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Die Wahrheit · 1936-10-01 · Heft 41 (1.10.1936) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 41 (1.10.1936)
Date
1936-10-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Nr. 41 — 1. Oktober 1936 DIE WAHRHEIT DIE tigung der Juden als zersetzende Elemente, zweitens die Bloßstellung des Bolschewismus als jüdische Erfindung. Diese zweite Absicht erscheint als die wichtigere. Das Pariser „Petit Journal" bemerkte zur Proklamation Hitlers an den Nürnberger Parteitag: .,Hitler versteckt lünter seinen Erklärungen die Schwäche seines Systems. Wenn ein Staat es notwendig hat, zum Haß Zuflucht zu nehmen, so ist das ein Zeichen, wie schwere Stunden gekommen sind." Das französische Blatt wollte damit seinen Zweifeln darüber Ausdruck geben, daß es Hitler gelingen kann, die Unzufriedenheit des deutschen Volkes mit dem nationalsozialistischen System als „jüdisch" zu verdächtigen und so aus der Welt zu schaffen. Und wenn schließlich das Blatt die Auffassung des französischen Volkes von der politischen Lage in die Worte faßte: „Die Einigkeit Frankreich scheint durch Blum verwirklicht zu sein", hat es mit nicht mißzuverstehender Bosheit die Ueberzeugungskraft der nationalsozialistischen Verleumdungskampagne gegen die Juden als „Zersetzer der staatlichen Ordnung" jenseits der deutschen Grenzen gekennzeichnet. Allerdings darf man nicht überall diesen Optimismus teilen. Wie ein national betontes Wiener Antisemitenblatt meldet, hat sich innerhalb der österreichischen Legitimisten ein judenfeindlicher Flügel, die „christliche Front", gebildet, um die Juden von dieser patriotischen Bewegung zu entfernen. Begründet wird dies — trotz der offenen Feindschaft zwischen den österreichischen Anhängern der monarchistischen Restauration und den reichsdeutschen Nationalsozialisten — mit dem Hitler-Argument, daß die Juden Kommunisten sind, die nur aus Konjunkturgründen sich jetzt anders orientieren. Da die „Christliche Front" selbst offen als eine neue Organisation angepriesen wird, liegt die Frage nahe, wo ihre Mitglieder früher, ate eine andere politische Mehrheit in Wien alle Konjunkturjäger in die entgegengesetzte Richtung wies, zu finden waren. Anderseits ist es natürlich höchst lächerlich, die jüdischen Generale und Würdenträger, die die Juden ins legitimistische Lager zu führen bestrebt sind, als ehemalige Kommunisten zu qualifizieren. Eine solche Wertung beruht, sofern sie überhaupt ernst gemeint ist. auf dem fundamentalen Irrtum, daß die Juden eine geistig homogene Masse bilden, während *ie selbstverständlich in gesellschaftlicher, ökonomischer und jeder anderen Beziehung, daher logischerweise auch politisch genau so zerklüftet sind wie jede andere religiöse Gemeinschaft. Hitler weiß das sehr gut. Hat er doch, bevor er das Judentum als Exponenten des Kommunismus „entlarven" konnte, erst einmal die nationaldeutschen Juden, die niemals Kommunisten waren, einsperren und die Namen der jüdischen Kriegsopfer, die nicht für kommunistische Ziele, sondern für ihr deutsches Vaterland gefallen sind, aus den Heldendenkmälern ausmerzen lassen. Gegen solche Methoden, der Judenverleumdung die Straße frei zu machen, sind Menschen machtlos. Trotzdem brauchen wir Juden, schon oft niedergetreten und hilflos, auch jetzt nicht die Hoffnung und den Mut zu verlieren, die, wie die Jauni-kippur-Proklamation der Rabbiner mit Recht betont, aus unserem Glauben sprießen: „Israels starke Wehr gegen die nationalsozialistische Verleumdung besteht im Vertrauen auf den Gott der Gerechtigkeit. Er, der allein die Anschläge des Hasses zunichte machen kann, möge die Herzen dieser durch Bosheit Verblendeter reinigen und ihre Augen öffnen für die Heiligkeit von Recht und Brüderlichkeit unter den Menschenkindern." Übernahmsanzeige I Ich beehre mich anz Ken, iluß ich das seit vielen Jahren in meinem Besitze befindliche CME FRAN£-JO$EfS-KAI neuerlich ab 1. Oktober 1936 in eigene Regie übernehme und alles d.iran setzen werde, meine geehrten Gäste in jeder Hinsicht auf das beste zufrieden zu stellen. Um zahlreichen Zuspruch bittet Cflfetlcr PIÄX RAPPAPORf l., rranz-Joseis Hol 45 Ein traariger Jörn Kippur für die Juden in Deutschland. Der diesjährige V_ersöhnungstag verlief für die Juden in Berlin und im übrigen Deutschland in einer sehr gedrückten Stimm u n g. Die Tatsache der Verhaftung von vier hochangesehenen jüdischen Führern, die auf Aeußerungen derselben während der Rosch Haschana-Tage zurückgeführt werden, ließ die Befürchtung aufkommen, daß im Verlauf des Versöhnungstages weitere Verhaftungen erfolgen werden. Die erwähnten Verhaftungen sind bekanntlich teils darauf zurückzuführen, daß die verhafteten Führer des Kulturbundes sich -gegen die Forderung versperrten, daß die deutschen Juden, deren Familien vielfach seit Jahrhunderten Vollständig renoviert und vergrößern Qaß ^ßuehs&aum 2. Bezirk, Kleine Pfarrgasse 21, Tel. Ä 43-5-19 Nach Plänen der Architekten : lag. J. Rindler, Ing. L. Schleien Eine Sehenswürdigkeit ersten Ranges auf deutschem Boden isitzen und in keinem anderen als dem deutschen Kulturkreis aufgewachsen sind, sich plötzlich a u f 1H e b r'ä i s c h umstel- 1 e n sollen. Bekanntlich fordern die Nationalsozialisten seit jeher, daß das Judentum sich nicht der deutschen Sprache bediene, sondern seine Kultur in hebräischer Sprache und Schrift pflege. In Punkt 23 des nationalsozialistischen. Parteiprogramms befindet sich ein entsprechender Passus, der sich auf alle Nichtdeutschen bezieht, in dem verlangt wird, daß „nichtdeutsche" Zeitungen nicht in deutscher Sprache gedruckt werden dürfen. Auch Julius Streicher trat im „Stürmer" wiederholt dafür ein, daß die jüdischen kulturellen Angelegenheiten nicht in deutscher Sprache behandelt werden dürfen. In der Reichsvertretung der deutschen Juden stoßen diese Bestrebungen natürlich auf Widerstand, weil das deutsche Judentum seine in deutscher Sprache verfaßten literarischen Werke nicht aufgeben will. Man wußte, daß in alle Synagogen zu Jörn Kippur Gestapo-Agenten entsendet wurden, um den Gottesdiensten und den Predigten beizuwohnen und im Bedarfsfalle „einzuschreiten". Man befolgte allseitig stillschweigend die Parole, äußerste Selbstzucht walten zu lassen, um den Agenten keinen Anlaß zum Einschreiten zu geben; man war sich klar darüber, daß jedes Wort in einer Predigt oder ein sonstwie gesprochenes Wort, das auch nur den geringsten Anlaß zu Mißdeutungen geben könne, sich verhängnisvoll auswirken würde. Auch während der Jörn Kippur- Gottesdienste waren die Synagogen sehr stark von Polizei bewacht. Die jüdischen Gemeindeverwaltungen sorgten mit Unterstützung des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten dafür, daß in der Umgebung der Synagogen keinerlei Ansammlungen von Andächtigen stattfinden. Während in Berlin der Versöhnungstag ohne Anzeichen einer Judenhetze verlief, wurden in mehreren Provinzstädten gerade am höchsten jüdischen Fest- und Bußtag Ausstellungen mit dem Motto „Weltfeind Nr. 1" eröffnet; aus diesem Anlaß marschierten uniformierten SA-Truppen mit jtidengegnerischen Ausrufen durch die Straßen, auch wurden öffentliche antijüdische Propagandaversammlungen abgehalten. Die letzten Meldungen aus dem Dritten Reich bestätigen die seinerzeitige Ankündigung, daß nach Abschluß der Olympiade die Judenverfolgung in wesentlich verschärfter Form fortgesetzt werden soll. In der Tat sind bereits ausgesprochen sadistische Züge der Judenhetze wahrzunehmen. Zwei Freilassungen. Der vor einigen Tagen von der Gestapo in Berlin verhaftete Rabbiner und Schriftsteller Dr. Emil Cohn (Bernhard) und der gleichfalls verhaftete Rabbiner Dr. Max Nußbaum sind aus der Haft entlassen worden. Die übrigen verhafteten jüdischen Führer befanden sich am Montag noch im Gewahrsam der Gestapo. Geuittetom. Hebräische Spuren in der deutschen Sprache. Von Dr. Paul R i e s e n f e 1 d. Das Hebräische hat als semitische, also „nichtarische" Sprache nur wenig zur deutschen Wortbildung beitragen können. Populäre Jargon-Worte wie ,,meschugge" zählen nicht mit; denn das sind keine sprachlichen Eindeutschungen. Die Tatsache, daß sich hebräische Wortstämme auch in europäischen Sprachen verwurzelt haben, findet eine Erklärung in den seit Jahrhunderten besiehenden Verbindungen zwischen Juden und abendländischen Völkern. Die ebenfalls semitischen Araber, die im 8. Jahrhundert von Spanien Besitz ergriffen, haben auch sprachliche Spuren in Europa zurückgelassen. Man denke an Algebra, Alkohol, Alkoven, wo der arabische Artikel al noch rein erhalten ist, und an „R a s s e". Dieses im Antisemitismus wesentliche Wort ist von — semitischer Herkunft; das arabische Grundwort „ras" (hebräisch rosch) bedeutet: Kopf, Ursprung. Narde und Balsam, im Orient verbreitete Heil- und Duftmittel, sind sprachliche Nachkommen der hebräischen Worte nerd und balscham. Das morgenländische, in Aegypten schon zur Zeit Mosis bekannte Kamel hat seinen deutschen Namen vom hebräischen gamal. Den jüdischen Schabath nannten die Römer sabbati dies (Sabbats-Tag). Im Französischen, das nach der Meinung des Dichters Scheffe! ein „verdorbenes Latein" ist, entstand daraus samedi, dessen genaue Uebersetzung im Süddeutschen Samstag ist. Bei dem zum jüdischen Kultus gehörigen „Schächten" ist die Ableitung vom hebräischen schacliat (schlachten) ohne weiteres klar. Länger und steiler ist der Weg, der aus der Sprache des Alten Testamentes zu dem im Deutschen gebräuchlichen Worte „Jubel" führt. Bei den biblischen Juden war jobel ein Blasinstrument, mit dem alle 50 Jahre am Versöhnungstag das Hall-, Erlaß- oder Feierjahr verkündigt wurde. Im ersten Buche Mosis (4. 21) wird in dem Abschnitt über Kains Nachkommen Jubal als Ahnherr der Musiker genannt. Ihn hat Giotto, der geniale italienische Maler und Bildhauer (geboren 1267), in einem die Entfaltung der Kultur behandelnden Zyklus als ein Sinnbild der Tonkunst dargestellt. Aui einem dieser Reliefs sieht man Jubal in ein roh geformtes Rohr kräftig hineinblasen. Nahe liegend ist die Annahme, daß jobel, das Klangwerkzeug, mit Jubal, deni Erzeuger des musikalischen Urklanges, im Zusammenhang stehe. Jubilus ' und jubilaeum sind mittellateinische Lehnworte, die noch ins Neuhochdeutsche hinein ..jubeln". Ihren Ursprung haben sie also im Hebräischen. 'Dort stecken auch die Wurzeln des in viele Kultursprachen übergegangenen Wortes Alphabet. Die Vorbilder für die griechischen Buchstabenbezeichnungen alpha, betha und gamma sind die hebräischen Benennungen aleph, beth und gimel. Da im hebräischen Alphabet gimel als dritter Buchstabe der Zahl drei entspricht, ist er der Anlaß zu den Namen eines Bauernfänger-Kartenspiels, bei dem es auf die geschickte Vermischung dreier Karten ankommt. Es ist das Gimelblättchen, doch die laienhafte, willkürliche Volksethymologie hat daraus „Kümmelblättchen" gemacht. Die Reihe der anrüchigen Bezeichnungen setzt sich fort in „Gauner", dem das aus dem hebräischen jana betrügen hervorgegangene rotwelsche Wort joner Falschspieler zugrunde liegt, in „schachern", das auf hebräisch sachar handeln, umherziehen zurückgeht, und in dem durch Schillers Trauerspiel sehr bekannt gewordenen Fremdwort „Kabale", dessen Sinn „geheimer Anschlag, ränkevolle Absicht'" ist, obwohl im Hebräischen kabbala nur „Geheimlehre" oder „Ueberlieferung" bedeutet. Den Ausdruck „flöten gehen" erklärt Weigand aus dem jiddischen „pleite gehen"; R. Löwe ist derselben Meinung und begründet sie dadurch, daß er die hebräische Verbalform palat (er ist entwischt) als das sprachliche Modell für pleite angibt Grimm hält' die Deutung aus dem „sich verlierenden Flötenlaut" für besser, Andersen und andere Philologen denken ans englische Hit (fliehen) oder an die alten niederdeutschen Ausdrücke ,;wegfleuten" (wegziehen) und;,vloten gan';

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