Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 46 (3.11.1936)
- Date
- 1936-11-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Nr. 46. — 3. November 1936. _____^ _ Seite J JüdisAnationate Stedhensdkaftsberichte. Vor uns liegt der Almanach des Keren Kajemeth Leisrael für das Jahr 1936/37. Er enthält Dinge, die er auf keinen Fall enthalten dürfte, nämlich in irreführendster Weise die von Rothschild, der JCA und der PICA und den anderen Assimilanten gegründeten Kolonien (400.000 Dunam gegen die 366.580 des KKL), die überhaupt nie etwas mit dem Keren Kajemeth zu tun hatten und lange vor dessen Bildung gegründet wurden. Und neben diesen Dingen, die er mit klarer Täuschungsabsicht enthält, läßt er etwas leider vermissen, das er — als allen Spendern des Keren Kajemeth gewidmetes Jahrbuch dieses Fonds — hätte unbedingt enthalten sollen — die Verwaltungskosten des KKL, da er dort sehr genau und ermunternd die Einnahmen vermerkt. Aber darüber schweigt der Almanach des KKL. Vor uns liegt der vom Zionistischen Informationsbüro in Jerusalem herausgegebene „Führer durch das Neue Palästina". Auch er spricht seitenlang vom Keren Kajemeth, seiner Bedeutung, seinen Einnahmen, doch auch er schweigt sich gründlich über einen Punkt aus, der bei keiner Schilderung des Budgets eines öffentlichen Fonds fehlen dürfte — über die Verwalfungskosten des Keren Kajemeth Lejisrael---- Hiefür bleibt uns nur ein Anhaltspunkt .... das Budget des Keren Hajessod, über das sich — wohl weil es nicht zionistisch, sondern paritätisch, durch Zionisten und Nichtzionisten, verwaltet wird, dieses Jahrbuch genauer ausspricht und hier stehen für zirka 12 Jahre Verwaltungskosten von ungefähr 8 Millionen Schilling für die Schreibtische und Gehälter jener, die die Gelder des Keren Hajessod an die Stellen, für die sie bestimmt sind, verteilen (Siedlungen, Schulen, Spitäler etc.). Nun, gering sind diese Verwaltungskosten nicht, und man bedauert, daß die Zionisten zwei so passende Gelegenheiten, sich über die Verwaltungskosten des KKL auszusprechen, nur dazu benützt haben, um sich darüber auszuschweigen. Und da sie den Mut haben, zu schweigen, wo sie reden sollten, haben sie auch den Mut, zu reden, wo sie schweigen sollten! Und zwar in Wien beim Budget der Wiener Kultusgemeinde. Nehmen wir nur die Nachkriegszeit bis zum Jahre 1932, 14 Jahre, während welcher die Gemeinde durch die der „Union" angehörende Majorität verwaltet wurde. In diese 14 Jahre fällt die Inflation, die wie ein Orkan den finanziellen Aufbau größter Staaten, Gemeinden, Organisationen und Trusts in Trümmer schlug und hinwegfegte. Und durch dieses Chaos, das auch so viel jüdischen Wohlstand vernichtete und so viel jüdisches Elend schuf, das die Kultusgemeinde lindern mußte, durch diese Jahre der Verwüstung und der stündlichen Entwertung aller Werte, lenkte die unionistische Majorität das finanzielle Schicksal der Gemeinde mit so sicherer Hand, mit so klarem Wollen und Denken, daß sie im Jahre 1932 der neuen zionistischen Leitung einen finanziellen Apparat übergeben konnte, der trotz der durchlebten Krämpfe der Inflation und der Deflation bei einem Budgetumfang der Nachkriegszeit von mehr als 50 Millionen Schilling nur ein Defizit von 185.014__Schilling ergab, (alle anderen Angaben über ein angebliches Defizit sind reine jüdischnationale Erfindung) eine Leistung, der in den Gemeindeverwaltungen jener Jahre nichts ähnliches entgegengestellt werden kann! Was diese Leistung angesichts so unnatürlicher Zeiten bedeutet, läßt sich am Besten daraus ersehen, daß das, das die Unionisten innerhalb von 14 Jahren, unsicherster Zeitläufte nur zweimal machten, die Jüdischnationalen schon innerhalb von 3 Jahren stabilster Geldverhältnisse zweimal taten und ein drittesmal, nur durch den Widerstand der „Unionisten" daran gehindert, tun wollten — nämlich die Kulius- - Steuerzahler mit einem 20prozentigen Steueraufschlag zu belasten, nebst der Reduzierung der Gehälter, besonders der kleinen Gemeindebeamten.' Da sie nicht mehr beherrschten, als diese primitive Methode, das Gemeindebudget immer wieder nur durch Steuererhöhungen und Gehaltreduzierungen in Ordnung zu halten, darum sollten die Jüdischnationalen, die derzeit unsere Gemeinde Verwalten, doch wenigstens dem Beispiel ihrer Parteikollegen vom Keren Kajemeth Lejisrael folgen und so viel als möglich schweigen! Sie müssen auch deshalb schweigen, weil sie bis zum Jahre 1932 von der „Union" immer wieder die Aufnahme einer Anleihe in fremder Währung verlangten, an welcher die Gemeinde finanziell zugrunde gegangen wäre. Sie reden auch viel vom „nationalen Schulwerk", daß sie geschaffien haben. Es bleibt als Glanzpunkt ihres „nationalen" Schulwerkes, das „hebräische" Gymnasium, auf dem etwas Hebräisch gelehrt und viel Jargon gesprochen wird. Diese Schöpfung ist nur durch zwei peinliche Begleiterscheinungen bemerkenswert: Erstens genügt bei der heutigen Mentalität der Bevölkerung das Abgangszeugnis dieser Anstalt, um seinem unglücklichen Besitzer die Er- 50 Jalxre „Union" Ein halbes Jahrhundert uneigennützigsten Wirkens für unsere Gemeinde Wähler, am S. November «lenkt dar£in.! HMHI^^HMMHHHHMHBMH^^H langung einer Stellung im Inlande anderswo als bei der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde unmöglich zu machen .... Aber kann Dr. Löwenherz alle Absolventen dieser Anstalt in der Seitenstettengasse unterbringen oder benötigt man zum Bearbeiten der palästinensischen Scholle das Abgangszeugnis dieses Gymnasiums? Und zweitens hat die Existenz dieser Anstalt, die doch nur einen Bruchteil der jüdischen Mittelschüler Oesterreichs aufnehmen kann, für alle anderen jüdischen Schüler auf österreichischen Mittelschulen die peinliche Folge, daß ihnen bei jedem Konflikt, bei jeder Gelegenheit bedeutet wird, doch auch ins „jüdische Gymnasium" zu gehe:!. Erfreulicheres läßt sich über das sogenannte „nationale Schulwerk" der Wiener Jüdischnationaieu nicht sigen. * Neues jedoch läßt sich sagen über die jüdischnationale Phantasie auf dem Gebiete der sozialen Fürsorge. Hier verkündet die jüdischnationale „Stimme" in Fettdruck: „Ausgestaltung des in den letzten Jahren geschaffenen großzügigen sozialen Fürsorgewerkes." Was unsere Betont-Nationalen hier zu behaupten wagen, das erinnert an die Unverfrorenheit, mit dem andere Betont-Nationale, die deutschen Nazis, auf Deutschlands sozialen und wirtschaftlichen Organismus hinweisend, sich brüsten: „Wir haben Deutschland gebaut!" (seit 1933), dieses Deutschland, daß in organischer Entwicklung wirtschaftlich und sozial durch Jahrhunderte, bevor seine Nazis kamen, gewachsen ist. Und so ist es natürlich mit der sozialen Fürsorge der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde. Hört man unsere Betont-Nationalen dann müßte man glauben, daß unsere Kranken und Siechen, unsere armen Kinder und Greise durch die 106 Jahre des Bestandes unserer Gemeinde v/arten mußten, bis dar, -roße Zeitalter der sozialen Fürsorge, die jüulschnationale Verwaltung angebrochen ist . . . Aber was wirklich soziale Fürsorge bedeutet, das hat sich natürlich vor allem im letzten halben Jahrhundert, im Geiste der „Union österreichischer Juden" entwickelt. Spital und Altersversorgungs-Anstalt, Kinderspital, Ambulatoriuni, Kindergärten, Waisenhäuser, Blindeninstitut, Lehrlingsheime, Ausspeisungsvereine, Volksküchen Arbeitsnachweis, Ferienaktionen usw. usw., sind das Dinge, deren sich eine unionistische Verwaltung in Fettdruck rühmen würde? Das alles ist in Wien dank dem unionistischen Geist schon vor vielen Jahrzehnten Selbstverständlichkeit geworden, für Generationen von Wiener Juden Tatsachen, über die man gar nicht zu sprechen braucht. Und zum Schluß soll in diesem Zusammenhang nicht von der Gewissenhaftigkeit gesprochen werden, sondern von dem Geist, in dem die „Union" die soziale Fürsorge in der Gemeinde durchführte. Von diesem Geist gibt die Stelle Auskunft, die der Seite 3 der Mitteilungen der damals unionistisch verwalteten Israel. Kultusgemeinde vom 30. September 1930 entnommen wurde. Hier heißt es: „Ein großer Teil von seit Jahrzehnten in Wien lebenden Juden, darunter auch die, die während des Krieges ihrer Habe beraubt, von ihrem Wohnort vertrieben und um ihre Existenz gebracht, nach Wien flüchten mußten, konnte noch nicht die österreichische Staatsbürgerschaft erlangen, und gerade diese, meist den alierärmsten Schichten angehörenden Menschen sind von der öffentlichen Fürsorge so gut wie ausgeschlossen. Hier einzugreifen, ist unabweisbare Pflicht der jüdischen Fürsorge, die keinen Unterschied zwischen zuständigen und nichtzuständigen Menschen machen darf und soll." Aber man soll nicht glauben, daß die Wiener Jüdischnationalen nicht doch etwas getan hätten, das die Generationen von Wiener Juden vor ihnen nicht für möglich gehalten hätten und nach ihnen Generationen von Wiener Juden nicht für möglich halten werden .... Sie, die Wiener Jüdischnationalen, haben den Opferstock der jüdischen Gemeinschaft in Wien zertrümmert! Vor Beginn des Weltkrieges besaß die Wiener jüdische Kultusgemeinde Stiftungsgelder im heutigen Werte von 28 Millionen Schilling! Diese 28 Millionen Schilling sind der unioiiistischen Kultusgemeinde für fromme und wohltätige Zwecke anvertraut worden, von Menschen im gut jüdischen Geist, die die unionistischen Verwalter der Kultusgemeinde bei ihrer Arbeit sahen. Für die unionistischen Gemeindeverwalter ist nämlich nicht — wie für Dr. Löwenherz und Genossen — das Judentum in Wien eine Zwangsgemeinschaft, die vor allem das Exekutionsgericht, das die Kultussteuer eintreibt, zusammenhält, nein, was nach Ansicht der „Union österreichischer Juden" das Judentum in Wien und überall durch die Jahrtausende zusammenhielt, ist neben dem unlösbaren Geiühl der jüdischen geistigen, religiösen und praktischen Solidarität vor allem das Beispiel der Uneigennützigkeit und der reinen Hände jener, denen man die in jüdischen Augen so hohe Ehre anvertraut, eine jüdische Gemeinde zu verwalten! Nicht das Exekutionsgericht, sondern das Vertrauen der Juden in diese Uneigennützigkeit ihrer Führer ist das Fundament jeder jüdischen Gemeinschaft. Die Wiener Jüdischnationalen haben durch die Fälle Löwenherz und Rath dieses lautere Fundament unserer jüdischen Gemeinschaft erschüttert und so in einem höheren Sinne den Opferstock beraubt, den der Glaube der jüdischen Wohltäter an die Uneigennützigkeit seiner Gemeindevertreter immer wieder gerne füllte. Und nun werden die Wiener Juden verstehen, daß die Wiener Jüdischnationalen diese einzige Tat, die etwas Neues in unserer hundertjährigen Gemeindeverwaltung darstellt, mit dem gleichen Stillschweigen übergehen, das ihre Parteikollegen, wie eingangs erwähnt, auch bei anderen sehr wichtigen Anlässen bewahren.