Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 39 (16.9.1936)
- Date
- 1936-09-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Nr. 39 — 16. September 1936 klein und bedeutungslos, wenn wir den wahren Inhalt des Tages begreifen. Wir werden aus dem Rahmen des Alltags emporgehoben, sind bereit, dem Gipfel zuzustreben. Tachliss Rausch ha- Schono Jaum Kippur — die Vollendung des Neujahrsfestes ist der heilige Versöhnungstag, meint einer unserer Lehrer. An diesem Tage — heißt es im Talmud — gleicht die Gemeinde Israels den himmlischen Engelschören. Jeder Unterschied, jeder Zwiespalt ist verschwunden. Verzeihung und Versöhnung, dies© Worte geben den Inhalt der umfangreichen Gebete wieder, sie erklingen von den Kanzeln und beherrschen uns schließlich ganz. Zerknirscht schlagen wir uns in die Brust und bitten um Vergebung all der Sünden, die wir verübt . . . „mit Verstocktheit des Herzens ... durch Trotz und im Irrtum . . . durch böse Zunge . . . durch Mißgunst, Verleumdung und durch unbegründeten Haß." Wie ehemals der Sündenbock, wird der Satan des Hasses in die fernste Wüstenei geschickt, weitab von jeder jüdischen Siedlung. Ki kudausch hajaum la-adaujiejnu — denn heilig ist der Tag unserem Herrn. Dieser Gipfel ist ganz beherrscht von dem Gott, der Sünden vergißt und verzeiht. Und dann . . . Die heiligen Tage, die Höhepunkte und Gipfel des Jahres werden vorüber sein, die Ebene des Alltags wird wieder beginnen. Dann wird es nicht mehr heißen: verzeihen, vergessen; sondern: wählen und richten. Die Wiener Judenschaft wird über die zukünftige Führung ihrer Gemeinde zu entscheiden haben. Viel wichtiger ist aber folgende Entscheidung: Ist der Gott Israels wirklich nur ein Gott der Höhen? Soll der Satan des Hasses im Triumph zurückgeführt werden? Noch sind wir der Tiefe entrückt und können der Wahrheit die Ehre geben. Das große Leid, welches über Israel gekommen ist, die großen Aufgaben, die unser harren, haben jede wirkliche Trennung zwischen den einzelnen Gruppen und Parteien' im Judentum illusorisch gemacht. Keiner ist unter uns, der nicht die Bedeutung eines Paläsitinaaufbaues voll und ganz würdigen würde, der nicht bereit wäre, für dieses große Werk Opfer zu bringen. Keiner ist unter uns, der es nicht als seine jüdische Pflicht ansieht, dem Vaterlande treu ergeben und liebevoll zu dienen. Alle sind wir bereit, die Rechtedes heimatlosen Judentums auf das heilige Land und die bürgerlichen Rechte des Einzelnen in seinem Vaterlande zu verteidigen. Die Wiener Gemeinde kann auf keines ihrer Kinder verzichten, niemand darf verdrossen im Schmollwinkel bleiben. Es ist vieles geschehen, vieles gesagt worden, was dazu beigetragen hat, die Geister zu Kunerol ist vollständig reines Fett aus Kokosnüssen, es ist nahrhaft, leicht verdaulich, unbegrenzt haltbar und kann von jedem Strenggläubigen ohne Bedenken zur Zubereitung von Milch- und Fleischspeisen für den Festtagstisch verwendet werden. Das Verschlußsiegel der Packung gibt Ihnen die Gewißheit, daß Kunerol unter Aufsicht Sr. Ehrwürden des Herrn Bezirksrabbiners S. Ehrenfeld zu Mattersburg hergestellt wird. mmm Das100%reine Kokosnußfett Nur echt in Originalpackung! verwirren und die Gemüter zu erregen. Aber jetzt sind wir über den Alltag erhaben, befinden uns auf einem Höhepunkt, der eine weite Sicht ermöglicht, uns gestattet . . . manches zu übersehen. Die Diener des Syrerkönigs haben durch eine empfindliche Niederlage erfahren müssen, daß der Gott Israels auch in der Ebene mächtig sei. Das Judentum aber hat viel erleiden müssen und soll daher von weiteren Prüfungen verschont bleiben. Einig wollen wir den Gipfel des heiligen Tages verlassen, um Gottes Namen in die Ebene des Alltags zu tragen. Den Namen, der da lautet: echod — Einheit. Der diesen Namen sich erkoren, er möge seinem Volke die Macht geben, jedes Hindernis auf dem Wege zur Eintracht zu überwinden, er möge sein Volk mit Frieden segnen, „damit sich alle zu einem Bunde zusammenschließen, um Deinen Willen mit vollkommenem Herzen zu befolgen." i. u. jfn der fdkwette des Jahwes 5697. Das jüdische Neujahrsfest ist eine Alarmierung der jüdischen Gemüter. Dazu hat es der göttliche Wille selbst bestimmt, der es ausdrücklich der „Erinnerung an den Posaunenschair weihte (3. Buch Moses, Cap. 23, Vers 24). „Wird in das Horn gestoßen in der Stadt und das Volk sollte nicht alarmiert werden?" ruft der Prophet Arnos (III, 6) aus. In Jahren friedlicher Entwicklung deutet der Jude den Alarm vor allem als Mahnruf zur Erforschung der eigenen Seele in bezug auf ihre Harmonie mit dem göttlichen Urwesen, dem sie entstammt. In Zeiten äußerer Verfolgung, die dem Einzeljuden nicht als Individualität, sondern als Mitglied seiner religiösen Gemeinschaft gilt, lenkt der Alarm seinen kritischen Blick auf diese Gemeinschaft ab und sein Urteil fällt leicht umso schärfer aus, je gehässiger die Angriffe von außen sind. Er erliegt nur allzusehr der Suggestion) feindlicher Kritik, mag diese auch noch so ungerecht sein und beispielsweise den Gott Israels, der uns aus der ägyptischen Sklaverei herausgeführt hat, als einen Gott der Unfreiheit verleumden, in dessen Namen alle Juden und Nichtjuden der Sklaverei der „Weisen von Zion" preisgegeben worden sollen. Aber schon dieser eine Unsinn als Probe für eine ganze Kollektion geistig gleichwertiger Argumentationen des „modernen" Judenhasses müssen dem urteilsfähigen Juden zeigen, wie abwegig es ist, das von unzähligen jüdischen Generationen unter heroischesten Opfern lebendig erhaltene Glaubensgut mit den Augen von Feinden zu betrachten, die den sittlichen Kern dieses Gutes nicht verstehen können oder gair nicht verstehen wollen, weil dieses Verständnis ihrem System hinderlich wäre. sich von den künstlich erzeugten antisemitischen Haßwellen in die Höhe spülen zu lassen. Nicht die brutale Macht so geschickter Nutznießer politischer Konjunkturen, nicht der äußere Glanz von Tagesgrößen, sondern die inneren Werte, die eine Gemeinschaft seelisch zusammenschließen, verleihen ihr Dauer und Bedeutung. Darum dürfen wir Juden auch den jetzigen Jahreswechsel mit derselben liebevollen Hingabe an die Weihe des religiösen Festes feiern wie es unsere Ahnen seit Aeonen getan haben, mag uns diesmal auch der Alarm der Judenhasser besonders aufdringlich in die Ohren gellen und die feindlichen Schwarmlinien durch eine noch nie dagewesene Spannweite und Ausdehnung überraschen. Denn nicht auf ein Land, ja nicht einmal auf einen Erdteil beschränkt sich jetzt der Haß, der drohend seine Faust gegen uns erhebt, sondern von allen Seiten zugleich dringt tödlicher Vernichtungswille auf das Judentum ein. Am schmerzlichsten fühlt jeder Jude, er mag politisch wie immer denken, die Blutopfer, die den vorgeschobenen Pionieren des jüdischen Aufbauwerkes in Palästina auferlegt sind. Die Ereignisse im Heiligen Lande wecken naturgemäß besondere Resonanz in jeder jüdischen Seele, und mit fassungsloser Trauer erleben wir den Undank, mit dem dort die jüdischen Kulturbringer heimgesucht werden, obwohl sie nicht, wie einst die Assyrer und Babyloner, die Römer und Araber, die Kreuzfahrer und die Türken mit der blutigen Waffe der gotischen Eroberungsgier, sondern mit der Pflugschar friedliebender Schaffensfreude sich den Polen untertänig zu machen suchen, den ihre Ahnen einst in Erfüllung göttlichem Gebotes bebaut, die späteren nichtjüdischen Bewohner aber in Wüste rückverwandelt! haben. Das jüdische Gebet, mit dem Denken an das gelobte Land seit jeher innig verwoben, wird diesmal mit besonderer Inbrunst unser aller Sehnsuchteschrei zum Höchsten emportragen, daß das Land unserer Väter wieder den hehren Zwecken dienen möge, denen es dereinst unsere Propheten geweihi haben. Am anderen Rande des Mittelmeeres lenkt Spanien augenblicklich die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Eine mit den Mitteln der Demokratie zusammengeschweißte, nach dem feindlichen Ueberfall freilich grausam entartete Volksfront wehrt sich seit Monaten mit erstaunlichem Heldenmute gegen einen herrsch gewohnten Offiziersklüngel, der, in der Hoffnung auf einen raschen Sieg des Säbels über den Stimmzettel enttäuscht und dadurch in die peinliche Notwendigkeit versetzt, ein geistiges Programm vorzuspiegeln, auf nichts Gescheiteres verfiel als auf die Usurpierung der Nazi-Weisheit, daß an allem Unglück der Jud' schuld ist. Und da es in Spanien seit 1492 bekanntlich keine Juden gibt, mußten die marokkanischen Juden aus Spanisch-Nordafrika daran glauben. Sie wurden gebrandschatzt, zum Teil in Konzentrationslager gesperrt, zum andern Teil zur Finanzierung des „nationalistischen" Beutefeldzugs gezwungen. Woraus die Unentbehirlichkeit kolonialen Besitzes für antisemitische Politiker so einleuchtend erhellte, daß auch Hitler die Forderung nach Kolonien in den Mittelpunkt seiner Proklamation an den diesjährigen Nürnberger Parteitag gestellt hat. Zwar beherbergt das Dritte Reich vorläufig noch genug Juden im Mutterlande, aber durch die Art, wie er diese behandelt, hat der Nationalsozialismus bereits überzeugend bewiesen, daß er nach Afrika gehört . . In diesem schwarzen Erdteil1 konnte auch der Antisemitismus der französischen Nationalisten jene Hemmungen umgehen, die ihm seit der Ernennung des Ministeriums Blum im Mutterlande auferlegt sind. Bekanntlich hat er dieses Joch nicht gutwillig auf sich genommen. Irgend ein reaktionärer Abgeordneter hat, wie unsere Leser bereits wissen, sein Bedauern in der Kammer zum Ausdruck gebracht, daß zum ersten Mal ein Jude französischer Ministerpräsident geworden sei, hat aber mit seiner beweglichen Klage in den geistig führenden Kreisen Frankreichs nicht das gewünschte Echo gefunden. Man begreift dies, wenn man die Ansicht kennt, die einer der repräsentativsten Schriftsteller der französischen Gegenwart, Romain Rolland, schon vor Jahren in seinem Hauptwerk „Johann Christof" in die Worte gefaßt hat: „Die französischen Antisemiten begehen ebenso eine Schlechtig-