heft 51 (20.11.1936) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 51 (20.11.1936)
Date
1936-11-20
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Nr. 51 — 20. November 1936 DIE WAHRHEIT DIE \ 11 Vor dem Prozeß Frankfurier. ■j; Die Hauptverhandlung im Prozeß gegen David tu Frankfurter, der den Schweizer Landesführer Ii den NSDAP. Gustloii erschossen hat, beginnt vor v dem Kantonsgericht Graubünden am - 9. Dezember, 10 Uhr, im Saale des großen Rates im Staatsgebäude. Sie dürfte etwa drei Tage dauern. Die Anklage wird der Amtskläger Friedrich Brügger vertreten. Als Vertreter des Gerichtes wird Dr. Gonzoni genannt. In Hinblick auf den bevorstehenden Prozeß veröffentlichen wir im folgenden aus dem kürzlich im Querido-Verlag, Amsterdam, erschienenen eindrucksvollen Buch von Emil Ludwig, „Der Mord in Davos", einen Auszug aus jenem Kapitel, das eindringlich die Erschütterung des in Deutschland studierenden David Frankfurter angesichts der hakenkreuzlerischen Greueltaten schildert. Wie ein Krieg brach es plötzlich herein; oft erwogen und nie geglaubt, gefürchtet, doch nie ganz zu Ende gebracht, daher sich denn niemand zur Abwehr vorbereitet hatte. Pogrom! Der Vater hatte dayon erzählt und der Student gelesen, aber das war ja alles im Rußland des Zaren gewesen, in der Dunkelheit polnischer Wälder und Dörfer, erschreckend wahr, doch so unglaublich, daß man's an Zeit und Ort weit hinaus verlegte. Wie sollte dergleichen in Deutschland möglich werden, in dem die Juden, zwar nicht im Staate, aber in allen Provinzen des Geistes weit mehr vermochten, als ihrer schmalen Zahl zu entsprechen schien! Hatten sie nicht, von Armee und Regierung ausgeschlossen, dort mitregiert, wo allein die Gaben entscheiden? Physik und "Medizin, Musik und Literatur, die sich von keinem Vorurteil erschüttern ließen, waren sie nicht hier wie in der ganzen Welt dem Talent allein geöffnet? Und war nicht ein Fünftel von allen Nobelpreisen, die ins wissenschaftliche Deutschland fielen, den deutschen Juden zugefallen, die nur ein Hundertstel der Einwohner ausmachten? Es schien unmöglich, einen Volksteil zu entehren, der auf den deutschen Namen so viel Ehre in der Welt gesammelt hatte. Und doch geschah's. David, der Frankfurter Medizin-Student stand plötzlich mit einer halben Million von Stammesbrüdern in einem Ungewitter, dessengleichen ihn einst der Vater in der Religionsschule als spanische Verfolgung gelehrt hatte. Es war wie ein Wolkenbruch. Was an Judenfeindschaft vorausgegangen, das war David aus seiner Heimat und wieder hier gewohnt gewesen, in Wien und Frankfurt hatte er haßerfüllte Angriffe gelesen, immer aber hatte ihn und die Seinigen der Staat geschützt, der doch ein Rechtsstaat war. Plötzlich, im März 1933, war dieser Staat einer Partei in die Hände gefallen, die die Entrechtung der Juden durchzuführen entschlossen schien, denn dies war der einzige Punt ihres Programms, der ohne Risiko und ohne Mut sich verwirklichen ließ, zur Bereicherung ihrer Kasse und zum Gaudium der Straße. Dort wo er stand, der kleine Medizin-Student, im Hörsaal der Frankfurter Universität, in der Klinik und im Laboratorium, wo er lernte, brach ein Getöse aus, das ihn und seine Brüder an die Wand warf und bald zur Tür hinaus. Von der Berliner Universität kamen 12 Thesen geflogen, allenthalben angeschlagen, darin hieß es: ..Der Jude kann nur jüdisch denken; schreibt er deutsch, so lügt er. Wir fordern, daß jüdische Werke in hebräischer Sprache erscheinen. Deutsche Schrift steht nur Deutschen zur Verfügung." Nur ein paar Tage, und im Kolleg wird er mit anderen jüdischen Studenten beschimpft, die Karte, die seinen Platz bezeichnet, mit Hakenkreuzen beschmiert, beä Vorstellung der Kranken, um die sich die Lernenden drängen, wird er weggeschoben, und als er sich zu wehren sucht, herausgedrückt Am 1. April, der zum Tage des Juden-Boykotts erklärt wird, geht der Student durch die Straßen. Was sieht er? Den gelben Fleck ans Schaufenster geklebt! Das Mittelalter ist auferstanden, unalte, schlummernde Instinkte der Menge sind wachgerüttdt. An den Türen der jüdischen Läden steht: „Juda verrecke! Achtung, Lebensgefahr!" An den Plakatsäulen steht in riesigen Buchstaben: „Zeigt den Juden, daß sie nicht ungestraft Deutschland in seiner Ehre herabwürdigen und beschmutzen können!" Vor der Universität wird ein Scheiterhaufen errichtet, worauf johlende Studenten die jüdischen Autoren des Landes verbrennen, doch nicht bloß die lebenden, auch Heine, auch Spinoza. Von triumphalen Nachrichten aus dem ganzen Reiche sind alle Blätter voll. Der Student liest: in Breslau sind in diesen Tagen jüdische Richter und Anwälte aus dem Gerichte getrieben, in Annaberg sind Käufer jüdischer Geschäfte von S. A.-Männern im Gesicht gestempelt worden: „Wir Verräter kauften beim Juden!" Jüdische Blinde und Taube werden aus den Anstalten ausgeschlossen. Und als er eines Abends das Radio andreht, hört er das „Juden-Alphabet\ in dem es heißt: „Rotzunge ist ein leckrer Fisch, es rülpst der Jude gerne bei Tisch. Die Sau ist ein sehr schmutziges Tier, die Sarah ähnelt mächtig ihr." Die Juden, die er üi Frankfurt kennt, sind voller Schrecken zusammengelaufen. Kaufleute, die ihre Bazare, Notare, die ihre Stellungen verlieren, Advokaten und Aerzte, Lehrer und Pächter, Kleiderhändler und Stadträte: verfolgt wie im Kriege, schutzlos preisgegeben. Von Freunden hört er, wie es morgens in einer jüdischen Familie Sturm läutete, wie 8 bewaffnete Braunhemden ins Schlafzimmer drangen; wie sie den Mann aus dem Bette ziehen, ihn stoßen, daß er sich ankleiden soll, dann hinunter ins Lastauto, und fort ist er, niemand weiß wohin, noch ob er jemals wiederkommt. David könnte bleiben: sein Aeußeres verrät ihn nicht auf der Straße, und im Studium ist er als ODESCHAU. Union-Frauenklub Dienstag, 24, November, 4 Uhr nachm., in .den Klubräumen l.,Schottenring 23, rechte Stiege 1. Stock, Es iühren vor: Kleider: R. & L. Rosenberg, J. Habsburgergasse 3 Hüte: Mademolselle Georgette, I. Seilerstätte 7 Pelze: Biermann, V. Franzensgasse 17 Sport: Sporthaus Lazar, IX. Kolingasse 13 Conference: Mary von Lind Entree mit Bridge-Tee Schilling 160 Ausländer formell geschützt. Sein Ehrgefühl vertreibt ihn. Zugleich mit dem seelischen Drucke von außen setzt ihn gerade jezt ein physischer von innen matt. Seit der letzten Kopfoporation, vorgenommen im Herbst 1932 in der Frankfurter Ohrenklinik, hatte er steigenden Mangel an Konzentration bemerkt und fiel nun, offenbar aus diesem Grunde, durchs Examen. So, zwischen Depression und Abscheu, getrieben von Gefühlen der Ehre und der Verzweiflung, flieht der Student im Oktober 1933 in die Schweiz. In Bern will er weiterstudieren ... Orig. engl. u. franz. STOFFE Tuchhaus Tabak im lM Salzgries 5 HERBST-NEUHEITEN für Damen und Herren zeitgemäß billig Oie königliche Kommission arbeitet. y, Die Königliche Kommission zur Untersuchung der Angelegenheiten Palästinas hat nach einer feierlichen Eröffnungssitzung ihre Arbeiten aufgenommen. Diese aus Beamten des Kolonialdienstes bestehende Kommission soll, .-wie M. G. Ben- G a v r i e 1 im Bernem;^B u n d" schreibt/ der Regierung Vorschläge für eine neue Politik in der Verwaltung des Mandatslandes machen, die geeignet ist in Zukunft bjutige Auseinandersetzungen zwischen den beiden Y/ölkern des Landes unmöglich zu machen. t .■■ Die Entsendung difeser Untersuchungskommission entspricht einer alten Kolonialtechnik Englands, die auch in Palästina;; schon gehandhabt wurde, Nach den Kämpfen des Jahres 1929 kam die S h a w - K o m m i s s i 6 n, deren Untersuchungen später durch den sogenannten Simpson- Bericht ergänzt würden. Wenn nun der neue Untersuchungsausschuß einen gleichen Erfolg haben wird wie der vön 1929, dem ein Jahr 1936 folgte, dann darf ihm mit wenig Hoffnung entgegengesehen werden. Das heißt: Wenn diese Kommission sich gleichfalls darauf beschränkt, nur die politischen und die wirtschaftlichen Voraussetzungen des Aufstandes zu untersuchen, um politische und wirtschaftliche Ratschläge zu geben, dann ist nicht zu erwarten, daß das Gen eralproblem des Landes endgültig gelöst werden wird. Denn wichtiger als alle Politik und Wirtschaft sind die Gegensätze im Lebensstil, die kulturellen Verschiedenheiten der beiden Völker und das gegenseitige Mißtrauen des Nicht v erste hens, das sich daraus ergibt Das heißt weiter: Wenn die Kommission nicht in der Lage sein wird, Mittel zu finden, um das kulturelle Niveau der beiden Völker einander zu nähern und ein gemeinsames palästinisches Raumgefühl zu. erwecken, wird bei aller Objektivität der Untersuchenden wieder nur eine Arbeit geleistet werden, deren Wert zeitlich begrenzt ist Wenn auch beinahe alle Mitglieder der Kommission aus dem Kolonialdienst stammen, also, wenn auch nicht geradezu arabophil, so doch dem arabischen Element näher als dem ihnen unbekannten jüdischen, darf doch Objektivität vorausgesetzt werden, soweit eine solche menschenmöglich und natürlich den britischen Reichsinteressen entsprechend ist. In diesem Augenblick höchster Spannung im Mittelmeer handelt es sich ja nicht nur um die Befriedung zweier Völker mit gegensätzlichen Ansichten über gewisse Dinge, sondern gleichzeitig auch um die Sicherung der englischen Stellung im östlichen Mittelmeer und um die Sicherung der durch Arabien führenden britischen Reichsstraße. Dies darf niemals übersehen werden, weder von der Kommission noch von den Juden oder von den Arabern. Man weiß nicht, was die Kommission vorschlagen wird, ob sie den Antrag auf Umwandlung des Mandats in eine Kr.onkolonie, in ein Dominion, oder aber die Teilung des Landes in jüdische und arabische Kantone vorschlagen wird, oder aber, ob ihre Arbeiten wieder nur eine Erleichterung der Lage für ein paar Jahre mit sich bringen werden. Ein restloses Nachgeben nach irgendeiner Seite ist nicht zu erwarten, schon deswegen nicht, weil dies der 'englischen Kolonialpraxis nicht entsprechen würde. * Vernehmung der jüdischen Vertreter in öffentlicher Sitzung? Der Königlichen Kommission wurden von der Palästina-Regierung bereits umfangreiche Materialien zur Prüfung vorgelegt. Die Vernehmungen werden in dieser Woche beginnen. Man erwartet, daß die Vernehmung der jüdischen Vertreter in öffentlicher Sitzung erfolgen wird. Der Oberste Arabische Ausschuß hat am Sonntag eine Sitzung abgehalten, in der darüber gesprochen wurde, ob die arabischen Regierungsbeamten die Arbeiten der Königlichen Kommission boykottieren und die Abgabe von Erklärungen vor ihr verweigern sollen. Der Oberste Arabische Ausschuß ist geneigt die arabischen Regierungsbeamten hierzu aufzufordern, auch wenn sie durch dieses Verhalten ihre Stellungen aufs Spiel setzen. Die Mitglieder des Obersten Arabischen Ausschusses wollten schließlich die Verantwortung für eine derartige Verschärfung des Boykotts nicht allein tragen. Es wurde beschlossen, sich in dieser Angelegenheit an die arabischen Herrscher um Rat zu wenden. Ungeachtet des Beschlusses, die Königliche Kommission zu boykottieren, wird vor. der Unterkommission des Obersten Arabischen Ausschusses die Sammlung von Material zur Begründung des arabischen Standpunktes fortgesetzt. An dieser Arbeit beteiligen sich die Streikkomitees von Haifa- Jerusalem und Jaffa, sowie die arabischen Arbeiterorganisationen. Absolvierte Maluranfin sucht Nachmittagsstelle zu Schulkindern. Gibt auch Nachhilfe in Latein und Englisch. Judith Eisen, Wien VIII., Lerchengasse 11

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