Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1936-10-23 · Heft 44 (23.10.1936) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 44 (23.10.1936)
Date
1936-10-23
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3064606-3064649--20879-3086172
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 6 Nr. 44 — 23. Okiober 1936 DIE WAHRHEIT WIEHES 'JUDEN! »UNION 0$TERRiKIHDS€HEH JUD (LISTEN FÜHRER: REG.-RAT DR. H. OPPENHEI M.) Wählt am 8. NOVEMBER zu Eurer Ehre, zu Eurem Wohl die Liste der aa Religiöses Leben in Erez Israel. Die Wahrheit in der „Wahrheit" geht der „Stimme" immer wider den Strich. Sie kann Wahrheit nicht vertragen. In einer ihrer letzten Nummer begeifert sie wieder einmal die „Wahrheit", weil in ihr angeblich „Tatsachen umgebogen und verkehrt werden, nur um Palästina und alles, was dort geschieht, herabsetzen zu können." Es wurde niemals von der „Wahrheit" behauptet, daß der Jischuw „eine Gesellschaft unverbesserlicher Gottioser sei". Sie behauptet nur immer wieder, daß die Religion in Erez Israel keine vorwiegende Rolle spiele, daß ihr im heiligen Lande auf geheiligtem Boden nicht jene Bedeutung zugemessen wird, die ihr gerade dort zukommen müßte, und daß dort vielfach der Sabbath entweiht wird. Mit dieser Behauptung steht aber die „Wahrheit" nicht allein da. Wiederholt wurde darüber auf Zionistenkongressen von mehreren Rednern bewegliche Klage geführt. Wenn aber die „Wahrheit" darüber schreibt, dann ist es böswillige Verleumdung und der Artikelschreiber der „Stimme" bekommt beim Lesen einen roten Kopf. Dann taucht er seine Feder in Gift und Galle. Im Nachstellenden seien einige Zitate aus Reden von Kongreßmitgliedern des letzten Baseler Kongresses angeführt: Mosche Schapiro: „Ich glaube, daß auch nicht religiöse Juden mit der Form, in der sich das jüdische Leben in Erez Israel gestaltet, unzufrieden sind — fern von Tradition, fern von Religion und fern vom jüdischen Sinai. In den Kolonien wird öffentlich der Sabbath entweiht." Rabbi M e i r (Berlin): „Es geht nicht an, daß die religiöse Erziehung in Palästina sozusagen nur geduldet ist. An der Spitze der Arbeit für die sogenannte „allgemeine" Erziehung dürfen nicht Männer stehen, die sich öffentlich als nicht religiös bezeichnen." Del. Schajnra: „Seit Jahren wird in Erez Israel ein Kampf gegen die religiösen Arbeiter geführt. Die religiöse Jugend ist von diesem Verhalten der zionistischen Institutionen enttäuscht... Die Linke will den religiösen Arbeiter aus Erez Israel verdrängen." Dr. Isaak Unna (Deutschland): „Es werden Schulen gegründet, in denen die Religion keinen Platz hat. Kolonien ohne Synagoge, das bedeutet einen Bruch mit der Geschichte... Erez Israel ist für uns das Land der Verheißung; wenn wir die Religion beiseite setzen, worauf können wir uns noch berufen?" Schließlich sei als besonderes Kuriosum angeführt, daß die „Stimm e" am 15. Oktober 1931 unter der Ueberschrift: „Brief aus Palästina" einen Bericht brachte, in welchem es wörtlich heißt: „Aber ebenso, wie hier die meisten Juden beten, so gibt es doch auch manche, die ihren Gott nicht im Bethause aufsuchen, die ihre Religiosität nicht in Formen zwingen lassen. Sie sind Juden auch ohne Talis und Schofar. Niemand wird es wagen, ihnen dort in Tel-Aviv das Judentum abzusprechen, wenn sie keinen Tempel besuchen, wenn sie das Fahrrad besteigen oder gar am Sabbath die verpönte Zigarette anrauchen." Endlich sei noch darauf .hingewiesen, daß im „Neuen Wiener Tagblatt" vom 3. Februar 1935 ein Aufsatz „Siedler in Palästina" erschien, worin die nicht anonyme Palästinareisende unter anderem von einem Besuche in der Siedlung Daganja berichtet. Einer der leitenden Männer — nicht wie die „Stimme" in Verdrehung des wahren Sachverhaltes sagt: „Ein jüdischer Arbeiter — ein vor zwanzig Jahren eingewanderter Russe führte die Reisenden stolz durch die .wundervoll gepflegten Orangen-Gärten, die reiche Bibliothek und den Kindergarten'. Auf die Frage, wo die Synagoge sei, lächelte der Führer und erwiderte: .Das gibt es bei uns nicht. Wir sind eine Nation, keine Konfession. Unser Gott ist die Erde, der Boden Israels. Wir trachten, auf diesem Boden unser Paradies zu bauen und unsere Siedlung erhält sich schon von selbst'". Nun möge die „Stimme" weiterhin von Verleumdung sprechen, wenn wir Tataschen berichten. Stimmen aus dem Publikum. Aus der großen Zahl der bei uns einlaufenden Zuschriften veröffentlichen wir heute aus Platzmangel nur die nachfolgenden, während wir von jetzt an diesem lebhaften Widerhall aus der Gemeinde, deren Großteil unseren Kampf mit soviel Sympathie und Zustimmung begleitet, in größerem Ausmaß Raum geben werden. Bekenntnis zuCstevweiffi. Dr. Erich Broch, Wieu TV., Rainerg. 29. Wien, am 12. Oktober 193G. Euer Wohlgeboren! Ich habe das Rundschreiben der „Union österreichischer Juden" erhalten. Ich beehre mich, mitzuteilen, daß ich meine Stimme gerne für die „Union" abgeben werde. Wir wurzeln seit Generationen im österreichischen Kulturkreis und im österreichischen Wirtschaftsleben; wir erfüllen unsere Pflichten als österreichische Staatsbürger und wir verlangen mit Recht, daß auch der Staat uns gegenüber seine Pflichten erfüllt und unsere Interessen vertritt. Wir müssen uns aber auch offen und ehrlich zum österreichischen Staat bekennen; nur dann haben wir das volle Recht, gegen jene Anschauungen anzukämpfen, welche uns „Bodenständigkeit" und „Volksverbundenheit" absprechen und unsere in der Verfassung verankerte Gleichberechtigung schmälern wollen. Damit ist es durchaus vereinbar, die zionistischen Wohlfahrtsbestrebungen nach bestem Können zu unterstützen, um jenen Glaubensgenossen, die in ihrer Heimat aus politischen und wirtschaftlichen Gründen keine Lebensmöglichkeit haben, beim Aufbau ihrer Heimstätte in Palästina zu helfen. Es ist aber mit dem Bekenntnis zum österreichischen Staate und mit dem Wesen des souveränen Staates absolut unvereinbar, sich gleichzeitig zu irgend einem anderen Staate zu bekennen, und sei es auch der utopistische selbständige „Judenstaat". Ebenso ist die Verfechtung des Begriffes der „Jüdischen Nation" lediglich Wasser auf die Mühlen des Nationalsozialismus und seiner „Rassen"-Theorie, welche von der Wissenschaft der übrigen Welt mit Recht abgelehnt wird. Die Verfechtung dieses Begriffes unterstützt auch jene unserer Eeinde, welche unsere Stellung unter ein Fremdenrecht und den „Numerus clausus" für die verschiedensten Berufe begehren. Von allen anderen sehr gewichtigen Gründen abgesehen, ist auch aus den hier angedeuteten Gründen die Entscheidung für die „Union" für den österreichischen Juden nicht nur selbstverständliche Pflicht, sie ist allein geeignet, seinen Interessen die entsprechende Vertretung zu sichern. Mit vorzüglichster Hochachtung ■ Dr. Erich Broch. IGNAZ WEINSTEIN ANNA HUBEQFELD laden höflichst zu ihrer Trauung ein, welche am 1. November 19X, um 3 Uhr nachmittags im Tempel II., Tempelsasse 3, stattfindet. _Weinstein, II., Pazmanitengaßse 2/W „ &ursöv£ezentvate." Das ist ein magisches Wort. Hoffnung und Trost liegen in ihm. Stütze und Halt derer, denen der Lebenskampf schwere Breschen schlug, Hort und Hilfe derer, denen der Rassenirrsinn fremder Despoten das Heim genommen hat. Die deutschen Emigranten, denen die Vorsehung alles genommen hat, was ihnen lieb und teuer war, verlassen das Reich in der Erwartung, daß irgendwo in der Welt Juden wohnen, die sich ihres Schicksals erbarmen. Sie erwarten, daß irgendwo in der Welt Juden wohnen, die ein fühlendes Herz in der Brust haben, die ermessen können, was den Emigranten angetan worden ist. Und sie hatten sich nicht getäuscht. In allen Teilen der Erde hatten die jüdischen Gemeinden sich auf den mehr oder weniger großen Ansturm der deutschen Juden gut vorbereitet und versucht, mit gutem Herzen und heißem Bemühen der großen Not zu steuern. Man weiß, daß in der ganzen Welt die Hilfsaktionen für die emigrierten Glaubensgenossen mit gutem Erfolg geführt worden sind, man weiß aber auch, daß — ausgerechnet!! — die jüdischnationale Wiener Kultusgemeinde in der: himmelschreiendsten Weise versagt hat. Jawohl, versagt hat!!'Hier in Wien wird es offenbar, daß die Zionisten unfähig sind, ein Gemeinwesen zu verwalten. Hier, in Wien, wird es offenbar, daß die Jüdischnationälen alles "andere sind als Treuhänder des Judentums. Möglich, daß sie die Interessen der Zionisten und Palästinenser wahrgenommen haben, die Wiener Judenheit zu verwalten — und schließlich wohnen ja nicht nur jüdischnationale Zionisten in der herrlichen Donaustadt!! — ist ihnen gründlich daneben gelungen. Ein wesentliches Ressort ist die Fürsorgezentrale. Hier enden fast alle jüdischen Schmerzen. Wenn die Leute beladen, bedrückt von Not, nicht wissen, was weiter werden soll, dann finden sie zur Fürsorgezentrale. Man mag es schon glauben: was die armen, verzweifelte Juden dorthin treibt, ist bitterste Not! Bitterste Not! Die Leute, die ihre Anliegen dort vorbringen wollen, sind schon vom Hause aus, mit menschlichem Mitgefühl zu behandeln, denn Not tut weh und Hunger ist kein Gesellschaftsspiel. Richtiggehende Polizei ist im Hause stationiert. Falls es mal dem einen oder anderen Jaden einfallen sollte, gegen seine Behandlung —--! Ja und da sind wir mitten im Thema! Die Behandlung mit Menschlichkeit ist eine Wienei österreichischjüdische Eigenheit, und weil die gegenwärtgen Machthaber nicht die österreichischen, sondern die nationalen Juden repräsentieren, darum sollen sie abtreten. Heute macht sich dort irgendein neues Judentum breit; aber unsere- Wiener Juden müssen sich dort so abkanzeln lassen, daß der „Stürmer" seine helle Freude daran hätte. Man zeige uns ein Amt in' Oesterreich, wo mit Staatsbürgern derartig verfahren-wird, wie in der Kultusgemeinde. Man zeige uns ein Amt in Oesterreich, wo eino derartige Schlamperei herrscht, wie in der Kultusgemeinde. Man zeige uns ein Amt, wo derart viel Akten verschwinden, wie in der Kultusgemeinde. Man zeige uns ein Amt in Oesterreich, wo arme Juden so behandelt werden, wie in der Kultusgemeinde. Zu Hunderten liegen die ärmsten der Armen, die deutschen Emigranten, auf der Straße und wissen nicht wo sie schlafen sollen. Sie haben kein Geld, um ein Quartier zu bezahlen. In den kalten Herbstnächten schleichen die Krankheiten durch die Stadt und sie wissen nicht, wie sie sich dagegen schützen sollen. Sie haben ±eine Kleidung und müssen frieren, während viele arme^ jüdische Familien gern einen deutschen Emigranten bei sich aufnehmen würden. Fabelhaft habt ihr das gemacht, ihr jüdischnationajen Zionisten!] Wenn es nur einen Grund gäbe, um die jüdischnätionalen Zionisten zu veranlassen, ihre Steäten aufzugeben, dann ist es dieser' Die Wirtschaft der Fürsorgezentrale schreit zum Himmel. Wir erwarten die Antwort und kommt sie nicht, so werden wir mit Einzelheiten kommen. Alfred Ei-sner, Schriftsteller.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.