Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1936-11-13 · Heft 50 (13.11.1936) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 50 (13.11.1936)
Date
1936-11-13
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3062972-3064606-3064655--20919-3086218
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 4 Nr. 50 — 13. November 1936 DIE WAHRHEIT Judentum und Bolschewismus. Von Dr. Robert Serebrenik, Oberrabbiner von Luxemburg. ,! Der Antisemitismus hat iast in jedem Lande ein anderes Gesicht, weil andere Parolen. Was unsere Gegner uns in dem einen Lande in die Schuhe schieben, gleicht nicht den Anwürfen, die sie in dem zweiten segen uns vorbringen. Von Land zu Land sind die J udientümer untereinander verschieden, verschieden nach ihrer Zahl, nach ihrer sozialen Struktur* nach ihrem Bildungsniveau, nach dem Grad der Assimilation, nach den Positionen, die 'ihre Mitglieder in den vielfältigen Bereichen des gesellschaftlichen Lehens einnehmen, und nach den Funktionen, die jene im Staate ausüben. Daher auch die territoriale und nationale Differenziertheit der Judenirage, die sich in den Unterschiedlichsten Schattierungen und Nuancierungen darbot und überall sich anders stellte, meistens jedoch nur eine rhetorische Frage war. Der Rassenantisemitismus aber hatte sich die Aufgabe gestellt, aus seiner Judenfeindschaft eine Weltbewegung zu machen. Der erste Versuch, die V i e 1z-ato 1 von Antisemitismen auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, ging über den Weg der Verbreitung der „Protokolle der Weisen von Zion". Dieser Versuch, der den Völkern der Erde die allgemeingültige Gefährlichkeit der Juden und die Beherrschung der ganzen Welt als ihr Hauptziel beweisen sollte, ist weitgehend gescheitert. Das Berner Urteil, das die Protokolle vor den Augen der ganzen Welt als die ungeheuerlichste Fälschung der Geschichte entlarvte, hat auf die Kulturnationen den. tiefsten Eindruck gemacht. Aber die Rassenantisemiten haben sich nicht geschlagen gegeben, und - jetzt tragen sie ihren zweiten Angriff vor, der an Gefährlichkeit den ersten weit übertrifft. Diese Attacke wird unter dem Feldgeschrei: Judentum ist gleich B o 1 s c h e \v i s m u s geritten. Diese Gleichsetzung von Judentum und Bolschewismus ist so absurd, daß wir es uns bei der ersten Ueberlegung gar nicht vorzustellen vermögen, solches könnte auch nur einen Augenblick von einem mit Vernunft und Denkfähigkeit begabten Menschen geglaubt werden. Aber große Massen von Menschen befinden sich heute in einem Zustand, von dem die Maxime: credo quia absurdum gilt, in einem Zustand, der sie gerade das Unsinnigste glauben läßt, wenn es sie bloß des eigenen Nachdenkens über diewahren Gründe ihr_er Nöte enthebt. Und die J?assenantisemiten haben es hier verstanden, das Terrain für die Glaubhaftigkeit jener Gleicfasetzung sorgfältig vorzubereiten. Sie haben eine Atmosphäre geschaffen, die der Aufnahme dieser Giftsaat ganz hervorragend günstig ist. Sie haben es nämlich zuwege gebracht, in der christlichen Welt eine Panikstimmung hervorzurufen, eine schreckliche Angst vor dem russischen Bolschewismus, der angeblich im Begriffe stehe, eine Weltrevolution zu entfesseln und mit ihrer tiilfe die abendländische Kultur, die auf dem Glauben an Gott und seine Weltordriung aufbaut, zu vernichten. Es ist ihnen gelungen, einem großen Teil der Bekenner unserer mächtigen Tochterrellgion und damit im besonderen den besitzenden Schichten einen panischen Schrecken vor der drohenden bolschewistischen Gottesgeißel einzujagen. Das wird Ihnen auch außerhalb Deutschlands so fest geglaubt, daß wir in diesem Punkt geradezu von einer Gleichschaltung mancher christlicher Kreise sprechen können. Von da bis zur 'Identifizierung des Bolschewismus mit dem Judentum war nur ein Schritt, und zwar ein längst vorhergesehener und mittels einer geschickten Propaganda von langer Hand her vorbereiteter. Diese Identifizierung ist wohl die unerhörteste Fälschung des Judentums, die ausgedacht werden konnte. Allerdings muß hier gleich eine Einschränkung gemacht werden. Denn die Gle'ichsetzung von Bolsche w i s m u s und- Juden tum als zweier Weltanschauungen und Lebensauffassungen war a priori gar nicht beabsichtigt, vielmehr sollten vorerst eigentlich nur die unheimlichen Bolschewiken als Juden agnosziert und dann identifiziert werden. Und zwar in dem Sinne, daß die.Juden die eigentlichen Bolschewiken und damit die Führer des sowjetrussischen Kommunismus und der von diesem ausgehenden Weltrevolution seien. Denn auch die Skrupellosesten unter den Judenfeinden, die ihr Gewissen ganz auszuschalten vermögen, können es nicht wagen, selbst dem unwissendsten Volk eine Gleichsetzaing von Juden tum und Bolsche w i s m u s aufzutischen. Und in der Tat kann es nicht leicht Weltanschauungen geben, <iie nach jeder Richtung hin unvereinbarer sind und unüberbrückbarere Gegensätze darstellen als jene beiden . . . Der Bolschewismus verkündet: Religion ist Opium für das Volk; das Judentum sagt, die „Religjonsiidee fist das Dynamit", das die wertvollsten Krätte . aus -der Menschheit heraussprengt. Das Judentum sieht in dem Vorhandensein und der Erhaltung einer Vielfalt von nationalen Genien die Grundlage für das Entstehen der fruchtbarsten und schöpferischsten Harmonie; der Bolschewismus will an die Stelle der Harmonie die U n i f o r m i t ä t setzen . . . Und daß der Bolschewismus bei der Durchführung dieses Programmpunktes. mit unerbittlicher Konsequenz vorgeht, zeigt uns das Schicksal des russischen Judentums, dem durch eine systematische Entjudungspolitik das Mark aus den Knochen gezogen wird. Und was die kulturelle, die wirtschaftliche und die gesellschaftliche Ordnung anlangt, so haben wir es mit zwei antagonistischen Weltbildern' zu tun, deren himmelweites Auseinanderstehen so stark in die Augen springt, daß man sich auch dem blutigsten Laien gegenüber ein Eingehen auf die Einzelheiten ersparen kann. . ■ Aber unsere Feinde haben gut spekuliert, wenn sie die Leichtgläubigkeit, besser gesagt: die kritiklose Oberflächlichkeit der von ihnen bearbeiteten Menschen in Rechnung gestellt haben. Sie sagten sich mit Recht, daß die Adressaten ihrer Propaganda aus der Identifizierung einiger Bolsche w i k e n als Juden in gedankenloser Vereinfachung und ohne Prüfung eine Identifizierung des Bolschewismus nrit dem Judentum machen werden.- Und sie haben sich nicht getäuscht. Viele sind ihnen auf den dichten Leim gegangen. (Fortsetzung folgt.) : fran; ^"LTtln Tuchhaus Tabak Orig. engl, u STOFFE im I., Salzgries 5 _ HERBST-NEUHEITEN für Damen und Herren zeitgemäß billig Hof rat Prof. Dr. S. Frankfurter 80 Jahre. Ein Mann, der seit mehr als 50 Jahren dem Staate, der Wissenschaft und dem Judentum die allertreuesiten Dienste geleistet hat, Hofrat Bundeskulturrat Prof. Dr. S. Frankfurter, feierte dieser Tage, wie bereits kurz gemeldet, seinen 80. Geburtstag. Als Frankfurter zwei Jahre alt war, übersiedelte seine Familie, der väterlicherseits berühmte Rabbiner entstammten, aus Preßburg nach Wien. Er studierte am akademischen Gymnasium, mit 28 Jahren 'trat er iln den Verband der Universitätsbibliothek. Dort bleibt etr mehr als vierzig Jahre. Wird 1919 ihr Reorganisator und Direktor. Was er für diese Bibliothek in schwerster Zeit geleistet hat, bleibt für alle Zeilflen ein Ehrenkapitel seine.s Lebens. War auf der einen "Seite der Ausbau der Univ'tVsitätsbiMiiothek zu;-;einer der bestbestandenen des deutschen Sprachgebietes seine große Leidenschaft, so auf" der anderen Seite alles, was mit Antike, Humanismus'' und Altertumswissenschaft zusammenhing. Schon frühzeitig hatten seine Lehrer, Theodor Mommsen, Benndorf, Hirschfeld, Härtel, auf seine Altertumsleidenschaft eingewirkt. Er gründet den „Verein der Freunde des humanistischen Gymnasiums", wird Mitbegründer der gelehrten Organisation „Emanos Vindobonensis", die aus Wilhelm Kleinst des gef eierten Archäologen, Privatabenden hervorgewachsen war. Hier lebte in einem Ktreise vornehmer Männer die Antike wahrhaft weiter. Er wird eine der Hauptstützen des Vereines „Carnuntum", der sich die Erforschung und Ausgrabung der altrömischen Militärstadt vor den Toren Wiens zum Ziel gesetzt hat. Seine besondere Liebe gilt -seit jeher dem „Jüdischen Museum", er ist Präsident des Kuratoriums der dieses Museum erhaltenden Gesellschaft und hat sich große Verdienste um diese weltberühmte Sammlung erworben. Die Tätigkeit und die Agenden Frankfurters wachsen von Jahr zu Jahr. 1909 beruft ihn Minfster Stürgkh, der ihn besonders schätzt, ins Unterrichtsministerium als Konsulent für zahlreiche Fragen: für Mittelschulwesen, Mittelschullehrerbildung,- Bibliothekswesen, jüdische Kultura n g e 1 e g e n h e i t e n, Schulreform. Eine Reihe kleinerer und größerer Werke sind seiner ausgezeichneten Feder entsprungen!. Das Leben Frankfurters, der zuletzt als Vertreter der Judenschaft Bundeskulturrat wurde, ist das des pflichtbewußten, reich veranlagten, durch und durch selbstlosen österreichischen Beamten gewesen,.der zeitlebens in allen Kreisen, insbesondere in den jüdischen, höchste Wertschätzung genossen hat. Anläßlich seines 80. Geburtstages wurde der Jubilar mit dem Komturkreuz des österreichischen Verdienstkreuzes mit dem Bande ausgezeichnet. Bundesminister Dr. P e r n t e r überreichte dem Jubilar persönlich die hohe Auszeichnung und beglückwünschte ihn in einer überaus herzlichen Ansprache, in der er in warmen Worten die verdienstvolle Tätigkeit Hof rät' Dr. Frankfurters' im Bibliothekswesen und auf vielen anderen Gebieten im Unterrichtressort würdigte. Unter den Gratulanten befand sich eine große Anzahl von Deputationen wissenschaftlicher Körperschaften. Für die Akademie; der Wissenschaften gratulierte der Präsident Hofrat Prof. Dr. Oswald Redlich, der eine Adresse mit einem Rückblick über die Leistungen Frankfurters im Dienste der Altertumswissenschaft und des österreichischen Schulwesens überbrachtet Bürgermeister Schmitz gedachte in einer Zuschrift „der vielfachen Verdienste, die sich der Jubilar um das geistige und kulturelle Leben der Stadt Wien erworben hat". Eine Deputatton der Israelitischen Kultusgemeinde überreichte eine Adresse, die für die vielen hervorragenden Arbeiten Frankfurters für jüdische, kulturelle und wissenschaftliche Angelegenheiten dankte. Dem Jubilar huldigten ferner die evangelisch-theologische Fakultät, die Beamten der Universitätsbibliothek, dter Wiener Goethe-Verein, die Concordia, die Völkerbundliga und in einer besonders solennen Feier der Verein Jüdisches Museum. Wer hat am 8, November gesiegt? 'Feststellungen eines Neutralen. Der Kampf um die Wiener Kultusgemeinde ist zu Ende und beide Hauptgruppen freuen sich ihres Sieges. Man darf wahrlich von einem. Sieg ohne Gänsefüßchen sprechen, denn es ist tatsächlich den beiden Hauptgruppen gelungen, die Zahl ihrer Wähler zu erhöhen, und das allein ist an und für sich ein Erfolg, besonders im Hinblick auf die Leidenschaftlichkeit des Kampfes. Aber wenn die Herren Jüdischnationalen mit besonderem Tamtam Victoria schießen und ihren gewaltägen Sieg feiern, so ist im Interesse der Allgemeinheit notwendig, einige Feststellungen zu machen, auf Grund deren man ein ganz anderes Bild gewinnt. Worum entstand der Kampf? Um die Affären Rath und Löwenherz. Hätte sich der Wahlkampf n u r um dieses Thema abgespielt, so wäre der Wahlaus gang sicherlich ein.a n d erer. Aber in der Hitze des Gefechtes wurde auf den eigentlichen Grund zum, großen Teile vergessen und man kämpfte .um ganz andere Dinge. Es wäre aber verfehlt, glaubenmachen zu wollen, daß die Wählerschaft mit ihrem Votum den Affären Rath-Löwenherz ihr Placet erteilt hätte. Wie ist nun der Stand der Dinge: die Jüdischnationalen haben wohl 19 Mandate errungen. Aber darunter befinden sich zwei Radikale, die Herren Dr. Plaschkes und Dr. Waldmann, die — besonders der erstere — in Wort und Schrift die Ernennung des Herrn Dr. Löwenherz zum Amtsdirektor aüfs heftigste bekämpften. Angeblich sollen sie sich auch für die Zukunft diesbezüglich freie Hand vorbehalten haben; Herr Dr. Plaschkes soll sogar verlangen, daß binnen 6 Wochen das Statut der Kultusgemeinde dahin abgeändert werde, daß ehrenamtlich gewählte Mandatare in der laufenden und in der nächstfolgenden Kadenz keine besoldeten Posten annehmen dürften. Den gleichen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.