Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 42 (8.10.1936)
- Date
- 1936-10-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 42 — 8. Oktober 1936 DIE WAHRHEIT §Il€MA§-f Mf HA. Der Jude hat nicht gar zu viele Tage, an denen er sich ganz, nicht nur den sinnigen, sondern auch den sinnlichen Freuden hingeben kann. Wir sind ein spirituelles Volk, unsere Festtage weisen demgemäß einen geistigen Inhalt auf. Den Abschluß unserer Festeszeit, die am 1. Tischri beginnt, bildet der Tag, der „Simchas-Thora" heißt, „Thora-Freude". Es ist doch ein seltsames Volk, das sich am Nachmittag des Simchas-Thora allerlei überlustigen Freuden hingibt, trinkt und tanzt, während es in seinen Bethäusern am Vormittag den vielleicht tragischesten Abschnitt seiner Thora gelesen hatte, der, wie kein anderer; mit tiefer Wehmut uns erfüllt und manche Träne zu erpressen vermag. Ein Menschenschicksal, das des Gewaltigsten unseres Volkes, hat sich erfüllt. Moses, der Leben und Geist seinem Volke geweiht, ihm gedient hatte, wie kein zweiter, soll den Lohn für sein unermüdliches Wirken' nicht ernten, das Land der Väter nicht betreten. Nebos Gipfel besteigt er, aus der Ferne erschaut er das ersehnte Land — und stirbt Niemand kennt sein Grab bis zum heutigen Tag. Welche Größe in der Schilderung vom Tode des mächtigen Volksführers und Lehrers. Eine Tragik ohne gleichen. Und diesen Schriftabschnitt sparen wir uns zum Lesen an diesem größten Freudentage auf. Welch ein Gegensatz! Es wird wohl nicht unzeitgemäß sein, wenn wir auf diese Zweiseelentheorie im Leben des jüdischen Volkes hinweisen, auf den schizophrenischen Zustand, um ein modernes Wort zu gebrauchen, den Zustand einer gewissen Gefühlsspaltung. Nahe beieinander wohnen im Sein des Judentums Trauer und Freude, bald hören wir sein himmelhohes Jauchzen, dann wieder sehen wir seine tiefe Betrübnis, die es zur Erde drückt. Wie ist nun dieses Janus-Gesicht zu erklären, das der Schlußtag unserer Festeszeit zeigt? Will man die jüdische Geschichte so recht verstehen, dann muß man das äußere Leben unseres Volkes Die Jüdischnationalen sind schlecht aufgelegt. Aus ihren Wiener Blättern spricht düsterer Groll und flammende Empörung. Nun geht jetzt gewiß viel in der Welt vor, was ihnen parteiprogrammatisch zuwider sein muß, aber nur ein ganz oberflächlicher Beobachter kann das für die Ursache 'des jüdischnationalen Katzenjammers ansehen. Gewiß: Die Araber sind ungemütliche Leute. Aber das wissen die jüdischnationalen Führer schon lange und halten sich deshalb von ihnen ferne. Sie gehen nicht ins gelobte Land, sondern verschanzen sich in kugelsicheren Stellungen in der „Galuth", in Stellungen, die zwar nicht ausbetoniert, aber — einträglich sind. In Berlin, wo die Mehrheit der Juden von ihnen nichts wissen wollte, sind sie Kultusvorsteher von Hitlers Gnaden geworden, aber in Wien, wo der Wahlmacher der Kultusgemem.le ein prononcierter Parteigenosse von ihnen ist, halten sie die Autonomie hoch, indem sie sich aus freigewählten Funktionären in hochbesoldete Beamte verwandeln und jeden, der diese Korruption mit den vom Gesetz vorgeschriebenen Mitteln bekämpft, als „Denunziant" und Feind der jüdischen Gemeindeautonomie vernadern. Ueber diese von ihnen erfundenen Praktiken lachen sie sich höchstens ins Fäustchen, zum Aergern geben sie ihnen vorläufig keinen Anlaß. Verdrießlicher für waschechte Jüdischnationale klingt schon die Erklärung, die der belgische Rexistenführer Leon Degrelle jüngst im Amsterdamer „Telegraaf" über seine Stellung zur Judenfrage veröffentlichen ließ: „Einen jüdischen Staat im Staate würden wir nicht dulden, aber wir nehmen jeden auf, der guten Willens ist, ohne Unterschied des Glaubens." Das ist eine ebenso dezidierte Ablehnung der jüdischnationalen Minoritätsrechte im Staate, wie klare Förderung des jüdischen Assimilationswillens. Und Degrelle steht mit dieser Auffassung im Faschistenlager keineswegs allein. Mussolini hat sich schon vor längerer Zeit im selben Sinn geäußert immer mit seinem inneren 5n innigen Zusammenhang bringea Mag sein, daß unsere äußere Geschichte ein gewisses Einerlei, eine Einförmigkeit aufweist — waren es doch immer und überall dieselben Anklagen und Verfolgungen, die Edom und Ismael gegen uns anstifteten, — aber gerade diese Nöte aller Zeiten spornten die Großen und Edlen unserer Nation, die Propheten und Lehrer, die Künder und Weisen, die Männer der Lehre und Tat an, die Verfolgten und Angefeindeten hinzuweisen auf das unsterbliche Erbe unserer Lehre, die uns kein König, kein Fürst kein weltlicher oder geistlicher Tyrann, kein Haman und kein Hitler nehmen konnte, noch rauben kann, und dessen mögen wir uns freuen! , Simchas-Thora, Freude an der Thora, so wollen wir die zwei Worte übersetzea Gewiß, wehmutsvoll stimmt uns die Schilderung von Moses Heimgang, tiefe Tragik spricht aus dem letzten Abschnitte der Thora. Aber dann jauchzt es zum Himmel empor: „Und es erstand kein Künder in Israel wie Moscheh, den der Herr erkannt von Angesicht zu Angesicht" Schon war auch sein Erbe bereit der Nachfolger Moschehs, Jehoschua war es, erfüllt mit dem Geiste der Weisheit. Und das Volk, das den ^dahingeschiedenen Meister beweinte, es erkannte, daß . er ihm seinen Segen hinterlassen, den vermochte ihm niemand zu nehmen . . ." Und so wandelt die Wehmut sich in Jubel. Wir verstehen es, wenn wir hören, unsere Vorfahren hätten sich an diesem Tage, oft in köstlichster Weise, gefreut Sie hatten doch so wenig Anlaß dazu? Ist es nicht kennzeichnend für sie, daß selbst die Vergnügungen dieses Tages ihren Ausgang nahmen von den geistigen Quellen, die ihnen, wie ein unerschöpflicher Born aus ihrer Thora hervorsprudelte? Kein Volk hat einen Tag, wie den Versöhnungstag, keines aber auch einen Simchas-Thora-Tag, der uns sagt: Israel schöpft alle seine Freuden aus seinem geistigen Gute. Mose® starb, welcher Mensch stirbt nicht was aber nicht stirbt, das ist sein Segen, unsere wahre, ewige Freude. Dr. M. Grünfeld. Nur Hitler nimmt die gegenteilige Haltung ein. Seitdem er in seiner»berüchtigten Präambel zu seinen Nürnberger Judengesetzen die jüdischnationale Fiktion eines eigenen jüdischen Volkstums übernommen hat^ ist er bei der von ihm angestrebten „Lösung** der deutschen Judenfrage dem jüdischnationalen Programm bis in dessen äußerste Konsequenzen treu geblieben. Schon daß er den jüdischen Drang nach kultureller Betätigung in einen eigenen jüdischen Kulturbund pferchte, ist Erfüllung eines jüdischnationalen Programmpunktes. Aber damit war dieser Programmpunkt keineswegs erschöpft. Die Jüdischnationalen wollen nicht nur eigene, vom deutschen „Wirtsvolk" getrennte Pfade wandeln, sondern sie propagieren auch ein eigenes Ziel: eine hebräische Kultur. Und siehe da: Hitler nimmt sie beim Worte. Nachdem er schon vor längerer Zeit dem jüdischen Kulturbund eine jüdischnationale Führung oktroyiert hat, will er jetzt diese Führer zwingen, mit der hebräischen Kultur ernst zu machen. Und weil die guten Leute, über das ihre kühnsten Wunschträume überholende Tempo bestürzt, den Einwand wagten* so schnell lasse sich eine hebräische Kultur nicht aus den Finger saugen, wurden sie eingesperrt. Man hat also zu beachten: Die zu den hohen Feiertagen gemeldeten Verhaftungen von Führern des jüdischen Kulturbundes in Deutschland betrafen nicht etwa hauptsächlich Assimilanten, die sich einer eigenen jüdischen-Kulturbewegung widersetzen wollten, sondern ausgesprochene Jüdischnationale, die die allzu radikale Erfüllung ihres eigenen Kulturprogramms einigermaßen ernüchtert und zu vernünftigem Bremsen verleitet hatte. Daß die Assimilanten sich mit dem jüdischen . Kulturbund abgefunden haben, hat seine Gründe in den rein praktischen Erwägungen, daß er den aus dem deutschen Geistesleben ausgeschalteten Dichtern, Regisseuren, Darsteflerri und Musikern die einzige Möglichkeit zu weiterer künstlerischer Häuseradministration Adolf Krall IV., Schleifmühigasse 11 Beste Empfehlungen von in- und ausländischen Hausbesitzern Betätigung bot, und daß dem jüdischen Auditorium dank dem hohen Niveau der jüdischen Künstler ein auch den höchsten Ansprüchen Genüge leistender Kunstgenuß zu einer Zeit des allgemeinen geistigen Niedergangs gewahrt blieb. Man schöpfte aus dem Vollen, führte Lessing und Bernhard Shaw auf und fand in der unvergänglichen Kunst den altbewährten Tröster über das vergängliche Ungemach einer verstörten Zeit. Mit einigem Rechte konnte Hinkel, der nationalsozialistische Aufpasser 5m Kulturbunde, diesen den Olympia-Gästen als Beweis dafür vorführen, daß die Juden allen Grund zur Zufriedenheit mit dem ihnen selbst Überlasserien Kunstleben hätten. Man mußte ihm beipflichten, wunderte sich, wie vorteilhaft dieser Hinkel von der im Ausland verbreiteten Vorstellung eines Nazibonzen abstach, und erklärte sich diese erfreuliche Tatsache mit dem veredelnden Einfluß, den die von den Juden gebotene Kunst sogar auf den mit ihrer Ueberwachung betrauten Hakenkreuzler sichtlich ausgeübt hatte. Kaum aber war die Olympiade vorbei, da besann sich der Nationalsozialismus auf sein ureigenstes Programm, den Juden das Leben schwer zu machen — auch das Kunstleben. Und da es ein solches außerhalb des Kulturbundes nicht mehr gibt, muß jetzt eben dieser daran glauben. Als die ersten Nachrichten von der Verhaftung zweier Berliner Rabbiner an den hohen Feiertagen ins Ausland drang, hieß es, daß die Geheimpolizei die Rausch-Haschono-Gottesdienste habe überwachen lassen und daß die Rabbiner Emil Cohn und Nußbaum für unvorsichtige Aeußerungen in ihren Neujahrspredigten zur Verantwortung gezogen worden seien. Man wunderte sich über die Fähigkeit von Nazi-Geheimpolizisten, jüdische Gottesdienste zu überwachen, ohne in der Schar der Beter irgend wie aufzufallen, und vergaß, daß niemand anderer als der jüdischnationale Führer K a r e s k i schon früher einmal durch die Bespitzelung seiner eigenen Glaubensgenossen sich die Gunst Hitlers in dem Maße erworben haben (soll, daß er als einziger Jude in der Goebbels- Zeitung „Der Angriff" das Wort ergreifen konnte — natürlich zu einer Gutheißung der Nürnberger Judengesetze — und von Hitlers Gnaden Präsident des jüdischen Kulturbundes geworden ist. Nun hat ihn der Kulturbund vor kurzem wieder abgesägt und es ist durchaus kennzeichnend für die dadurch geschaffene Situation, daß gerade jene Männer, die seither an Stelle Kareskis den Kulturbund leiteten, verhaftet worden sind: außer den beiden oben erwähnten Rabbinern, die inzwischen wieder freigelassen worden sind, noch zwei andere Jüdischnationale, über deren Schicksal bisher nichts verlautbart. Natürlich deklariert sich die Gestapo nicht offen als Vollzugsorgan der Rachepläne Kareskis. Das könnte ihnen beiden schaden. Und so erfährt die Oeffentlichkeit zu ihrem größten Erstaunen, daß die vier Jüdischnationalen deshalb verhaftet worden sind, weil sie die wichtigste jüdischnationale Forderung: die Hebraisierung des Kulturbundes, sabotieren . . . Die Jüdischnationalen sind durch diese Vorgänge in eine recht groteske Situation geraten. Die „Neue Welt" ist über die Zumutung des Herrn Hinkel, daß der jüdische Kulturbund in Deutschland nur noch hebräische Kunst bieten solle, mit vollem Recht so empört, als ob sie nicht von dem Judensiaatsfanatiker Stricker herausgegeben werden würde, sondern von dem Nationaldeütschen Naumann. Ihre Niederlagen könnten die Jüdischnationalen mit männlicher Fassung ertragen, aber ihr Sieg, der die Gefährlichkeit und Borniertheit ihrer nationalen Belange in der „Galuth" in volles Licht rückt, bringt die Herren völlig aus dem blauweißen Häuschen, ÄSfiSSS ^"LTtSn TuchhaqsTabak I r" r~ EL. im I., Salzgries 5 _HERBST-NEUHEITEN für Damen und Herren »eitgemSB billig _ Zuviel gesiegt