Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 40 (25.9.1936)
- Date
- 1936-09-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 40 — 25. September 1936 DIE WAHRHEIT Häuseradministration Adolf Krall IV., Schleifmühlgasse 11 Beste Empfehlungen von in- und ausländischen Hausbesitzern Jahren 1900 bis 1914 jedes Jahr 150.000 bis 160.000 Juden die Länder, in denen sie bis dahin gewohnt hatten. Sogar im Kriege versiegte sonderbarerweise der Strom der jüdischen Emigration nicht ganz; trotz aller Hindernisse konnten jedes Jahr ungefähr zwanzigtausend Juden aus dem brennenden Europa flüchten, und zwar nach verschiedenen Ländern Amerika, nach Australien und nach Südafrika. Unmittelbar nach dem Kriege stieg die jüdische Emigration wieder bis auf 100.000 im Jahr, um dann plötzlich bis auf 20.000 bis 25.000 zu sinken, und zwar von dem Zeitpunkt ab, als überall die Einwanderungsbeschränkungen in Kraft traten. Das geschah in dem gleichen Moment, als sich die Not der Juden erst in Osteuropa — mit Ausnahme Sowjetrußlands — und dann 'in Deutschland bis zur Unerträglichkeit steigerte. Heute ist es so, daß hunderttausende, vielleicht Millionen Juden ungeduldig den Tag erwarten, an dem sie die Länder des Unglücks und der Bedrückung hinter sich lassen können — ohne daß sie in ihrer Mehrzahl annehmen dürfen, daß sich ihre Hoffnung erfüllt. Woher kann mau in dieser Situation den Mut finfen, Projekte, welche auf die Ansiediung von Juden außerhalb Palästinas zielen, von vorneherein abzulehnen? Es liegt weniger Grund dazu vor als je. Heute ist der Aufbau einer Heimstätte in Palästina eine Selbstverständlichkeit: aber in einem Moment der größten Judennot erfüllt es seine Funktion als „Heimstätte" nur für einen kleinen Prozentsatz aller in Betracht Kommenden. Es sind nicht nur praktische Schwierigkeiten, welche der Erwerbung von Territorien außerhalb Palästinas im Wege stehen, sondern auch ideologische. Besonders manche Zionisten sind nur zu rasch geneigt, den neuen Territorialismus mit den gleichen Argumenten abzutun wie den alten und in ihm nichts anderes zu sehen als eine Neuauflage des Ugandaprojektes, dessen Schicksal einem dann warnend vor Augen geführt wird. Was wir in dieser Zeit brauchen, ist eine völlig neue Konzeption der materiellen und geistigen Existenzmöglichkeiten, die mit den gegebenen Verhältnissen rechnet, und sie zugleich umzugestalten versucht Einen Ansatz dazu kann man in dem Buch von Alfred Döblin „Flucht und Sammlung des Judenvolkes" sehen, wo die Begründung eines neuen Territorialismus zwar nicht mit Zahlen gegeben wird, wohl aber mit weit ausschwingenden Ueberlegungen, deren Gegenstand die historische Situation der Juden im Abendland überhaupt ist. Der Territorialismus, den er propagiert, ist selbstverständlich nicht gegen Palästina orientiert: „Das Land", sagt er „das einzige Land der Väter ist allem, was jüdisch ist, heilig. Aber als Zweites ist gewiß: höher als das Land steht das Volk. Man wage nicht aus dem Lande einen Fetisch zu machen und damit das Volk um sein Leben und seinen wahren Willen zu prellen." Die praktische Möglichkeit, autonome Siedlungen für Juden zu schaffen, sieht Döblin darin, daß sie Anschluß finden an eine „Großkolonisation der Zukunft durch Kollektivarbeit der Staaten", die ihm mit hoher Wahrscheinlichkeit als das politische Thema der Zukunft erscheint. Man mag zu solchen Prophezeiungen stehen wie immer; sicher ist nur, daß es sehr töricht und kurzsichtig wäre, diie Möglichkeiten des Landerwerbs außerhalb Palästinas von vorne herein zu verneinen — nur deshalb, weil sich dem im Augenblick noch große Schwierigkeiten in den Weg stellen. Das Zentrum dieser Bestrebungen ist heute die Gesellschaft „Emcol" (Emigration-Colonisation) in Paris. Der neue Territorialismus, für den sie sich einsetzt, ist nicht mehr eine Schicksalsfrage des Zionismus: um so mehr aber eine Schicksalsfrage der Judenheit überhaupt. („Jüdische Revue") ^a_eng,.u_fr_an, Tu ch haus Tabak O I V-JIT" t im |M Salzgries 5 HERBST-NEUHEITEN für Damen und Herren zeitgemäß billig Hintermänner des Palästina-Auf Standes. Die „M i t r o p r e s s". Korrespondenz für Politik und Wirtschaft, veröffentlicht folgenden Bericht über die Tätigkeit von Geheimagenten verschiedener Staaten im Zusammenhang mit den arabischen Unruhen. Wir geben diesen interessanten,, ..Bjeficljt wieder, überlassen jedoch die Verantwortung für seine Richtigkeit der genannten Korrespondenz. D. Red. Zwei Millionen Araber fordern heute die Erfüllung dessen, was ihnen vor 20 Jahren der verstorbene Oberst T. E. Lawrence im Namen Seiner Großbritannischen Majestät allzu großzügig versprach. Die Türkei hat auf ihre Hoheitsansprüche in Palästina nie formell verzichtet Italien hat das stärkste Interesse daran, Englands Unfähigkeit zur Ausübung des Palästina- Mandats festgestellt zu sehen; die Zurückziehung dieses Mandats bedeutet die uneingeschränkte Vormachtstellung Roms im Ostmittelmeer. Deutschland, das ebenfalls neuerdings stark mit proislamitischen Sympathien kokettiert, ist es nicht gleichgültig, was seine früheren Untertanen jüdischen Glaubens im Jordanland tun und wollen. Und es gibt noch verborgenere Kräfte, die an dem Ausgang des jetzigen blutigen Konfliktes brennend interessiert sind und deshalb eifrig Oel ins arabische Feuer gießen. Kurz nach Beginn des Aufruhrs verhaftete der britische C o 1 o n i a 1 Service in Haifa einen indochinesischen Bettelmönch N'Gu-Cheng, der 4000 Pfund Sterling in echten Banknoten bei sich trug, ohne über Herkunft und Bestimmung dieses Geldes glaubhafte Angaben machen zu können. Dagegen wurde einwandfrei festgestellt, daß er zum Gefolge des „lebendem Buddha" Chao-Kung gehörte. Chao-Kung ist niemand anders als Ignaz Trebitsch-Lincoln, ungarischer Rabbinersohn, presbyterianischer Geistlicher in U. S. A., englisches Unterhausmitglied, deutscher Spion. Pressechef der Kapp-Regierung 1920, heute hoher Würdenträger des Buddhismus, immer jedoch Englands unversöhnlicher Feind. Wo man seinen Begleiter verhaftet hatte, konnte er selbst nicht weit sein. Die sofort angestellten Nachforschungen ergaben in der Tat, daß ein tibetanischer Würdenträger namens Ou-Tschang Sse- T i n g — dessen Identität mit Trebitsch-Lincoln schnell ermittelt wurde — am 12. März 1936 mit zwei Begleitern in Palästina angekommen! war und als Gast eines Muezzins in einer verlassenen, halbverfallenen Moschee bei Nablus gewohnt hatte. Man stellte auch fest, daß der interessante Gast mit führenden Persönlichkeiten des arabischen Komitees längere Unterredungen gehabt hatte; man weiß, daß er sich immer nochim Lande aufhält, aber trotzdem blieben bisher alle Versuche, ihn festzunehmen!, ohne Ergebnis. Dagegen wurde in Haifa der angebliche Kaufmann Karl Bodungeir verhaftet, der sich als deutscher Flüchtling ausgab, in Tel-Awiw ein Handelsunternehmen betrieb, dort ausschließlich emigrierte deutsche Juden beschäftigte und gleichzeitig — beim Großmufti und beim arabischen Komitee aus und einging. Die in seiner Wohnung vorgenommene Durchsuchung ergab, daß er über sämtliche ihm bekannte Juden genaue Akten führte und mit einer an diesen Angaben interessierten Dienststelle seines Landes in enger Verbindung stand. Trotzdem verweigerte der Verhaftete jede Aussage. Am 9. Juni 1936 erhängte er sich am Gitterfenster seiner Gefängniszelle. Die Untersuchung ergab, daß Bodungen eng mit dem berüchtigten türkischen Geheimagenten Mustapha Djebal zusammengearbeitet hatte, der angeblich am 1. Juni 1933 in Tel-Awiw den Mordanschlag auf den jüdischen Arbeiterführer Dr. Chaim Arlosorow organisiert hatte, ohne daß es jedoch gelang, ihn. zu überführen. Auch jetzt gelang es ihm, sich der Verhaftung zu entziehen. Dafür wurden aber am 3. Mai in Medjdel zwei Alle Schulbücher richtige Auflagen, für antiquarische allerbilligste Preise. Größte Auswahl! Spesenfreie Zusendung. Verzeichnisse umsonst. — Zeit spart, v/er kauft im SCHULBÜCHERANTIQUARIAT Ifll^MÄlMIM! YUCHNER Wien IL, Ecke Taborsfraße 52 Telephon R 41-4-20 italienische Agenten festgenommen, die den Aufständischen eine Waffenladung in die Hände gespielt hatten, und am 7. Mai erschoß eine englische Patrouille am Berge Hermon einen türkischen Geheimagenten, der am Tage zuvor mit einer Bande von Aufständischen einen erfolgreichen Ueberfall auf den Eisenbahnzug Jerusalem-Jaffa durchgeführt hatte. Etwas später machte Chefsergeant Tanfort vom Colonial Service den italienischen Meisterspion P e p i n i, genannt „der Hinkende", ehemaliger italienischer Militärattache in London, unschädlich, der versucht hatte, mit einer Araberbande die samaritanische Synagoge in Nablus in die Luft zu sprengen, wobei der englischen Militärpolizei 150 Aufständische in die Hände fielen. Der türkische Spion Mustapha Djebal fand kurz darauf einen tragischen Tod. Er unternahm mit-einer Truppe . von etwa 1000 Arabern einen Sturmangriff auf Tulkaram, den die englische Polizei und ein zu Hilfe eilendes Regiment Cameron Highlanders jedoch mühelos abschlugen. Ein Araberscheich, der an Verrat glaubte, schlug daraufhin dem Türken vor den Augen der Engländer mit seinem Krummsäbel den Kopf ab. Am 1. Juni wurden bei einem Aufruhr in Tiberias zwei Deutsche und ein Italiener erschossen, die arabische Gewänder trugen, mit falschen Pässen versehen waren und in der vordersten Reihe der Aufständischen kämpften. Ihre Identität konnte nicht ermittelt werden. Der türkische Kapitänleutnant S e v e r n i k, der bei Nataniah verhaftet wurde, als er versuchte, Munition und Dynamitbomben für die Aufständischen einschmuggele, und den dann die Araber beim Sturm auf die Polizeistation zusammen mit dem ihn gerade verhörenden englischen Kapitän A1 i s t a i r vom Intelligenoa Service niederschossen, ist nicht die letzte dunkle Figur dieses erbitterten Krieges im Dunkel, der nicht nur auf dem Rücken der Juden, sondern auch auf dem der palästinensischen Araber ausgefochten wird, die von den wirklichen Zusammenhängen vielleicht am allerwenigsten wissen. ' Der syrische Scheich S c h a k i f A r s 1 a n, den die französische Mandatsverwaltung auswies, weil er im Auftrage einer fremden Macht die palästinensischen Aufständischen mit Geld und1" Waffen beliefert hatte, der unvermeidliche Scheich Tagg-ed-Din, dessen türkische Verbindungen kein Geheimnis sind, und der ehemalige irakische Offizier und «türkische Spion Fawzi Konkdji, der jetzt der erbittertste Führer der Aufständischeen ist, wissen besser Bescheid. Die Zähl der Juden in London. Bekanntlich wird bei der englischen Volkszählung nicht nach dem Religionsbekenntnis gefragt. Die englischen Juden sind daher auf Schätzungen angewiesen, um die Zahl ihrer Glaubensgenossen festzustellen. Aus der kürzlich in der Zeitschrift der Englischen Königlichen Statistischen Gesellschaft veröffentlichten Arbeit von Dr. Miron Kantorowitsch ist zu ersehen, daß es gelungen ist, eine vom statistischen Standpunkt aus durchaus annehmbare Zahl der jüdischen Bevölkerung in Groß-London zu erhalten. Demnach leben in Groß-London 234.000 Juden, das sind 2,8 Prozent der Bevölkerung der Stadt. Die jüdische Bevölkerung der Grafschaft London beläuft sich auf 184.000 oder 4,2 Prozent der entsprechenden Bevölkerung. Da die jüdische Gesamtbevölkerung von Großbritannien 340.000 beträgt, leben also rund 69 Prozent der Juden von Groß-Britaiwüen in Groß-London. Ferner hat der Verfasser der oben genannten Arbeit festgestellt, daß der Anteil der älteren Altersgruppen bei den Juden stärker ist, als bei der Gesamtbevölkerung. Dr. E. K.