Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 43 (16.10.1936)
- Date
- 1936-10-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 43 — 16. Oktober 1936 DIE WAHRHEIT die unsere Vernichtung betreiben, darüber nicht vernachlässigt werden darf. Viele Führer der einzelnen Organisationen dienen nur dem Partialinteresse der eigenen Institutionen, in die sie gesteckt sind. Die Perspektive für die Gesamtheit aber scheint verloren. Jeder sieht seinen Baum oder vielleicht auch nur seinen Zweig, aber vor den Bäumen sieht man den Wald nicht mehr. Die Forderung der Zeit aber heißt Einheitsfront! Ohne die Gewinnung einer gemeinsamen und würdigen Grundhaltung den Angriffen auf unsere Ehre gegenüber, ist innere Sicherheit und wirksamer Widerstand nicht möglich. Das bezieht sich nicht weniger auch auf die nachhaltige Kraft für das palästinensische Aufbauwerk wie auf die Wahrung unserer Stellung außerhalb Palästinas. Diese Spaltung dm Judentum ist die 'eigentliche Ursache für die bisherigen Schwierigkeiten, eine Einheitsfront zu errichten, und damit der Grund unserer Wehrlosigkeit Auf der einen Seite die zionistisch orientierten Nationalen, auf der anderen Seite die undifferenzierte Masse derjenigen, die mit einem längst nicht mehr zutreffenden Namen als Assimilanten bezeichnet werden. In diesem aber wie in jenem Lager übersteigt die Desinteressiertheit, die feindliche Ideenwelt in ihren tieferen Zusammenhängen zu bekämpfen, alle Maße. Von den Zionisten wurde schon gesagt, daß der eine Teil jede Arbeit in der Diaspora für zwecklose Kraftvergeudung hält „Die Diaspora muß sterben" ist ein Satz, der heute häuiig genug gehört wird. Und es wird hinzugefügt, daß, so tragisch das Los derjenigen sei, die sich nicht mehr auf den neuen Boden retten können, historisch gesehen, das Judentum keine andere Wahl habe, als einzig und allein alles zur Forcierung des zionistischen Ideals zu tun. So viel als möglich aus dem gigantischen Zusammenbruch an Aufbaumaterial für die neue Heimat zu retten, sei wichtiger als jedes andere Ziel. — Diejenigen aber von den Zionisten, welche sich das Programm gestellt haben, national. Sdische Forderungen auch in der Diaspora durchzusind dadurch in eine Wehr* und Waffenlosigkeit welche, da sie selbst mit allem Nachdruck ihre Alienlerung von der Staatsnation betrieben und seit Jahrzehnten dauernd Wert darauf legten, als Fremdnation „anerkannt" zu werden, es dadurch der Staatsaation, wenn sie nicht wohlwollend, sondern gegnerisch eingestellt ist, nun leicht macht, sie als Fremde, als Gäste und damit als Outsider zu behandeln. Das Unrecht dieser 'ist aber keine Bezeugung des Rechtes der anderen Seite. Man sollte glauben, daß die andere Seite, wenn sie schon dem konstruktiven Aufbau einer neuen Heimat nicht mit übergroßer Neigung gegenüber steht, um so mehr, ja, alles tut, um die Stellung der Juden in den alten Ländern zu unterbauen und daß sie Dämme errichten hilft gegen die von vielen Seiten hereinbrechenden Fluten. Nichts davon aber ist geschehen. Wendet man zur Rechtfertigung ein, daß eben gegenwärtig die wirtschaftlichen Kräfte so sehr geschwächt und die Sorgen so übergroß seien, daß dadurch weder psychische Energien noch Mittel freibleiben zu anderer grundlegender Arbeit, so ist darauf zu erwidern, daß diese selbstverständliche Pflicht auch in den vorangegangenen Jahren und Jahrzehnten, wo diese Einwände noch nicht erhoben werden konnten, radikal vernachlässigt worden ist So haben die konservativen Institutionen, denen eigentlich die Verteidigung des Rechtsstatus zukam, sich nur mit Philanthropie beschäftigt und dem Antisemitismus gegenüber sich mit einem bloßen Kampf gegen dessen Erscheinungsformen begnügt, ohne je systematisch oder methodisch seinen sogenannten wissenschaftlichen Unterbau durch die Förderung objektiver Wissenschaft auf diesem Gebiete zu zerstören. Es könnte sein, daß diejenige Methode, welche als Verteidigungsmittel gegen die gemeinsame Bedrohung sich als nötig ergibt sich auch gemeinsam für alle berechtigten programmatischen Ziele als geeignet erweist, so sehr sonst diese einander zu widersprechen scheinen. Fiirte g|e,me'i.nsame Verteidigung der Ehre, ein gemeinsamer Kampf gegen die Vernichtung unseres Ansehens vor den Völkern und unserer Selbstachtung würde schon durch die Wiederaufrichtung unseres Selbstvertrauens den Elan wiederbringen, der für eine kraitvolle Behauptung auf allen Gebieten wichtig ist Der Kampf für unsere Ehre bedeutet auch die Verteidigung unserer Rechte und damit die Erhaltung unserer Existenz. Die Kraft trotz ungeheurer Schwierigkeiten eine neue Heimat aufzubauen, die bisher von den Ländern der Diaspora ausging, muß versagen, wenn diese ins Ghetto zurückgeschleudert würde und verarmte. Die weitgreifende Vernichtung unserer Position In Europa wäre also eine unendliche Gefahr auch für Palästina. Unser wirtschaftlicher und politischer Status in der Diaspora aber hängt zu einem außerordentlichen Teil ab von den die politischen Programme bestimmenden Ideologien. Man darf nicht übersehen, daß neben dem antisemitischen Unfug und Unsinn tiefere Gewalten aufgestiegen sind, die sich mit dem Antisemitismus verbünnicht Sache der jüdischen Totalität. Sofern aber zu den humanistischen Idealen und zur Demokratie steht Dazu Stellung zu nehmen, ist Sache der Völker selbst, nicht Sache der jüdischen Totalität. Sofern aber zu den Verbündeten des Antisemitismus auch die Rassentheorie getreten ist welche speziell die Minderwertigkeit des jüdischen Blutes und die Immanente Gefährdung der Menschheit durch die spezifischen Werte der jüdischen Geschichte und der jüdischen Kultur in sich schließt, wäre es eine unabweisbare Aufgabe, ja Selbstverständlichkeit der jüdischen Gesamtheit, dazu Stellung zu nehmen. Da die Ereignisse bereits gezeigt haben, daß das Ignorieren sowie die feuilletotfistische und ironisierende Haltung effektlos sind, muß die Ras- Die besten Eisen Warst- 3 mal täglich frisch bei IftEfk, Hin U., Pnttfsmae 33 Unter Aufsicht des Rabbinates der Adas-Jisroel-(Schiffschul). Ausgezeichnete Küche, zivile Preise und sorgsamste Bedienung. A la Carte-Speisen und Menüs von S 2.— aufw. Hochzeiten, Diners und andere Festlichkeiten werden in und außer Haus elegantest ausgeführt. senlehre, mag man von ihrer Sinnlosigkeit noch so überzeugt sein, endlich mit genau derselben Gründlichkeit und demselben Ernst angefaßt werden, wie irgend eine andere zu schweren Folgen führende historische Erscheinung. Das ist bisher fast nicht in einer, der Notwendigkeit der Zeit entsprechenden Form geschehen. Heute ist es klar, daß die Rassenlehre nicht nur für jene, die ihr seit langem besondere Aufmerksamkeit zugewendet haben, überragende Bedeutung hat, sondern d'ie Tatsachen zeigen, daß die nun dogmenhaft werdende Rassenfrage und ihre Folgewirkungen jetzt für die gesamte Breite des politischen Lebens entscheidend geworden sind. Es gibt keine Plattform, auf der leichter eine Einheit des ganzen Judentums hergestellt werden könnte als diese. Von den Atheisten bis zu den Frommgläubigen, vom extremen Nationalismus bis zur extremen Assimilation, von der Großbourgeosie bis zu den Kommunisten, welcher Art der weltanschauliche oder geographische Standort irgend eines Juden auch sein mag, sie alle sind in gleichem Grade bis In das Innerste durch die neue Theorie gedemütigt, entwürdigt und bedroht. Die Allgemeinheit hat dafür ein deutliches Gefühl. Wenn die Aufsplitterung und die Fesselung durch die Parteiprogramme oder die ausschließliche Bedachtnahme auf die Individuellen Interessen noch weiter den durch die Not gebotenen Zusammenschluß verhindern sollten, dann müßte diese Allgemeinheit über alle personellen Hindernisse hinweg diesen Zusammenschluß trotzdem herbeiführen. Es ist aber zu hoffen, daß die ständig weiter zunehmende Gefahr und die beginnende Einsicht die Führer selbst noch rechtzeitig zu der Erkenntnis bringen wird, wie alle Teilziele von der Wahrung des Gesamtinteresses abhängig sind und wie das Gesamtinteresse identisch ist mit dem gemeinsamen Kampf gegen den gemeinsamen Feind. („Jüdische Revue.") Kamp! gegen Korruption und Demagogie. (Die Wahlen in die Wiener ftallnsgemeinde.)' Je näher der Wahltermin heranrückt, um so wilder, fanatischer und gehässiger gebärden sich die heutigen Machthaber in der Seitenstettengasse. Wenn die Herren Zionisten ihres Sieges am 8. November so sicher sind — wie sie urbi et orbi verkünden — warum diese Nervosität, dieses wilde Ausschlagen nach allem Seiten, dieses Herumtrampeln nach dem Beispiel des Elefanten im Porzellanladen, diese Taktik der Ehrabschneiderei gegenüber den Gegnern? Wer seines Sieges so gewiß ist hat es wahrlich nicht nötig, zu derartigen verwerflichen Mitteln zu greifen! Diese Nervosität verrät aber nur, allzu drastisch die große Angst, daß der 8. November zu einem Gerichtstag werden könnte, daß die jüdischen Wähler an diesem Tage mittels des Stimmzettels ein vernichtendes Urteil über all das Treiben fällen werdetn, das sich jenei Herren seit Jahr und Tag erlaubten. Es ist die Angst des schlechtem Gewissens, die ihnen den Schlaf und die Ruhe raubt, und die sie mittels einer verwerflichen Taktik, die vor nichts zurückschreckt, bannen möchten. Es wird nicht gelingen! Da ist alle Mühe vergeblich. Wer Wind säet, muß Sturm ernten, und dieser Sturm wird diese Herrschaften wie mit einem eisernen Besen hinwegfegen. Der 8. November wird ein reinigendes Gewitter bringen — wenn die Wiener Judenschaft noch njilcht völlig um dem Verstand gebracht worden ist. Diesen Verstand, diese klare Vernunft zu trüben — darauf haben sich die Herren Jüdischnationalen mit aller Gewalt verlegt. Nach dem Vorbild aller berüchtigten Demagogen werden sie von dem einzigen Bestreben geleitet, ihre Gegner so schwarz als möglich zu zeichnen, um allein desto weißer erscheinen zu können. Vergebliche Mühe! Der Schandfleck, den sie sich selbst mittels der Affäreini Rath—Löwenherz aufgedrückt haben, läßt sich weder mit Seife noch mit Kreide wegwischen, und alle Wohlgerüche Arabiens könnten die Anrüchigkeit dieser Korruptionsaffären nicht aus der Welt schaffen. Die Taktik „Haltet den Dieb!" muß hier versagen. Da hilft kein Zeter und Mordio! Wie sagt doch der Prophet: Wenn du dich auch mitf KreSdie waschen und Seife häufen wirst — deine Sünde bleibt unverwischbar! Außerstande, der jüdischen Oeffentlichkeit mit sachlichen Argumenten zu kommen, operieren die Herren immer wieder mit dem Schlagwort „Denunziation!". An dieser Steüe ist die Lächerlichkeit und die Unhaltbarkeit dieses Schlagwortes hinlänglich aufgezeigt worden und die „Unionisten" haben es wahrlich nicht notwendig, immer wieder darauf zurückzukommen. Aber es dürfte wohl angebracht sein, diesbezüglich eine grundsätzliche Feststellung zu machen: Nie ist es der „Union" eingefallen, die loyale Gesinnung irgendwelcher jüdischer Kreise dem Staate gegenüber anzuzweifeln. Wenn wir aber von dem Recht der österreichischen Glaubensgenossen sprechen, so ist damit gemeint: Wer in einem Lande nur vorübergehend weilt, wer noch dazu — wie es der Ideologie der Herren Zionisten entspricht — diesen Aufenthalt nur als Uebergangsstation betrachtet und keine größere Sehnsucht hat, als seini Heil in einem anderen Lande zu finden, dem fehlt naturgemäß die starke Verbundenheit mit dem Lande seines Aufenthaltes. Insoferne es sich um die rein religiösen Angelegenheiten handelt, die ja in erster und ausschließlicher Linie zur Kompetenz der Kultusgemeinde gehören oder gehören sollten, kann kein Mensch das Verlangen stellen, daß diese Kreise von der Mitentscheidung ausgeschlossen bleiben. Die Jüdischnationalen wollen aber die Kultusgemeinde in eine politische Volksgemeinde umgestalten, in eine Körperschaft die über die allgemeine Lage der Juden, ihr Wohl und Wehe, ihre Gegenwart und Zukunft zu entscheiden hätte, und da muß wohl in erster Linie den österreichischen Juden, die in diesem Lande nicht nur ihre Vergangenheit und Gegenwart, sondern auch ihre Zukunft erblicken, das entscheidende Wort überlassen und vorbehalten bleiben. Wer in dieser rein sachlichem Feststellung eine „Denunziation" erblicken will, ist ein Bösewicht, mit dem man sich nicht auseinandersetzen kann. Derartigen Schlagworten gegenüber gibt es nur eine Taktik: Verachtung! Allein, wenn die Herren Jüdischnationalen so eifrig mit diesem Schlagwort operieren, so muß ihnen einmal ihr eigenes Verhalten vor Augen geführt werden. Keine jüdische Gruppe arbeitet so sehr rücksichts- und verantwortungslos mit dem gefährlichen Instrument der Denunziation gegenüber den Andersgesinnten, als gerade diese Herren aller Schattierungen. Jahrelang konnte sich beispielsweise das Organ des „Führers" der Judenstaatspartei nicht genug an der Behauptung tun, die Leitung der zionistischen Exekutive befinde sich in den Händen von „Marxisten", als es den zionistischen Arbeitergruppen gelungen war, bei 1 M tü ü V. US