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Die Wahrheit · 1936-10-16 · Heft 43 (16.10.1936) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 43 (16.10.1936)
Date
1936-10-16
Page
– (sequence 5)
Language
German
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aus der Kultusgemeinde von einst und jetzt Vor mehr als zwei Jahrzehnten wirkte in der .Wiener Kultusgemeinde ein Vizepräsident, dessen Name ungenannt bleiben soll, weil er nicht mehr unter den Lebenden weilt. Dieser Vizepräsident leitete gemeinsam mit den übrigen Mitgliedern des Präsidiums unsere Gemeinde zu einer Zeit, da die jüdischnationalen Usurpatoren, noch nicht die Möglichkeit hatten, ihre Parteiwirtschait in einer Weis© aufzurichten, wie es leider in der letzten Wahlperiode geschehen ist. Dieser Vizepräsident, der seines Zeichens Rechtsanwalt war, vertrat selbstverständlich unentgeltlich die Wiener Kultusgemeinde in ihren Rechtsangelegenheiten. Zufolge seiner Tätigkeit im Dienste des Judentums und im Dienste der Gemeinde und ihrer Wohlfahrtsinstitutionen vernachlässigte er seine Kanzlei derart, daß sie kaum das Notwendigste für den Lebensunterhalt abwarf. Der damalige Kultusvorstand erwog daher, ob es nicht eine Danbespflicht der Kultusgemeinde gegenüber diesem Manne wäre, wenn ihm seine advokatorische Tätigkeit im Interesse der Gemeinde anläßlich eines erfochtenen Sieges für die Interessen der Gemeinde vor dem Verwaltungsgerichtshof honoriert würde, und zwar mit jenen Kosten, die einem Rechtsanwalt, dessen sich die Kultusgemeinde hätte bedienen müssen, zu bezahlen gewesen wären. Als der Erwähnte von dem Vorhaben des Kultusvorstandes erfuhr, erklärte er dezidiert dem Präsidenten, daß er für den Fall, als der Kultusvorstand es versuchen sollte, weiter über die Frage einer Honorierung zu beraten, sofort seine Stelle als Vizepräsident und als Mitglied des Kultusvorstandes niederlegen werde und daß ser überdies ganz energisch jede wie immer geartete Honorierung seiner Tätigkeit im Interesse der Gemeinde, auch wenn sie in Ausübung seines Berufes erfolgte, als eine persönliche Kränkung zurückweisen werde. Selbstverständlich mußte der Kultusvorstand dieser energischen Stellungnahme des Vizepräsidenten Rechnung tragen. So handelte ein Vizepräsident der Kultusgemeinde, der von der so sehr von den Austrozionisten verscholtenen und beschimpften Union gewählt wurde. Eine andere Taktik und eine andere Moral haben sich die derzeitigen Usurpatoren der Kultusgemeinde zurecht gelegt. Auch sie haben durch Jahre hindurch aus ihrer Mitte einen Vizepräsidenten in die Kultusgemeinde gewählt, der wohl nicht die Kultusgemeinde in seiner Eigenschaft als Rechtsanwalt unentgeltlich vor den Behörden vertrat, der aber innerhalb der Kultusgemeinde die Interessen seiner Partei und seiner Parteifreunde durch Jahre hindurch einseitig förderte. Für diese nicht im Interesse der Allgemeinheit, sondern im Interesse der eigenen Partei gelegene Tätigkeit forderte der Vizepräsident sein Honorar. Er verlangte nicht mehr und nicht weniger als seine und seiner Familie lebenslängliche Versorgung aus den Mitteln der Kultusgemeinde, und zwar mit einem Monatsgehalte von S 1500, um den sein Vorgänger 37 Jahre dienen mußte. Der jüdischnatiomale Kultusvorstand hat bekanntlich diese Forderung erfüllt, nachdem die Mandatare der „Union" wegen dieses Korruptionsfalles, dem bereits mehrere andere gleichartige Fälle vorangegangen waren, aus dem Vorstande ausgetreten waren. Es bleibt der rechtlich denkenden Wiener Judenschaft überlassen, zu erwägen, ob es wirklich „ein nichtiger Vorwand" war, wie die „Stimme", das Organ der Austrozionisten behauptet, der die Mandatare der „Union" zwang, ihre Mandate niederzulegen. Es ist in der Geschichte der Wiener Kultusgemeinde bis zur Machtergreifung durch die Jüdischnationalen niemafls vorgekommen, daß Mandatare der Kultusgemeinde von der zufälligen, ihrer Partei angehörigen Majorität des Kultusvorstandes verlangten, daß sie lebenslänglich versorgt werden. Erst der derzeit die Kultusgemeinde führenden sogenannten zionistischen Partei blieb es vorbehalten, diese in den Augen aller rechtlich denkenden Menschen als Korruption bezeichneten Versorgungen vorzunehmen. Zur Vernebelung dieser Freunderlwrrtschait haben es sich die Jüdisclmationalen zurechtgelegt, in diesem Wahlkampfe nicht mit Argumenten, sondern nur mit Beschimpfungen zu arbeiten, die sie ihrer Meinung nacli als die besten Wahlschlager ansehen. Soweit es sich um gemeine Beschimpfungen handelt, hält es die Leitung der „Union österreichischer Juden" unter ihrer Würde, zu beweisen, daß diese Beschimpfungen unwahr sind, denn die „Union österreichischer Juden" ist davon überzeugt, daß man der Wiener Judenschaft niemals wird mit Wahlschlagern imponieren können, die nur in Beschimpfungen und Herabsetzungen von Personen bestehen. Eines muß jedoch an dieser Stelle gesagt werden: Keiner der unionistischen Mandatar^, die jemals dem Kultusvorstande angehört haben, hat während seiner Tätigkeit im Kultusvorstande, die in manchen Fällen bis zu 20 Jahren dauerte, innerhalb seiner Amtsperiode aus den Mitteln der Kultusgemeinde insgesamt das verdient, was die Mandatare der Jüdischnaüonalen Moses Rath, Dr. Josef Löwenherz und Genossen in einer Stunde in der Kultusgemeinde verdient haben. Die Mandatare der „Union" haben mit reinen Händen, ohne Freunderlwirtschaft zu betreiben, ohne persönliche Interessen an die Spitze der Agenden der Kultusgemeinde zu stellen, lach ihrem besten Wissen und Gewissen in der Kultusgemeinde mitgearbeitet. Die Mandatare der „Union" haben jedoch auf diese Mitarbeit verzichten müssen, weil man von anständigen Menschen nicht verlangen kann, daß sie mitverantwortlich sind an Korruptionsfällen ä la Rath und L ö w e n h e r z. Die Herren Jüdisclmationalen haben es sich weiter zurechtgelegt, in diesem Wahlkampfe damit zu operieren, daß sie in einer geradezu aufdringlichen Weise ihr eigenes Lob singen und der Oeffentlichkeit erzählen wollen, welche Leistungen sie im Interesse der Wiener Judenschaft aus den Mitteln der Kultusgemeinde erbracht hätten. Mit keinem Worte der Dankbarkeit erwähnen sie die Steuerträger der Kultusgemeinde, welche die Gelder herbeigeschafft haben, mit denen sie nicht nur ihre Parteigenossen lebenslänglich versorgten, sondern auch zumeist den übrigen Parteimitgliedern und deren Anhängern die Institutionen der Kultusgemeinde zugänglich machten. Nur die Steuerträger der Kultusgemeinde haben die Mittel zur Verfügung gestellt, die jüdischnationalen Kultusvorsteher haben lediglich diese Mittel parteipolitisch verwendet. Mit keinem Worte erwähnen die Jüdischnationalen dagegen, mit welchen Beträgen sie die Einnahmen der Kultusgemeinde zugunsten ihrer Parteigenossen belastet hätten. Sie erwähnen mit keinem Worte die Kosten jener Angestellten, die aus parteipolitischen Gründen in der Kultusgemeinde angestellt und mit besonderen Gehältern dotiert wurden. Sie erwähnen weiters mit keinem Worte die Unterstützungen, die sie au parteipolitische Vereine und Keimzellen zur Auszahlung bringen, damit die Beschenkten als ihre Wahlagitatoren und Wähler bei der Wahl tätig sind. Alle Ausgaben, ob sie nun auf dem Gebiete GROSSFLEISCHHAUEREI IIEGM. KORNMEHL WIEN IX., BERGGASSE HR. 19 FILIALE i XVIII., WÄHRIMGERSTRASSE 97 Telephon Nr. A 17-3-99 und A 16-9-34 Lieferant für Heilanstalten AbteilungentürKoscherileisch unter Aufsicht des ehmw. Rabbinatas der Isr. Kultusgemeinde Wien. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen der Fürsorge tatsächlich geleistet oder ob sie an parteipolitische Vereine und Keimzellen bezahlt wurden, wurden aus den Mitteln aller Steuerträger der Kultusgemeinde, und zwar vornehmlich aus den Mitteln der unionistischen Steuerträger, die von den Jüdischnationalen als Schädlinge des Judentums bezeichnet werden, geleistet. Wenn die Jüdischnationalen nur von jenen Geldern Fürsorge und Parteipolitik betreiben sollten, die aus ihren Reihen aufgebracht wurden, dann dürften sie keinesfalls vor der Oeffentlichkeit erscheinen und sich mit den „Leistungen" ihrer Parteiangehörigen brüsten. Es ist eine in Wien bekannte Tatsache, daß diejenigen, welche die meisten Opfer für die Kultusgemeinde bringen, im Lager der „Union", diejenigen aber, die am meisten von der Kultusgemeinde zehren, sich im Lager der Jüdischnationalen befinden. Am 8. November I. J. wird die Wiener Judenschaft darüber zu entscheiden haben, ob sie von einer jüdisch-politischen Partei geführt werden soll, die das Vermögen der Kultusgemeinde nach parteipolitischen Grundsätzen verwaltet, die die im Gesetz festgelegte Gleichberechtigung der Wiener Judenschaft durch Minderheitsrechte des Völkerbundes ersetzen will, die weiters die rein religiösen Zwecken dienende Kultusgemeinde in eine politische „Volksgemeinde" umwandeln will, oder ob sie von jenen Juden vertreten sein will, die dafür kämpfen, als vollberechtigte und voUverpitichtete Bürger des Staates ohne jede Berufung auf Minderheitsrechte gewertet zu werden, und die für die Erfüllung aller religiösen Bedürfnisse der Wiener Judenschaft, vor allem für weitestgehende Fürsorge für alle Juden ohne Unterschied ihrer Parteizugehörigkeit sorgen werden. Wir verteidigen die uns in unserer Verfassung gewahrte Gleichberechtigung und kämpfen gegen jeden Antisemitismus, der versucht, diese gleichen Hechte zu erschüttern. Die Wiener Judenschaft wird am S. November, wenn sie sich das Schicksal ihrer Kinder für die Zukunft vor Augen hält und wenn sie sieb nicht von Schlagworten und Verprechungen beeinflussen lassen wird, wählen die Liste der „Union österreichischer Juden" (Llsfeolttlirer: neg-DalDr. n. Oppenheim.) Jüdische Einheitsfront Von Dr. I. Z o 11 s c h a n. Der Aufgabenbereich der jüdischen Oeffentlichkeit ist heute ein so ungeheurer und ein so vielfacher und jede einzelne seiner Teilauigaben an sich von so vitaler Bedeutung, daß wegen der Wichtigkeit und der Auisplitterung zugleich die Wahrnehmung der alles überdachenden gemeinsamen Interessen unterlassen wird. Denn es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß es heute kein umfassenderes, gemeinsameres Interesse aller jüdischen Richtungen und Gemeinschaften geben kann als die geschlossene Abwehr des Feindes von außen. In einer Zeit, in der die Ehre der jüdischen Geschichte, des jüdischen Blutes und der jüdischen Lehre angetastet wird, in der die kardinalen Existenzgrundlagen fast in allen Ländern durch denselben Feind gefährdet werden und in der auch bei der Bedrohung des Auibauwerkes in Palästina die Hand desselben Feindes sichtbar wird, ist es selbstverständlich, daß alles, was an Kraft und Energie noch existiert. zusammengefaßt werden müßte, um sich in Front gegen diesen Feind zu stellen. So paradox es auch jedermann erscheinen muß und so unverantwortlich es einmal vor der Geschichte sein wird, gerade dieses universale Interesse, gerade diese selbstverständlichste aller Pflichten und Notwendigkeiten im politischen und ökonomischen Sinn blieb bis jetzt in einer unerhörten Weise vernachlässigt. Psychologisch mag es zu verstehen sein, daß vor dem Ansturm der Flüchtlinge alle vorhandenen und noch aufbringbaren Reserven der Linderung der ungeheuren Not zugewendet werden. Es ist weiter zu verstehen, daß die nationalen und zionistischen Organisationen gerade angesichts des Zusammenbruches der Positionen in der Diaspora sich um so mehr bemühen, ihre ganze unzersplitterte Energie nur den dem Aufbau dienenden Fonds zuzuwenden. Trotzdem aber wird niemand bezweiieln, daß die gemeinsame Stellungnahme gegen diejenigen,

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