Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 41 (1.10.1936)
- Date
- 1936-10-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 30 Groschen I* ttUrU mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" Erscheint jeden Freitag «Miiniiiiiiiiiiiiiniiiiiinffliiiiimn^ Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkcnto Wien: A 100 918 52, Jahrgang Wien, 1. Oktober 1936 Nummer 41 die Jflafmun& der Pesthütte. „In Hütten sollt Ihr weilen sieben Tage". Die Hütte ist das Symbol der Einfachheit und des Familienglückes. Sie erinnert an den Auszug aus Mizrajim. Weshalb ist nicht dementsprechend das Hüttenfest im Frühjahr? Es soll sich an den Versöhnungstag anschließen. Der Vergebung unserer Sünden soll die Freude der Versöhnung mit Gott folgen. Der Versöhmmgstag erinnert uns — auch durch das Fasten — an den Hochzeitstag der Brautleute. Wie diese nach der Vereinigung durch die Trauung ein eigenes Heim beziehen, so nach dem Jörn Kippur der Jude die Sukkoh als Mahnung der Wiedervereinigung mit Gott und seinen Geboten. So wie die Eheleute ihr Glück im eigenen Heim suchen sollen und nicht draußen bei kostspieligen Vergnügungen und rauschenden Festen, so auch der Jude in der unscheinbaren, aber stimmungsvollen und von religiösem Geiste durchwehten Hütte. Im alten Palästina fragte man: Weshalb werden die Feste in Babylonien so fröhlich gefeiert?" Die Antwort: „Weil dort so große Armut herrscht." Je mehr man hat, um so weniger hat man für andere übrig. Der Minderbemittelte ..gibt" keine Gesellschaft, sie ist ihm von Gott gegeben in Weib und Kind, in seinen Hausgenossen und den Schützlingen Gottes, Witwe, Waise, Levit imd dem Gastrecht suchenden Nicht-Volksgenossen. Er kennt nicht gesellschaftliche Verpflichtungen, sondern religiöse Pflichten1. Nicht Vergnügen sucht er, sondern Herzensfreude. Er entzündet ihren Funken am Herzen dies anderen. Nicht die Zerstreuung ist der Zweck seiner Feste, sondern Sammlung, „heilige! Versammlung" mit gleichgestimmten Seelen. Freude ist ihm nicht denkbar in Vereinzelung, sondern nur als Kollektivum. Den Juden erfreut nicht die Anerkennung seiner Küchen- und Kellerleistung, sonderm der Segen des Armen. Mit ihm segnet ihn Gott, der „euere Feste haßt", die nicht zugleich Feste eurer auf euch angewiesenen Mitmenschen sind (im atto m'ssameach es sch'li ani m'ssameach es sch'loch). Bileam vergleicht Israel mit einer Zeder, Achija mit einem Rohr. Die stolze Zeder beugt sich nicht, der Sturm entwurzelt sie. Das Rohr, das dem leisen sanften Winde nachgibt, widersteht auch dem brausenden Orkan. Der Jude, der sich zu jedem Fallenden niederbeugte, um ihn aufzurichten, er wurde durch das Mitleid Leid gewohnt, richtete sich elastisch wieder auf, ,:.enn eigener KummfiT ihn zu Boden drückte (scheba jippol zuddik w'kom). Wer aber der Zeder gleich stolz auf seine Kraft pocht, dem fehlt d'o Kraft, einmal gestürzt, wieder sich aufzurichten. „Zurück zur Natur!" (rief J. J. Rousseau, der große Erneuerer der Menschheit. „Zurück zur Natur" ruft unser Fest mit seinen Symbolen, zur schlichten Natürlichkeit, zur Herzensreinheit und Hefrzensgüte unserer Väter. Lernen wir wieder unsere Feste zu Hause feiern, aber in einem Hause, in dem sich auch der Arme heimisch fühlt! G. CafI Freivmrth PRATERSTRASSE 11 Als modernes Familien-Cafe vollständig renoviert Gegen die nationalsozialistische Verleumdung. Die Oberrabbiner und Rabbiner von London, Brüssel, Rom, Jerusalem, Budapest, New York, Bukarest, Wien, Saloniki, Paris, Kairo, Stockholm, Haag, Zürich, Warschau und Belgrad haben einen feierlichen Protest gegen die Diffamierung des Judentums durch den Nationalsozialismus und gegen den Bolschewismus erlassen. Sie erklären unter anderem: „Anläßlich des Versöhnungsfestes erachten wir, die geistigen Führer des Judentums, es als unsere Pflicht, an die öffentliche Meinung der ganzen gesitteten Welt gegen die Verunglimpfung des jüdischen Volkes durch den letzten nationalsozialistischen Parteitag in Nürnberg feierlich zu appellieren. In seinem unstillbaren Haß gegen das Judentum begnügt sich der Nationalsozialismus nicht damit, die deutschen Juden der Menschenrechte iür verlustig zu erklären. Er leitet nunmehr einen fanatischen Feldzug für die Entehrung der Juden in der ganzen Welt ein und versucht, das Judentum — die Mutter der Religionen mit dem religionsfeindlichen Bolschewismus zu identifizieren. Siebzehn Millionen Juden, zerstreut in allen Teilen der Welt, sollen für die Taten einer Handvoll Männer in Rußland verantwortlich gemacht werden, unbekümmert darum, daß diese Männer sich längst vom Judentum losgesagt haben und die jüdische Religion mit unerbittlicher Grausamkeit verfolgen. Der Nationalsozialismus übersieht geflissentlich, daß der Aufstieg des Bolschewismus zur Macht im Jahre 1917 durch den einstigen Parteigenossen Hitlers, den General L u d e n d o r f f, ermöglicht wurde, der die Durchreise Lenin« durch Deutschland in der eingestandenen Absicht bewerkstelligte, dierussischen Massen mit kommunistischen Ideen zu durchsetzen, um ihren militärischen Widerstand zu brechen. Der Nationalsozialismus scheut auch nicht davor zurück, die Behauptung aufzustellen, daß die Juden für die grauenvollen Massakers, die im spanischen Bürgerkrieg auf beiden Seiten begangen wurden, die Verantwortung tragen, obwohl sie seit dem Jahre 1492 in Spanien nicht mehr seßhaft sind. Diese grundlose Beschuldigung, offenbar darauf berechnet, die rohen Instinkte der unwissenden Massen zu Haß und Wut gegen das Judentum aufzuwühlen, ist ein Schulbeispiel für die Art der Propaganda, wie sie im nationalsozialistischen Schrifttum empfohlen wird." Dieser letzte Passus bezieht sich auf die Propagandamethode, die Adorf Hitler in „Mein Kampf" (Seite 252) in tadelndem Sinne erwähnt, Rasiere Dldi ant und billig Oesterrelcimclies QuallfäfsfaDrlkai Ueberau erhältlich aber in seinem eigenen Feldzug gegen die Juden getrost selbst anwendet: „In der Größe der Lüge," so schreibt er dort, „liegt immer ein gewisser Faktor des ü e g 1 a u b t w e r d e n s, da die breite Masse eines Volkes . . . einer großen Lüge leichter zum Opfer fällt als einer kleinen ... Sie wird an die Möglichkeit einer so ungeheuren Frechheit der infamsten Verdrehung auch bei anderen nicht glauben können, ja selbst bei Aufklärung darüber noch lange zweifeln und schwanken und wenigstens irgend eine Ursache doch noch als wahr annehmen; daher denn auch von der frechsten Lüge immer noch etwas übrig und hängen bleiben wird." Was Hitler da auf seiner Suche nach erprobten Propagandamethoden sagt, ist nicht neu. Schon die alten Römer haben festgestellt, daß von Verleumdungen „semper aliquid haeret", immer etwas haften bleibt. Höchstens die mathematische Eruierung der direkten Proportionalität zwischen der Größe der Lüge und ihrer Ueberzeugungskraft ist nationalsozialistische Errungenschaft. Aber auch sie stützt sich auf die Erfahrung der vielen Jahrhunderte seit der Entdeckung des Judenhasses als eines der brauchbarsten Mittel zur Regulierung der in unzufriedenen Volksschichten immer vorhandenen revolutionären Triebe in der Hand geschickter Führer, die diese Triebe auf den wehrlosesten Sündenbock, das Judentum, abzuleiten verstanden. Bei all diesen Leuten war die Phantasie üppiger vorhanden als die Weisheit und die faustdicke Auftragung der Verleumdung mußte den Mangel an überzeugender Klugheit wettmachen. Dieses Experiment ist meistens gelungen. Was die erfolgreichen Judenverleumder des Mittelalters ersonnen haben, ist so dumm, daß sogar die nationalsozialistische Propaganda von heute, die gewiß nicht wählerisch ist, darauf verzichten, die alten Lügen durch neue ersetzen muß. Da die Märchen von den Brunnenvergiftungen, Hostienschändungen usw., die dereinst zur Vertreibung der Juden aus Spanien ausreichend gewesen sind, heute nicht mehr ziehen wollen, macht man jetzt die Juden für den Bolschewismus verantwortlich und erwartet davon zweierlei Wirkungen: Erstens die Verdäch- ■yilllllllMMIIfflllllllllllMII^^^^ ^VERWALTUNGEN ^# SÄTZE - HYPOTHEKEN*^* KÄUFE - VERKÄUFE^fr Dipl.-Kauto. r R. SZILAGYI pnTPwi ftwPKin <k Ti IX., ROTENLÖWENQ. 3 BEI. AST. SEISAL TEL. A 10-5-69