Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 45 (30.10.1936)
- Date
- 1936-10-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Nr. 45 — 30. Oktober 1936 Seite 5 Jüdische Industrielle! Gebf Ihr nicht österreichischen Arbeifern Arbeit und Verdienst? Tragt auch Ihr nicht zum Wohle, zur Geltung, zum Wiederaufblühen Österreichs bei? Könnt Ihr Euch daher damit abfinden, dank den Jüdischnationaden unier Fremdenrechl gestellt zu werden? Denn Minderheiisrechi ist Gaistrecnl und Gastrechl ist Die Jüdischnationalen wollen die Wiener Juden schrecken. Oer neueste jüdischnationale Wahlschlager: „Schützt jüdische Ehre UND SICHERHEIT!" Die „U n i o n" kämpft ganz besonders für den Schutz der jüdischen Ehre, denn sie denkt dabei immer an die von ihr schon angeprangerten jüdischnationalen Verleumdungen, wie jene, daß die „Union- Juden" sich über jede Bombe freuen, die jüdische Frauen und Kinder zerreißt, eine Kampfesart, die das ganze jüdische Wien mit begreiflichem Entsetzen erfüllt hat. Und nicht weniger erbittert kämpft die „Union" für den Schutz der Sicherheit jüdischen Existenzen, denn sie denkt dabei an die von allen jüdischen Kauileuten und Gewerbetreibenden mit Abscheu empfundene Boykotthetze der Jüdischnationalen gegen die unionistischen Kauileute und Gewerbetreibenden, einer antijüdischen Boykotthetze, unter deren tief beschämenden Eindruck das ganze jüdische Wien ohne Unterschied der Parteistellung steht. Aber wie dürfen Angehörige einer Wahlliste, an deren erster Stelle der österreichische Staatsrat Dr. Friedmann und an deren dritter Stelle der Rat der Stadt Wien Dr. J. E h r 1 i c h stehen, den Wahlkampf mit dem Versuch der Verbreitung einer allgemeinen Panik unter den Juden Wiens führen? Warum also die jüdischnationale Wahlparole: „Schützt die jüdische Sicherheit!"? Will der Staatsrat Dr. Fried mann oder will der Rat der Stadt Wien Dr. Ehrlich durch diese Wahlparole zum Ausdruck bringen, daß die Sicherheit der Juden gefährdet ist, wenn nicht die Jüdischnationalen gewählt werden? Aus welchem Grunde denn eine solche Wahlparole, die nur dazu bestimmt sein kann, Panik zu erregen? Wird eine solche Parole aus Gedankenlosigkeit gewählt oder aus kühler Berechnung? Gedankenlosigkeit können wir bei den mit allen Salben gesalbten Führern einer Partei, die seit jeher schon von sehr, sehr langfristigen Wechseln, die sie nie einlösen, zu leben verstellt, nicht annehmen .... Und so bleibt die kühle Berechnung. Die kühle, kalte, erbarmungslos grausame Berechnung, die damit spekuliert, durch eine natürlich ganz unbegründete Panik vor allem auf die Wiener Ostjuden, denen die Angst vor Pogromen, wie sie oder ihre Väter solche in Polen, Rußland oder Rumänien erlebt haben, noch in den Knochen Hegt, zu wirken, durch eine Panik, von der sie sich die Wirkung erhoffen, daß sie wenigstens diese Wählerschichten, verängstigt und eingeschüchtert, vom Herrn Staatsrat oder vom Herrn Rat der Stadt Wien Schutz und Rettung erhoffend, der „Zionistischen Liste" erhalten könnte .... Wir haben unter lebhafter Zustimmung des ganzen jüdischen Wiens öffentlich gegen die zynischen Ausschreitungen protestiert, die die Jüdischnationalen in diesem Wahlkampf begehen, unter anderem gegen das Greuelmärchen von den Union-Juden, die „sich über die von arabischen Bomben zerrissenen jüdischen Frauen und Kinder treuen", und ebenso gegen die Boykotthetze der Jüdischnationalen gegen die unionistischen Kaufleute und Gewerbetreibenden. Und heute müssen wir leider und sicher unter Zustimmung aller verantwortungsbewußten Juden Wiens ohne Unterschied der Parteistellung mit aller Entschiedenheit dagegen protestieren, daß die Jüdischnationalen als verzweifeltes Mittel in ihrem Wahlkampf den Versuch machen, in die jüdische Bevölkerung Wiens den Alarm zu tragen, der weite Schichten der jüdischen Bevölkerung auf das schwerste beunruhigen «kann. Wir fordern daher im dringlichsten Interesse der gesamten Judenschaft Wiens Herrn Staatsrat Dr. Friedinatin und Herrn Rat der Stadt Wien Dr. Ehrlich energisch auf. diesen neuesten Wahlschlager der Jüdischnationalen „Schützt die jüdische Sicherheit!" schleunigst im Papierkorb verschwinden zu lassen! V ater tat's, es tut's der Sohn Juden wählen „Union"! Minier den „nationalen" Xulissen. Nuir noch eine Woche trennt uns von dem S. November, von dem Tag, an dem die Wiener Judenschaft dazu berufen sein wird, mit dem Stimmzettel darüber zu entscheiden, wer für die nächsten Jahre die Leitung der Wiener Kultusgemeinde, der drittgrößten jüdischen Gemeinde in Europa und der viertgirößten der Welt, inne haben soll. Die scharfen Kämpfe, die seit etwa zwei Dezennien um diese Leitung geführt werden und die besonders in der Nachkriegsperiode zuweilen die heftigsten Formen angenommen haben, hatten zur Folge, daß die jüdische Oeffentlichkeit hinlänglich über die Bedeutung dieses Kampfes aufgeklärt ist und daß diejenigen, die sich für das jüdische öffentliche Leben interessieren, längst hinreichend die ihnen zusagenden Fronten bezogen haben. Der Kampf geht somit hauptsächlich um die sogenannten „Neutralen", oder richtiger gesagt, um die „Gleichgültigen", die im allgemeinen abseits stehen und der Meinung sind, sie erfüllten ihre Pflicht als Mitglieder der jüdischen Gemeinde, indem sie die ihnen auferlegten Steuern und sonstigen Gebühren bezahlen, daß sie sich aber sonst um die Dinge, die in der Kultusgemeinde vorgehen, nicht zu kümmern haben. War diese Anschauung selbst in den früheren ruhigeren Zeiten, wo die Kultusgemeinde tatsächlich in der Hauptsache dazu berufen war, für die Erledigung der laufenden Agenden zu sorgen, eine irrtümliche, denn die Kultusgemeinde ist die einzige berufene öffentliche jüdische Körperschaft, die das Judentum nach innen und außen repräsentiert und dazu berufen ist, das gesamte öffentliche jüdisch-religiöse und geistige Leben zu leiten, so ist eine solche Haltung um so mehr in der heutigem Zeit (Fortsetzung der Liste der Agitationslokale von Seite 4) XX. Restaurant Pannonia (vorm. Toldi), Heinzelmanngasse 1, A 41-2-80- Cafe Franz Delapina, Mortaraplatz 4, A 40-4-S2 XXI. Cafe "„Goldener Engel", Am Spitz 2, A 60-5-95 In den durch Fettdruck hervorgehobenen Lokalen werden täglich zwischen 8 und 9 Uhr abends durch Herren der Bezirkswahlkomitees Auskünfte in allen Wahlangelegenheiten erteilt; dieser Permanenzdienst wurde außerdem eingerichtet in folgenden Lokalen: Cafe Eos, III., Rennweg 33a, U 19-4-48 Cafe Schwenderhof, XIV., Mariahilferstraße 189, R 31-5-80 Cafe Thalia, XVI„ Thaliastraße 22, B 44-0-99 Cafe Währingerhof, XVIII., Währingerstraße 162, R 51-0-89 Cafe Mirabell, XX., Wallensteinstr. 32, A 40-5-42 eine absolut verfehlte und unzulässige, da die Gegenwart und noch mehr die Zukunft der Juden von vielen Gefahren bedroht ist und die Kultusgemeinde als der einzige legale Faktor dazu da ist, für die gesamtjüdischen Interessen einzutreten und diese zu wahren. Hier darf niemand abseits stehen, hier heißt es „Alle Mann an Bord!" Niemand darf daher am Wahltage zu Hause bleiben. Das Wahlrecht ist nicht nur ein Privilegium, sondern eine heilige Pflicht. Es soll und muß ausgeübt werden. Und wer die Zusammensetzung der Wiener Judenschaft kennt, der weiß, daß die Entscheidung tni der Hauptsache von den „Neutralen" abhängt. Die radikalen Elemente von rechts und links bringen in der Regel ihren letzten Anhänger zur Urne — wenn aber im allgemeinen bloß zirka 50 Prozent der Wahlberechtigten von ihrem Stimmrecht Gebrauch machen, so kommt diese Abstinenz hauptsächlich jenen Elementen zustatten, die einseitige Interessen verfolgen und für die die Kultusgemeinde eine Institution ist, dazu bestimmt, nicht der Allgemeinheit, sondern ihren egozentrischen Interessen und Bestrebungen zu dienen. Dabei fehlt es im „natioinlen" Lager nicht an pittoresken Vorgängen, die diese ganze Politik ad absurdum führen müssen. Da Herr Dr. Friedmann nicht mehr Präsident werden will und da auch der erste Vizepräsident Herr Dr. Ehrlich auf diesen Posten nicht aspiriert, gilt Herr Robert Stricker als einziger aussichtsreicher Kandidat. Ist es nun eine höchst unnatürliche Erscheinung, daß ein Mann die Würde eines Kultuspräsidenten erhalten soll, dessen Hauptinteresse der „Politikasterei" gilt und der als areligiös für das jüdische Leben nicht das geringste Interesse oder Verständnis hat, so hat sicli aus diesem Plan eine tragikomische Einzige Niederlage von Ordinal Oscar Plschlnser Feinster Spezialitäten nildi-oHdiiouer-Sdiohoiadcii la Bonbons Alle Sorten Feingebäck Leopold Lederer, u., Gr. Sd»iffg.i6, Tel. a 40-3-12 Unter Aufsicht der Adas Jisroel (Schifischul)