Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1936-11-13 · Heft 50 (13.11.1936) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 50 (13.11.1936)
Date
1936-11-13
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3064606-3064655--20920-3086219
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

DIE WAHRHEIT Nr. 50 — 13. November \936 Seile 5 Die besten 3 mal täglich frisch bei Unter Aufsicht des Rabbinates der Adas-Jisroel-(Schiffschul). Ausgezeichnete Küche, zivile Preise und sorgsamste Bedienung; A la Carte-Speisen und Menüs von S 2.— aufw. Hochzeiten, Diners und andere Festlichkeiten werden in und außer Haus elegantest ausgeführt. Standpunkt haben auch die Kandidaten der „Sozialen Arbeitsgemeinschaft" eingenommen, ebenso der Kandidat des Adolf- Standklubs. Bleiben alle diese Herren bei der Stange — was wir erwarten und hoffen wollen — so stünden sich hinsichtlich dieses eigentlichen Kampf Objektes 17 Jüdischnationale und 19 Oppositionelle gegenüber. Das Votum der Wähler wäre somit gegen R a t h - L ö \v e nherz ausgefallen. Dieser Umstand darf nicht übersehen werden und die Herren .Jüdischnationalen sollten somit ihren Siegesrausch ein wenig mäßigen. In der Frage der Reinheit und des Ansehens der Kultusgemeinde haben erfreulicherweise die Jüdischnationalen vollständig die Schlacht verloren! Nur die siebzehn unentwegten ..Ehrenwörtler" stimmen für Löwenherz. Veritas. die Jlotlage det (Re€tktsamvulte. „Die Rechtsanwälte Oesterreichs dürften - derzeit in der Selbstmord-Statistik an der Spitze marschieren: es vergeht keine Woche, in der nicht ein oder mehrere Anwälte ihrem Leben ein Ende machen." So begann vor kurzem ein bekannter Wiener Rechtsanwalt einen Zeitungsartikel, der an leitender Stelle einer Wiener Tageszeitung die Notlage des österreichischen Advokatenstande? iii vielfach beachtenswerter Weise beleuchtete. Der Verfasser, der sonst eine große Vorliebe für rassisch-konfessionelle Statistik hegt, hätte ruhig dazuschreiben können, daß von den freiwillig in den Tod geflüchteten Wiener Rechtsanwälten mindestens 95 Prozent Juden waren. Aber diese Feststellung hätte dem Autor nicht, in den Kram gepaßt. Denn der Artikel stammte von Dr. Walter Riehl und das.Blatt, das seiseinen Ausführungen Raum gab, waren die „W i e n e r Neuesten Nach richte n". Dieser Mann und diese Zeitung verfechten, schon längst die Ansicht, daß nur der Arierparagraph. die Welt im allgemeinen und den Advokatenstand im besonderen von allen Uebeln erlösen könnte; eine Auffassung, die sich nicht gut mit der Verelendung der jüdischen Juristen begründen läßt. Daher verschweigt man in diesem Falle mit einer sonst ungewohnten Diskretion die rassische Zugehöiigkeit der lebensüberdrüssigen Rechtsanwälte, schreckt aber keineswegs vor der Blasphemie zurück, diese Massenkata- Strophe jüdischer Existenzen zum Anlaß — antisemitischer Standesforderungen zu nehmen. Dr. Riehl schreibt: „Der Zustrom von Anwälten aus den Nachfolgestaaten — mehrere Hundert allein aus Gaiizien und der Bukowina — ist die Hauptursache der Ueberfüllung und Notlage des Wiener Anwaltstandes." Aber ein paar Zeilen früher hat er selbst die Ueberfüllung gar nicht so arg gefunden: „Im Vergleich 2u anderen Staaten, vor allem zu Ungarn, ist die Anzahl 3er Anwälte in Oesterreich nicht übergroß." Besonders pikant ist in diesem Zusammenhang der Hinweis auf Ungarn. Denn dieses hat ja die antisemitische Forderung nach dem Numerus clausus längst verwirklicht und trotzdem ist dort der Andrang zur Advokatur noch größer als in Oesterreich, wo angeblich die paar hundert Altösterreicher aus Gaiizien und der Bukowina, die ihr Herz nach dem Zerfall ■ der Monarchie nach Wien gezogen hat, an dem Standeselend schuld sein sollen. Jedenfalls haben sie selbst es hier keineswegs so weit gebracht wie die österreichischen Nazi- Anwälte, die ihr Herz nach dem verunglückten Naziputsch vom Juli 1934 ins Dritte Reich gezogen hat. Der jüdische Nationalismus hat sich durchaus" nicht so gut bezahlt gemacht wie der Antipatriotismus der aus Oesterreich zu Hitler geflüchteten Hakenkreuzler, die durch ihre Emigration mitschuldig geworden sind an der Verminderung der arischen Verhältniszahl im österreichischen Anwaltstand. Dr. Riehl errechnet „mit Sicherheit" — das Wort wohl nicht im mathematischen, sondern bloß im juristischen Sinne gemeint, da keine konfessionelle Statistik zu seiner Widerlegung existiert — .einen Anteil von ungefähr 85 Prozent jüdischer Anwälte in der Wiener Anwaltschaft. Wenn diese Rechnung stimmen würde, ergäbe sie einen Stand von bloß 15 Prozent arischer Advokaten für die 90 Prozent Nichtiuden unter der Einwohnerschaft Wiens. Welch ein Bombengeschäft müßten diese paar arischen Rechtsanwälte machen, wenn die Antisemiten mit ihrer These recht hätten, daß die Arier vom Juden nichts wissen. wollen! Sie könnten sich gar kein günstigeres prozentuelles Verhältnis für ihre arischen Kanzleien wünschen. In Wirklichkeit verlangen, wie Dr.^Riehl feststellt, fast alle arischen Anwältevereinigungen den Numerus clausus. Und selbstverständlich verlangt' ihn auch Dr. Riehl selbst: Nur arische Anwärter, die in den nächsten Jahren fertig werden, aber auch diese nur in kleinen Gruppen, nach Maßgabe der Arierzahl im Anwaltsberuf der Vorkriegszeit, sollen Aufnahme finden . . . Ueber Dr. Riehl als Politiker sind die Akten wolil geschlossen. Er wird, wie es scheint, nicht einmal mehr bei den Hakenkreuzlern, unter denen er eine führende Rolle spielen möchte, ernst genommen und so kann tna:i über seinen politischen Anachronismus, in einem Zeitpunkt, in dem unter den soeben eingerückten Wiener Rekruten 23 Prozent, also fast ein Viertel der neuen Wiener Garnison, Juden sind, die Arisierung eines Wiener Berufsstandes zu verlangen, ruhig zur Tagesordnung übersehen. Um so beachtlicher sind aber seine Ausführungen zur Lage des Standes, dem er ja selbst beruflich angehört, dort, wo er sich z.u sachlicher Darlegung der wirklichen Uebel und ihrer wahren Ursachen erhebt und es entbehrt nicht großen pikanten Reizes zu sehen, wie der erfahrene Praktiker Dr. Riehl den verstiegenen politischen Theoretiker Dr. Riehl ad absurdum führt. So kennzeichnet er sehr richtig als eine Hauptursache, der Standesüberfüllung die Aufnahmesperre in den verschiedenen Zweigen ' des öffentlichen Dienstes, die früher die große Mehrheit der jungen Juristen aufgenommen "haben. Da unter den Akademikern, die im Staatsdienst Versorgung fanden, das christliche Element stets dominierend war, beweist Dr. Riehl mit dem Passus, daß nicht die „zugereisten" Juden, sondern die von der Staatskrippe ferngehaltenen Arier den Anwaltstand überlasten. Dasselbe, gilt ,von den Staatspensionisten, denen Dr, Riehl mit Recht vorwirft, daß sie durch Ihre Etablierung als Anwälte die Konkurrenz in diesem Stand vergrößern. Da , die Beamten fast ausschließlich Arier sind, sind dies natürlich auch die Pensionisten. Dr. Riehl empfiehlt das Umgekehrte: Statt daß Beamte in den Anwaitstand strömen, sollen lieber geeignete Anwälte in den Beamtenstand übernommen werden. Er verweist auf das in dieser Hinsicht löbliche Vorbild Sowjetrußlands-: — bei einem Hakenkreuzler eine sehr beachtliche Verdrängung politischen Rassentiments zugunsten nüchterner Sachlichkeit — und erinnert daran, daß auch in Oesterreich die Uebernahme von Rechtsanwälten in den Richter- und Beamtenstand gesetzlich vorgesehen ist, aber nicht durchgeführt wird. Hätte Dr. Riehl über die Ursachen dieser Nichtausnützung eines Gesetzes zur Entlastung eines überfüllten Standes nachgedacht, dann hätte er vielleicht herausbekommen, daß man hierzulande fürchtet, auf diese QROSSFLEISCHHAUEREI tIEGM, KORNMEHL WIEN IX., BER66ASSE NR. 19 FILIALE i XVIII., WÄHRINGERSTRASSE 91 Telephon Nr. \ 17-3-99 und A 16-9-34 Lieferant für Heilanstalten AbteiiungenmrKoscherfleisch unter Aufsieht des ehrw. Rabbinates der Isp. Kultusgemeinde Wien. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen Weise auch Juden in den Richterstand übernehmen iu müssen, woraus er zwangsläufig hätte den Schluß ableiten müssen, daß nicht das Judentum, sondern der Antisemitismus an der tragischen Zuspitzung der trostlosen Verhältnisse im österreichischen Anwaltstand die Hauptschuld trägt. In den Klagen turter „Freien Stimmen'" nimmt ein Arzt auf den oben zitierten Artikel Doktor Riehls folgendermaßen unter dem Titel „Krise auch im Aerzteberui" Bezug: „Auch für den Niedergang dieses einst so hochangesehenen Standes gelten die von Dr. Riehl zitierten Ursachen im besonderen Maße: die staatliche und wirtschaftliche Umschichtung, die Ueber fremd ung des Standes und, nicht abzustreiten, die mit der letzteren verbundenen Demoralisation des beruflichen Ethos". Wie die letzte Volkszählung vom 22. März 1934 ergab, wohnten bloß 8.1 Prozent aller österreichischen Juden außerhalb! Wiens. Daraus kann man ersehen, wie berechtigt ausgerechnet ein Arzt in Klageniurt zur Beschwerde über die Verjudung seines Standes ist. Aber auch ganz allgemein betrachtet ist das Schlagwort von der „Ueberfremdung" gerade in Bezug auf den Aerztestand im höchsten' Grade lächerlich, angesichts der historischen Tatsache, daß schon im Mittelalter jüdische Leibärzte von weltlichen Fürsten wie auch von Päpsten besonders bevorzugt waren, also zu dem hohen Ansehen, daß sogar der Klagendster Nazi dem Aerztestand irüherer Zeiten zubilligt, hervorragend beigetragen haben. Man begreift dies, wenn man den Wahlspruch eines der Berühmtesten unter den jüdischen Aerzten des Mittelalters, Moses Maimonides, liest: „Möge die Liebe zu meiner Wissenschaft immer in mir wachbleiben und mich niemals Habgier, nie der Durst nach Ruhm verleiten. Der Ewige gebe mir die Kraft des Herzens und des Geistes, daß ich immer bereit bin, dem Reichen ebenso zu hellen wie dem Armen, Freund wie Feind und daß ich in meinem Nächsten nie etwas anderes sehe als ein leidendes Wesen!" Dieser Geist der Humanität wird allerdings vom Nationalsozialismus, wie die Führer des Dritten Reiches ja ofien verkünden, als „Ueberfremdung" empfunden und die. mit der letzteren verbundene Demoralisation des „beruflichen Ethos" wird von solchen Aerzten verschuldet, die die Liebe zur Wissenchaft durch arischen Rassenschutz ersetzen wollen. ••■> Wie lange noch „Deutsches Volksblatt" Z ii Unter diesem Titel schrieben kürzlich die .,W iener Stadt-Stimme n": „Es war entschieden ein taktischer Fehler des .Deutschen Volksblattes', die Frage ,Wie lange noch .Volksfrontpresse' in Oesterreich?' zu steilen, denn zwingend drängt sich obige Gegenfrage auf. die weit mehr Berechtigung hat. Eine Volksfrontpresse gibt es nämlich bei uns nicht, weil es keine Volksfront gibt — zumindest keine Volksfront, wie sie scheinbar das .Deutsche Volksblatt' gerne sehen möchte, um in deren Schatten dunklen Zielen nachgehen zu können. Die österreichische Volksfront heißt ,Vater f ändische Front', das haben wir erst letzthin so klar und deutlich nachgewiesen, daß es jedermann verstehen kann, wenn er will. Mit dieser Feststellung soll keineswegs gesagt sein, daß etwa alle in Oesterreich erscheinenden Presseerzeugnisse nach unserer strengen Auffassung als wirklich vaterländisch anzusehen sind und noch weniger wolifen wir sagen, daß wir mit jenen Blättern, die das .Deutsche Volksblatl' offen oder aus weiser Vorsicht nur andeutungsweise angreift, sympathisieren. Wir sind im Gegenteil der Meinung, 'daß ein Großreinemachen auf dem Gebiet der in Oesterreich erscheinenden und vertriebenen Druckerzeugnisse dringend nötig wäre. Damit kommen wir aber auch zur Beantwortung der Frage, die wir selbst aufgeworfen haben, und diese kann nur lauten: ,Es ist an der Zeit, daß das .Deutsche Volksblatt' und ähnliche Presseerzeugnisse verschwinden!* Nicht weil wir diese der Beachtung unwertem Blätter für gefährlich halten, sondern weil es für Oesterreich beschämend wäre, wenn etwa ein Ausländer, durch den bombastischen Titel verführt, sich dazu verleiten Keße, das ,Deutsche Volksblatt' anzusehen und nach seinem Inhalt die österreichische Bevölkerung zu beurteilen. Der Witz eines Blattes entspricht seinem Geiste und seiner Kultur, deshalb macht das .Deutsche Volksblatt' für seine heitere Ecke eine Anleihe bei dem Herausgeber des .Stürmer', dem sattsam bekannten Julius Streicher. Mag das .Deutsche Volksblatt' solche Streiche mit jenen ausmachen, die nicht, wie wir, das Blatt nur gezwungenermaßen lesen. Seme Eskapaden auf politischem Gebiet müssen aber doch wieder einmal die gebührende Zurechtweisung erfahren."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.