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Die Wahrheit · 1936-10-16 · Heft 43 (16.10.1936) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 43 (16.10.1936)
Date
1936-10-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Nr. 43 — 16. Oktober 1936 DIE WAHRHEIT Jiodeateliei ELISABETH STREIT PARISER CHIC - WIENER AKKURATESSE — OESTERREICHISCHE PREISE WIEN XRL, LEEGASSE 1 — (Stadtbahnstation braunschweiggasse) — TELEPHON A 55-1-25 ,ahre das verdiente schmähliche Debakel erlebte, weil er sich anmaßte, eine politische Repräsentanz aller Juden der Weit darstellen zu wollen, folgende Sätze enthalten: Das jüdische Volk führt „das Doppelleben nationaler Minderheiten" . . . ..Diese Gruppen — wenn auch millionenstark — sind dann ..Bürger zweier Welten". Ihre unbedingte Loyalität und — sofern natürlich das Adoptivvaterland es verdient — auch i Ii re Liebe, gehören in gleicher Weise dem letzteren wie der historischen Heimat . - Sie alle hatten eben und haben zwei Heima 11ä nd er; das historische Vaterland, wo ihr Stamm auftrat wuchs und gedieh, sowie die Adoptivheim a t." Wir österreichischen Juden lehnen dieses „Doppelleben", diese Zweideutigkeit diese Loyalität unter Bedingungen, „sofern natürlich das Adoptivvaterland es verdient", diesen Patrio- Ebenso überraschend wie vor mehr als einem halben Jahre der Araberautstand in Palästina begonnen hat, ist er jetzt plötzlich abgeblasen worden. Rätselhaft wie sein Ursprung, isein ständiges Neuaufflammen, so oft der Brand schon im Verlöschen begriffen schien, ist nun auch das Ende. Immer wieder hatte man gehört, daß die Bewegung den arabischen Führern über den Kopf gewachsen sei, daß England, das sonst überall, wo seine Kolonialpolitik bedroht ist, seine Interessen rasch und rücksichtslos zu wahren versteht, dem arabischen Guerillakrieg im Heiligen Lande, das ihm der Völkerbund mit dem Auftrag, dort eine jüdische Heimstätte zu errichten, anvertraut hatte, ratlos gegenüberstehe; noch zu guter Letzt hatte man das Scheitern einer Vermittlungsaktion des Außenministers von Irak, Nuri Pascha, vernommen, aber schon tagsdarauf erfuhr man auf einmal wie die selbstverständlichste Sache der Welt, daß die arabischen Könige der Nachbarländer von Palästina das Wunder bewirkt haben, daß das Oberste Arabische Komitee das Ende des Aufstandes proklamiert habe. Drei weise Könige aus dem Morgenland mit dem Ei des Kolumbus als köstlicher Gabe! Eine liebliche Idylle schließt die grauenvollen Bilder eines blutigen Kriegstanzes ab, als dessen Opfer 90 Juden, über 200 Araber und 30 Engländer auf der Walstatt liegen, tausende Verwundete teils in Spitälern, teils in arabischen Verstecken den Verlust ihrer geraden Glieder betrauern. Das beklagenswerteste Opfer schien die Menschl ichkeit zu sein, die einst gerade in diesem Land ihre vollendetste Pflege gefunden und von hier gleich einer göttlichen Gnadensonne ausstrahlend die ganze Welt mit den Segnungen friedlicher Kultur befruchtet und beglückt hatte. Nun hat diese Gnadensonne das finstere Gewölk, das ihren Anblick der verstörten Erde auf lange hinaus zu verhüllen drohte, plötzlich durchbrochen, lichte Himmelsstrahlen treffen das geblendete Auge und die Friedenstaube schwebt phönixgleich über dem Lande, wo dereinst zum erstenmal der Friede nicht als bloße Erholungspause zwischen männermordenden Kriegen, sondern als das eigentliche Sehnsuchtsziel des menschlichen Erlösungsdranges prophetisch verkündet und gepriesen worden ist. Und es erscheint allen gläubigen Gemütern als ein besonders glückhaftes Symbol, daß die heutige Welt, in der der Haß täglich neuen Zündstoff anhäuft, der sich in blutigen Orgien der Vernichtung zu entladen droht, just in dem Lande, das dereinst der Menschheit das Gebot der Nächstenliebe beschert hat, eine Friedensproklamation erlebt, eine Besinnung auf die Nutzlosigkeit des Blutvergießens und die tismus auf Kündigung, die ganze Theorie der zwei Vateriänder, Adoptivheimat und historische Heimat, ab. Wir sehen in Oesterreich kein Adoptivvaterland, wir haben eine leibliche und körperliche Verbundenheit mit diesem unseren einzigen Vaterland, wir wollen keine Adoptivkinder und keine Stiefkinder, wir wollen leibliche Kinder Oesterreichs sein, auf dieser Erde, auf der wir seit Jahrhunderten wohnen Dabei halten wir uns an den guten englischen Spruch: Right or wrong — our country. Deshalb Wiener und österreichische Juden wählt am 8. November die Liste der „Union österreichischer Juden" Listenführer: Reg.-Rat Dr. Herrn. Oppenheim bessere Eignung friedlicher Verhandlungen zur Regelung der menschlichen Beziehungen. Ex Oriente lux! Was hat diese überraschende Einkehr der Vernunft in einer Zeit, in der jede Regung der Menschlichkeit und des positiven Kulturwillens als ein schmachvolles Symptom der Verjudung gewertet wird, herbeigeführt? In dem arabischen Aufruf wird erklärt, daß der Widerstand beendigt wird im Vertrauen auf den guten Willen der englischen Regierung, die zugesagt habe, daß Gerechtigkeit herrschen wird. Es sei durch den arabischen Widerstand der ganzen Welt bewiesen worden, wie zwingend die Notwendigkeit für eine Aenderung der bisherigen Politik >sei. Die „Neue Freie Presse" erhielt „von verläßlicher Seite" interessante Informationen über die Hintergründe dieser plötzlichen Wendung, nachdem bisher die arabischen Führer monatelang den „guten Willen" der englischen Regierung, nach Beendigung der Unruhen eine objektive Untersuchung der arabischen und jüdischen Beschwerden durchzuführen, ignoriert hatten. Dem Wiener Blatte zufolge wurde die Aenderung in der Haltung des arabischen Komitees durch gewisse Zusagen seitens der britischen Regierung herbeigeführt. deren wichtigste eine E i nschränkung der Palästina-Einwanderung sein soll. Die Kürzung der Einwanderungsquote soll von jüdischer Seite freiwillig vorgenommen werden. Eine Bestätigung dieser sensationellen Meldung scheint die Tatsache zu beweisen, daß die Juden Polens jetzt im Oktober keine Palästina- Zertifikate erhalten. Es wirft ein sehr merkwürdiges Licht auf die plötzlich von den Arabern gepriesene „Gerechtigkeit" der englischen Regierung, wenn diese die Pazifizierung des Landes auf Kosten der Juden, von deren Initiative alle Bevölkerungsschichten in Palästina nur Vorteile ziehen und die bei den blutigen Ereignissen in schöner Selbstzucht eine bloß passive Rolle gespielt haben, durchführen will und dabei zu allererst gerade bei Polen beginnt, das die Notwendigkeit, seinen Juden günstige Emigrationsmöglichkeiten zu erschließen, erst jüngst in Genf betont und zur öffentlichen Diskussion gestellt hat. Wenn es sich bewahrheiten sollte, daß die Juden in Palästina sich im Interesse ihres friedlichen Aufbauwerkes freiwillig mit einer Kürzung der Einwanderungsquote abgefunden haben, dann bedeutet dies ein sensationelles Abrücken der tatsächlichen Aufbaupioniere von den chauvinistischen Utopien der jüdischnationalen Führer, die fern vom Schuß, fest in der „Galuth" verankert, jene unsinnigen Parolen von der Majorisierung des Heiligen Landes zwecks Schaffung eines „Judenstaates" in die Welt posaunten, die die Araber provozieren und zur Abwehr herausfordern mußten. Sie haben die Hauptschuld an der blutigen Zuspitzung der Verhältnisse im Heiligen Lande, an dessen Aufbau Juden aller politischen Richtungen werktätig mitarbeiten, nicht bloß Nationaljuden! Das hat sogar die „Stimme" eingestanden, als sie sich darüber aufregte, daß Palästina von „Mauscheln" — so beschimpfte sie seinerzeit die unglücklichen Juden aus Deutschland! — überschwemmt sei, jedenfalls eine pikante Ergänzung zu der Tatsache, daß die Jüdischnationalen in der „Galuth" zu Hause bleiben! Heute freilich loben die jüdischnationalen Blätter Wiens den früher von ihnen so beschimpften „Jischuw" über den grünen Klee, weil er das Bad ausgießen mußte, das ihm die „Führer" vom sicheren Hafen des Reichenbetger Beisels aus, dessen Bierdunstinspirationen sie für Politik halten, bereitet haben. Dabei gehen diese Demagogen in ihrer Unverfrorenheit so weit, die aus jeder Zeile unserer Palästina-Berichte sprechende seelische Erschütterung über die tragischen Ereignisse im Heiligen Lande als — Schadenfreude zu deuten . . . Offenbar halten sie unsere Anteilnahme an der Gestaltung der Verhältnisse im Lande unserer Väter für eine Störung des jüdischnationalen Geschäftsmonopols und möchten uns am liebsten mit einem Piuscherparagraphen an den Leib rücken — wären sie nicht «o unsicher, wer in diesem Falle eigentlich als der Pfuscher erscheint: Wir, die vor der vorauszusehenden Entwicklung in der „jüdischen Heimstätte" ständig gewarnt haben, oder die weisen Herren, die mit ihrer Unbelehrbarkeit das Unglück heraufbeschworen haben, allerdings nur über andere, da ihre eigene Palästina-Liebe immer rein platonisch geblieben ist . . . Dem Heldenmut der wirklichen Aufbaupioniere, die trotz der arabischen Ueberfälle in ihrem Werke nicht erlahmten, gehört unsere uneingeschränkte Bewunderung. Die während der Unruhen aufgetauchte Meldung, daß sich die Palästina-Juden an die Unsicherheit im Lande gewöhnt hätten, erschien uns tragisch. Die Araber hatten das jüdische Training in den Pogromländern nicht in Betracht gezogen. Die Juden aus Deutschland, Polen, Rumänien und dem Jemen fühlten sich wie zu Hause — kann man von einer „jüdischen Heimstätte" mehr verlangen? Die jüdischnationalen Führer verneinten diese Frage leidenschaftlich und bezeichneten unentwegt jeden,-' der auch außerhalb Palästinas jüdische Kolonisationsgelegenheiten empfahl, als böswilligen Idioten. Man darf gespannt darauf sein, was sie jetzt, wenn es mit der Einwanderungssperre in Palästina ernst wird, sagen werden ... Rabbiner-Verhaftungen in der Sowjetunion. Der Warschauer Korrespondent des „Daüy Express" berichtet, daß dieser Tage dreißig führende Rabbiner in der Sowjetunion von der GPU. verhaftet und im Schnellverfahren zu Kerkerstrafen von ein bis zehn Jahren verurteilt wurden, weil sie angeblich gegen den Bolschewismus gepredigt und propagiert hätten. Unter den in Moskau verhafteten zwölf Rabbinern befand sich auch der 75jährige Großrabbiner Abraham Low, der zu -zehn Jahren Kerker verurteilt wurde. Die übrigen wurden in Odessa, in Kiew und in R o s t o w am Don abgeurteilt. UNIONISTEN! Stellt euch in den Dienst für den Wahlkampt um die Kultusgemeinde! Wer noch nicht in seinem Bezirk eingeteilt ist, melde sich ehestens beim Zentralwahlkomitee der „Union österreichischer Juden", I., Schottenring 25, Mezzanin, Tel, A 19-2-77. Or^engLafran, ™£ TUChhaUS Tabak O I VJi~l"CZ. im I., Salzgries 5 _HERBST-NEUHEITEN für Damen und Herren zeitgemäß billig_ Friede in Palästina.

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