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Die Wahrheit · 1936-11-03 · Heft 46 (3.11.1936) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 46 (3.11.1936)
Date
1936-11-03
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Nr. 46. — 3. November 1936. DIE WAHRHEIT Stimmen aus dem Sublihum. line fiimme der linsidit. Zu meinen Freunden zähle ich auch eine ganze Reihe eifriger Zionisten. Es sind dies nicht Offiziere, sondern Soldaten der Bewegung, die seit Jahren ihrem Ideal /roße materielle Opier bringen, weil sie glauben, damit einer richtigen Sache zu dienen. Im Gespräch mit diesen Leuten habe ich nun ganz interessante Wahrnehmungen zu machen Gelegenheit gehabt. Alle sind über die Ereignisse, die zur Rumpfvertretung der letzten Monate führten, empört und demzufolge kann bei diesen von einer Begeisterung für die „Zionistische Liste" absolut keine Rede sein. Einige von ihnen glauben allerdings noch immer, ihrer Gesinnung auch das Opfer, das in der Stimmenabgabe für eine Freunderlversorgungsliste liegt, bringen zu müssen. Die Mehrzahl dieser hochanständigen und intelligenten Menschen jedoch sieht das Problem richtiger und versteht sehr wohl den Kampf um die Vertretung in der Kultusgemeinde vom Zionismus zu trennen; sie sind sich dessen bewußt, daß es sich Iii r um zwei Probleme handelt, die miteinander hichts gemein haben. Leider haben die zionistischen Kultusräte in der ablaufenden Periode eine Haltung eingenommen, die dem Ansehen der zionistischen Partei nicht förderlich war. Die Ernennung des Herrn Rath hat wegen der Präterierung einer ganzen Anzahl weit befähigterer Bewerber und die Ernennung des Doktor Löwenherz hat, abgesehen von anderen Erwägungen, wegen der zu erwartenden Folgen bei mir, und wie bekannt, auch bei sehr vielen anderen alten erprobten Zionisten unbedingte Ablehnung erfahren. Diese müssen «I uden wäMen „Union" Das ist feste Jxadiüon! es entschieden ablehnen, für alle Ungehörigkeiten mitverantwortlich gemacht zu werden, die die Partei-Leithammel selbstherrlich verüben. Das ist die Meinung vieler Gesinnungsgenossen, denen der Zionismus nicht Partei, sondern logische Entwicklung innerhalb des Judentums bedeutet Zu dieser Entwicklung bedarf es der Kultusgemeinde nicht. Wird aber die Kultusgemeinde in den Dienst dieser Entwicklung gestellt, dann darf dies nur auf der Linie höchster ethischer Auffassung der daraus entspringenden Pilichten erfolgen. Zu diesen Pflichten zähle ich in erster Linie Selbstlosigkeit, resttose Unparteilichkeit und Verständnis für das Bestehen verschiedener Strömungen im Judentum, soferne diese ehrlich bestrebt sind, das Judentum zu erhalten und zu stärken. Vollständig fassungslos stehe ich der unqualifizierbaren Boykotthetze der „Stimme" und der „Neuen Welt" gegenüber. Das so etwas bei Juden möglich ist, hätte ich niemals geglaubt. Ich habe dafür nur eine Erklärung, die Artikelschreiber müssen besoffen gewesen sein, denn daß jemand im nüchternen Zustande eine solche Ungeheuerlichkeit begehen kann, Juden nur deshalb wirtschaftlich umbringen zu wollen, weil sie seine Meinung nicht teilen, halte ich nicht nur zur Ehre des Judentums, sondern zur Ehre der Menschheit für vollkommen ausgeschlossen. Sie können von mir als alten Zionisten nicht erwarten, so erklärte abschließend mein Gewährsmann, daß ich unionistisch wähle, wohl aber werde ich mich als anständiger Zionist von dem Wau-Wau „der Zionismus ist in Gefahr, wenn ihr nicht zionistisch wählt" nicht dumm machen lassen. Nach alldem, was unsere Führer in den letzten Monaten in der Kultusgemeinde getan haben und eingedenk des bodenlos niederträchtigen Artikels in der „Neuen Welt", werde ich diesen „Auch-Zionisten" kein Vertrauensvotum geben und so wie viele meiner Freunde durch Stimmenthaltung oder durch Abgabe eines ungültigen Stimmzettels mich von dem distanzieren, was hierzulande offiziellen Zionismus repräsentiert F. Fleischmann. Ivfahxungen mit Zionisten. (Zirief aus 2a^re6. Die Zagreber Gemeinde möge den Wiener Wählern als Musti-rblatt dienen für das, was zionistische Führung im Leben einer jüdischen Gemeinde bedeuten kann. Bis zum Jahre 1920 war die Zagreber Gemeinde klein, aber sie wurde unter der Leitung ihres Präsidenten, Dr. Siebenscheiii, religiös und administrativ gut geführt. Die Gemeinde war gut situiert, hatte keine Schulden. Aber der Nichtzionist Dr. Siebenschein schied 1920 aus seinem treu verwalteten Amte, da die zionistische Liste die Mehrheit bekam. Und Zagreb wurde von 1920 bis 1930 von dem zionistischen Präsidenten Dr. H. Kolin geführt. Und wie! Der Zuzug in die aufblühende Großstadt war nach dem Kriege enorm. Die Zagreber jüdische Gemeinde ist heute etwa dreimal so groß als vor dem Kriege. Die Gemeinde ist groß, die Steuern sind hoch, es gab hohe Spendenzuwendungen, hohe Taxen, und doch: die zionistische Führung hat nicht vermocht, den rapiden Niedergang der Gemeinde sowohl in religiöser als auch in finanzieller Hinsicht zu verhindern. Ja, während des Regimes Dr. Kohn verschuldete die Gemeinde mehr und mehr, kam geradezu an den Bettelstab. Es gab auch Neuerungen: Der Herr Präsident bezog eine Wohnung im Gemeindehause und bekam „Dispositionsgelder". Die Gemeinde führte ein Zinshaus auf. Alle wirklich jüdischen Institutionen waren ja von früher her schon da. Halt, da wäre eine neu zu errichten gewesen: Eine jüdische Leichenhalle hätte man unbedingt gebraucht Fast alle Provinzgemeinden haben eine solche.. Damals, zur Zeit Dr. Siebenscheins, war die Gemeinde noch zu klein, aber jetzt .... jetzt sprach man nicht lange davon. Das Zinshaus war wahrscheinlich wichtiger. Aber ein Spital, ein jüdisches Spital! Fabelhafte Idee! Es wurden ganz hübsche Summen zustande gebracht. Für das Spital, versteht sich. Aber das Spital ... . haben wir nicht bekommen. Dafür wurde die Talmud Thora aufgelöst. Und die Schüler der Mittelschule machten sogar eine Zeit ohne Religionslehrer durch. Was doch alles möglich ist! Und es war noch anderes möglich unter zionistischer Führung, der die nationaljüdische Poitik nun einmal mehr am Herzen lag als das Judentum: Der Religionslehrer Dr. Gavro Schwarz, dessen Unreligiosität oftmals von Dr. Siebenschein gerügt wurde, wurde Rabbiner. Und nach dem Hinscheiden des großen Oberrabbiners Dr. Jakobi sogar Oberrabbiner. Herr D. Schwarz hat scheinbar seine eigenen Ansichter. über jüdische Lehren und jüdische Bräuche. Es gab also Reformationen: Fast jeden Samstag, um eine herauszugreifen, wird Hawdoloh bereits eine halbe Stunde v o r Sabbath- Ausgang gemacht. Schon oft machte man die Gemeinde darauf aufmerksam, daß es sich hier um eine öffentliche Sabbath-Entweihung handele. Es erfolgte niemals eine Antwort. Dieses Jahr wurde sogar Jörn Kippur vorzeitig beendet, es wurde etwa eine halbe Stunde zu früh Scholar geblasen, zu früh Hawdoloh gemacht Effekt: Nahe dem Tempel wohnende Juden haben nicht ausgefastet Die Zagreber jüdische Mensa pflegt auch am Sabbath zu kochen. Man gibt auch Juden Ausweise, um in der benachbarten trefenen Mensa zu speisen. Denn das ist für die Gemeinde billiger! Ja, unter zionistischer Leitung ist dergleichen nichts Wichtiges! Vor nunmehr einem Jahre waren hier die Neuwahlen. Bei diesen Gemeindewahlen haben sich fast fünfzig Prozent der Wähler der Stimme enthalten. Und zwar rekrutierten sich diese NichtWähler fast ausschließlich aus N i c h t z i o n i s t e n! Man ist eben nicht einverstanden mit der zionistischen Führung der Gemeindeangehelegenheiten. Aber der Weg des Nichtwählens ist nicht der Weg, den man gehen darf, um zu einer Aenderung zu kommen, auf diese Weise stützt man lediglich die gegnerische Liste, wie die Zagreber Wahlen bewiesen: Die Zionisten bekamen die Mehrheit. Und wenn nun die damaligen NichtWähler an der Leitung der Gemeinde etwas aussetzen, dann können wir nur fragen: Warum habt Ihr nicht gewählt? Warum habt Ihr nicht eurem Wunsche nach einer andern, einer jüdischen Gemeindeführung Ausdruck gegeben? Warum nicht? Beklagt euch bei euch selbst! Und bei nächster Gelegenheit wählt! Es ist euer Recht, es ist eure Pflicht, zu wählen! Wiener Juden, zieht eure Lehre aus der „zionistischen" Erfahrung der Gemeinde Zagreb! Wählt! Wählt die Liste der „Union österreichischer Juden"! Der Wahlausfall ist nicht nur wichtig für euch, nicht nur wichtig für Wien oder Oesterreich, er ist wichtig für das ganze Judentum! Savoslav Ebenspanger. Unionisten und Zionisten. Juden sind wir alle und wollen wir doch eigentlich dasselbe und können uns nicht verstehen. Wozu, weshalb, wieso und warum? Wahlberechtigt sind alle Kultussteuerträger, unabhängig vom Geburtsort und der Zuständigkeit. Mitglieder der Vaterländischen Front können jedoch nur die nach Oesterreich zuständigen Männer und Frauen sein. Jedes Land verlangt von seinen Bürgern ein volles Bekenntnis zum Vaterland. Die Union österreichischer Juden hat ihr Bekenntnis zu Oesterreich gleichsam als Mitglied der Vaterländischen Front zu ihrer ersten Pilicht gemacht und bekennt sich zu ihrer Religion und pflegt sie. Wie es Tausende und Abertausende gibt, die nicht eingeschriebene Mitglieder der Vaterländischen Front sind, bin ich vollkommen überzeugt, daß auch die Zionisten ihre Pilicht Oesterreich gegenüber erfüllen. Mit Recht verlangt jedoch die Regierung ein vollkommenes Bekenntnis zu Oesterreich ohne Einschränkung, sie verlangt die Mitgliedschaft zur Vaterländischen Front ohne Hinweis der Zionisten auf ein zweites Vaterland, auf einen Judenstaat in Palästina: Die Zionisten sind wie die nicht eingeschriebenen Mtgleder der Vaterländschen Front gleichsam durch den Mangel des schriftlichen Bekenntnisses in Verdacht, ihr mündliches Bekenntnis schriftlich nicht testlegen lassen zu wollen, und so können die Gegner der Juden auf die Zionisten hinweisen und aus ihren den Staatsgrundgesetzen zufolge gebührenden Rechten zu verdrängen suchen. Da diese Frage bis zur Wahl trotz aller Einigkeitsversuche nicht gelöst wurde, ist es Pflicht eines jeden Juden, der sich mit seiner Familie zu Oesterreich bekennt, die Vertreter der Union österreichischer Juden zu wählen. Medizinalrat Dr. Paul Strasser. Den Jüdischnationalen ins Stammbuch. „Ich bitt', ein alter Jud' aus Wien, Äch nehmt mich zur Versorgung hin!" Darauf: — sie sagen's nicht, sie schrein's „Der Wiener Jud' gehört nach Lainz!" * „Wir lügen nicht, wir schimpfen nicht, Wir kennen nur des Anstands Pflicht!". So drucken sie es ohne Scham . . . Sie haben wirklich allen — Tain. Dr. Jos. Holzer. jüdische Angestellte! i 7r emdenr echt! Wird nicht das Leben tür Euch täglich schwerer! Bildet es nicht für jüdische Angestellte ein täglich gröfleres Problem, eine Stellung zu bekommen und zu erhalten r Wird dieses Problem für Euch leichter sein, wenn Ihr dank den Jüdischnationalen in Österreich unter Fremdenrecht gestellt werdet? Denn Minderheitsrecht ist Gastrecht und Gastrecht ist

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