Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 42 (8.10.1936)
- Date
- 1936-10-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Nr. 42 — 8. Oktober 1936 Seite 7 Wien I.« Seitenstettengasse 2 XI., Zentralfriedhof neben dem L Tor 8am«tag ge«chlomBenl Ungeheuerlich groß ist jetzt das jüdische Elend, das äußere sowohl als das innere. Das äußere verbietet die Selbstbeschränkung auf Palästina, verweist das Judentum auf eine vollständige Aenderung seiner Domizile, seiner Wohnweise und seiner Berufe, ruft zur Berufsumschichtung im allerweitesten Ausmaße, zur Agrarsiedlung im großen Maßstäbe auf Gebieten, wo seine Massen ihr Leben unangefochten leben können. Und nach denselben Umschwüngen schreit das innere Elend als nach unumgänglichen Hilfen auf dem Wege zu religiöser und sittlicher Läuterung. Werden diese Schreie endlich einmal nicht mehr überhört werden? Oder muß unser Judentum unbedingt in sein völliges Verderben rennen?" Zum (Tode des JKinister- Präsidenten Julius &ömbös. Das Rausch-Haschono-Fest 1932 schien ein böses jüdisches Jahr einzuleiten. In Deutschland rang Hitler noch immer um die Macht, aber in Ungarn war sein dortiges Vorbild: der Gründer und Führer der magyarischen Rassenschützlerpartei, Julius Gömbös, soeben an die Spitze der Regierung getreten, der er schon vorher als Honvedminister angehört hatte. Seine Ernennung zum Ministerpräsidenten schien für die Juden eine sehr schlimme Neujahrsbescherung zu bedeuten, aber zum Glück trog dieser Schein: Auf die unangenehme Ueberraschung folgte eine höchst erfreuliche. Gömbös hatte offenbar den bloß um fünf Jahre jüngeren Hitler nicht nur äußerlich überflügelt, sondern hielt auch innerlich viel weiter. Schon als Honvedminister hatte er bewiesen, daß er sachlich zu arbeiten verstand, ohne durch Konzessionen an seine politische Vergangenheit unangenehm aufzufallen. Als Ministerpräsident hat Gömbös gar den Mut aufgebracht, seine neue Praxis mit gänzlichem Abrücken von seiner früheren Theorie, der antisemitischen, zu beginnen: „Den Juden gegenüber habe ich meine Anschauungen revidiert", sagte er in seiner sensationellen Programmrede im Parlament und erklärte, daß diejenigen Juden, die sich in das ungarische Volk einfügen, also die Assimilante n, als seine Brüder betrachte wie alle anderen Ungarn. Und dann zollte er den jüdischen Leistungen auf dem Gebiete, das ihm als Berufsoffizier am nächsten lag, ehrendste Anerkenung: Er rühmte die jüdischen Heldentaten im Kriege und die militärischen Verdienste jüdischer Anführer in der ungarischen Armee mit Ausdrücken wärmster Anerkennung. Welch ein Unterschied zwischen diesem mannhaften Einstehen für die Wahrheit, mochte es auch eine Opferung liebgewesener politischer Ideologien bedeuten, und jenem „Rassenschutz", der sich in Deutschland die Ausmerzung der jüdischen Namen aus den Heldendenkmälern angelegen lein läßt Es gereichte Gömbös zur höchsten Ehre, daß er zwischen seinem Wort und seiner Tat keinen Widerspruch dulden wollte. Er hat damit die kühnsten Hoffnungen der Juden übertroffen. Und vielleicht hätte er mit der Zeit den ganzen Revolutionsschutt des weißen Umsturzes aus dem öffentlichen Leben Ungarns weggeschafft, wenn nicht die entgegengesetzte Entwicklung im befreundeten Deuschen Reiche hemmend eingegriffen hätte. Die Etablierung des Dritten Reiches beschwor für Gömbös wohl Gespenster aus dem Grabe seiner Vergangeinheit, die er wahrscheinlich endgültig zu Gunsten einer besseren Zukunft gebannt zu haben glaubte. Die Lorbeeren des deutschen Nationalsozialismus Hießen auch das magyarische Rassenschützlertum nicht schlafen und immer wieder erhoben sich radikale Stimmen, die Gömbös des Verrates an seinen Jugendidealen ziehen. W5r Juden aber werden das Andenken des in der Blüte seiner Jahre Heimgegangenen gerade wegen dieses mannhaften Abrückens von gefährlichen Schlagworten seiner Jugend in Ehren halte«. 23 Prozent Juden unter den österreichischen Rekruten. Am 1. Oktober sind auf Grund der neueingeführten allgemeinen Wehrpflicht die ersten Rekruten in der Gesamtzahl von 15.000 eingerückt. Hievon sind, wie von zuständiger Seite mitgeteilt wird, 23 Prozent Juden. Dieser Prozentsatz ist viel höher, als der prozentmäßige Anteil der jüdischen Einwohnerschaft in Oesterreich. Bei der kürzlich erfolgten Assentierung wurden fast 80 Prozent der stellungspfrichtigen Juden für tauglich befunden. Der erste, der nach Einführung der allgemeinen Wehrpflicht in Oesterreich assentiert wurde, war ein Jude namens Abeles. Dr. Plaschkes geht in die Laube. Der letzte aufrechte Mann unter den jüdischnationalen Kämpen, Kultusvorsteher Dr. Plaschkes, ist nun auch, wie wir hören, dem Trifolium Friedmann, Stricker, Löwenherz in die Laube gegangen. Wer die Herren nicht kennt, würde es nicht für möglich halten, daß es unter so feindlichen „Brüdern" zu einem Ausgleiche kommen könnte, zumal, wenn man von den überaus weitgehenden, wenn auch der Sachlage nach sehr berechtigten Bedingungen Kenntnis hat, die Herr Dr. Plaschkes noch vor ganz kurzer Zeit für ein Zusammengehen mit den anderen genannten Herren auf einer Liste gestellt hat. Das mindeste, was Dr. Plaschkes forderte, war der Kopf des provisorischen Amtsdirektors Löwenherz. Bis dahin war er, der sich im Kultusvorstande und in seinem publizistischen Organ mit wuchtigen, niederschmetternden Argumenten gegen das Projekt der Anstellung des ehrenamtlichen Vizepräsidenten gewendet hatte, konsequent geblieben. Nun ist er umgefallen. Welches Zuckerl hat er wohl erhalten? Sollte es wirklich nur das Versprechen sein, im Falle eines Sieges der Liste Friedmann, Stricker, recte Löwenherz gnädig ins Vertreterkollegium aufgenommen zu werden? Das eine ist sicher: sie teilen die Beute, bevor sie den gehaßten Gegner zur Strecke gebracht haben. Gemach, es soll ihnen nicht gelingen! „Günstige Gelegenheit". Der Nationalsozialismus posaunt in alle Welt hinaus: „Ihr versteht und begreift unsere Ziele nicht! Wir sind nicht bloß Nationalisten, wir sind auch Idealisten. Allein unsere Ziele sind so hochragend, daß sie der Außenwelt unverständlich sind! Wir wollen vor allem das deutsche Volk von allen Schlacken läutern!" Der „Läuterungsprozeß" hatte im Gefolge: die Ausbeutelung aller Parteibüchsen in einen Sack, der niemals voll wird. Es heißt, der Eigennutz müsse dem Gemeinnutz weichen. Aber diese Doktrin ist nicht sakrosankt! Zuweilen darf man sich auch — wenn man der „Edelrasse" angehört — auf Kosten eines „Nichtariers" bereichern, darf ihm sämtliche Lebenszweige abschneiden. Hier ein konkretes Exempel, das wir dem Inseratenteile eines westböhmischen Tagesblattes vom 30. September entnehmen: GASTHAUS mit voller Konzession sofort zu verkaufen; eventuell gegen kleines Gasthaus oder Privathaus zu tauschen. Bestehend aus: gr. u. kl. Saal, Vereinszimmer, 2 Gastzimmer, Uebernachtung, Garage und Stallungen, Wohnung. Hier ist eine günstige Gelegenheit geboten, da der jetzige Besitzer Nichtarier ist. Antragen von nur kapitalkräftigen Interessenten sind zu richten an: usw. Wie viele Bäche von Tränen iließen aus dieser winzigen Druckerschwärze!-- W—tsch. Der Humanitäre Jüdische Hilfsverein „Treue Brüder" veranstaltet am 11. d. M. im Marmorsaal des Cafe National eine Simchas-Thora-Feier mit Akademie und Tanz, unter Mitwirkung erstklassiger Künstler und der Jazzkapelle Stark. Die Leitung der Veranstaltung ist 'in den Händen des Präsidenten Herrn David Frankel und des artistischen Leiters Herrn J. Runes. Entree inklusive Jause S 2.—. Beginn 4 Uhr nachmittags, Ende 10 Uhr. Scnmflcbang tos Grotten and Grancrn LeopoldDeutschJienXI. einzige jüdische Gärtnerei beim Zentralfriedhof I. Tor, Tel. U 13-0-40 Zentralfriedhof IV. Tor, Tel. U 17-0-08 Eigene Kaltaren Hebräische Spuren in der deutschen Sprache. Zu dem unter obigem Titel in der Nummer 41 erschienenen Feuilleton von Dr. Paul R i e s e n f e 1 d schreibt uns unser Mitarbeiter Dr. Hugo Spiegier: Gar so wenig, wie Dr. Riesenfeld glaubt, hat das Hebräische, obwohl „nichtarische Sprache", denn doch nicht zur deutschen Wortbildung beigetragen. Die von ihm angeführten Lehnwörter „Samstag", „Narde", „Balsam", „Jubel", „Schmus", „Pleite", „Kabale" usw. tragen den Stempel ihrer hebräischen Herkunft noch alle mehr oder weniger deutlich aufgeprägt Auch spielen diese Wörter in der Umgangssprache der breiten Volksmasse nur eine unbedeutende Rolle. Es gibt aber genug Ausdrücke, die aus dem Hebräischen stammen und doch allen Volksschichten so geläufig geworden sind, daß sie von ihnen überhaupt nicht mehr als Lehn¬ oder gar als Fremdwörter empfunden werden. Ich will nur zwei Beispiele anführen: Das Zeitwort „kläffen" verrät schon durch den Klang seine Herkunft vom hebräischen „kelef" („Hund"), zu dem es ja auch dem Sinne nach gehört Dasselbe gilt von der sonst rätselhaften Zusammensetzung „maustod". Da die Mäuse keine andere Art des Totseins haben wie alle anderen Tiere, wird das genannte Kompositum überhaupt erst verständlich durch die Ableitung seines ersten Bestandteils von dem hebräischen „meis" („tot"). Es handelt sich da um eine Zusammensetzung von Synonymen aus zwei verschiedenen Sprachen (Hebräisch und Deutsch) zwecks Verstärkung des von ihnen bezeichneten Begriffs. „Maustot" heißt also nicht „tot wie eine Maus", sondern „tot wie ein Leichnam". Das hat einen Sinn, und zwar gerade den hervorhebenden, den der Redende zum Ausdruck bringen will: etwa „ganz tot". Semeindedkronik. Personalnachrichten. Der Bundespräsident hat aus Anlaß der Feier des fünfzigjährigen Bestandes des Vereines Reisender Kaufleute Oesterreichs dem Vizepräsidenten Kommerziairat Leopold Kacser das Ritterkreuz des Verdienstordens und Direktc/r Dn, Leopold Berg das Ritterkreuz 1. Klasse des Verdienstordens, ferner dem ehemaligen Präsidenten Kommerziairat Ernst Hochmuth das Ritterkreuz des Verdienstordens sowie den Vorstandsmitgliedern Samuel Forsch ner und Adolf Bauer die goldene Verdienstmedaille verliehen. 70. Geburtstag. Der Seniorchef der Firma Gesund & Söhne, Herr Adoli Gesund, der seit 46 Jahren in der Miederzugehörbranche tätig, ferner Ehrenpräsident des Vereines Osche Chesed, II., Schiffamtsgasse 5, und Vorstandsmitglied mehrerer Wohltätigkeitsvereine ist, ieiert am 10. d. M. seinen 70 Geburtstag und findet zu Ehren des in weitesten Kreisen überaus geschätzten verdienstvollen Jubilars am kommenden Samstag vormittags im Vereine „Osche Chesed" eine Feier im Rahmen des Gottesdienstes statt. Todesfall. Am 3. d. M. verschied im 81. Lebensjahre Herr Heinrich Bäck, langjähriger Tempelvorstand des Mariahilfer Tempelvereines Schmalzhofgasse und wurde am Montag, den 5. Oktober auf dem Zentralfriedhofe unter großer Teilnahme zu Grabe getragen. Bäck wirkte durch Jahrzehnte in der Bezirkskommission Mariahilf und erfüllte als Mandatar der „Union österreichischer Juden" seine Auigabe in musterhafter Weise. Wegen seiner persönlichen Liebenswürdigkeit und Bescheidenheit erfreute er sich in weitesten Kreisen der größten Wertschätzung und Beliebtheit wie er auch als Kaufmann geehrt und geschätzt war. Unter der großen Schar seiner Freunde, die ihm das letzte Geleite gaben, bemerkte man zahlreiche Vorsteher des Tempelvereines, sowie angesehene Bürger der Bezirke Mariahilf und Neubau, nebst dem weiten Kreis seiner nahen und entfernten Verwandtschaft. Her Rabbiner Dr. I. Drobinsky würdigte in seinem Nachrufe die Verdienste Bäcks um den Tempelverein und entwari ein Büd seiner persönlichen Tugenden und Charaktereigenschaften. Präsident Dr. Jakob Engel dankte dem Verblichenen für die durch mehr als 25 Jahre dem Tempelvereine geleisteten wertvollen Dienste. Herr Fürsorgerat Nathan Po Hak nahm für die „Union österreichischer Juden" und für die Bezirkskommission in warmen Worten Abschied von dem Dahingeschiedenen. Ein ehrendes Andenken bleibt dem Verblichenen bewahrt /