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Die Wahrheit · 1936-09-25 · Heft 40 (25.9.1936) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 40 (25.9.1936)
Date
1936-09-25
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Nr. 40 — 25. September 1936 DIE WAHRHEIT Bekannter deutscher Rabbiner aus der Synagoge heraus von der Gestapo verhaftet. Der bekannte Berliner Rabbiner und hervorragende Schriftsteller Emil Bernhard-Cohn (Pseudonym Emil Bernhard) wurde am 20. September im Studierzimmer seiner Synagoge von der Berliner Gestapo verhaftet. Die Verhaftung des allgemein bekannten Rabbiners hat unter der BerlinerJudenheitgroßeBestürzung hervorgerufen. Dr. Emil Bernhard-Cohn wurde schon einmal, im Dezember 1935, während einer Predigt vom anwesenden Gestapo-Agenten verhaftet, er verbrachte mehrere Wochen im Gefängnis. Erst vor etwa zwei Monaten fand der Prozeß gegen ihn statt, er wurde freigesprochen. Dr. Emil Bernhard-Cohn verfaßte außer einer Reihe religiös-philosophischer Schriften mehrere Dramen (Brief des Uria, Anna Boleyn, Mirabeau, Herr Johann Wittenberg, Die Jagd Gottes), die mit Erfolg über mehrere deutsche Bühnen gingen. Sein Schauspiel „Mona Lisa" hat ihm den ersten Dichterpreis des Schutzverbandes deutscher Schriftsteller eingebracht. Er übersetzte u. a. auch den Divan von Jehuda Halevy ins Deutsche und gab ein Buch „Jüdische Legenden" heraus. Blutmärchenprozeß in London! Das Hauptstrafgericht (Central Criminal Court), das unter dem Vorsitz von Oberrichter Greaves-Lord am 18. und am 21. September gegen den Herausgeber der Zeitschrift „The Fascist" Arnold Spencer-Leese und den Drucker der Zeitschrift Walter Whitehead wegen „aufrührerischer Verleumdung", begangen durch Veröffentlichung von aufreizenden judenfeindlichen Artikeln, in deinen auch von „jüdischen Ritualmorden" die Rede war, verhandelte, verurteilte Arnold Spencer- Leese zu sechs Monaten Gefängnis, Whitehead zu einer Geldstrafe. Dem Prozesse und dem Urteil kommt eine grundsätzliche Bedeutung zu, weil hier zum erstenmal in England eine öffentliche Anklage gegen Verbreiter der Ritualmordlegende erhoben wurde; das Urteil bietet nun die Handhabe zum Einschreiten gegen Personen undOrganisatoinen, die in England Judenhass zu erregen versuchen. Gegen die Nürnberger Luge. Das Comite vöor Bijzondere Joodsche Belangen in Amsterdam veröffentlicht folgende Erklärung: Auf dem Parteitag zu Nürnberg haben deutsche Minister und Führer der deutschen nationalsoziaistischen ParM die Juden beschuldigt, Träger des Bolschewismus zu sein. Sie haben dem Judentum vorgeworfen, nach der Weltherrschaft und der Vernichtung der europäischen Kultur zu streben und auf diese Weise den Bürgerkrieg in Spanien entfesselt zu haben. Das Comite voor Bijzondere Joodsche Belangen, eingesetzt durch die beiden Israelitischen Synagogenverbände in den Niederlanden, das sich stets jeder politischen Parteinahme fernhält, stellt fest: Diese Beschuldigungen sind vollkommen unbewiesen und aus der Luft gegriffen, sie wiederholen zum größten Teil nur Behauptungen, die durch offizielle Instanzen, Gerichte und Gelehrte schon oft — zuletzt durch den schweizerischen Richter nach Kenntnisnahme aller antisemitischen Argument© — als unhaltbar und unwahr bezeichnet worden sind. Zu den Behauptungen über Spanien muß darauf hingewiesen werden, daß dort nur einige Tausemd Juden wohnen — meistens seit 1933 aus Deutschland Geflüchtete — die sich fem vom dem Streit gehalten und bei dem Beginn des Bürgerkrieges Spanien verlassen haben, zumal sie von Anfang an durch die von deutscher Seite in Spanien geführte nationalsozialistische Propaganda verfolgt wurden. Das Comite weist auf die unmenschliche Behandlung derJüdenin Deutschland hin. Es stellt mit Entrüstung fest, daß Minister und Machthaber in diesem Land mit ihrem Haß die jüdischem! Bürger anderer Länder verfolgen und durch unbegründete und falsche Beschuldigungen die Bevölkerung dieser Länder gegen die jüdischen Mitbürger aufzuhetzen versuchen, die bewiesen haben, daß sie nichts anderes wünschen, als treu und in Frieden den Interessen ihres Vaterlandes zu dienen. Das Comite ruft alle auf, einmütig diese Handlungsweise, die sich gegen alle Forderungen der Kultur und der internationalem Gesittung richtet, mit ihm zu verurteilen. Das Comite voor Bijzondere Joodsche Belangen: A. Asscher, 1. Vorsitzender Prof. Dr. D. Cohen, 2. Vorsitzender S. van den Bergh Jr. Prof. Mr. A. C. Josephus Jitta Mr. L. E. Visser \ Die Bevölkerungsbewegung der Wiener Juden. Die Israelitische Kultusgemeinde in Wien gibt Ziffern über die Bevölkerungsbewegung in der Gemeinde bekannt, die die charakteristischen Merkmale der mitteleuropäischen Judenheit zeigen: Die Zahl der Geburten sinkt beständig, die Todesfälle steigen. So betrugen die Geburten im Jahre 1925 noch 2191, im Jahre 1935 dagegen nur noch 735. Die Zahl der Todesfälle belief sich im Jahre 1925 auf 2497, im Jahre 1935 Die besten Bai Wirstnt Jtliwifi 3mal täglich frisch bei llEEkiHll.,mtnsime8 Unter Aufsicht des Rabbinates der Adas-Jisroel-(Schiffschul). Ausgezeichnete Küche, ziviie Preise und sorgsamste Bedienung. A la Carte-Speisen und Menüs von S 2.— aufw. Hochzeiten. ■Diners und andere Festlichkeiten werden in und außer Haus elegantest ausgeführt. auf 2815. Der natürliche Bevölkerungsabgang betrug im abgelaufenen Jahre bereits 2080 Seelen. Die Eheschließungen, die seit den Inilationsjahren stark zurückgegangen waren, sind in den letzten drei Jahren etwas gestiegen. Gegenüber nur 1065 Eheschließungen im Jahre 1932 gab es in den darauf folgenden Jahren 1933, 1934 und 1935 1111, 1151 und 1211 Eheschließungen. Diese Erhöhung scheint jedoch in erster Linie auf die zunehmende Auswanderung von Chaluzim nach Palästina zurückzuführen zu sein, die bekanntlich in vielen Fällen vor ihrer Aliiah zu heiraten pflegen, um ihre Frauen auf das eigene Zertifikat mitnehmen zu können. Diese Tatsache scheint auch mit ein Grund dafür zu sein, daß die Zahl der Geburten trotz der erhöhten Eheschließungen sich weiter vermindert hat Erst das abgelaufene halbe Jahr 1936 zeigt eine kleine Bestserung, da bereits Ende Juni die Zahl von 417 Geburten verzeichnet worden ist. Die Austrittsbewegung ist im letzten Jahrzehnt sehr deutlich zurückgegangen. Im Jahre 1925 gab es in Wien 879 Austritte aus dem Judentum, die in den beiden darauf folgenden Jahren noch auf 916 und 1063 stiegen. Von da an sinkt aber die Zahl der Austritte bis auf 472 im Jahre 1935. 1934 gab es sogar infolge der politischen Ereignisse eine starke Wiedereintrittsbewegung, so daß die Differenz zwischen den Aus- und Wiedereintritten, die früher einmal bis zu 900 Seelen im Jahre betragen hatte, auf 66 gefallen war. Auch das Jahr 1935 zeigt mit 103 Personen ein geringes Ueberwiegen der Abfallbewegung. Die Entwicklung im ersten Halbjahr 1936 scheint die rückläufige Tendenz in der Austrittsbewegung noch zu bestätigen. Die MädhsUThmmec jmseees UMattes eescheiut am. tDotwastaq-, den 1. OtUolec (1. 3Co* Sukkauz) I Die Volkshochschule Leopoldstadt« IL, Zirbusgasse 48 (Bundesgymnasium), macht unsere Leser auf folgenden Kurs aufmerksam: Eugenie Feld mann: Praktischer Englischkurs für Auswanderer; Mittwoch 19 bis 21 Uhr, Beginn 23. September. „Alle Bürger Rumäniens haben gleiche Rechte." Der neue rumänische Justizminister Djuvara berief die Vertreter der Presse zu sich, um ihnen eine Erklärung über seine Aufgaben zu geben und keinerlei Verhöhnung des Gesetzes zuzulassen. Der Minister sägte unter anderem: „Sämtliche Bürger des Staates ohne Ausnahme haben gleiche Rechte. Wöhlgeme'rkt, jeder Bürger, muß sich in den Dienst des Landes stellen, in den Dienst des Staates, der national ist. Auch ich vertrete den Standpunkt, daß jeder Rumäne sich aller materiellen und moralischen Errungenschaften, die unser reich gesegnetes Land hervorbringt, in vollstem Maße erfreue. Aber wer ist Rumäne? Jeder rumänische Staatsbürger ist R u m ä n e." Diese Erklärung des neuen Justizministers, die so deutlich abrückt von der These Vaida Voe-i. vods und der Rechtsradikalen, wonach die Staatsbürger rumänischen Blutes bevorrechtigt sein sollen, hat in der demokratischen Oeffentlichkeit Rumäniens einen guten Eindruck gemacht. Es bleibt freilich abzuwarten, ob gewisse staatliche Behörden, die entgegen den Gesetzen Vaidas Theorie in die Praxis umzusetzen versuchen, indem zum Beispiel jüdische Angestellte auch in Privatbetrieben durch amtlichen Druck entfernt werden, sich durch die Erklärung des Justizministers Djuvara werden belehren lassen. Vom Ghetto in Venedig. Man braucht kein Spezialist in jüdischer Geschichte zu sein, um nicht instinktiv zu fühlen, eine wie große Bedeutung in der Entwicklung des Judentums in Italien gerade die Kolonie unserer Glaubensgenossen in der alten Handelsstadt Venedig spielen muß. Verschlägt einen aber der Zufall in das alte Ghetto, das übrigens merkwürdigerweise ausgerechnet in allernächster Nähe des Bahnhofs, wenn auch abseits von der großen Heerstraße der Reisenden liegt, so fühlt man förmlich suggestiv die uralte Enklave, die das „Ghetto vecchio" inmitten des katholischen Stadtwesens von jeher gespielt haben muß. Hochinteressant, als eine Abart des venezianischen Stiles ins ausgesprochene Orientalisch-Maurische hinüber, mutet schon der kleine, verwitterte Tempel an, um den sich nach vorgeschriebener Art die Schulen für Knaben und Mädchen herumgruppieren. In der gleichen, nicht sehr engen Straße befinden sich die notwendigsten Geschäftsläden; sehr ärmlich, auch wiederum in sehr verwitterten Häusern, aber doch nicht im mindesten „proletarischer", als wir diesen Anblick von gewissen Vierteln der Stadt gewohnt sind. Ganz eigenartig, fast relativ vornehm aber ist der Charakter jenes Platzes (hier ja stets Campo genannt), auf dem sich das Israelitische Altersheim für Frauen befindet. Gewiß: auch dieses ein altersgraues Haus, aber breitfassadig, mehrgeschossig und geräumig und vor allem luftig, also sicherlich keines von den schlechtesten Asylen unter seinesgleichen — und die alten Frauen,, von denen an diesem schönen Spätsommernachmittag einige aus dem Fenster schauen, und von denen gerade eben eine einer kleinen Verwandten vom Fenster aus nach venezianischer Sitte irgend einen Auftrag gibt, machen einen ganz wohlgelaunten, fast behaglichen, sozusagen jüdisch eingewohnten Eindruck — und dennoch ist die Not in der Gemeinde, wie ich aus bester Quelle weiß, •sehr groß, weil auch hier die Ansprüche, die von allen Seiten, auch von den vielen Flüchtlingen, an die Hilfskasse gestellt worden sind, der kleinen Gemeinde einfach über den Kopf gewachsen sein mußten. Eines aber sei hier anhangsweise erwähnt, weil es mir wieder einmal äußerst charakteristisch für die bekannte absolute Verschmelzung des Judentums mit dem Vaterland zu sein scheint: eine der führenden Persönlichkeiten der faschistischen Ortsgruppe von Venedig ist der Inhaber eines der elegantesten und bekanntesten Magazine am Markusplatz noch heute geblieben, wie ja überhaupt gerade die Juden zu den treuesten Mitgliedern der Partei auch sonst im Lande gehören. Das ist aber von jeher so gewesen. Nicht etwa als wollten sich nun die Juden in Italien gerade heutzutage demonstrativ als Faschisten erweisen! Nichts ist schiefer und einseitiger als eine solche Annahme! Wer das schöne Land seit Jährzehnten kennt, der weiß, wie ungehemmt sich die

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