Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 40 (25.9.1936)
- Date
- 1936-09-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT Nr. 40 — 25. September 1936 Seite Der Jude, der den Zaren retten wollte. Zugleich eine Antwort auf Nürnberg. Deir jetzt in Paris lebende ehemalige hohe russische Beamte Aron Simonowicz war der einzige Jude, der am Hofe des Zaren ein- und ausgehen durfte. Er war auch eine Zeitlang der Sekretär Rasputins und veröffentlichte nach Kriegsende zwei Bände ungemein interessanter und aufschlußreicher Erinnerungen über hochgestellte Persönlichkeiten des zarischen Regimes. Simonowicz war auch derjenige, der aus Treue und Dankbarkeit zum Zaren eine großangelegte Aktion in die Wege geleitet hatte, um die Zarenfamilie aus den Fängen der Bolschewiken zu retten; zu diesem Zwecke brachte er eine Riesensumme auf, die zur „Ebnung" des Weges dienen sollte. Vor einiger Zeit veröffentlichte Simonowicz ein Buch unter dem vielsagenden Titel „Ein Jude beim Zarenthron", in welchem er unter anderem den Versuch schildert, die Zareniamilie aus der Gefangenschaft in Tobolsk zu retten. „Ich bin ein gewöhnlicher Jude, der der Gnade des Zaren teilhaftig wurde," schreibt Simonowicz, „ich setzte deshalb alle Hebel in Bewegung, um die kaiserliche Familie aus der Gefangenschaft zu befreien und sie ins Ausland zu bringen. Die Rettung sollte ohne Anwendung von irgendwelchen Gewaltmitteln vor sich gehen, lediglich mit der vielfach erprobten Hilfe von . . . Schmiergeldern, wie es sich für einen gewöhnlichen Juden ziemt, wollte ich den Plan zur Ausführung bringen." Simonowicz mußte jedoch davon Abstand nehmen, den Zaren Nikolaus II. selbst zu retten, da dieser das neue russische Regime anerkannte und sich deshalb entschieden weigerte, zu entfliehen. Es konnte natürlich keine Rede davon sein, ihn etwa mit Gewalt zu entführen. Die kleine Gruppe der Freunde des Zaren, mit Simonowicz an der Spitze, beschloß daher, wenigstens den Zarewitsch Alexej und seine Schwester Tatjana, die begabteste und energischeste der Zarentöchter, ins sichere Ausland zu bringen. „Mein erster Gedanke", erzählt weiter Simonowicz, „war, an die Verwandtschaft des Zaren um Mithilfe heranzutreten. Ich wurde jedoch in meinen Hoffnungen arg enttäuscht, denn diese lehnten es ab, bei einiem Fluchtversuch mitzuhelfen. Die einzige, die uns tatkräftig unterstützt hatte, war die Großfürstin Maria Pawlowna die Aeltere, die damals in Kislowodsk im Kaukasus wohnte. Geheimerweise, damit es ihre Kinder nicht erfahren sollten, übergab sie uns den größten Teil ihres wertvollen Geschmeides. Eine wichtige Rolle bei der Organisierung dieser Hilfsaktion spielte auch die Führerin des „Verbandes des russischen Volkes", Polubojadinowa, eine heiße Verehrerin des Zaren. Diese Millionärin stellte uns ihre Wohnung zu Baratungszwecken zur Verfügung und steuerte für die Rettungsaktion ihren gesamten Besitz an Gold und Brillanten bei." Vid Gold und Edelsteine gaben für diesen Zweck auch eine Reihe von Moskauer Großkaufleuten, Anna Wiruba sowie Simonowicz selbst. Als ein Fonds von 5000 Karat Brillanten beisammen war, machte ihn Simonowicz an der Moskauer „schwarzen Börse" zu Geld; zusammen mit dem vorhandenen Gold verfügte die Rettungsgruppe über zwei Millionen Goldrubel. „Das war zu einer Zeit," bemerkt Simonowicz mit Stolz, „als die Bamksafes leer waren und die Bevölkerung nur über ganz geringfügige Summen Papiergeld verfügte." Diese Geldsumme wurde zu je fünfzehntausend Goldrubel in kleine Säckchen verteilt und mit Hilfe dieses Kapitals wollten die Initiatoren der Verschwörung den Weg von Tobolsk, dem damaligen Aufenthaltsort der Zarenfamiüe, bis zur Grenze „ebnen" . . . „Dank den inhaltsschweren Geldsäckchen," erzählt Simonowicz, „knüpften wir die entsprechenden „Beziehungen" ani, wir erhielten gültige Passierscheine ausgestellt und nach geraumer Zeit waren wir so weir, daß die für uns wichtigen Posten mit „verläßlichen" Personen besetzt waren. So kamen wir jedesmal demZielenähe r." Mit Wehmut schildert nun Aron Simonowicz, dieser treue jüdische Diener seines Herrn, wie sich im letzten Moment der Rettungsaktion unüberbrückbare Hindernisse in den Weg stellten, die den mit schweren persönlichen und Geldopfern unternommenen aussichtsreichen Plan zum Scheitern brachten. 'inzide Jfldisdie nandelssdinle Ei Kaufmännische Wirtschaftsschule für Knaben und Mädchen. Unterricht nach dem normalen Lehrplan der Handelsschulen. Wien II., TaborstraBe 39 Telephon Nr. A 45-6-57 Aufnahme in der Direktionskanzlei; An Werktagen. außer Samstag, von 10 bis 12 und 3 bis 5 Prospekte gratis Erstkl. Lehrkräfte Juden und Araber. Verständigung —die (Tfce&rie. Unter Berufung aui eine vor einiger Zeit in den „Times" veröffentlichte Zuschrift des berühmten Archäologen Prof. Flinders Petrie macht Israel M. S i e f f in den „T i m e s': den Vorschlag, daß unter dem Vorsitz eines Mannes, wie Flinders Petrie, der eine 40jährige Erfahrung in dem Leben des Nahen Ostens, eine Kenntnis ohnegleichen Palästinas und seiner Probleme besitzt und in gleicher Weise von Arabern und Juden vollständig unabhängig ist, eine jüdisch-arabische Studiengruppe aus Männern gebildet werde, die keine amtliche Stellung, aber genügenden Einfluß bei ihren Völkern besitzen. Nur von solchen Männern, meint Sieff, könnten die beiden Hauptprobleme studiert werden, nämlich erstens: Welches sind die tieferen Gründe für die psychologischen Reibungen und Feindseligkeiten, die an dem periodischen Ausbruch von Unruhen in Palästina schuld sind, und zweitens: Welches sind die Berührungspunkte, an denen Juden und Araber jetzt harmonisch zusammenarbeiten, und die erweitert werden können, um eine größere Zahl solcher Tätigkeiten zu umfassen und ein größeres Gebiet gemeinsamer Aufgaben in dem Leben eines beiden Völkern gemeinsamen Nationalheims zu schaffen? Nur die volle Erkenntnis, daß das künftige Wohlergehen des Landes und seiner Kinder in ihren Händen liegt, kann aus Juden und Arabern in Palästina eine festgefügte Nation (Damit werden unsere Jüdischnationalen kaum einverstanden sein. Die Red.) bilden, so wie dies bei Engländern und Franzosen in Kanada der Fall war und gegenwärtig in Südafrika zwischen Engländern und Holländern sich vollzieht. Das Bestehen und die Beratungen einer solchen Gruppe würden in keiner Weise die Arbeit der Kgl. Kommission behindern. Israel M. Sieff schließt: Es wäre gefährlich, die Verantwortung dafür, daß es nicht gelungen ist, befriedigende Beziehungen zwischen den beiden Völkern herzustellen, einer der beiden Parteien aufzubürden. Dadurch würde der Meinungsgegenatz verschärft und das Beharren im Irrtum ermutigt werden. Jede Bemühung der einen Seite, die Sympathie der Mandatarmacht zu gewinnen, rufe auf der anderen Seite eine Gegenbemühung hervor. Ist es nicht an der Zeit, daß Menschen guten Willens aus beiden Völkern unter dem Vorsitz eines dieser hervorragenden Männer zusammenkommen, um nach einem Wege zu suchen, wie sie am besten dem Lande dienen können, das ihnen beiden so teuer ist? ffeimlstnaft — die (fatsacfke. Unter der Ueberschrift „Die Sackgasse in Palästina. — Erbitterte Feinde" veröffentlichen die „Time s" einen Stimmungsbericht ihres Jerusalemer Korrespondenten der feststellt daß die Kluft zwischen Arabern und Juden tiefer sei als je und daß ihr Zutrauen zur Regierung abnehme. Die beiden Gemeinschaften in Palästina, die arabische und die jüdische, werden täglich erbitterter, feindseliger gegeneinander. Eine jede ist entschlossen, sich für immer von möglicher Beherrschung durch die andere frei zu machen, und bei wachsender Isolierung steigt bei jeder die Furcht vor geheimen Absichten der anderea Die Juden haben wirklich Furcht, in die arabischen Teile von Jerusalem und Jaffa zu gehen, die Araber fürchten sich, in jüdische Stadtteile zu gehen, und schämen sich, in einem jüdischen Geschäft gesehen zu werden. Die jüdischen und arabischen GROSSFLEISCHHAUEREI »EGH. KORNHEHl WIEN IX., BERGGASSE NR. 19 FILIALE! XVIII., WAHRINGERSTRASSE 97 Telephon Nr. A 17-2-99 uod A 16-0-11 Lieferant für Heilanstalten Abteilungen für Koscherfleisch unter Aufsicht des ehrw> Rabbinates der Isr. Kultusgemeinde Wien« Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen Viertel werden immer schärfer abgegrenzt. Mit einer oder zwei Ausnahmen gibt es keinen arabischen oder jüdischen Führer, der den Mut hätte, in dieser Zeit vor seinen Leuten davon zu reden, sich mit der anderen Partei zusammenzusetzen und eine- Verständigung zu suchen. In dieser Atmosphäre ist das Wort „Einwanderung" das kritische Wort. Den Zionisten bedeutet es die unerläßliche Voraussetzung ihres Traums von einem Nationalheim oder „dem" Nationalheim. Sie bestehen darauf, daß die Heilung iür die gegenwärtigen Sorgen der jüdischen Gemeinschaft nichts anderes ist als mehr Einwanderung, immer mehr Einwanderung, bis keine Rede mehr davon sein kann, daß die Juden eine der Gnade der Araber ausgelieferte Minderheit sind. Und gerade weil der Araber dies so oft sagen gehört hat, ruft er, daß jetzt oder nie die Zeit gekommen ist, diese wachsen de Flut aurzuhalten, koste es was immer. (Dieses niederschmetternde Urteil der „Times'' über die falsche Politik der Jüdischnationalen in Palästina und ihre beklagenswerten Folgen bestätigt nur das, was in diesen Blättern vorausschauend immer and immer wieder gesagt wurde. D. Red.) Mit jedem Tag. schließt der Bericht, der die Beilegung dieses Konfliktes hinausschiebt, verschärft sich die Stimmung in beiden Lagern. Nikolaus Lenau and „Kol nidre". Die alte Melodie des „Kol nidre" reizte bekanntlich auch die nichtjüdischen Tonkünstler zu Kompositionen, die Bestandteil aller ernsten Konzerte bilden. Auch manch nichtjüdisches Dichterherz ging auf beim Klang dieser Weihetöne der Versöhnungsnacht. Karl Beck schildert in seinen Tagebüchern, wie Lenau diesen „über und über in Trauer gehüllten, lang austönenden Nachtgesang bußfertiger, zerknirschter, reuestammelnder Menschenkinder" in seiner ungarischen Heimat kennengelernt hat. „Der Vorabend des Versöhnungstages war gekommen. Ich drückte mich in einen Winkel der Synagoge, um den Gläubigen kein Aergernis zu geben. Mächtige Wachskerzen flammten, das Volk stand, gesenkten Hauptes, in weiten, schneeweißen Sterbegewändern. Da begann der Vorbeter sein tiefernstes, herzzerwühlendes Entsündigungslied, reich an Schrecken und Gnade. Ich rang mit einer seltenen Rührung, schluchzte krampfhaft, Tränen schössen mir aus den Augen, ich stürzte wund und geläutert in die Nacht hinaus. In jener unvergeßlichen Stunde haftete kern einziger schwarzer Punkt an meiner Seele. Und wer hat diese Weise geschaffen? Die Leutchen wissen's nicht. Das Lied ist von Großahnen auf Urenkel gekommen. Solche Schmerzensgesänge der Völker, dünkt mich, werden schwerlich von einem Einzelnen gedichtet, ich möchte sagen, die rätselhaften gehen, fertig und gerundet, in Hunderten zugleich auf. Jahre waren verstrichen, und ich hatte kaum einige Takte mehr dieses Liedes im Gedächtnis behalten, strengte mich auch fruchtlos an, mir das Ganze zurückzurufen; aber als ich die alte Welt verlassen und auf dem stürmischen Ozean stets näher und näher der neuen freien Welt zuschwamm (der Dichter bereiste im Jahre 1832 Nordamerika. D. Red.), als mein bisheriges Leben mir ein schwüles, wüstes Traumgebilde schien, als ich wieder einmal nach langer Frist beten und weinen konnte, da plötzlich ging das Kol nidre über mein genesendes Herz. Seit damals ruht es sicher gebettet auf den Saiten meiner Fiedel und ist mir zti Willen, wenn ich es rufe. Ach, ich wünschte wohl, daß es einst an meinem Totenbett vorr Freundessthnmen mir vorgesungen werde." .