Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 42 (8.10.1936)
- Date
- 1936-10-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seile 2 Nr. 42 — 8. Oktober 1936 DIE WAHRHEIT beJ hauptsächlich die Balfour-Deklaration und das Mandat in jüdischnationaler Lesart gelehrt und die Jugend mit den utopistischen Phantasien vom „Judenstaat" in Palästina erfüllt, die Musikstunde erschöpft sich in der Hatikwah etc. Aehnlich steht es mit den Bethäusern; die nichtnationalen Tempelvereine und Bethäuser müssen nach Kanossa zum provisorischen Amtsdirektor wallfahrten und sich vor ihm demütigen, weil sie die altgewohnte Stätte für den Dienst Gottes über die Not der Zeit hinwegbringen wollen, und die neuen Bethäuser und Minjanim, die dem allmächtigen Direktor nahestehen, erfreuen sich fast ohne Einschränkung seiner, d. h. der Kultusgemeinde Unterstützung und Förderung. Und warum reden die Austrozionisten nicht von unseren Vorhalten wegen der parteiischen Wirtschaft in den Fürsorgeanstalten der Gemeinde? Haben deshalb Generationen österreichischer und Wiener Juden diese Einrichtungen geschaffen und aufgebaut, daß ihre Nachkommen — von der allgemeinen Wirtschaftskrise überwunden — von den Türen des israelitischen Spitals und des israelitischen Versorgungshauses — nicht zu verwechseln mit dem in der Seitenste ttengasse; das in der Seegasse heißt jetzt um Irrtümer zu vermeiden, Altersheim — weggewiesen und der Fürsorgetätigkeit der Allgemeinheit des Staates und der Stadt Wien überlassen werden? Wie rechtfertigen die Jüdischnationalen die Ablehnung des Antrages Dr. T i c h o, der ceteris paribus ein Vorrecht der Wiener und östenreichischen Juden in den Statuten des „Altersheim" festgelegt wissen wollte? Wie steht es mit der Personalpolitik in der Kultusgemeinde? Ist es richtig, daß man nur dann Aussicht hat, angestellt zu werden oder vorwärtszukommen, wenn man zumindest übar eine jüdischnationale Großmutter verfügt? Kann es widerlegt werden, daß auch in der Steuerpolitik der Parteigeist herrscht? Es mögen die Steuererhöhungen des letzten Jahres veröffentlicht werden und man wird sich überzeugen, daß von ihnen fast nur „Unionisten" oder Nichtjüdischnationale betroffen werden. Ist die Grundlage der Besteuerung nicht nur das Einkommen, sondeirn auch das Vermögen und sonstige dem freien Ermessen überiassene Umstände, so ist bei einer jüdischnationalen Majorität, da für die Minorität nach Ausspruch des „Führers" Dr. Ehrlich nur ein Tätigkeitsfeld bleibt, „überstimmt zu werden", der Willkür und den jüdischnationalen Parteiinteressen auch auf diesem Gebiete Tür und Tor geöffnet. Selbst vor der Majestät des Todes macht die jüdischnationale Parteiherrschaft nicht Halt. Früher verwaltete nach altem Brauch die Chewra Kadischa, die „heilige Bruderschaft", das Begräbniswesen. Zur Zeit der unionistischen Majorität gab es natürlich auf diesem Gebiete keine Anstände. Seit die Jüdischnationalen herrschen, gibt es fast täglich leider nur zu berechtigte Klagen. Das „Ressort" wird vom Herrn Amtsdirektor Löwenherz persönlich verwaltet Trotz des Rechtes der politischen Exekution auf die Begräbnisgebühren besteht der Herr Amtsdirektor ausnahmslos auf Vorauszahlung. „Erst Geld, dann Begräbnis" ist die Devise der neuen Amtsdirektion. Und daß auch hier Unionisten und Nichtjüdischnationale besonders „hochgenommen" werden, liegt in der Natur der jüdischnationalen Verwaltung. Auch hier würde die Veröffentlichung der im letzten Jahre eingehobenen Gebühren unter Angabe der Namen der Parteien unsere Behauptungen bestätigen. Dabei existiert irgendwo ein Tarif für Begräbnisgebühren, der bei Unionisten und Nichtnationalen nicht angewendet wird und der in der Amtsdirektion, wenn er nötig ist nie aufgefunden werden kann. So sieht es in allen Zweigen der Verwaltung der von den Jüdischnationalen politisierten Kultusgemeinde tatsächlich aus. Nicht anders ist es im Unterrichts-, im Kultus-, im Lieferungswesen etc. In vier Jahren ihrer Parteiherrschaft ist es den Austrozionisten gelungen, die Fundamente der Tradition, der Ehrbarkeit und Objektivität dieser altehrwürdigen Gemeinde zu untergraben, so daß viele unserer Glaubensgenossen nur einen Wunsch haben: mit der Kultusgemeinde nichts zu tun zu haben. Aber wir können und werden es ändern. Am 8. November werden wir den Spuk der Politik und des jüdischen Nationalismus aus der Kultusgemeinde Wien vertreiben. „Wenn Ihr wollt, ist es kein Märchen". Wir „Denunzianten fi und die Jüdischnationalen! Als Wahlschlager der Verlegenheit der Jüdischnationalen Wiens für die kommenden Kultuswahlen muß die sogenannte „Denunziation" der „Union österreichischer Judenf' herhalten. Als „Denunziation" nämlich wird die Beschwerde hingestellt, die die „Union" wegen der Vergewaltigungsmethoden der Jüdischnationalen bei der Verwaltung der Wiener jüdischen Kuitusgemeinde an die nach dem Gesetze vorgesehene Aufsichtsbehörde richtete. Als „Denunziation" bezeichnen es die jüdischnationalen Führer, wenn wir, durch Terror gezwungen, uns an die kompetente staatliche Autorität wenden. Die „Union österreichischer Juden" aber muß im Interesse des Judentums sich ganz energisch dagegen verwahren, daß ein österreichischer Staatsrat jüdischen Glaubens, wie Dr. Friedmann, eine Rechtsbeschwerde in dem Staat, in dem er zum Staatsrat gemacht wurde, als Denunziation hinstellt und sie muß sich dagegen verwahren, daß ein jüdischer Rat der Stadt Wien, Dr. Ehrlich, eine Rechtsbeschwerde an seinen durch das Gesetz zur Erledigung derselben berufenen Führer, den Bürgermeister der Stadt Wien, als eine Denunziation aufgefaßt wissen will. Und die „Union" muß sich um so mehr dagegen verwahren, als die Führer der Wiener Jüdischnationalen Dr. Friedmann, Dr. Ehrlich und Doktor Löwenherz, drei Advokaten, durch andere drei Rechtsanwälte gegen den verantwortlichen Redakteur der „Wahrheit" eine Klage anstrengten. Diese Klage war auch nicht vor einem jüdischen Beth-Din, einem jüdischen Rabbinergericht, eingebracht sondern die jüdischnationalen Führer wendeten sich an das hundertprozentig christliche österreichische öffentliche Strafbezirksgericht! Und wie bemerkt in einer Art und Weise — sechs Vollständig renoviert und vergrößert! Qaß ^jßuchs&aum 2. Bezirk, Kleine Pfarrgasse 21, Tel. A 43-5-19 Nach Plänen der Architekten: Ing. J. Rindler, Ing. L. Schleien Eine Sehenswürdigkeit ersten Ranges Advokaten1 gehen auf einen Redakteur los —, die wegen der ungeheuren Kosten jede Möglichkeit einer Rechtsverteidigung von vornherein ausschloß. Schon diese Tatsache enthüllt die ganze Infamie, mit der die „Union" mit dem Worte „Denunziation" denunziert wird ... „Nicht selten, wo Rechtsbegriffe fehlen, da stellt ein Wort zu rechter Zeit sich ein." * Dieser so mißglückte jüdischnationale „Wahlschlager" aber gibt uns Gelegenheit uns mit der Lage der „Union" und der Jüdischnationalen in Wien zu befassen. Ist es denn im allgemeinen nicht so, daß die auf den Rechtsweg Verwiesenen die Zurückgesetzten, die Zurückgedrängten, die Vergewaltigten sind, die sich gegen jene beschweren, die von der Sonne des Erfolges den Sonnenstich bekommen haben und erfolggekrönt hoch oben sich spreizen? Nun, im öffentlichen Leben der österreichischen Juden — soweit der Staat und die Stadt in Frage kommen — thronen die Jüdischnationalen hoch oben. Aber nicht allzu viele Juden haben schon darüber nachgedacht wieso es eigentlich kommt daß es in Oesterreich gerade die jüdischnationalen Zionisten sind, die hier Staatsräte, Räte der Stadt Wien usw. werden? Wieso kommt es, daß man in Oesterreich gerade an jene jüdischen Vertreter, die programmgemäß angeblich lieber heute als morgen nach Palästina auswandern wollen, aber es vorziehen, dies anderen Glaubensgenossen wärmstens anzuraten, die Ehrenstellen vergibt, die Oesterreich an Juden als solche zu vergeben hat? Etwa nur, weil sie die Vertreter der zuletzt zustandegekommenen Mehrheit in der Kultusgemeinde sind? Als ob die christlichen Behörden in Oesterreich nicht wüßten, daß diese Mehrheit zum größten Teil dem aktiven Wahlrecht der NichtÖsterreicher in der Kultusgemeinde zu danken ist? Wollten also die österreichischen Behörden die Herren Dr. Friedmann, und Dr. Ehrlich als Vertreter der nichtösterreichischen Juden in den österreichischen Staatsrat und Rat der Stadt Wien berufen? Wahrhaftig nicht. Aber die „Union" muß gestehen, daß die Beliebtheit ihrer Führer bei manchen österreichischen Behörden, die, wenn schon nicht zum Antisemitismus, so doch auf den Asemitismus halten, bei weitem nicht an die Förderung heranreicht, deren sich die jüdischnationalen Führer bei einzelnen maßgebenden, dem sogenannten „kalten Antisemitismus" ganz ergebenen Persönlichkeiten erfreuen. Denn die jüdischnationalen Führer Wiens treten vor diese Personen mit jenem Wanderstab in der Hand, der in deren Augen das zionistische Programm ist, dieses Programm, durch das unsere Jüdischnationalen beteuern, daß sie ehestens die Juden aus Oesterreich in das gelobte Land, nach Palästina führen werden. Und was man gerne hätte, das hört man gerne. Und auch in Wien gibt es genügend Antisemiten, um dank diesem Programm, das mit den selbst konzipierten Lösungen der „Judenfrage" übereinstimmt, die jüdischnationalen Führer zu den populärsten und beliebtesten Erscheinungen der weitesten antisemitischen Kreise zu machen .... Und so wird man Staatsrat, so wird man Rat der Stadt Wien usw. und so erklärt sich auch die Abweisung einer voll und ganz gerechtfertigten Beschwerde, über die der Bundesgerichtshof das letzte Wort sprechen wird. Was liegt daran, daß vor wenigen Tagen eine sehr große, sehr rührige zionistische Organisation melden mußte, daß ihrem Mitgliederstand durch Auswanderung nach Palästina vom 1. Juni bis zum 15. September 1936 21 Mitglieder entrissen wurden, das heißt 21 Auswandernde in dreieinhalb Monaten! (Und wie viel davon sind wirklich Oesterreicher??) Und das bei einem der rührigsten Auswanderungszentren! Was liegt daran, daß bei diesem Tempo — und dies ohne irgend ein englisches Einwanderungsverbot — die von den jüdischnationalen Führern Wiens im Sinne ihres Programmes dep Wiener Antisemiten augenzwinkernd zugesagte Evakuierung über 2000 Jahre dauern müßte. Die Wiener Antisemiten aller Richtungen, von denen des „Deutschen Volksblattes" bis zu den tadellos korrekten Salonantisemiten haben volles Vertrauen zu ihren jüdischen Auswanderungskonfidenten, den Austrozionisten und voll Begeisterung für das jüdischnationale zionistische Programm, vor allem für seinen Hauptpunkt — „Auswanderung nach Palästina" — verfehlen sie nicht, die Träger dieses Programmes mit Ehrenstellen zu überhäufen . . . Und nun versteht man, warum die „Union" in solchen Kreisen vielleicht nicht so populär ist, weil sie auf dem Standpunkt steht, daß nur jene Juden, die keine Heimat haben, in Palästina eine finden sollen und daß die österreichischen Juden keine neue Heimat brauchen, weil sie seit Jahrhunderten in Oesterreich eine gefunden haben. Der österreichische Jude hat eine Heimat, er hat ein Vaterland, „und liebt's und hat auch Ursach' es zu lieben". Die „Union" arbeitet nicht mit einem Programm, das mit der Anwesenheit der Juden in Wien und Oesterreich nur als mit einer vorübergehenden Erscheinung jongliert und so die antisemitischen Wunschträume befriedigt, nein, die „Union österreichischer Juden" kämpft für ein österreichisches Wiener Judentum, das den glef-