Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 42 (8.10.1936)
- Date
- 1936-10-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 42 — 8. Oktober 1936 DIE WAHRHEIT" Reichsverband jüdischer Legitimisten Oesterreichs Arbeitsgemeinschaft der Legitimistischen jüdischen Frontkämpfer im „Eisernen Ring", des Verbandes jüdischer Legitimisten und des Legitimistischen jüdischen Frauenbundes Wien I., Parkring 4 EialsilnHii zu der mit Bewilligung das Bundeskanzleramtes Im Einvernehmen Ciniaaillig mit der Vaterländischen Front am SAMSTAG, den 10. Oktober 1936, präzise 8 Uhr abends, im Festsaale des Hotel Continental, II.,Taborstr. (b. d. Schwedenbrücke), stattfindenden Uatßriandisction Kundgedune der luden Wiens Es werden sprechen: Bundesführer Generalmajor Smll Sommer, Univ.-Prof. Dr. Dietrich v. Hildebrand, Rabbiner Dr. H. Rummann / Es spielt: Die alte Deutschmeisterkapelle, Dirigent Kapellmeister Hermann JudenI Glaubensgenessen! Erscheint in Massen! Die Bundesführung. UU/M rürjeden Hut zum Eingeständnis und zur Tat! Die neue Situation nach dem Zusammenbruch der Palästinaillusionen. — Notwendigkeit einer konstruktiven Auswanderungspolitik mit dem Ziel der Massenkolonisierung in nichtpalästinensischen Ländern. — Ein Weckruf Dr. Nathan Birnbaum's: Scheuklappenpraxis führt ins Verderben. Man wird angesichts der immer bedrohlicher werdenden Ereignisse in Palästina nun schon in weitesten jüdischen Kreisen den quälenden Gedanken nicht los, daß wir heute die Lösung der Judenfrage schon um ein großes Stück weitergebracht haben würden, hätten die verantwortlichen jüdischen Führer auch nur Bruchteile derjenigen Energien, die sie für Palästina aufgewendet haben, für die Ausfindingmachung und Besiedlung anderer Länder verbraucht, für Territorien, die nicht belastet sind mit so komplizierten international-politischen Hypotheken, wo der Boden nicht erst von einem bodenständigen, um seinen nationalen Aufstieg ringenden Volk um schweres Geld gekauft werden muß, um dann aus der teuer bezahlten und mit Schweiß getränkten Scholle von den „Depossedierten" vertrieben zu werden, und wo man nicht erst Huleh-Sümpfe um enorme Summen erwerben muß, um urbares Gebiet zu schaffen. Zu diesem Thema bietet auch der nachstehend aus dem „Ruf" etwas gekürzt wiedergegebene Artikel „Scheuklappenpraxis" des bekannten jüdischen Führers Dr. Nathan Birnbaum einen aufschlußreichen Beitrag, der so überzeugend1 und aufrüttelnd wirkt, daß keine noch so gut organisierte zionistische Demagogie gegen diese Hammerschläge einer ehernen Wahrheit aufkommen kann. Aber auf die Dauer kann man bei noch so geschickter Regie und Propaganda die Welt doch nicht irreführen, und es steht zu hoffen, daß auch beim Wiener Judentum die Erkenntnis platzgreift, daß politischer Zionismus und Judenstaatsgeausel uns in einen gefährlichen Irrgarten gelockt haben, aus dem bald kein Weg mehr ins Freie führen wird. „Furchtbar die Geschehnisse in Erez Jisroel. Noch furchtbarer die Entwicklung, die in ihrem befolge im Schicksale Erez Jisroels eingesetzt hat Am furchtbarsten die Unfähigkeit des Judentums, sich volle Rechenschaft darüber zu geben, wo es mit seinen Hoffnungen und Notwendigkeiten Mit, und sich sohin einen Weg ins Freie zu bahnen. Himmelhoch ragte schon der immerfort sich erhöhend© Turm der zionistischen Illusionen. Da kam der erste Stoß. Nun wuchs der Turm nicht mehr, doch wankte er zunächst noch kaum. Bis weitere Stöße stets dichter und drohender folgten. Da begann er zu wanken und in sich zusammenzusinken. Und was von ihm noch da ist, ist eine Ruine, die man sich und anderen noch gern als den hohen Turm von einstmals einreden möchte. Sicherlich haben vom zionistischen Standpunkte diie Revisionisten Recht, wenn sie den von den übrigen Zionisten schon früher allmählich ausgebildeten Standpunkt eines doppelt^nationalen Palästina nicht mehr als Zionismus ansehen. Sicherlich kann ein doppelt-nationales Palästina nie ein Judenstaat werden. Und um einen solchen ging es ja von allem Anfang an! Sich mit einem binationalen Gemeinwesen begnügen, heißt von der Linie des Zionismus abweichen. Dafür aber bedeutete es ein anerkennenswertes Aufgeben eines Teiles der Illusionen auf Grund einer frühen, zumindest teil weisen Erkenntnis der Wirklichkeit. Nur daß diejenigen, die sich mit solchem Minus zufriedengeben, heute in ihrem tiefsten Innern schon nicht mehr sicher sein können, ob sich nicht auch ihre gemäßigten Erwartungen als Illusionen herausstellen werden. Natürlich soll aus dieser Feststellung des Debakels der Illusionen nicht die Notwendigkeit einer Abkehr von der Erez Jisroel-Arbeit gefolgert werden. Gewiß muß weiter mit Nachdruck, aber auch mit einer Klugheit, die sich vor Verranntheiten hütet, für die Möglichkeit gekämpft werden, Juden in namhafter Zahl und unter günstigen Entwicklungsbedingungen in Erez Jisroel unterzubringen. Allein, es ist gefährlich, sich in die alten Illusionen zu verbeißen, zu glauben oder sich zu dem Glauben aufzuputschen, daß Erez Jisroel der einzige Punkt ist, an dem, jetzt noch mehr als früher, die ganze jüdische Energie einzusetzen ist. Und mehr als gefährlich, eine aus Verstocktheit geborene Sünde ist es, nicht sehen zu wollen, daß, selbst wenn ein Teil der palästinensischen Illusionen Wirklichkeit werden könnte, doch noch viele Millionen von gepeinigten, mit ihrer wirtschaftlichen und seelischen Existenz dicht vor dem Abgrund stehenden Juden im Stiche gelassen, geopfert, jenseits aller Rettung, Lösung und Erlösung bleiben. Und daß für diese anderwärts, und zwar in nach jeder Richtung befriedigender Wieäse Platz geschafft werden muß. Leider bricht sich diese Forderung nur sehr schwer Bahn. Man starrt wie gebannt auf den einen Punkt Palästina. Unbekümmert um den Einsturz von Illusionen im eigenen Inneren, will man nicht zugeben, daß es in Hinsicht auf Siedlung doch noch auch etwas anderes zum zeitlichen und ewigen Heile des Judentums zu tun gibt, und zwar sofort, ohne Aufschub zu tun gibt. Große Versammlungen tagen — zionistische, getarnt zionistische, misrachistische — diesem Muß gilt kein einziges Wort, obwohl schon so manche der Versammelten daran denken mögen." Die besten Da «irsl-inlSSttaiH 3 mal täglich frisch bei UGEl,Uiull.,rr«niie33 Unter Aufsicht des Rabbinates der Adas-Jisroel-(Schiffschul). Ausgezeichnete Küche, zivile Preise und sorgsamste Bedienung. A la Carte-Speisen und Menüs von S 2.— aufw. Hochzeiten, Diners und andere Festlichkeiten werden in und außer Haus elegantest ausgeführt. (Bemerkung der Redaktion: Dem hochgeschätzten Autor wird es in seinem heiligen Eifer gegen den verrannten politischen Zionismus heutigen Formats entgangen sein, daß der von Israel Zangwill gegründete, heute in Paris domizilierende Territorialismus, der sich die Massenansiedlung von Juden in anderen Ländern zum Ziel gesetzt hat — seinerzeit Uganda, für welches Projekt sich sogar Herzl begeisterte — gerade jetzt am Werk ist, eine konstruktive Auswanderungspolitik nach den verschiedenen Ueberseestaaten zum Durchbruch zu bringen und angesichts der Entwicklung in Palästina, über die heute schon jedermann die Augen aufgegangen sind, immer größeren Anhang gewinnt.) „Bezeichnend: Ein bekannter zionistischer Schriftsteller, M. Y. ben Gawriel, hat an dieses Muß nicht nur gedacht, sondern sich sogar zu ihm, wie er sagt, aus tiefster zionistischer Ueberzeugung bekannt. Aber wie? „Zeitlich begrenzt" muß die entsprechendie Bewegung zur Kolonisierung von Juden in anderen Staaten sein, ein „Ersatz", „Vorstufe für Palästina", „ohne zeitraubende seelische Vorbereitung", „ohne irgendwelche Verpflichtung", „ohne Sentimentwert", „ohne geistig konstruktive Aufgabe" Das heißt doch nichts anderes, als den. Gedanken difmit od. ohne Gasheizung and Entleerapparat Verlangen Sie Prospekt B 14 von J. A. JOHN Aktiengesellschaft, Wien XX., Pater Abelplatz 12, Tel. A 41-2-30 oder besuchen Sie unsere Stadtniederlage Wien VIII., Langtjai» »3, Tal. B-4S-2-80 famieren, kaum daß man ihn ausgesprochen und sozusagen anempfohlen hat. Territorien suchen und besiedeln — unbedingt. Aber es muß ohne innere Anteilnahme, ohne jede höhere Legitimierung, ohne Begeisterung geschehen, es muß wie ein unerquickliches Geschäft kühl erledigt werden. Es ist gewiß sehr erfreulich, wenn sich nun gegen diesen merkwürdigen Totengräber seiner eigenen Forderung ein anderer zionistischer Schriftsteller, der sich wie der erste einen „alten Zionisten" nennt, Dr. Lichtblau in Tel-Aviv, wendet, der sich voll und ganz für die Idee der Großsiedlung auf geeigneten Territorienauch außerhalb Palästinas ausspricht und verlangt, daß an die dahin zielende Aktion mit demselben Verantwortlichkeitsgefühl, derselben Hingebung und derselben Gründlichkeit wie an die palästinensische Arbeit herangetreten Wierde. Aber bekanntlich macht eine Schwalbe keinen Sommer. Die ungeheuere Mehrzahl der Zionisten verhält sich noch immer gegen die Forderung von Siedlungen außerhalb Palästinas ganz so wie in den letzten Jahrzehnten. Sie sabotiert sie und denkt vorläufig noch lange nicht daran, die klugen Worte ihres Gesinnungsgenossen zu beherzigen. Die Zionisten wenden gern ein, daß die für ein so großes Werk nötige Begeisterung nicht da sein kann, sobald eis nicht um das Sehnsuchtsland unserer Geschichte geht, und daß man der Jugend eine idealistisch praktische Beschäftigung habe geben müssen. Beide Argumente sind recht fragwürdig. Denn wie lange ist es überhaupt her, daß diejenigen jüdischen Kreise, die heute einen großen Teil der zionistischen Partei bilden, auch nicht die geringste seelische Verbindung mit Erez Jisroel hatten, auch nicht die geringste geschichtsgewordene Sehnsucht darnach empfanden. Und soferne heute Sehnsucht vorhanden ist — gilt sie denn wirklich diesem bestimmten Lande und nicht vielmehr, was ja an sich ein Plus ist, der Freiheit, welche die Sehnsüchtigen nach ihrem parteigemäßen politischen Glauben auch heute noch eben nur in Palästina zu erreichen hoffen? Hinwiederum, was die orthodoxen Zionisten betrifft — schlagen sie sich nicht selbst ins Gesicht, wenn sie sagen oder merken lassen, daß sie ihre Jugend mit einem erborgten praktischen Ideal belschäfügen müssen, um sie bei der Stange zu halten? Fühlen sie nicht, daß sie bei dieser Taktik nicht dauernd gewinnen, sondern eines Tages bettelarm dastehen werden, — viel ärmer als sie früher gelwesen sind? Haben sie vergessen, daß ihr höchstes Ideal nur in dem Streben nach gottesvolkswürdigem Dasein bestehen kann, und merken sie nicht, daß sie endgültigen Erfolg nur dann haben können, wenn ihre Alten und ihre Jungen Eifer, Begeisterung üi allererster Linie für die Erreichung eines solchen Ideals aufbringen? Ist ihnen noch immer nicht klar geworden, daß eine Jugend, der dieses Ideal nicht genügt, um sich daran zur Tat zu entflammen, zu nichts nütze ist? Können sie denn wirklich ganz und gar nicht einsehen, daß ihre Praxis nur von ihrem höchsten Ideal bestimmt, nur ihm angemessen, nur großzügig und umfassend, keine Scheuklappenpraxis sein darf, — ganz unbeschadet ihrer Treue zu Erez Jisroel, ihrer Sehnsucht nach dem heiligen Lande, ihrer zu leistenden Arbeit für es und in ihm?