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Die Wahrheit · 1936-09-16 · Heft 39 (16.9.1936) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 39 (16.9.1936)
Date
1936-09-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nr. 39 — 16. September 1936 DIE WAHRHEIT Botschaft des englischen Oberrabbiners zum jüdischen neuen Jahre. Es ist eine herzbrechende Situation, in der wir Juden uns beim Uebergang vom alten Jahr auf das neue befinden. In dem Verhalten Sowjet-Rußlands gegenüber der Religion hat sich wenig geändert. Der Religionsunterricht für die Jugend gilt weiter als verboten und die Befolgung religiöser Gebräuche ist mit Strafe belegt. Für die Juden besteht ferner der Unterschied, daß hebräische Studien vollkommen unterdrückt sind. Viel mehr bedauert, weil es auch mehr bekannt ist, wird von der Welt das Los der deutschen J u d e n h e i t, die im Deutschen Reiche zu stetig tiefe? werdender Erniedrigung und wirtschaftlichem Ruin verurteilt ist. Diese schreckliche Tragödie zeigt wenigstens, daß der Hellenismus, wenn er sich vom Hebraismus losgemacht hat, als Führer der Moral für die Menschenkinder wertlos ist. Die Apostel dieses Hellenismus in Deutschland — die Universitätsproiessoren — sind angesichts der Erdrosselung der Freiheit durch die Nazi und der Erhebung des Rassenhasses zur Religion still geblieben. Der Hauptwiderstand von Deutschen kam von den katholischen Prälaten und evangelischen Führern der konfessionellen Bewegung, denen die hebräischen Schriften heilig sind. Wo die hebräische Vision fehlt, sehen die Völker zugrunde. Aber Rußland und Deutschland sind nicht die einzigen Länder, wo das zeitgenössische Israel gemartert wird. Die antijüdische Propaganda geht rings um den Globus und vergiftet überall die Meinung gegen die Juden. Schwerer Ungewißheit, vielleicht gänzlicher Zerstörung stehen die Juden von Rumänien, Polen und sogar im Heiligen Lande gegenüber. Seit nahezu fünf Monaten sind die Juden in Palästina durch weitverbreitete Zerstörung und Mord, einschließlich Greueltaten wie versuchter Brandlegung in einem Kinderheim, Bombenwerfen gegen spielende Kinder auf dem Boden der Schule und Ermordung von Spitalspflegerinrien, heimgesucht worden. Anstatt zu entschlossenem Handeln seitens der lokalen Regierung aufzufordern, um die Entschlossenheit zu demonstrieren, die Gleichheit des Status und der Rechte für die jüdische und arabische Bevölkerung aufrechtzuerhalten, erheben sich Stimmen, die eine Belohnung für diese feigen Verbrechen durch Schließung der Tore Palästinas für die Juden verlangen! Eine solche Nachgiebigkeit gegenüber der Gewalt würde den organisierten Terrorismus als bleibende Waffe im politischen Leben Palästinas aufrichten. Ferner würde dadurch ernstlich das Prestige der Mandatsgewalt gefährdet werden — und alles, was den reinen Namen Englands befleckt, bedeutet einen Rückschritt der Zivilisation und der in menschlichen Angelegenheiten herrschenden Vernunft. Nichtsdestoweniger sind gewisse Einflüsse am Werk, um die den Juden durch Großbritannien und andere zivilisierte Nationen gegebenen Sicherheiten abzuerkennen und die großartigen jüdischen Errungenschaften in Palästina planmäßig zu zerstören. In den Augen unserer unterdrückten und gehetzten Mitbrüder, für die das Land unserer Väter eine Möglichkeit der Befreiung von Leiden bedeutet, die beinahe über das Maß menschlichen Erduldens hinausgehen, würde der Erfolg dieser Machinationen tatsächlich einer dritten Vernichtung Judäas gleichkommen. Wir hoffen inständigst, daß dies sich als unnötige Befürchtungen erweisen möge. Als loyale Bürger von Großbritannien, das der Realisierung, von Macht ge- Vollständig renoviert und vergrößert! Gaß J^uchskiam 2. Bezirk, Kleine Pfarrgasse 21, Tel. A 43 5-19 Nach Plänen der Architekten: lag. J. Rindler, Ing. L. Sdileien Eröffnung: Samttag, 19. Sept.. 7 Uhr abends paart, mit Gerechtigkeit und Humanität am nächsten kommt, halten wir es für unfähig, die Treue zu brechen. Erwachet durch das Wehklagen der Gegenwart und den Ruf der Zukunft, wir werden weiter beten und uns bemühen für den Frieden Jerusalems, bis — mit Gottes Hilfe — die Rechtlichkeit unserer Sache so klaisein wird wie der Tag, und unantastbar von Unwissenheit, Bosheit oder irgend einer Vereinigung böser Mächte dastehen wird. „Seid guten Mutes und seien wir die Starken für unser Volk und für die Stätte unseres Gottes; und Gott möge tun nach seinem Gutdünken" (II Samuel X, 12). Chiefrabbi Hertz, London. Gipfel und Ebene. (Zum Besinn des Jahres 5697). .,Die Knechte des Syrerkönigs sprachen zu ihrem Henrn: Der Gott der Israeliten ist ein' Gott der Berge und Höhen, darum waren sie mächtiger als wir. Wir wollen den kommenden Kampf in die Ebene verlegen, ob wir da nicht Sieger bleiben." Auf diese Art soll eine im Gebirge erlittene Niederlage erklärt und beschönigt werden; im weiteren Verlauf der Erzählung zeigt es steh aber, daß der Gott Israels auch in der Ebene mächtig ist, und er verleiht seinem Volke abermals den Sieg über die Syrer. Diese Episode, welche im Buche der Könige überliefert wird, scheint eEnen längst überwunde- Caf€ Pension Echslein Semmering n>en Standpunkt zu vermitteln, aus einer Zeit, in welcher die Gottesidee noch wenig entwickelt war. Trotzdem wird man an diese Worte erinnert, wenn man an die kommenden heiligen Tage und die folgenden ersten Wochen des neuen Jahres denkt Ein Jahr ist zu Ende und ein neues Jahr beginnt, in der unendlichen Kette, welche die jüdische Vergangenheit mit der Zukunft verbindet, reiht sich ein Glied an das andere an. Ein neues Jahr — Rausch ha-Schono — Neujahrsfest. Dies ist aber nur der weiter© Sinn des. hebräischen Wortes, dessen Grundbedeutung ist: Kopf, Höhepunkt des Jahres. Dieses Fest, beherrscht von der großen Idee des Gattesreiches, ragt auch wahrlich wie eine Bergspitze über alle Tage des Jahres hinaus. Die Stimme des Schofar verkündet das kommende Gericht. Gebrochene, schmerzvolle Laute wechseln mit schmetternden Triurhphtöneri ab, um all die Wechselfälle des Lebens zu veranschaulichen. Alles Menschliche erscheint uns tfeuitteton. Herbstfeiertage. Von Dr. Karl Steiner. Er stammt aus einer alten Kehilla. Wuchs auf in seinem Eltemhause, in dem wahrer Gottesglaube lebte und alle religiösen Gebräuche nach der Väter Weise treu gehalten wurden. An Gebet und Tempelbesuch war er frühzieitig gewöhnt worden. Im Gymnasium, das er in der nahen Hauptstadt absolvierte, war noch alle Gottesfurcht und Frömmigkeit in ihm. Was in seinen jungen Jahren, in seinem empfänglichen Herzen sich festgesetzt hatte, blieb darin. Auch dann, als er auf die Hochschule in die Residenzstadt kam. schwand nichts davon aus seiner jungen Seele. Am ersten Freitagabend, den er dort verlebte, ging, er in den Stadtterripel. Hörte eine Predigt des damals überaus berühmten Kanzelredners. Als er darin den so banalen Satz: „Viel Meloches. wenig Braches" vernahm, der die Zuhörer zum Lachen brachte, war er starr vor Entsetzen. Er dachte an den alten Rabbiner seiner Heimat, dem niemals solche triviale Worte über die Lippen gekommen wären. Am Ende deT Predigt erwartete er Beifallsklatschen wie im Theater. Als es ausblieb, war er eigentlich etwas enttäuscht. Mit sehr gemischten Gefühlen verließ er den Tempel. Wenige Tage später — es war Sukkoth- Abend — besuchte er einen Vorstadttempel. Er sah, wie ein Schammes, angetan mit dem Talles, Eintrittskarten von einem Blocke riß und Geld einkassierte. Er war entsetzt. An einem Jontef, noch dazu im Tempel, wird von einem Juden gerissen und Geld genominen. Da riß etwas in seinem Herzen . . . Diese beiden Eindrücke blieben in ihm haften. Niemals können sie aus seinem Gedächtnisse schwinden. Seither sagt ihm der Gottesdienst in der Stadt nichts. Es fehlt ihm die Weihe des Kehillatempels, wie er sie so oft in seiner Heimat erlebte ... Wenn der Herbstwind über die Stoppelfelder streicht die Blätter sich verfärben und die grünen Kastanienhülsen Sprünge aufweisen, dann wird ihm jedesmal weh,, so weh ums Herz. Es ist die Zeit des kommenden Rosch haschonoh und Jörn kippur. Da lebt er nicht mehr in seinem Jetzt. Da tauchen die Tage der Kindheit auf. Die verrauschte Zeit klopft mächtig ans Herz, Erinnerung quält das Hirn. Das Rad der Zeit möchte er gewaltsam zurückdrehen, fliehen muß er aus der Gegenwart. Es ist wie eine Scheu vor allen Menschen. Nur erinnerungsbefangen lebt er dahin. Dann kommen die großen, die heiligen Tage. Er geht nicht in den Tempel. Er baut sich ihn in seinem Zimmer. Er ist der Tempel seiner Heimat. Nicht, wie er jetzt aussieht: malereiverziert und elektrisch beleuchtet. Nein, es ist der alte Tempel seiner Kindheit: Die Wände weiß getüncht. Hohe Kerzen flackern. Männer, greise und junge, — er kennt sie alle — füllen, in ihre weißen Kittel gehüllt den heiligen Raum, Väter haben ihre Buben neben sich, Kaum ist Platz für alle. Die beiden Stockwerke angefüllt von Frauen und Mädchen. Er hört den alten Kantor und sieht vor allem den greisen Rabbi, eine hoch ragende Gestalt mit lang herabwallendem Weißhaar. In Weihe und Heiligkeit ist der ganze Raum getaucht. Ergriffen und in den tiefsten Tiefen ihrer Herzen aufgewühlt beten sie alle voll Inbrunst und klopfen an ihre Brust. „AI chet ... AI chet . . .". Nichts Falsches, nichts Gekünsteltes, nichts Erheucheltes ist an ihnen. Es ist keine bloße Aeußetrlichkeit um die es hier geht Sie sind nicht gekommen, um ihre neuen Toiletten bewundern zu lassen. Aus innerstem Triebe heraus sind sie alle da. Ihre Gottesliebe, ihre Gottesfurcht hat sie in den Tempel gejagt, um bei ihrem Gotte zu sein in diesen Tagen des Henrn, den sie mit ganzem Herzen und ganzer Seele lieben. Und wenn der alte Rabbi das „Uneßane taukef" mit bebender Stimme rezitierte und bei der Stelle: „Berosch haschonoh . . ." tief aufschluchzte, bis dieses Schluchzen in helles Weinen überfloß, dann stahlen sich die Tränen in manchen Mannes Auge und von den Stockwerken herab hörte man das laute Aufschreien und Weinen der Weiber. Diese Stunden der Weihe und Heiligkeit im Kreise wahrhaft frommer Männer und Frauen, die er alle auch in in ihrem sonstigen Leben kennt, das durchglüht ist von tiefer Gottergebenheit, prägten sich unauslöschlich in seine Seele/ Solche Eindrücke, wie er sia als Kind und Jüngling im Tempel seiner Heimat empfangen hat, kommen nicht wieder. Er kann sie auch nicht hier in der Mitte fremder Menschen, die er nicht einmal dem Namen nach kennt, die er alle in ihrem sonstigen Leben nicht kennt, empüangen. Hier ist keine Heiligkeit um ihn. Hier kann er nichts glauben. Ein Gottesdienst an diesen heiligen Tagen, an dem nicht alle Männer, in ihre Totenkleider gehüllt, teilnehmen, scheint ihm undenkbar . . . So bleibt er in seinem Heim und baut sich dort seinen Tempel. Er lebt die Tage seiner Jugend wieder, sieht Vater und Mutter und Großvater und Großmutter und alle, zu neuem Leben erweckt, die er als Kind gesehen und die längst der Rasen deckt Mit ihnen feiert er heilige Stunden, feiert er seinen Gottlesdienst. Er ist in der Heimat im Tempel seiner Kindheit. Alle Heiligkeit von damals ist um ihn — er ist bei seinem Gotte . . .

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