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Die Wahrheit · 1936-10-08 · Heft 42 (8.10.1936) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 42 (8.10.1936)
Date
1936-10-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
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V DIE WAHRHEIT Nr. 42 — 8. Oktober 1936 Seite 3 WALTER REISCH5 „SILHOUETTEN" im APOLLO chen Anspruch aufs Lebensrecht In dieser Stadt hat wie alle seine anderen Einwohner! Wen kann es da wundern, daß die Jüdischnationalen um so viel beliebter bei den Antisemiten sind als die Vertreter der „Union", die es energisch ablehnen, mit den Antisemiten, wie das Hitler ausdrückt, sich „auf einer Ebene" zu treffen. Und dann gibt es noch etwas, das so enorm zur Beliebtheit der jüdischnationalen Führer bei den Antisemiten beiträgt, ihre Bereitwilligkeit nämlich, die Wiener Juden mit dem Gedanken zu versöhnen, sich für die kurze Zeit bis zu ihrer völligen Auswanderung — wir sagten mehr als 2000 Jahre — in Wien und in Oesterreich mit minderen Rechten, das heißt, mit dem Minderheitsrecht zu begnügen, Minderheitsrechte, die nicht zu trennen sind von einem sukzessiven und unaufhaltsamen Durchdringen des Judenkatasters, des Numerus clausus auf allen Gebieten des menschlichen Lebens, von der Schule und der Universität bis zum Numerus clausus im Berufsleben, bei den Gewerbescheinen, im ärztlichen und advokatorischen Beruf usw. bis zur physischen Einsperrung ins Ghetto. Und hier macht — im Gegensatz zu den jüdischnationalen Führern — die „Union" sich besonders unbeliebt, denn die Vertreter der „Union" wollen weder die Verwalter noch die Nutznießer und Ausbeuter eines Wiener jüdischen Ghettos sein (siehe Fall Löwenherz, Rath usw.), sondern sie kämpfen für die völlige rechtliche und tatsächliche Gleichstellung aller Wiener Juden und gegen jede Sonderstellung unter welcher Maske und unter welchem Vorwand immer! Wir aber mißgönnen den jüdischnationalen Führern nicht ihre Popularität bei den Antisemiten Wiens, wir kämpfen um das Vertrauen und das Ansehen bei den Juden Wiens, wir begnügen uns damit und werden im Kampf für die volle Gleichberechtigung der österreichischen Juden und für die Wahrung ihrer Entwicklungsmöglichkeit nie erlahmen, die jüdischnationalen Nutznießer der Judennot öffentlich zu „denunzieren", das heißt, sie öffentlich der Schädigung der Interessen der österreichischen Juden anzuklagen, bis die Juden Wiens ihr gerechtes Urteil über sie gefällt haben und die jüdischnationalen Schädlinge ihrem verdienten Schicksal, nämlich der Vergessenheit, anheimgeben. Die polnische Judenfrage in Bewegung. Mit wenigen, aber entschiedenen politischen Aktionen hat die polnische Regierung die Probleme, die der polnischen Innenpolitik aus der starken jüdischen Siedlung in Polen erwachsen, in das Zentrum außenpolitischer Zielsetzung gerückt Man wird sich erinnern, daß in den letzten Monaten von Zeit zu Zeit Informationen aus Polen die Oeffentlichkeit beschäftigten, wonach Polen beabsichtige, das Kolonialproblem unter dem Gesichtspunkt seiner Entlastung von inneren Spannungen durch die Ansetzung von Juden in nach Möglichkeit polnischen, wenn auch außerhalb der polnischen Staatsgrenzen gelegenen Territorien zu behandeln. Vor kurzem veröffentlichten wir eine längere Stellungnahme der dem polnischen Außenministerium nahestehenden Korrespondenz „Polska Informacja Polityczna", in der es Im Hinblick auf die Uebervölkerung Polens und auf die unzweckmäßige Berufsstruktur der jüdischen Bevölkerung hieß, daß schon um der polnischen Juden willen, von denen mehr als eine Million unzureichende Existenzen hätten, e'ine Abwanderung von etwa 100.000 Juden pro Jahr anzustreben sei. Hierbei wurden neben Palästina auch neue freie Ansiedlungsgebiete als Ziel genannt. Von jüdischer Seite wurde die Diskussion aufgenommen. Jabotinsky, der Führer der Neuzionisten (Revisionisten), hat in Berechnungen, deren Verwirklichung, wie gerade die Ereignisse in Palästina erweisen, völlig utopisch ist, festgestellt (?), daß in zehn Jahren eineinhalb Millionen Juden nach Palästina geschafft werden könnten. Jabotinsky hatte auch Gelegenheit, mit dem polnischen Ministerpräsidenten Slawoj-Skladkowski über seine Anregungen zu sprechen. Gleichzeitiig unternahm Polen diplomatische Schritte in London, um seinerseits Gesichtspunkte gegen eine etwaige Einwariderungssperre in Palästina vorzutragen, und von manchen Seiten wird behauptet, daß der führende Mann Polens, General Rydz-Smigly, gelegentlich seines kürzlich in Paris erfolgten Besuches mit Ministerpräsident Leon Blum auch über die jüdische Frage in Polen gesprochen habe. Nun hat in zielbewußter Verfolgung der polnischen auf Kolonialausdehnung gerichteten Außenpolitik der polnische Außenminister Beck auf der Tagung des Völkerbundrats den Wunsch geäußert, daß der Kreis der in der ständigen Mandatskommission vertretenen Mächte durch solche Staaten erweitert werden möge, die an den mit dem Mandatsproblem zusammenhängenden Fragen ein lebhaftes Interesse besäßen. Die polnische Presse hat die Genfer Vorgänge betont lebhaft aufgenommen. Die „Gazetta Polska" charakterisiert die Rede des Ministers Beck als eine „vorsichtige, aber bedeutsame Aeußerung". Es seien noch nicht alle Gedanken formuliert, wohl aber sei der erste Schritt zu einer weiteren Aktion getan, die ebenso in einem Crescendo fortlaufen werde, wie dies bei der Aktion zu den Minderhefctenverträgen der Fall gewesen sei. Es gehe Polen nicht nur um einen gewissen Einfluß auf die Siedlungsaktion polnischer Bürger in Palästina (womit wohl nur polnische j üd i s c h e Bürger gemeint sein werden. Die Schriftl.), die der polnischen Regierung sehr am Herzen liege. Auch zu allen anderen Fragen, die auf internationalem Boden in bezug auf Expansion und Ueberfluß an Arbeitskräften diskutiert werden, habe Polen viel zu sagen. Verständlicherweise wird aus den Kreisen des polnischen Judentums, die den. politisch-zionistischen Anschauungen mit Mißtrauen und Ablehnung gegenüberstehen, gegen diie ,J3vakuierungspropaganda" scharf Stellung genommen. Wir veröffentlichten bereits die Erklärung der Exekutive der Jüdischen Demokratischen Volkspartei, daß die Jabotinsky-Aktion alle Anzeichen eines polirischen Abenteuers besitze und geeignet sei, die öffentliche Meinung zu desorganisieren und sich auf die jüdischen Rechte verhängnisvoll auszuwirken. Sie erklärte weiter, Jabotinsky sei von keiner jüdischen Gruppe bevollmächtigt gewesen, die Jabotinsky-Aktion sei in ihren Grundlagen nicht aufrichtig, und drittens — und dies scheint uns das Wichtigste zu sein —, sei das Jabotinsky-Projekt auch dadurch schädlich, daß es bei den jüdischen Massen die Illusion erwecken kann, als könnte nur Massenauswanderung aus Polen zu normalen Beziehungen zu der polnischen Bevölkerung führen und als sei jeder Kampf um vollständige Gleichberechtigung auf politischem, nationalem und wirtschaftlichem Gebiet von vornherein zum Mißerfolg verurteilt, überflüssig und hoffnungslos. „Die Jüdische Demokratische Volkspartei", hieß es in der parteiamtlichen Kundgebung wörtlich, „die auf dem Standpunkt steht, daß das polnische Judentum durch Schweiß und Blut, durch Generationenlange Arbeit den Anspruch auf vollständige Gleichberechtigung erworben habe und daß niemand berechtigt sei, das Recht des polnischen Judentums auf Existenz, Arbeit und Brot in seiner Heimat in Frage zu stellen, bringt ihren schärfsten Protest gegen das Auftreten Jabotlnskys zum Ausdruck, durch das eine Berechtigung der nationaldemokratischen Judenfeindschaft und der Bestrebungen, die Juden in Polen um jeden Preis loszuwerden, Anerkennung findet. Sie brandmarkt aufs schärfste die revisionistische Aktion, die in vollständigem Widerspruch zu den Interessen der jüdischen Massen stehe und fordert diese anf, den Kampf um ihr Lebens- und Existenzrecht mit hartnäckiger Ausdauer fortzuführen. Sie bringt die Ueberzeugung zum Ausdruck, daß alle demokratisch und staatstreu denkenden Teile der polnischen Gesellschaft das unverantwortliche Vorgehen der Revisionisten nach Gebühr einschätzen werden." In dem kurzen Hinweis auf die Aehnlichkeit der taktischen Situation Polens in der Mandatsfrage und der Minderheitenfrage, den wir in der „Gazetta Polska" gefunden haben, scheint uns im Kern der wichtigste Aufschluß der polnischen Vorgänge zu liegen. Polen steht grundsätzlich auf dem Assimilationsstandpunkt. Deshalb vor allem hat es sich von der Kontrolle seiner Minderheitenpolitik durch den Völkerbund in der bekannten feierlichen Aktion vom Herbst 1924 losgesagt Man weiß, mit welcher Energie Polen seine Assimilationspolitik gegenüber den Minderheiten innerhalb des polnischen Staatsgebiets verfolgt. Die jüdischen Millionenmassen Polens sind nun, wie die Juden im allgemeinen, relativ leicht assimilierbar. Von genauen Kennern der polnischen Verhältnisse wird erklärt, daß sogar in den jüdischen Zentren, in denen die jüdische Bevölkerung teilweise über 50 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht, der Vormarsch des Polnischen über das Jiddische und die Angleichung der Menschen an kulturelle Erscheinungen der Umwelt außer Frage stünde. Den weitergehenden Angliederungswünschen jedoch, die in gewisser Beziehung mit jüdischen Auflösungserscheinungen parallel laufen müßten, leisten diese Massen einen keineswegs offensiven, aber in der Natur der Sache liegenden Widerstand. Niemand glaubt, daß die polnische Regierung eine in irgendeiner Weise gewaltsame Lösung dieser Fragen anstrebt. Sie weiß zur Genüge, in welchem Ausmaß beispielsweise weite Kreise der jüdischen städtischen Oberschicht bedeutsame und staatspolitisch wertvolle Träger und Mitarbeiter bei polnisch-nationalen und -kulturellen Fragen sind. Sie unterscheidet aber, um es einmal schematisch auszudrücken, zwischen den assimilationsfähigen Juden, über deren Auswanderung keine Kontroverse geführt wird, und den breiten, jüdischen Massen, die sich der Verwirklichung polnischer Vorstellungen vom einheitlichen Staatsvolk entgegenzustellen scheinen. Man weiß in polnischen Regierungskreisen aber auch, welche bedeutsamen kulturellen und auch wirtschaftlichen Faktoren eine in freundschaftlicher Weise sich vollziehende Auswanderungspolitik darstellen würde. Hunderttausende von polnisch sprechenden Menschen in wirtschaftlich aufblühenden Zentren in Uebersee, Handelsbeziehungen zu neu erschlossenen Gebieten und schließlich auch eine wesentliche Verbesserung der Zahlungsbilanz durch den bei dem bewährten jüdischen Familiensinn zu erwartenden Rückstrom von Geldern an die noch in Polen verbliebenen Familien. Und die diesem Projekte geneigten polnischen Kreise meinen außerdem, daß, ganz abgesehen von zionistischpalästinozenfrischen Wünschen, auch auf jüdischer Seite schon auf Grund der Existenzschwierigkeit vieler hunderttausend jüdischer Familien eine Umsiedlung mit besseren wirtschaftlichen Aussichten nach aufnahmsfähigen Gebieten erwünscht sein wird. Wie die Erklärung der demokratischen jüdischen Volkspartei jedoch zeigt, ist in den ausschlaggebenden und zahlenmäßig bedeutendsten Schichten des polnischen Judentums keine Geneigtheit vorhanden, sich in solche Pläne ohne weiteres einbeziehen zu lassen. Sie lassen auch zuviele Imponderabilien unberücksichtigt. Selbst in den unter so schwerem moralischem und wirtschaftlichem Druck stehenden verarmten Massen Polens ist die Tendenz des „ubi bene, ibi patria" nicht allgemein anzutreffen. Sie sind nicht bereit, Rechte aufzugeben, die sie, wenigstens formal, uneingeschränkt besitzen. Man wird sicherlich gutwillig und verständnisvoll Pläne erörtern, die auf der Basis dieser Rechte Erleichterungen im einzelnen schaffen. Aber man wird keineswegs geneigt sein, sich lediglich zum Objekt einer vielleicht nur durch aktuelle Ereignisse zu solchen Maßnahmen gezwungenen Regierungspolitik herabdrücken zu lassen. Sie nächste Tlummec xatseees!Blattes ztschemt Moemat am (bteitaq,, .den 16- OAtc&et.

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