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Die Wahrheit · 1936-10-23 · Heft 44 (23.10.1936) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 44 (23.10.1936)
Date
1936-10-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Nr. 44 -H- 23. Oktober 1936 SeHe 3 An die GieidigaMgen, die Indifferenten! Wir wenden uns heute an jene, die bei den Wahlen in die Israelitische Kultusgemeinde Wiens nie ihre Stimme abzugeben pflegen, teils weil sie, dem Judentum entfremdet, sich nicht mehr für seine Angelegenheit interessieren, teils weil sie meinen, daß solche Wahlen nur eine für ihre Interessen ganz belanglose Angelegenheit darstellen. Diesen sei gesagt, daß gerade heuer diese Wahlen für jeden in Wien lebenden Juden und insbesondere für die österreichischen Juden eine ganz persönliche Bedeutung haben, weil sie in hohem Maße für die Stellung der Juden in Oesterreich entscheidend sind, was bei der heutigen Verflochtenheit der Politik mit der Wirtschaft sich auf das Schicksal jedes Juden ohne Ausnahme persönlich entscheidend auswirken wird. Der Rassenantisemitismus Hitlers, aber auch der Kunschak-Stricker'sche Gesetzentwurf über die Lösung der Judenfrage in Oesterreich auf nationaler Basis haben bewiesen: Es gibt, vor allem In deutschsprachigen Ländern, keine Flucht .aus dem Judentum, auch wenn es so verächtliche Juden gäbe, die ihre bedrohten Glaubensgenossen im Stiche lassen wollten. Und die bevorstehenden Kultusgemeinde- Wahlen stellen die indolenten und indifferenten Glaubensgenossen vor die schicksalsschwere Frage: „Wie verhalten wir uns bei diesen Wahlen"? „Lassen wir aus der Kultusgemeinde eine jüdischnationale Volksgemeinde, ein enges und diffamierendes Ghetto machen, ein geistiges und kulturelles Ghetto, wie es unseren jüdischen Völkischen vorschwebt, aus dem ein Abzug nur nach einem Judenstaat in Palästina möglich sein soll oder ein soziales und wirtschaftliches Ghetto, wie es die Nationalsozialisten und die anderen Antisemiten konsequent anstreben?" Oder: „Machen wir aus dieser Kultusgemeinde eine Gemeinschaft jüdischer Menschen, die das mosaische Sittengesetz, dieses Fundament der menschlichen und europäischen Zivilisation, hochhalten, ohne sich den Anforderungen des modernen Lebens und den Pflichten der untrennbaren Zugehörigkeit zu ihrem Vaterland Oesterreich zu verschließen odersich mit barbarischen, nationalen Phrasen zu betäuben, hinter denen — was sonst nie der Fall ist — auch nicht der Schimmer einer realen Macht leuchtet?" Diese Wahl ist diesmal sehr einfach und unzweideutig, aber sie ist unausweichlich. Entweder: Ein jüdisches Ghetto für euch und eure Kinder und Kindeskinder, ein Ghetto der Jugendjahre eurer Kinder, ein Ghetto der Studienzeit eurer Heranwachsenden, ein gesetzlich festgelegtes Ghetto im Berufsleben, ein Ghetto der gesellschaftlichen Diffamierung, ein Ghetto des Kultuslehens, scheinbar selbst gewählt, aber mit eisernen Schranken umgeben, kurz ein Ghetto, wie es ersehnt wird von allen Arisch-Völkischen und den anderen Antisemiten, und wie es fanatisch und phantastisch erkämpft wird von den jüdischen Völkischen, denen natürlich als Lohn die Verwaltung und Ausbeutung dieses Ghettos winkt .... Oder: Eine Gemeinschaft jüdischer Staatsbürger, die den unerschütterlichen Anspruch auf volle, unver- -kürzte Gleichberechtigung niemals _ gegen ein als Minderheitsrecht heuchlerisch getarntes minderes Recht eintauscht .... Das ist die Wahl, der Ihr nicht entrinnen könnt! Denn, ob Ihr zur Wahl geht oder nicht, Ihr wählt auf jeden Fall!!! Geht Ihr, gut beraten, zur Wahl und wählt die Liste der „Union österreichischer Juden", dann habt Ihr für die Verteidigung eurer sozialen, politischen, beruflichen und . kulturellen Rechte gewählt. Eine Wahl, für die euch eure Kinder segnen werden. Geht Ihr aber nicht zur Wahl, dann habt Ihr ebenfalls gewählt, aber dann habt Ihr, durch Eure Stimmenthaltung das Gewicht der jüdisch-völkischen Ghetto- und Auswanderungsapostel verstärkend, gerade das gewählt, das Ihr am meisten, am tiefinnersten haßt und fürchtet — das jüdische Ghetto! Dann habt Ihr das gewählt, Schmerzlichsten empfindet, — das Ihr am ein Leben in steter Diffamierung, denn ein Auswandern gibt es nicht für euch! Dann habt Ihr euren Kindern Böses angetan, indem Ihr mitgeholfen habt, sie in ein Ghetto zu schicken, aus dem es keinen Ausweg gibt, am allerwenigsten, wie es die Ereignisse beweisen, den Ausweg „Palästina"! Nun, Ihr könnt indifferent gegen euch selbst sein, Ihr dürft gleichgültig gegen euer Schicksal sein, aber dürft Ihr gleichgültig gegen das Schicksal eurer Kinder sein? Wenn Ihr nicht zur Wahl geht, dann wählt Ihr automatisch den gelben Fleckfür eure Kinder, dieser gelbe Fleck, der einstmals ein Stück Tuch war, aber morgen für eure Kinder Furchtbares bedeuten wird: Judenkataster und Judenklassen, numerus clausus auf den Hochschulen, numerus clausus in den Berufen, numerus clausus bei den Gewerbescheinen, numerus nullus im kulturellen und numerus nullus im geistigen, politischen und sozialen Leben des Landes, in dem sie leben! So liegen die Dinge bei dieser Wahl! Häuseradministration Adolf Krall IV., Schleifmühlgasse 11 Beste Empfehlungen von in- und ausländischen Hausbesitzern So Entscheidendes bedeutet für euch und eure Kinder die Wahl vom 8. November! Denkt daran! Am 8. November lauern in Gedanken vor der Schwelle eures Hauses die Arisch-Völkischen und die Jüdisch-Völkischen, und beide hoffen mit der gleichen Inbrunst, daß Ihr nicht zur Wahl geht! Entäuscht die Arisch-Völkischen! Enttäuscht die Jüdisch-Völkischen! Bewahrt euch und eure Kinder vor Schande und Not und wählt am 8. November die Liste der Pflichtbewußten und Ghetto-Gegner, die Liste der „Union dsferreidiisdier Jnflen Listenführer: Reg.~Rat Dr. Herrn. Oppenheim SOS-Rufe der Tempelvereine. Vor vielen, vielen Jahren, noch lange bevor die derzeitigen Machthaber des Kultusvorstandes durch ihre Idee von der Eroberung der Kultusgemeinde und von. der Umwandlung derselben in eine Volksgemeinde zu beweisen versuchten, daß die Umwandlung einer nur religiösen Zwecken dienenden Gemeinde in eine politische Gemeinde die Erfüllung der höchsten jüdischen Pflicht sei, noch lange, bevor diese Usurpatoren sich selbst als Volljuden patentierten, und alle anderen Juden, die ihrer politischen Idee nicht folgen wollten, als Schädlinge des Judentums bezeichneten, noch lange bevor diese nur einem politischen Lügendiktat und.nicht der Idee des Judentums folgenden Patentjuden, die Geraeindegelder für egoistische Zwecke in Anspruch zu nehmen Gelegenheit hatten, noch lange vor dieser Zeit haben die in Wien lebenden Juden in Erfüllung einer ihrer heiligsten Pflichten sich zusammengeschlossen, um Vereine zu gründen, welche die Gründung und Erhaltung von Tempeln bezweckten. Auf diese Weise entstanden in 15 Wiener Bezirken Tempel, welche nicht aus den Mitteln der Kultusgemeinde, sondern yon diesen braven, beherzten und opferfreudigen Wiener Juden erhalten wurden. Freiwillig haben sich die Führer und Mitglieder dieser Tempel Steuern auferlegt, um der Kultusgemeinde zu helfen, ihren obersten Zweck zu erfüllen. Es sei an dieser Stelle festgestellt, daß von der Wiener Kultusgemeinde lediglich der Tempel in der Seitenstettengasse, der große Tempel in der Tempelgasse, die Tempel in Fünfhaus, Ottakring, Währing und Floridsdorf zur Gänze erhalten werden. Alle übrigen in Wien befindlichen Bethäuser, es sind deren zirka 60, unter ihnen der Pazmanitentempel, der Mülhnertcmpel, der Tempel in Wieden. Margareten, in der Schmalzhofgasse (VI. Bezirk), in der Dollinergasse (XIX. Bezirk), die Polnische Schul', und der Tempel in der Kkickygasse, wurden als Vereinstempel gegründet und werden heute noch als solche von den Vereinen zum größten Teil erhalten. Die allgemeine wirtschaftliche Not, die Verelendung des jüdischen Mittelstandes, aus dem sich vor allem die Tempelbesucher rekrutierten, hatten zur Folge, daß trotz des größten Opfermutes die Vereine nicht mehr in der Lage waren, aus eigenen Mitteln die Tempel zu erhalten. In dieser Not mußten sich die Vereine an die Kultusgemeinde, die nicht nur vom religiösen, ethischen und moralischen Standpunkt aus verpflichtet ist, die Gotteshäuser zu erhalten, sondern auch gezwungen ist, dem Gesetze zu gehorchen, durch das sie geschaffen wurde, um Hilfe wenden. Teilweise hat sich die Kultusgemeinde unter dem Zwange der Verhältnisse bereit gefunden, den Tempelvereinen Subventionen zu gewähren. Diese Subventionen betrugen für 60 Bethäuser im Jahre 1934 S 174.000.—, während die Erhaltung der fünf Gemeindetempel allein die Kultusgemeinde S!77.P{0.— kostete. Die Kuitusg^m-inde bezahlt also für die Erhaltung der von ihr geführten iiinS Tempel S 177.000.—, die Erhaltung von sechzig Bethäusern kostet die Kultusgemeinde ungefähr einen gleichhohen Betrag. Aus der Gegenüberstellung dieser Beträge wird jeder ermessen, welch ungeheure Opfer von den Vereinsmitgliedern und von den Vorständen der Bethäuser erbracht werden. Leider reichen aber deren Mittel nicht aus; das jährliche Defizit der Wiener Vereinstempel beträgt über den Zuschuß der Kultusgemeinde von zirka S 170.000 weitere S 90.000.—. Diese S 90.000.— werden von dem Diktator der Kultusgemeinde Dr. Josef Löwenherz nicht bewilligt. Seime Diktaturgelüsie spekulieren mit dem religiösen Gefühl der Vereinsmitglieder dieser Bethausvereine. Der ehemals wirkliche und jetzt getarnte Finanzreferent Doktor Löwenherz, der für die Tempelvoreine, die nicht als Keimzellen seiner Parteipolitik galten, immer zugeknöpfte Taschen hatte, wußte, daß der Vor-, stand dieser Tempel die Gotteshäuser nicht wird fallen lassen; er wußte, daß diese Menschen alles opfern werden, um seine finanzielle Hartherzigkeit zu paralysieren. Es kann sich niemand vorstellen, was es heißt, für einen Tempelverein einen Zuschuß von der Kultusgemeinde über jenen Betrag hinaus zu erhalten, der als starrer Beitrag vom Finanzreierenten diktiert wurde. Es gibt keine Bezeichnung für diesen Leidensweg: ein Weg nach Kanossa ist mit Blumen bestreut gegen den Dornenweg, der zu Löwenherz' verschlossenem Herzen führt. Mit dieser Mißwirtschaft muß aufgeräumt werden! Die Kultusgemeinde hat Jas Geld, um die Tempel zu erhalten; die Kultusgemeinde könnte ihre Pflicht tun, wenn sie nicht die Gelder dazu verwenden würde, um jene Institutionen, Vereine und Vereinchen zu unterstützen, die am Wahltage dafür für „die zionistische Liste" Gegendienste leisten. Damit Dr. Löwenherz seine 1500 Schilling monatlich'erhält, damit Rath und Genossen dauernd versorgt werden, müssen Gotteshäuser leiden. Als der Knltusvorstand die Anfangsgehalte seines Diktators Löwenherz und seiner Genossen festsetzte, da war auf einmal ein Betrag von S 30.000.— bis S 40.000.— pro Jahr vorhanden, mit dem die Hälfte des Defizits der Wiener Tempelvereine mit einem Schlage hätte abgebaut werden können. Die zionistische Partei betet eben nicht zu einem einzigen Gott Israels,

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