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Die Wahrheit · 1936-11-20 · Heft 51 (20.11.1936) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 51 (20.11.1936)
Date
1936-11-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Nr. 51 — 20. November 1936 DIE WAHRHEIT •. i ' «;;! i i.'!! . >' ..■ ■ i die in der Verfassung gewährleisteten Rechte den österreichischen Juden als gleichberechtigten und gleichverpflichteten Bürgern dieses Staates zugutekommen. Die „Union österreichischer Juden" wird nie und nimmer zugeben, daß die Juden in Wien als eine völkische Minderheit behandelt und bezeichnet werden, der nur jene Rechte zuerkannt werden, die ihrer Kopfzahl entsprechen. Denn wir haben es oft gesagt: Völkische Minderheitsrechte sind mindere Rechte; der numerus clausus ist in vielen Beziehungen ein numerus nullus. Diejenigen Wiener Juden, die sich zum Programm der „Union österreichischer Juden", das nichts anderes verlangt, als Treue zum Judentum und bedingungslose Treue zum Vaterlande, bekennen, werden, wenn sie wieder gerufen werden, über das Schicksal ihrer Kultusgemeinde zu entscheiden, aus dem Ausgange dieses Wahlkampfes und aus den daraus von antisemitischer Seite gezogenen vor hergesagten Konsequenzen gelernt haben, welches gefährliche Spiel mit den Rechten der österreichischen Juden die Jüdischnationalen treiben. Die „Union österreichischer Juden" wird unentwegt ihren Kampf weiterführen, möge sie auch in ihrem Kampfe noch so sehr von den Jüdichnationalen behindert werden. Der größere Teil der Wiener Juden hat bereits am 8. November 1. J. bewiesen, daß er mit der Nationalisierung des Judentums in Oesterreich nichts zu tun haben will. Bei der nächsteh Gelegenheit wird sicherlich die ganze Wiener österreichische Judenschaft sich zu dem Programm der „Union österreichischer Juden" bekannt haben. Es geht um unsere Zukunft, um die Zukunft unserer Kinder. Helft uns in diesem schweren Kampfe gegen die Nationalisierung der Wiener Judenschaft und die daraus folgende Entrechtung. Helft uns mit, die Kinder vor den phantastischen Ideen einer utopistischen Zukunft im Nationalstaate bewahren, schützt mit uns Eure Kinder vor den gewissenlosen politischen Einflüsterungen bedenkenloser Lehrer und Agitatoren, die die Verbundenheit mit unserem Vaterlande Oesterreich bedrohen! 99 Wir greifen an!w Die seelische Situation der deutschen Juden- Von informierter Seite. Es ist für die Situation der deutschen Juden charakteristisch, daß sie immer der Spielbali aller innerhalb der Regierung und der Partei auftretenden Spannungen und aller Schwierigkeiten des Hitler-Regimes gegenüber der Gesamtbevölkerung sind. Der mildere oder schärfere Kurs, der wechselnd gegenüber den Juden zur Anwendung kommt, ist immer das Ergebnis des Spiels außenpolitischer und innenpolitischer Kräfte. Nachdem der Sommer mit seinem „olympischen1" Ruhebedürmis eine gewisse äußere Entspannung gebracht hatte, beginnt jetzt der Versammlungsapparat aufs neue zu arbeiten. Gegenwärtig, rollt eine Versammlungswelle über das Land, die einheitlich auf das Motto „W i r greifen an — Kampf dem jüdischen Bolschewismus" abgestellt ist Die Reden der Parteiführer auf dem Nürnberger Parteitag mit ihren Angriffen auf den Bolschewismus als Festung des Weltjudentums werden nunmehr planmäßig bis in die kleinsten Untergliederungen der Partei hineingetragen und immer wieder Wiederholt Die antisemitische Parole ist umso notwendiger, als die in breiteren Volksschichten immer sehr populäre Kolonialparole auf Wunsch des Botschafters Ribbentropp einstweilen nicht mehr verwendet werden soll, um die guten Beziehungen zu England nicht zu gefährden. Daneben setzt die Gestapo, unbekümmert um die wechselnden Auffassungen der Außenpolitiker, ihren Kampf gegen die jüdische Bevölkerung fort. Mittel genug stehen ihr hierzu zur. Verfügung. Die Kontrolle der Preise der Einzelhandelsgeschäfte, die praktisch in den Händen der Polizei liegt, gibt dieser die Möglichkeit in die Hand, jedes Geschäft von einem Tag auf den anderen zu vernichten. Es vergeht* kaum ein Tag, an dem nicht in den Zeitungen bekannt gegeben wird, daß in diesem oder jenem Ort ein jüdisches Gjeschäft wegen angeblicher Preisüberschreitung geschlossen worden ist. Bezeichnend für die Methode war eine Anordnung des Berliner Polizeipräsidenten vom 21. Oktober, wonach zwei christliche Viehagenturen auf dem Zentralviehhof wegen Preistreiberei für 14 Tage geschlossen wurdeni, dagegen drei jüdischen Schlächtern aus gleichem Grunde die Weiterführung ihrer Betriebe für immer untersagt und ihre Betriebsräume geschlossen wurden. Daß es sich in dem einen der Fälle noch dazu um eine Firma handelte, die jüdische Krankenanstalten versorgte und für importiertes 'Koscherfleisch selbstverständlich die Pteise, die für nicht koscheres Inlandsfleisch festgesetzt sind, überschreiten mußte, wurde natürlich n i c h t g e s a g t. In Parenthese darf hier bemerkt werden, daß die Situation auch der christlichen Lebensmittelhändler geradezu verzweifelt ist, da bei gestiegenen Einkaufspreisen und erhöhten Unkosten ihnen die Verkaufspreise zwangsweise immer mehr herabgesetzt werden. Die Stimmung in diesen Kreisen, die ja die treuesten Helfer des Nationalsozialismus vor der Machtergreifung waren, ist dementsprechend. Generell ist zum Thema Gestapo zu sagen, •daß sich hier der Kurs gegen die Juden in den letzten Wochen ganz deutlich verschärft hat. Durch das kürzlich erlassene Verbot für Juden, sich mündlich an die Gestapo zu wenden, ist praktisch jede Möglichkeit der Nachfrage in Verhaftungsfällen genommen, da schriftliche Anfragen überhaupt nicht beantwortet zu werden pfleger. Auch den Vertretern der jüdischen Organisationen ist es nicht! mehr möglich, direkt irgendwelche Angelegenheiten vorzubringen. Verhaftungen werden vorgenommen und die Betreffenden 2 bis 4 Wochen in Schutzhaft behalten, ohne daß sie selbst recht wissen, weshalb sie eigentlich vei- M. Herlinger und Dori Neumann geben bekannt, daß sie das Kaffee Continental IL, Praterstraße 7 Tei. R 41-4-91 übernommenhabenu. bitten um zablreichenZuspruch Erstklassige Küche . Mäßige Preise haftet wurden. Wegen geringfügigster Uebertretungen werden Schutzhaftstrafen verhängt. Jugendführer aus jüdischem Jugendbünden wurden in zahlreichen Fällen in Schutzhaft genommen. In einigen der Fälle erfolgte sogar Verurteilung durch das Söndergericht, das bei ganz geringfügigen Vergehen Gefängnisstrafen verhängte. Das Netz der polizeilichen Anordnungen ist allmählich so dicht geworden, daß gegen Juden, denen, die Gestapo einen Denkzettel zu geben wünscht, irgendein „Vergehen" konstruiert werden kann. In der Frage der Erteilung von Pässen ist insofern zwar eine gewisse Entspannung eingetreten, als abgelaufene Pässe wieder neu ausgestellt werden. Bei Juden erfolgt diese jedoch erst nach wochanlanger Prüfung, und auch dann werden die Pässe nur mit ganz kurzer Geltungsdauer {Vi bis 1 Jahr) ausgestellt. Einige süddeutsche Polizeiverwaltungen stellen überhaupt nur Inlandspässe aus und erteilien Ausreisegenehmigungen für Reisen nur mit Befristung auf wenige Wochen und mit bestimmter Angabe des genauen Reiseziels. T>ie Aufhebung der 1000-Mark-Sperre für Reisen nach Oesterreich hatte für die Juden praktisch auch nur Erschwerungen gebracht, da Juden von den;meisten Po 1 i zei"v e r - waltungen die Paßeintragung verweigert wird, die für Reisen nach Oesterreich nötig ist. Während früher die Durchreise durch Oesterreich jedem, der die Fahrkarte vorlegte, ohne weiteres erlaubt wurde, wird sie jetzt Juden abgelehnt, sodaß diese genötigt sind; bei Italienreisen den großen und wesentlich teureren Umweg durch die S c h w e i z zu machen. Vollständig renoviert und vergrößert! Caß JfyuchsAamt 2. Bezirk, Kleine Pfarrgasse 21, Tel. A 43-5-19 Eine Sehenswürdigkeit ersten Ranges \iuiq&, tuchüqeQeschäfisptau I mit eigener Schreibmaschine, Telephon, event. F auch Büro, in Buchhaltung, Korresp. u. Verkauf versiert, sucht entsprechender^ Wirkungskreis. ■ Chiffre: .Auch halbtägig". Die seelische Folter. Schlimmer oft als wirtschaftliche Kampfmaßnahmen, über die noch ein eigener Artikel folgen soll, sind für die Juden in Deutschland die aus jeder Zeitungsseite, aus jeder Rede ihnen entgegenklingende Verachtung und Herabsetzung ihrer Gemeinschaft und ihrer Religion. Zu glauben, daß die Gewöhnung abstumpft, wäre Irrtum. Die Beschimpfung und Herabsetzung" alles Jüdischen, die immer neue Formen finden, trifft nicht weniger hart, weil sie nun schon seit drei Jahren in ständig steigendem Maße in Erscheinung tritt. Die Urteile deutscher Gerichte haben in diesem Zusammenhang ihre besondere Bedeutung. Weit über den materiellen Schaden, den der einzelne durch die judenfeindlichen Urteile deutscher Richter erleidet, geht die moralische Wirkung von Urteilen, deren Begründungen voll von herabsetzenden Sentenzen sind. Wenn ein Jude irrtümlich von einem Gutsverwalter behauptet hatte, er sei Jude oder Halbjude, so genügt es nicht, daß der Irrtum aufgeklärt wird, sondern das Gericht verurteilt ihn wegen Beleidigung zu 40 Tagen Gefängnis. Das Gericht führt in der Urteilsbegründung CKönigsberger Allgemeine Zeitung", Oktober 1936) aus: „Es ist im heutigen Staate eine allgemeine Rechtsanschauung, . daß die Bezeichnung Jude für einen Deutschen eine Beleidigung ist." Die Erbeinsetzung eines Juden durch einen Deutschen wirdvom Amtsgericht Leipzig (Entscheidung-vom 29. September 1936) fürunsittlichund nicht i g erklärt. Die Reihe solcher Urteile ließe sich beliebig vermehren. Wenige Dinge wirken so tief niederschlagend auf die deutschen Juden wie die Tatsache, daß die Gerichte als Hüter des Rechts sich in steigendem Maße dazu hergeben, Urteile zu fällen, deren Begründung im wesentlichen aus nationalsozialistischen Versammlungsreden geholt wird. Besonders erschwerend ist auch die Verroll ungderJugend in Deutschland. Während die ältere Generation noch verhältnismäßig vernünftig denkt, steht die Jugend bereits ganz im Banne der ihnen täglich und von früh auf gepredigten Lehren. Ein Beispiel für viele: Der „Stettiner General- Anzeiger" veranstaltet einen Wettbewerb unter dem Motto „Jugend zeichnet für das Winterhilfswerk". Für besonders gute Entwürfe, die für die Wohlfahrtsarbeit des Winterhilfswenks werben sollen; werden Preise ausgesetzt. In der Nummer vom 23. Oktober wird eine solche preisgekrönte Zeichnung eines Jugendlichen veröffentlicht, von der die Redlaktion noch bemerkt, sie habe „den Gedanken des Winterhilfswerks der sozialen Tat erfaßt". Die Zeichnung stellt einen Hitlerjungen miiti der Sammelbüchse für das Winterhilfswerk in dertiand dar, der auf einem unentwirrbaren Haufen von in Ketten gelegten Juden, die zum Teil mit dem Sowjetstern geschmückt sind, steht. Daneben sagt, die Ueberschrift: „Wir sammeln weiter unentwegt, bis sich die Bande nicht mehr regt!" Ein besonderes Kapitel sind die Angriffe auf Religion und Altes Testament, wobei sich die Juden in guter Gesellschaft von gläubigen Protestanten und Katholiken befinden. Besonders hervorgetan hat sich in der letzten Zeit wieder durch Angriffe auf das Alte Testament der auf diesem Gebiet schon bekannte Doktor von L e e r s, dem das Dritte Reich eine Hochschulprofessur verschaffte. In einem Vortrag, der im nationalsozialistischen Lehrerbund Altona gehalten wurde, sprach er davon, daß es sich bei dem Judentum des Alten Testaments „nicht um ein Volk im rassisch-völkischen Sinne handelt, sondern um eine Vermischung von räuberischen Wüsitenstämmen mit ägyptischen Verbrecherkreisen" und gab der Ueberzeugung Ausdruck, daß die Geschichte des Judentums'in ihren Zeit als „O r g a n isation des Gangstertums" betrachtet werden müßte. In einem anderen Vortrag, der

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